Neuwidmung der Heldenorgel

(Hier der Link zur Videoaufzeichnung der Gemeinderatssitzung der Gemeinde Kufstein November 2022)

Mit Beschluss vom 16.11.2022 distanziert sich der Gemeinderat Kufstein ausdrücklich von jeglichem ethno-nationalistischen, chauvinistischen oder kriegsverherrlichenden Gedankengut, das bei der Erbauung und ursprünglichen Widmung der Heldenorgel eine Rolle gespielt hat. Die Frage, für welche Helden dieses Instrument heutzutage spielt, wird mit folgender Neuwidmung beantwortet, welche auf einer Tafel am Gebäude des Orgelspieltisches im Festungsneuhof wiedergegeben werden soll:

Das Spiel dieser Orgel gelte den Heldinnen und Helden vergangener, gegenwärtiger sowie zukünftiger Zeiten.
Diese Orgel spielt für alle, die dulden, leiden, frieren, hungern oder sterben,
Damit andere nicht dulden, leiden, frieren, hungern oder sterben müssen.
Diese Orgel spielt für jene, die Heldinnen und Helden werden,
Damit andere nicht Opfer sind.

Die Langversion selbiger Neuwidmung soll auf der Homepage der Stadt Kufstein dargestellt und mittels QR-Code auf oben genannter Tafel darauf verwiesen werden:

Neuwidmung der Kufsteiner Heldenorgel

Das Spiel dieser Orgel gelte den Heldinnen und Helden vergangener, gegenwärtiger und künftiger Zeiten.

Sie spielt für den Feuerwehrmann, der sich in die Flammen stürzt, um dich zu finden,
Und für die Bergretterin, die in sternenklarer Nacht frierend unter der Lawine nach dir sucht.
Sie spielt für den Lehrer, der dir inmitten der Zensur noch Wahrheit lehrt,
Und für die Ärztin, die den fallenden Bomben zum Trotz deine Wunden verbindet.

Diese Orgel spielt für unsere Väter und Großväter, die für das Wohl ihrer Kinder manch Opfer erbrachten,
für unsere Mütter und Großmütter, die allen Schwierigkeiten trotzten, um immer für uns da zu sein.
Sie spielt für all jene, die auch in Zeiten ohne Licht und Hoffnung nie den Mut verloren
Und uns zu neuen Taten, neuen Träumen, neuen Anfängen inspirierten.

Diese Orgel spielt für jene, die mit Waffe oder Feder für Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit streiten.
Sie spielt auch für jene, die sich mutig der Waffe verweigern und damit Diktaturen trotzen.
Sie spielt für alle, die Sicherheit schaffen und dabei ihre eigene Sicherheit aufs Spiel setzen,
Und  für jene, die Lügen entlarven und Wissen verbreiten – vor allem dort, wo es verboten ist.

Diese Orgel spielt für die Journalistin, die an den gefährlichsten Orten ihre Reportagen dreht,
Für den Whistleblower, der alles verliert, um dunkle Machenschaft ans Licht zu bringen,
Für die unbekannte Soldatin, die ihr Leben gab, um Völkermorde zu verhindern,
Und für den Offizier, der desertierte, als man ihm befahl, Verbrechen zu begehen.

Diese Orgel spielt für den Jungen, der in den reißenden Strom springt, um ein Kleinkind zu retten,
Und für das Mädchen, das allen Drohungen trotzt und unermüdlich vor der unbequemen Wahrheit warnt.
Diese Orgel spielt für den politischen Gefangenen, der sich dem Regime mit Hungerstreik widersetzt,
Und für die Künstlerin, die vor Ort versucht, die Schlacht mit Friedensliedern zu verhindern.

Diese Orgel spielt für die Demonstrantin, die barhäuptig ihr Leben für Freiheit riskiert
Und für all jene, die sich sehenden Auges in Gefahr begeben, um anderen Gutes zu tun.
Diese Orgel spielt auch für so viele, die in diesen Zeilen zwar ungenannt bleiben,
Und doch vom selben Geist, vom selben Mut, vom selben Glanz beflügelt sind.

