79 Mysore II

Ich begann den Tag mit einem Spaziergang durch den morgendlichen Devaraja Markt, nur ein paar Schritte von meinem Hotel entfernt. Auf dem weitläufigen Areal verkaufen Händler Obst, Gemüse, Blüten, Naturfarbstoffe und andere Waren. Beschaulich.

Wie überall in Mysore wurde auch hier bald einer jener Typen auf mich aufmerksam, deren Aufgabe es ist, die Touristen mit falscher Freundlichkeit und Flunkerei dazu zu bringen, ihnen zu einem dubiosen „Weihrauchmarkt“ zu folgen. Natürlich ging ich nicht mit. Bewundernswert ist aber, wie geschult und gerissen diese Typen sind. Da verwechselt keiner Austria und Australia. Ganz im Gegenteil: Man lobt Red Bull, preist Niki Lauda und fragt, ob man aus Wien kommt – sogar auf Deutsch. Und einmal mehr wird der Zauber des „Räucherstäbchenmarktes“ geschildert. Faszinierend, dass sich das Aneignen solchen Wissens lohnt – bei der Handvoll Österreicher, die jährlich wohl nach Mysore gelangt. Amüsant ist auch die Sorge dieser Typen um meine Gesundheit. Da werden Mysore und mein nächstes Ziel Hampi als moskitogeplagte Malariagebiete beschrieben. Und natürlich gibt es das Öl, das ja so viel besser ist als der Moskitospray nur auf besagtem Weihrauchmarkt zu kaufen. Die Wirklichkeit ist eine andere: Kaum irgendwo sah ich in Indien weniger Moskitos als in Hampi und Mysore. Auserdem sind beide Orte nahezu malariafrei. Man kennt noch weitere Tricks. Mit Ähnlichem ist wohl in ganz Indien zu rechnen, doch so schlimm wie in Mysore war es schon seit Varanasi nicht mehr. Ich mag die Stadt trotzdem. Jedenfalls ließ ich all die scheinfreundlichen Typen links liegen und ging frühstücken. „Guests are advised to be wary of strangers who might strike up conversations as they may lead to unpleasant or risky consequences „, stand da in der Speisekarte. Zufrieden löffelte ich meinen Poridge.

Da mir das Finden des richtigen Busses zu mühsam war, investierte ich fünf Euro in ein Tuktuk und ließ mich hinauf auf den 1062 Meter hohen Chamundi Hill bringen. Chamundi ist nur ein anderer Name für Durga, die wiederum niemand anderes ist als Parvati. Es ist ihr Kampf gegen einen starrköpfigen Dämon, worum es beim Dassara (oder Dasain) eigentlich geht. Der Prophezeiung nach konnte besagter Dämon von keinem Gott und Mann getötet werden und dünkte sich daher unbesiegbar. Die weibliche Durga aber konnte ihn bezwingen. (Klingt sehr nach Tolkien.) Chamundi Hill hat einen schönen Tempel und etwas unterhalb  einen riesigen schwarzen Nandi-Stier, den größten, den ich bisher sah. Hauptattraktion des Hügels ist aber klar die Aussicht in alle Himmelsrichtungen, vor allem hinab auf Mysore.

Zurück in der Stadt blieb noch Zeit bis zur abendlichen Abfahrt meines Zuges. Da mich alles andere weniger reizte, besuchte ich einfach ein zweites Mal den Palast und bestaunte die erst gestern genossenen Räume und Kunstwerke. An der Hinterseite des Palasts entdeckte ich noch ein kleines Museum, das ich gestern übersehen hatte. Ein weiterer Audioguide (u.a. mit einleitenden Worten des letzten Maharajahs) beschreibt die diversen Exponate aus dem Besitz der Königsfamilie: Kinderspielzeug, Musikinstrumente, Waffen, etc.

Nahe des Bahnhofs fand ich noch eine Unterführung mit erstaunlich schöner Graffitikunst, die Landschaften, Tiere hinduistische Götter, aber auch Szenen des täglichen Lebens zeigt. Der Bahnhof von Mysore ist sehr modern, sauber und übersichtlich. Übrigens sind die meisten Bahnhöfe dieser Reise weitaus moderner als jener in New Delhi.

Nach den Busfahrten der vergangen Tage freute ich mich so richtig aufs Zugfahren. Problemlos fand ich meinen Platz, gönnte mir noch einen Tee und schlief rasch ein. Nach kurzem Erwachen in Bangalore, wo viele Menschen aus- und einstiegen, ließ ich mich wieder schlafend durchs östliche Karnataka weiter nach Norden tragen. Ein Stück weit führte die Bahnstrecke auch durch den Bundesstaat Andhra Pradesh, dessen Osten ich vor drei Wochen auf der Fahrt nach Chennai (ebenfalls bei Nacht) schon durchfahren hatte. Der Zug brauste durch das Land. Hampi rückte näher.

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78 Mysore I

Mysore war bis 1947 Hauptstadt eines mehr oder weniger unabhängigen Königreichs (unter britischer Duldung). Die Maharajahs von Mysore aus der Dynastie der Wodeyars regierten in Prunk und Pomp von ihrem Palast aus und ließen sich zum wichtigsten Fest des Jahres, dem Dassara (einer Variante des auch in Nepal zelebrierten Dasain) auf in Gold gekleideten Elefanten durch die Straßen tragen. Auch heute noch wird hier Dassara mit prächtigen Umzügen gefeiert, nur der Maharajah fehlt. Geblieben aber ist einer der schönsten Paläste des Erdenrunds.

Bevor mich meine Füße dorthin trugen, besuchte ich zuerst den viel kleineren Jaganmohan Palast, welcher einst als königliches Auditorium fungierte. Im selben Gebäude befindet sich heute eine recht ansprechende Kunstgalerie, welche hauptsächlich indische und europäische Kunst aus der Kolonialzeit zeigt. Man findet hier einige Schätze. Sogar ein Selbstbildnis von Rembrant ist dabei. Viele Gemälde zeigen Szenen, die ich aus der Mahabharata kenne, etwa Bhishmas Verzicht auf den Thron. (Dies erlaubt seinem Vater die schöne Fischerstochter zu heiraten, deren Vater nur einwilligt, falls seiner Tochter künftiger Sohn König werden soll.)

Entlang der Mauer, die das weitläufige Palastareal umgrenzt, erreichte ich endlich das einzige der vier großen Tore, das für Besucher geöffnet hat. Das Areal rund um den Palast beherbergt schöne Bäume, Statuen angriffslustiger Tiger, einige Hindutempel, sowie Stallungen für die  Elefanten, auf denen man auch eine Runde reiten darf. Den meisten Raum aber nimmt die leere, gepflasterte Fläche ein, auf welcher sich das Volk zu wichtigen Anlässen (wie etwa dem Geburtstag des Maharajahs) versammelte und einen Blick auf die Herrscherfamilie auf den breiten Terrassen der zum Hof geöffneten Säulenhalle zu erhaschen hoffte. Von außen wirkt der Palast (nachdem man das Innere gesehen hat) überraschend unspektakulär. Von innen aber … In meinem Kopf liefert sich der Königspalast von Mysore einen bislang unentschiedenen Kampf mit der Alcázar von Sevilla um Platz eins auf meiner persönlichen Rangliste der (von innen) schönsten Gebäude, die ich bisher sehen durfte. Was für ein Augenschmaus! Allein die Durbar Halle mit ihren rötlichen Säulen, türkisen Bögen und ihren vielen Spiegeln, von denen auch der Boden einer ist, lohnt jede Reise hierher. Das hohe Heiratspavillon mit seiner gläsernen Kuppel und den spannenden Wandgemälden, die verschiedene Episoden festlicher Umzüge zeigen, ist ebenso beeindruckend. Aber da ist noch viel mehr…
Mit sympathischem Audioguide durchwanderte ich Hallen und Korridore. Der Palast ist erst knapp über  hundert Jahre alt. Wir verdanken ihn den Köchen des Maharajahs, die im Jahre 1897 etwas anbrennen ließen, sodass der alte Palast Opfer der Flammen wurde. Ein neuer musste her und Geld hatte man gerade in Hülle und Fülle. So indisch der Palast auch erscheinen mag, der Architekt war doch  ein Brite. Und so hinduistisch die Motive der gläsernen Fenster auch sind, gefertigt wurden letztere doch in Glasgow. Aber eben die Mischung an Motiven und Kunstfertigkeiten macht den Palast so ungemein ansprechend. Als er 1912 fertiggestellt wurde, war elektrischer Strom längst kein Science Fiction mehr. Die elektrische Beleuchtung und der Fahrstuhl sind keine späteren Ergänzungen. Sie waren von Anfang an da

Nach diesem schönen Palastbesuch gönnte ich mir ein gutes Mal im Parklane (sehr freundliche Kellner) und machte dann auf den Weg noch ein paar andere Sehenswürdigkeiten zu würdigen. Vorbei am alten Glockenturm und der Memorial – beide unverkennbar britischen Ursprungs – gelangte ich zu einem weiteren Museum, welches nach Indira Gandhi benannt ist. Erstaunlich ist der Gedanke, dass dieses unscheinbare, recht hässliche Gebäude fast hundertfünfzig Jahre älter ist als der Palast. Die Ausstellung im Erdgeschoss und in  den Gärten zeigt verschiedene Stile von Terrakotta-Kunst aus ganz Indien. Die Räume im ersten Stock bieten die wohl schrägste Gegenüberstellung verschiedener Werke, die mir bisher untergekommen ist. Da sieht man die Schwarzweißfotografien grimmig dreinblickender Maharajas und daneben das grellebuntes Bild eines rote Shorts tragenden Mannes im Tigerkostüm, der aussieht wie der Bösewicht in einem schlechten Comic. Gegenüber: Landschaftsmalerei und Nehru.

Ich schlenderte noch ein paar Schritte durch dichten Verkehr und unaufhörliches Hupen vorbei an einer schönen Moschee bis in die Gärten des kolonialen Government House. Dort machte ich kehrt und beendete den Tag mit gutem Essen und einem grottenschlechten Science-Fiction Film in meinem ruhigen Hotelzimmer.