Diese Orgel spielt für alle, die dulden, leiden, frieren, hungern oder sterben,
Damit andere nicht dulden, leiden, frieren, hungern oder sterben müssen.
Diese Orgel spielt für jene, die Heldinnen und Helden werden,
Damit andere nicht Opfer sind.

Des Weiteren wurde beschlossen:

Das Lied vom „Guten Kameraden“ kann selbstverständlich zu passenden Anlässen (20. Februar, 8. Mai, Gefallenengedenken, u.a.) gespielt werden. Als tägliches Musikstück steht es mit seinem starken militärischen Kontext aber klar im Widerspruch zur unter Punkt 2) vorgeschlagenen Widmung, welche ja auch Heldinnen und Helden umfasst, die entweder keinen militärischen Bezug haben oder deren Heldentum sich gerade durch ihre Abgrenzung zu Militär und Soldatentum zeigt. Für das Kalenderjahr 2023 soll daher wie vielfach vorgeschlagen die Europahymne am Ende der Mittagskonzerte gespielt werden. In den Folgejahren soll dann wiederum ein anderes Lied ausgewählt werden, damit jedes Jahr unter einem besonderen Motto steht. Dabei werden die Organisten gebeten, im Herbst jedes Jahres drei bis fünf Vorschläge zu machen. Die Kufsteiner Bevölkerung soll dann darüber abstimmen können, welches Lied im jeweiligen Jahr gespielt wird.

In Absprache mit der Festung Kufstein GmbH wird der Leiter der Musikabteilung der Tiroler Landesmuseen, Dr. Franz Gratl mit Absprache des Kufsteiner Heimatvereins beauftragt, die Inhalte der bestehenden Infotafeln zur Orgel im Bürgerturm überarbeiten und zu ergänzen. Auch der Online-Auftritt der Orgel soll auf den entsprechenden Seiten der Festung Kufstein entsprechend angepasst werden. Die Bedeckung für die inhaltliche Gestaltung und Fertigung der beiden Tafeln in der Höhe von max. € 1.300,00 erfolgt dabei aus dem HH-Konto: 1/329000-757000 – „Zuschüsse für Kulturveranstaltungen auf der Festung Kufstein“. Gleichzeitig soll noch eine zusätzliche Tafel über die Friedensglocke in der Partnerstadt Rovereto aufgestellt werden. Rovereto stellt im Gegenzug auch eine Tafel über die Kufsteiner Orgel auf. Die Bedeckung hierfür in Höhe von max.
€ 1.700,00 erfolgt aus dem HH-Konto: 1/063000-729020 „Aufwand für Städtepartnerschaften“.

Der Tod und das Mädchen

Drei Jahre nach Shakespeares „Richard III“ folgt im Mai 2023 meine erst zweite Inszenierung im Theatersaal des Kultur Quartiers – und meine insgesamt 20. Inszenierung eines abendfüllenden Theaterstückes.

Eine Frau und ihr Mann leben in einem Häuschen auf dem Land und versuchen gemeinsam, die traurige Vergangenheit ihres Landes hinter sich zu lassen. Sie haben die Diktatur überlebt, haben viel erdulden müssen und hoffen nun auf einen Neuanfang in der noch jungen Demokratie. Doch dann hat das Auto einen Platten. Der Mann steht allein an der Landstraße und hofft, dass ihn jemand mitnehmen und heimbringen möge. Endlich hält ein Wagen. Der Fahrer ist sehr freundlich, von Beruf Arzt. Man versteht sich sofort. Als aber die Frau seine Stimme hört – die Stimme des netten Doktors, der ihren Mann nach Hause bringt -, brechen dunkle Erinnerungen über sie herein. Obwohl ihre Augen damals fest verbunden waren, glaubt sie in ihm ihren einstigen Peiniger zu erkennen, der ihr vor fünfzehn Jahren in den Gefängnissen der Diktatur Schreckliches angetan hat. Doch ist er es wirklich? Die Frau scheint sich sicher zu sein. Ihr Mann zweifelt daran. Bevor der Arzt noch weiß, wie ihm geschieht, findet er sich gefesselt und geknebelt in der Macht einer Frau wieder, die ihm vorwirft, ein Monster zu sein. Sie will, dass er gesteht. Doch was, wenn er nichts zu gestehen hat?

Ein packender Thriller nimmt seinen Lauf. Im Spannungsfeld von Rache und Selbstjustiz, von Recht und Gerechtigkeit, von Schuld und Vergebung tun sich finstere Abgründe auf. Mit seinen überraschenden Wendungen und seinem psychologischen Tiefgang ist dieses Theaterstück des chilenischen Autors Ariel Dorfman bestimmt nichts für schwache Nerven.

Maria Elisabeth Reitberger steht in der weiblichen Hauptrolle dieses Stückes vor ihrer bisher größten Herausforderung als Schauspielerin. Mit ihren Darbietungen in „Der Krah“, „Rettungsboot an Unbekannt“ oder als Teufel im „Jedermann“ sowie ihrer Regiearbeit bei „Kosmetik des Bösen“ hat sie aber schon reichlich Erfahrung mit abgründigem Bühnengeschehen gesammelt.

Klaus Schneider spielt den freundlichen Arzt, hinter dessen Lächeln sich möglicherweise ein Monster verbirgt. Sein Talent für Nuancen und seinen Facettenreichtum stellte er schon in vielen grundverschiedenen Rollen unter Beweis. In Stücken wie „Cabaret“, „Richard III“, „Sommernachtstraum“, „La Cage aux Folles“ oder „Munde“ bewährte er sich bereits als Nazi, naiver Prinz, prahlerischer Handwerker, affektierter But(t)ler oder muslimischer Gastarbeiter – bunter geht’s kaum. Unvergessen ist aber auch seine Darbietung als „König Ödipus“ am Festungsneuhof.

Klaus Reitberger steht zum ersten Mal seit „Kosmetik des Bösen“ wieder in einer Hauptrolle auf der Bühne und führt gleichzeitig zum 20. Mal Regie bei einem abendfüllenden Theaterstück. „Der Tod und das Mädchen“ hat Potenzial, seine bisher intensivste und dunkelste Inszenierung zu werden – noch abgründiger gar als „Der Weibsteufel“ und „Die Thurnbacherin“.

Weitere Inszenierungen

Analyse gezielter Polemik

Im folgenden Beitrag möchte ich den Text des Kufsteiner Stadtrats Walter Thaler im Stadtmagazin vom Oktober 2022 analysieren, welcher ein hervorragendes und lehrreiches Beispiel gezielter Polemik auf kommunalpolitischer Ebene darstellt.

Der Text beginnt damit, dass meiner Person Worte in den Mund gelegt werden, die ich niemals gesagt und niemals geschrieben habe – und dies nicht als Paraphrase, sondern in Form der direkten Rede. Die Aussage, dass Kameraden nicht mehr zeitgemäß wären, wurde niemals von mir geäußert. Mir eine solche Wortmeldung in direkter Rede zuzuschreiben, grenzt an den Strafbestand der „Üblen Nachrede“ und wäre eigentlich klagbar. Ich habe lediglich ein paar Gründe genannt, warum ein Lied mit starkem soldatischen Kontext, das das Wort „Kamerad“ im Titel trägt, nicht mehr jeden einzelnen Tag von einem Instrument gespielt werden soll. Daraus folgt aber nicht im geringsten die unsinnige Behauptung, dass Kameraden an sich nicht mehr zeitgemäß wären. Natürlich sind sie das. Statt auf meine Argumente einzugehen, legt man mir hier Dinge in den Mund, die ich nie gesagt habe, um mich moralisch zu diskreditieren. Diese Vorgehensweise ist unredlich, unfair und unwürdig.