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77 Wayanad II

Früh morgens um fünf Uhr dreißig holte uns ein freundlicher Guide mit seinem Jeep im Hotel ab. Er erzählte, dass die Trips der letzten beiden Tage in den östlichen Teil des Naturrefugiums recht ergebnislos geblieben waren. Die Tierwelt hielt sich versteckt. Deshalb würde er uns heute in den nördlichen, entlegeneren Abschnitt bringen. Noch bevor wir den Eingang des Wayanad Sanctuarys erreichten, war es soweit. Wir stiegen bei noch spärlichem Licht aus dem Jeep und sahen unweit die Schatten einer ganzen Elefantenherde geisterhaft durch den Dschungel gleiten. Schön.

Die nächsten zwei Stunden zeigten uns viele freche Affen (drei verschiedene Arten), zahlreiche gepunktete Rehe (spotted deer), Rieseneichhörnchen, viele Pfaue und weitere Elefanten. An einer Stelle stand ein großer Elefantenbulle nur wenige Meter von unserem Jeep entfernt. Hier durften wir natürlich nicht aussteigen. An einer anderen Stelle kreuzte eine Elefantenkuh hinter uns die Straße. Tiger sahen wir keinen, wohl aber frische Tigerfußspuren im Sand neben der Straße. Vielleicht sah der Tiger uns. Jedenfalls lohnte sich mein Ausflug ins Wayanad Sanctuary sehr. Nach traditionellem Frühstück (idlis und sambar, what else? ) brachte uns der Guide (dessen Fähigkeit, in den hohen  Bäumen Eichhörnchen zu erspähen, unmenschlich gut ist) zu einer Insel im Fluss (Kuruva Island). Eine Fähre setzte uns über. Der Ort war voller wunderschöner Schmetterlinge, beschaulicher Wasserwege, Bambusbrücken und Schildern mit Zitaten zum Thema Umweltschutz. Vor der Fährfahrt muss ein jeder Besucher alle mitgebrachten Plastikverpackungen deklarieren. Für meine Wasserflasche galt es, Pfand zu hinterlegen und hernach, nachdem ich die Flasche noch vorweisen konnte, wieder einzukassieren. Kompliziert, doch scheinbar der einzige Weg den indischen Besuchern das Wegwerfen in der Natur auszutreiben.

Nach gutem Thali führte uns die Tour durch kleine Dörfer und vorbei an Kaffee- und Bananenplantagen. Wir sahen schöne Landschaften, noch mehr Rieseneichhörnchen und eine handtellergroße Spinne in ihrem Netz. Python und Kobra – beide hier heimisch – hielten sich verborgen.

Zurück in Kalpetta wartete ich eine mühselige Stunde lang an der Straße auf einen Bus nach Mysore. Wieder einmal trugen die meisten Busse keinen lateinischen Schriftzug. Ohne die Hilfe ein paar Einheimischer hätte ich wohl nie den richtigen erwischt. Zugfahren ist ja so viel einfacher.

Wir fuhren in den Spätnachmittag hinein, passierten die Grenze zwischen Kerala und Karnataka und erreichten nach Einbruch der Dunkelheit dann endlich Mysore. Schon vom Bus aus konnte ich einige strahlend leuchtende Kolonialgebäude erspähen. Schnell fand ich ein geeignetes Hotel in zentraler Lage und speiste wenig später im hervorragenden Parklane Hotel, wo es zur Abwechslung wieder einmal westliches Essen gab. Auf dem Weg sah man schon das Leuchten des großen Königspalastes, Hauptgrund für viele, Mysore auf ihre Reiseroute zu setzen.
Müde legte ich mich schlafen.

76 Wayanad I

Gefühlt war es eine der kürzesten Zugfahrten meines Lebens. Ich stieg ein, schlief ein, wachte zum Läuten meines Weckers auf und trat fünf Minuten später auf den Bahnsteig hinaus. So schnell vergehen sieben Stunden. Und die Reise ging weiter. Noch befand ich mich an der Küste in Kannur, einem Ort im nördlichen Kerala. Von hier nahm ich nun einen Bus und gelangte in die kühleren, höher gelegenen Gefilde des Wayanad Wildlife Sanctuary. Hier, in der grünen Grenzregion von Kerala, Tamil Nadu und Karnataka hat man die Gelegenheit Elefanten, Tiger und viele andere Tiere in freier Wildbahn zu erspähen. Höchste Erhebung der Gegend ist der Chembra Peak mit seinen 2100 Metern. Leider ist es verboten, ihn zu erklimmen. Ganz in der Nähe liegt der Ort Kalpetta. Hier suchte ich mir ein Hotel und arrangierte gemeinsam mit einem Kanadier und zwei Deutschen eine Jeeptour für den morgigen Tag.

Auf der Fahrt nach Kalpetta waren mir einmal mehr die vielen kommunistischen Wahlplakate aufgefallen. Es gibt wohl wenige Orte mit einer so hohen Dichte an Che Guevara Abbildungen. Man könnte fast meinen, er selbst würde hier für einen Sitz in der Lokalregierung kandidieren. Manche Poster zeigen einen hiesigen Politiker, hinter dessen linker Schulter Che Guevara verwegen in die Welt blickt. Hinter seiner rechten Schulter schwebt nicht minder verwegen das Abbild vom Friedensnobelpreisträgerin  Malala Yousafzai. Ich sah auch Poster, die Marx, Lenin, Guevara und Yousafzai zeigen. Was für eine Kombination!

Es gab an diesem Tag nicht mehr viel zu tun. Bei Tee und Zitronensoda (Bier war einmal mehr unauffindbar) plauderte ich mit anderen Reisenden und führte mir dann im gemütlichen Zimmer noch einen Film zu Gemüte.

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75 Fort Cochin III

Am Morgen meines dritten Tages in Fort Cochin schlenderte ich nach gutem Obstfrühstück im Art Café einmal mehr entlang der alten Hafenanlagen ins jüdische Viertel. Zumindest der alte „Dutch Palace“ hatte heute geöffnet. Eigentlich wurde das Gebäude schon 1555 von den Portugiesen errichtet. Sie schenkten es der lokalen Herrscherfamilie für einen Reigen von Gefälligkeiten. Hundert Jahre später wurde das Anwesen dann von den inzwischen dominanten Holländern renoviert. Viele Generationen der Rajas von Cochin haben hier residiert und geherrscht. Heute ist das Gebäude ein Museum. Am Beeindruckendsten sind wohl die alten Wandmalereien, die vor allem Szenen der Ramayana zeigen, sogar chronologisch. Ich stand wohl fast eine halbe Stunde davor und führte  mir die noch frisch in Erinnerung befindlichen Szenen einmal mehr vor Augen. Die Darstellung der vielen Dämonen, vor allem von Ravana und Khumbakarna, war faszinierend. Der Rest des Museums war nicht weiter aufregend. Der Besuch hat sich aber auf jeden Fall gelohnt.
Zurück in Fort Cochin saß ich einmal mehr lesend bei den Fischernetzen.
Erst um vier Uhr Nachmittags harrte meiner der nächste Programmpunkt. Um diese Zeit betrat ich nämlich einen schönen Saal mit Bühne. Dort würde ich fünf Stunden lang verweilen und drei sehr unterschiedliche Programmpunkte sehen.

Als erstes war kalarippayat an der Reihe, eine alte, südindische Kampfsportart, die nur mehr von wenigen beherrscht und praktiziert wird. Zu den informativen Erklärungen des Theaterdirektors gingen zwei junge Kämpfer mit Fäusten, Stöcken, Messern und Schwertern aufeinander los. Welch Akrobatik! Welch Geschwindigkeit! Es ist mitunter erstaunlich, daran erinnert zu werden, wie schnell der Mensch sich bewegen kann. Dem westlichen Besucher drängt sich beim Betrachten von kalarippayat unweigerlich der Gedanke auf: ‚Ich dachte, dass geht nur in der Matrix‘ . Dabei fürchtet man als Zuschauer auch ständig um das Leben der zwei Kämpfer auf der Bühne. Das Spiel mit dem Messer war lebensgefährlich. Wirklich beeindruckend.

Die zweite Show zeigte die traditionelle Theaterform des Kathakali. Zuerst geschah eine Stunde lang fast nichts. Die drei Schauspieler kamen auf die Bühne, um sich dort vor Publikum zu leichter Musik zu schminken, bzw. von einem Maskenbildner geschminkt zu werden. Die Maske ist dabei alles andere als naturalistisch. Der böse Kichaka wird in kräftigen Farben schwarz, grün und rot geschminkt und bekommt seltsame kiemenartige Fächer auf die Wangen geklebt. Die schöne Draupadi (gespielt von einem Mann) und ihr Pandavagatte Bhima tragen gelb im Gesicht.
Die Szene, die an diesem Abend gespielt wurde, stammt aus der Mahabharata. Schon wieder war das Timing meiner Lektüre gut. Ich hatte die entsprechende Stelle eben vor zwei Tagen erst gelesen. Die Pandavas und Draupadi leben inkognito am Hof von König Virata. Dessen Schwager Kichaka möchte Draupadi verführen und schlägt zu, als sie sich weigert. Draupadi klagt Bhima ihr Leid. Dieser erschlägt Kichaka. Ende der Geschichte.
Bevor es richtig losging erklärte der Theaterdirektor, dem diese Kunstform anscheinend sehr am Herzen liegt, die Grundzüge des Kathakali. Die Schauspieler selbst sprechen nicht. In Mimik und Mudras drücken sie die Empfindungen ihrer Charaktere aus. (Trotzdem darf Kichaka hin und wieder grunzen.) Ein begleitender Sänger fungiert als Erzähler. Trommeln untermalen das Geschehen. Im Spiel selbst sind es vor allem die Augen, die sprechen. Die Gesichtsbeherrschung der drei Schauspieler, die alle eine sechsjährige Schulung hinter sich haben, war erstaunlich. Ihr Spiel war faszinierend.

Als dritte Show des Abends führten vier junge Frauen traditionelle Tänze aus dem Süden Indiens vor. Schon wieder wurden meine Erwartungen übertroffen. Es war faszinierend. Hinter den meisten Tänzen steckt eine Geschichte, in die der Theaterdirektor jeweils kurz einführte. Die Solo-Nummer, in welcher sich das Mädchen auf den Besuch ihres Liebhabers Krishna freut und im ständigen Schwanken zwischen Vorfreude und Angst, er möge vielleicht doch nicht kommen, ihr Zimmer dekoriert, war atemberaubend gut. Diese Mimik! Dergleichen hab ich auf europäischen Bühnen noch nirgends gesehen.

Nach der Show wollte ich eigentlich mit der Fähre zum Bahnhof nach Ernakulam, wo in tiefer Nacht mein Zug abfahren würde. Diesem Plan kam aber die Freundlichkeit der Belegschaft meines Hotels zuvor. Der etwas chaotische Rezeptionist war angewiesen worden, mich auf seinem Moped mit in Richtung Bahnhof zu nehmen. Das war gut gemeint, doch schlecht getroffen. Ohne Helm mit schwerem Rucksack bei Nacht am Rücksitz eines zu schnell fahrenden Mopeds zu sitzen war nicht sehr angenehm, vor allem dann, als es auch noch zu regnen anfing. Bald ließ ich mich absetzen und nahm mir eine Autoriksha.
Pünktlich kam mein Zug. Ich fand den reservierten Platz und legte mich schlafen.

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74 Fort Cochin II

Kurz nach Mitternacht erwachte ich in meiner Kammer und wurde dessen gewahr, was geschieht, wenn man sein Moskitonetz nicht fest unter die Matratze klemmt, sondern seitlich lose herabhängen lässt – im Glauben die kleinen Flügelvampire würden den schmalen Spalt schon nicht finden. Geweckt von aufdringlichem Summen tappte ich nach dem Lichtschalter. Der Moment, in dem ich erkannte, dass es nicht eine, sondern mehr als ein Dutzend Moskitos waren, die sich mit mir unter dem Netz befanden, gehörte zu den unangenehmeneren dieser Reise. Fast alle hatten schon an mir gekostet. Ein blutiges Moskitomassaker später, fand ich wieder Schlaf.
In der Tat sind die Mücken von Fort Cochin die aggressivsten und gerissensten, die mir auf Reisen je begegnet sind. Zum Glück ist Kerala so gut wie malariafrei.

Ich frühstückte im schönen Kashi Art Café, Kunstatelier und Kaffeehaus zugleich. Mein honiggetränktes Brot mit Zimt anbei reichlich Früchten der Saison schmeckte mir dermaßen gut, dass ich jetzt schon weiß, morgen früh genau dasselbe zu bestellen. Auch die ausgestellten Kunstwerke sind sehenswert.

Hernach ging’s ins indo-portugiesische Museum, wo man zu viel sakrale Kunst und zu wenig Geschichte sieht. Dennoch: Lissabon fühlte sich plötzlich sehr nah an, so als wären es nur ein paar Schritte und man würde am Ende des Terreiro do Paço dem Meer entsteigen um von dort geradewegs die Rua Augusta entlangzuschreiten.

Vorbei an wunderschönen Bäumen gelangte ich zur Santa Cruz Basilica. Ein Kirchenchor probte eben für die sonntägliche Messe. Sehr schön sind die imposanten Wand- und Deckenmalereien im Inneren der Kirche.

Ein zwanzigminütiger Spaziergang brachte mich ins alte jüdische Viertel. Auf dem Weg sah ich viele Wahlplakate der kommunistischen Partei. Erstaunlich fand ich den Umstand, dass Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai als prominente Unterstützerin von einigen Plakaten lächelt. Wer hätte hier wohl vor ein paar Jahren gedacht, dass man mit einem muslimischen Mädchen aus dem Erzfeindland Pakistan auf Stimmenfang gehen würde. Solch kleine Ironien der Geschichte amüsieren mich immer wieder. Bedenklich ist übrigens wie gern westliche Medien darauf vergessen, Yousafzais klares Bekenntnis zum Sozialismus zu erwähnen. In den USA wurde dieser Aspekt in der Nobelpreisberichterstattung völlig totgeschwiegen. (Es sei denn auf Democracy Now.)

Der Besuch im jüdischen Viertel war enttäuschend. Die vierhundert Jahre alte Synagoge hat Zeit meines Aufenthalts geschlossen, der jüdische Friedhof war ebenso versperrt. Allein das alte holländische Herrenhaus werde ich zumindest morgen besichtigen können. Heute war es ebenso geschlossen.

Dafür gab es das laut Lonely Planet und Craig dem Australier beste Biryani der ganzen Malabarküste und zwar in einem kleinen, nicht touristischen Restaurant in einer Nebenstraße. Andere Gerichte gibt’s es dort nicht. Nur Biryani. Gemeinsam mit freundlichen Fischern und Lagerarbeitern aß ich dort dies köstliche Mal. Dann schlenderte ich vorbei an alten Handelskontors und einmal mehr riesigen Bäumen zurück zu den Fischernetzen von Fort Cochin.

Der Rest des Tages verlief recht tatenlos und ruhig. Stundenlang saß ich am Ufer und sah den Fischernetzen zu, während Schiffe unterschiedlichster Art vorbeiglitten. Kleine Fischerboote, Öltanker, Kreuzfahrtschiffe, Containerschiffe, Schlachtschiffe der indischen Armee und andere …

Abends unterhielt ich mich lange bei Gemüsecurry und Roti mit einem sympathischen Wiener namens Felix. Da Konversation mitunter viel Spaß macht, wollten wir nach dem Essen noch auf ein Bier gehen, fanden aber keins. Wie man hört, gibt es Pläne, Kerala – sowie ein paar andere indische Regionen auch schon – zur Gänze alkoholfrei zu machen.

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73 Fort Cochin I

Beim Frühstück auf der Dachterasse in Alleppey traf ich einen älteren Mann aus dem östlichen Ungarn, der recht passabel Deutsch sprach. Als ich ihm von Varkala erzählte, erkundigte er sich vorsichtig, ob es dort nicht viele Russen gäbe. Er habe schon ein großen Bogen um Goa gemacht wegen den vielen Russen dort. Ich versicherte ihm, dass ich in Varkala nicht einen einzigen Russen gesehen hatte und er war erleichtert, nun doch dorthin fahren zu können. Seltsam. Auch wenn mir die Politik einer Nation noch so zuwider ist, der Gedanke deshalb in Drittländern die Urlauber von dort zu meiden, liegt mir fern.

Ich ließ mich zum Bahnhof bringen, hüpfte schon fünf Minuten später in den nächsten Zug und erreichte  Ernakulam (Fahrzeit 1h30m, Preis etwa 20 Cent). Wieder einmal alle Tuktuk Fahrer ignorierend marschierte ich binnen zwanzig Minuten zur Fährstation und ließ mich nach Fort Cochin übersetzen, wo ich mir eine Unterkunft suchen wollte.
Schon auf der Fähre sprach mich ein etwas wortkarger, älterer Inder an. Er vermiete ein paar Zimmer. Da Preis (~€3,–) und Lage stimmten und er zusätzlich anbot, mich in seinem Auto vom Fährhafen ins Zentrum zu bringen, sagte ich nicht Nein. Im weiteren Gespräch stellte sich heraus, dass seine Tochter mit einem Österreicher verheiratet ist und in Feldkirch lebt. Er selbst sei schon dreimal dort gewesen und erzählte begeistert vom schönen Lindau am Bodensee. Klein ist die Welt. Mein Zimmer befindet sich in einem etwa dreihundert Jahre altem Haus, das von den Holländern erbaut wurde.

Fort Cochin ist ein ungemein atmosphärischer Ort, reich an Geschichte. Portugiesen, Holländer, Chinesen, Briten, Juden, Christen und Muslime – alle haben hier ihre Spuren hinterlassen. Vierhundert Jahre alte Synagogen und fünfhundert Jahre alte Kirchen stehen neben holländischen Herrenhäusern und britischen Palästen nebst riesigen Fischernetzen aus China. Und im Hintergrund hört man den Muezzin singen. Bunt und schön ist es hier.

Als erstes besuchte ich die Franziskuskirche. Von den Portugiesen im Jahre 1503 erbaut, ist sie wahrscheinlich die älteste von Europäern errichtete Kirche auf dem indischen Subkontinent. Vasco da Gama, der hier in Fort Cochin verstarb, lag vierzehn Jahre lang in dieser Kirche begraben. Die schlichte Grabplatte im Boden ist kaum mehr lesbar. 1538 brachte man die Überreste dieses großen Seefahrers, der vollbrachte, was Cristobal Colón (zu deutsch Kolumbus)  eigentlich vollbringen wollte, zurück nach Portugal. Dort liegt er heute im wunderschönen Monasteiro dos Jerónimos von Belém. Erst in dem Moment, da ich die Kirche verließ, fiel mir ein, dass es noch nicht einmal sechs Monate her ist, dass ich dort war und vor da Gamas neuer Ruhestätte stand. Ich bin dieses Jahr so viel herum gekommen, dass ich selbst den Überblick verliere. Irgendwie schön.

Beim Verlassen der Kirche hörte ich so gar nicht indische Musik. Auf dem Sport- und Paradeplatz neben der  Kirche probte eine Blasmusikkapelle, bestehend aus lauter jungen Indern. Sie spielten und exerzierten mit erstaunlichen Körpereinsatz. Der Taktstockträger zeigte viel Akrobatik.  Die Lieder reichten von Marschmusik bis „An den Ufern des Mexico river“. Es hätte mich nicht gewundert, wenn auch noch der Radetzkymarsch erklungen wäre.  So unindisch kann Indien sein.

Am Ufer sah ich dann die großen, katapultartigen Chinesischen Fischernetze, erstaunliche Konstruktionen aus Bambus. Mit Steinen als Gegengewicht senken die Fischer die riesigen auf eine Balken hängenden Netze ins Meer, um sie dann mit meist kümmerlicher Ausbeute wieder aus den Fluten zu heben. Rentabel ist das Ganze wegen der  Überfischung schon lange nicht mehr. Elf Netze sind noch übrig und locken Touristen aus aller Welt an. Es ist schön, am Ufer zu sitzen und den Fischern beim Bedienen der großen Netze zuzusehen, während im Hintergrund noch viele größere Tanker und Containerschiffe durch den engen Kanal zwischen Fort Cochin und der Insel Vypeen gleiten. Die Vertikalbewegung der Netze vor der Horizontalbewegung der Schiffe ist ein reizvoller Anblick.

Spannend ist die Geschichte der Netze. Während klar ist, dass das Design aus China kommt, ist es recht ungewiss, wie und wann sie an die südwestindische Künste gelangt sind. Eine Theorie besagt, dass die Portugiesen das nötige Know-How aus ihrer Kolonie in Macau mitgebracht haben. Eine weitere sieht die Ankunft der Netze schon ein Jahrhundert früher, als die Mongolen unter Kublai Khan über China und weite Teile Asiens herrschten. Eine dritte Theorie meint, der chinesische Entdecker Zheng He habe die Netze hierher gebracht. Es ist schon eine Weile her, dass ich mich mit chinesischer Geschichte beschäftigt habe (und eben hab ich kein Internet), aber wenn ich nicht irre, war Zheng He jener mutige Entdecker (und Eunuch), der zur Zeit der Ming Dynastie die Weltmeere befuhr und Handelswege bis in den Persischen Golf und nach Afrika erschloss. Ach, Geschichte ist immer wieder toll.

Das Prozedere, wenn man hier Abends Fisch essen möchte, ist übrigens das Folgende: Man wartet vor den Netzen auf den nächsten Fang, sieht zu, wie die Fische ausgeweidet werden, sucht sich den Fisch seiner Wahl, bringt ihn selbst in eines der Restaurants und lässt ihn sich mit gewünschten Beilagen zubereiten.

Ein Ort, den ich an diesem Tag auch noch besuchte, ist der alte holländische Friedhof des Ortes. Die Holländer lösten hier recht bald die Portugiesen als dominante Macht ab. Die meisten alten Häuser hier – und auch das, in dem ich wohne – sind holländischen Ursprungs.

Wenn man aber schon von den Häusern spricht, so muss man auch von den Bäumen sprechen. Noch nie habe ich einen Ort mit so vielen alten wunderschönen Baumriesen gesehen wie Fort Cochin. Die Kurven mancher Äste sind atemberaubend. Manche Kronen wölben sich in immenser Höhe über die Straßen.

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72 Kerala Backwaters

Dies war sicherlich einer der entspannendsten Tage meiner Reise. Stundenlang in einem kleinen Boot zu liegen, so wie auf einem Sofa, und sich durch die stillen, grünen „backwaters“ von Kerala rudern zu lassen, ist ein schöner Zeitvertreib. Dazu gutes, einheimisches Essen, serviert auf Bananenblättern, Spaziergänge durch die Dörfer und ein fröhlicher Guide, der alles erklärt, hiesige Lieder trällert und unermüdlich danach fragt, ob man auch wirklich „happy“ ist. Man erfuhr Name und Verwendung verschiedener Pflanzen am Wegesrand, kostete Chilly, Tapioka und mehr und sah auch sehr viel Fauna: schöne Eidechsen, Kingfisher bird, Enten und natürlich die allgegenwärtigen Nebelkrähen. In den Dörfern am Ufer sah man das Leben. Alte Frauen fischen mit primitiven Angeln im Wasser, Mädchen weiden Enten aus und hacken Holz, Kinder kommen von der Schule heim und rufen uns ein „Hello“ zu. Beachtlich waren auch die vielen schönen Hausboote, die leise durch das Wasser glitten. Erstaunlich sind auch die vielen kommunistischen Fahnen und Denkmäler, die man hier sogar in den kleinen Dörfern sieht. In der Tat kam in Kerala 1957 durch freie Wahlen eine kommunistische Regierung an die Macht, ein bis dahin weltweit einzigartiges Ereignis. Mit kleinen Unterbrechungen blieb Kerala bis dato in kommunistischer Hand und steht wirtschaftlich im Vergleich zum restlichen Indien sehr gut da, vor allem was Gesundheit und Bildung betrifft.

Was dieser Tag ebenfalls brachte, war viel Konversation mit anderen Reisenden ganz unterschiedlicher Art. Da war zum Einen das britische Pärchen, das ebenfalls auf der backwater tour war. Seufz. Der Akzent ihrer Sprache war schön, doch der Inhalt der Worte dieser auf Elite-Colleges „business“ studierenden high-society snobs, die nach einem Monat in Indien tatsächlich Fragen stellen wie „What is a Vishnu?“ und denen man erklären muss, wo der Äquator ist (Yes, it’s in the middle.), war doch sehr bedenklich. Als der Guide erklärte, dass es in diesen Gewässern früher auch Krokodile gab, kam doch tatsächlich der Satz „I wonder where they went. Where did those crocodiles go?“ Seufz.
Haarsträubend waren die Geschichten der beiden über ihre bisherige Reise. Wie kann man sich nur so ausnehmen lassen? Ja, natürlich glauben wir dem netten Taxifahrer am Flughafen in Delhi, dass wegen Gandhis Geburtstag alle Hotels geschlossen haben und lassen uns stattdessen in ein dubioses Reisebüro bringen, wo man uns für 600 Pfund pro Person (!!!) eine zweiwöchige Tour durch Rajasthan exklusive Verpflegung andreht, ein für indische Verhältnisse horrender Preis. Den beiden schien es recht egal zu sein.

Wie anders waren die abendlichen Gespräche mit den beiden Franzosen, weltoffen, weitgereist und kunstbeflissen, ihres Zeichens web design artists und graphical designer, die es verstehen mit wenig Geld so viel aus ihrer Zeit herauszuholen. So hörte ich abends beim Bier spannende Erfahrungen und gute Tipps für meine Weiterreise mit herrlichem französischen Akzent. Savoir vivre und Savoir voyager liegen eng beieinander.

(Ich möchte natürlich keinesfalls nahelegen, dass besagte Reisende repräsentative Vertreter ihrers Herkunftslands sind. Umgekehrt wäre es ebenso möglich, nur vielleicht ein bisschen unwahrscheinlicher.)

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71 Alleppey

Ich begann den Tag mit einem letzten Bad in den Wellen von Varkala am leeren Strand des frühen Morgens.
Danach gab’s Frühstück im Coffee Temple, wo ich mir zum zweiten Mal in diesem Jahr köstliche Huevos Rancheros gönnte. Schmeckte genauso gut wie in Alamogordo, New Mexico.

Am Bahnhof kam ich mit Craig, einem kultigen Australier Anfang sechzig ins Gespräch, Beruf Reibigungskraft. Es folgte eine wunderbar erfrischende Konversation, die vom besten Biriyani in Cochin bis zur Unvereinbarkeit von Evolution und Genesis reichte. Gemeinsam nahmen wir den Zug nach Alleppey, wo sich unsere Wege wieder trennten.

In meinem Hotel „Nanni Beach Resort“
fand ich das bisher geräumigste,
schönste und preiswerteste Zimmer dieser Reise vor. Der junge
Hotelbesitzer und sein etwas konfuser Gehilfe waren überaus freundlich. Die
Dachterasse ist auch nicht schlecht.

Alleppey selbst ist mit Abstand der verschlafenste, ruhigste Ort dieser Reise. Wäre es nicht Ausgangspunkt für die beliebten Backwater Touren, gäbe es hier rein gar nichts zu sehen. Aber eben dies macht Alleppey mit seinen grünen, baumgesäumten  Kanälen, so erholsam. Die Straßen sind leer. Kaum ein Hupen ist hörbar.

Der Strand ist gänzlich anders als in Varkala. Kein Kliff, kaum Wellengang, breit und leer. Ein paar einsame Eisverkäufer stehen wie verloren im hellen Sand. Ein total verrosteter, längst nicht mehr begehbarer Rest eines Steges ragt weit ins Meer hinaus. Nebelkrähen sitzen auf den rostroten Pfeilern, die fast wie ein modernes Kunstwerk wirken.

Lange saß ich hier, an diesem melancholischen Strand in der Nähe der Brandung. Ich hörte Musik und sah den Sandkrabben zu, die unermüdlich kleine Sandkügelchen aus ihren Höhlen rollten und sich bei der geringsten Erschütterungen gleich wieder im Seitwärtsschritt im Sand verflüchtigten. Vereinzelt schlenderten indische Pärchen den Strand entlang, Hand in Hand wie man es in Indien selten sieht.  Welch schöner, stiller Ort.

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70 Varkala III

Ein weiterer erholsamer Tag im Urlaubsdomizil von Varkala.
Nach gutem Frühstück bei exzellentem Kaffee besuchte ich aber jenen Ort, der mit dem mit Strand und seinen Shops und Restaurants rein gar nichts zu tun hat: den Janardhana Tempel, welcher auf einem Hügel nahe dem Meer neben den Urlaubern auch einige Pilger nach Varkala lockt.

Viel imposanter als der Tempel selbst ist der riesenhafte Banyanbaum mit seinem Stamm von etwa sechs Metern Durchmesser, seiner ernormen Krone und seinen aus großer Höhe herabhängenden Luftwurzeln – der vielleicht faszinierendste Baum, den ich je gesehen habe. Alle andern in Indien heiligen Banyan-Bäume (Banyan-Feige) und Bodhi-Bäume (Pappelfeigen) dieser Reise reichen nicht mal annähernd an dieses wunderschöne Monstrum von einem Baum heran.
Doch auch der Tempel war sehenswert, insbesondere die bizarren Figuren und Fratzen auf den bunten Giebeln und Dächern. Was es wohl mit dem kleineren Baum auf sich hat, an den Tempelbesucherinnen hunderte hässliche Plastikpuppen genagelt haben und in meiner Gegenwart noch weitere hinzu nagelten? Sieht unheimlich aus.

Zurück auf dem Kliff gönnte ich ein radikales Kontrastprogramm. Ich schlürfte fruchtige Mocktails in einem von sympathischen Briten geführten Lokal, aus dessen Lautsprechern Nick Cave und Leonard Cohen dringt. Dazu Meeresrauschen und Nebelkrähengesang. Ein Sturm zog auf. Warmer Regen fiel um mich her. Wolken zogen übers Meer. Die Sonne kehrte wieder. Alles glitzerte.

Der Nachmittag nahm seinen Lauf. Lockend rauschten die Wellen und ich stellte fest, dass ich wieder kräftig und gesund genug war, um mich hineinzustürzen. Nach eineinhalb herrlichen Stunden im Strudel mich hoch überragender Wellen fühlte ich mich so richtig gut. Im Wasser stehend sah ich vor mir die grüne Küste und die braunen Felsen. Paradiesisch.

Mahabharata lesend saß ich noch lange am Strand. Nach etwa einem Drittel des Buches, nimmt die Geschichte wieder so richtig Fahrt auf. Das dreizehnte Jahr der Verbannung der Pandavas ist eben angebrochen. Inkognito mussten sie es mit Draupadi am Hofe König Viratas verbringen. Bhima als Koch – herrlich. Niemand darf sie erkennen. Doch des Königs Schwager hat es auf Draupadi abgesehen. Manche Szenen erinnern stark an ein Lied von Eis und Feuer. Man muss sich immer wieder in Erinnerung rufen, wie alt dieses Werk ist – und wie lebendig zugleich – zumindest in Indien.

Abends schritt ich „Eppur si muove“ in den Ohren noch einmal den Strand entlang und ließ mir die Füße umspülen. Stimmung: Euphorisch.

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