Ähnlich absurd und unwahr ist die Behauptung, ich würde Feuerwehren, Musikkapellen, Traditionsvereine oder gar Pflegepersonal in irgendeiner Art und Weise gering schätzen oder sie gar als unzeitgemäß ansehen. Das ist doch Unsinn. Zahlreiche Traditionsvereine Kufsteins, bei deren Versammlungen ich immer wieder zu Gast bin, wissen nur zu gut, wie sehr ich sie persönlich schätze und wie wichtig ich ihren ständigen, ehrenamtlichen Einsatz für Kufstein erachte. Feuerwehren, Sicherheitskräfte, Pflegekräfte – sie alle haben für unsere Gesellschaft einen unschätzbaren Wert und ich applaudiere allen, die Teil dieser Stützen unserer Gesellschaft sind. Es gehört schon viel geistige Verrenkung dazu, aus dem Vorschlag, die Geschichte eines Musikinstrumentes aufzuarbeiten, ableiten zu wollen, dass ganze Berufsklassen nicht zeitgemäß wären. Mir so etwas zu unterstellen, ist haarsträubend.

Die Andeutung, dass „unser Steuergeld“ dafür verwendet würde, um Teilnehmer einer Diskussion (pro und kontra Aufarbeitung) zu bezahlen, ist vor allem deshalb interessant, weil dem Verfasser obiger Zeilen zur Zeit ihrer Abfassung längst bekannt gewesen sein muss, dass keiner der vier Diskutanten ein Honorar verlangt. Wider besseren Wissen wird hier also etwas unterstellt, das man als bewusste Täuschung der Leser:innen interpretieren könnte.

Im weiteren Verlauf des Textes beklagt der Verfasser offenbar, dass besagte Diskussionsteilnehmer von mir ausgewählt wurden. Dabei wurde Walter Thaler im Vorfeld angeboten, selbst einen Sprecher oder eine Sprecherin für seine Position zu nominieren. Er hätte also die Möglichkeit gehabt, selbst jemanden auszuwählen, hat dies aber nicht getan. Im Übrigen hielt er es nicht einmal für angebracht, auf besagte Einladungsnachricht meinerseits eine Antwort zu geben.

In der zweiten Spalte wird nun noch der Versuch unternommen, eine Quelle zu diskreditieren, indem darauf verwiesen wird, dass die Festung Kufstein darin fälscherlicherweise als „Geroldseck“ bezeichnet wird. Hätte sich der Verfasser nur ein bisschen mit der Geschichte Kufsteins auseinandergesetzt, so müsste er wissen, dass diese Bezeichnung zu Beginn des 20. Jahrhunderts weit verbreitet und unter anderem in den „Innsbrucker Nachrichten“, um die es hier geht, gang und gäbe war. Im Stadtmagazin vom April/Mai 2022 hat unsere Stadtarchivarin Milena Prommegger einen sehr informativen Artikel darüber geschrieben. Auch diesen hat der Verfasser offenbar nicht gelesen. Jedenfalls sagt es nichts über die Verlässlichkeit einer Quelle der damaligen Zeit aus, wenn dieser damals übliche Ausdruck darin Verwendung findet.

Im letzten Absatz argumentiert der Verfasser nun, dass Diskussionsrunden oder Arbeitskreise zu diesem Thema nicht sinnvoll wären und verweigert sich der Teilnahme daran. Dabei sollte einer funktionierenden Diskussionskultur innerhalb einer Demokratie doch ein hoher Stellenwert beigemessen werden. „Beim Red’n kemmen d’Leit z’sam“ heißt es schon im Volksmund. In einer parlamentarischen Demokratie spielt eben das Miteinander Sprechen (parler) eine bedeutende Rolle. Dies zu verweigern oder ins Lächerliche zu ziehen, erachte ich als zutiefst undemokratisch. Wer nicht miteinander redet, verharrt bei vorgefassten Meinungen und hat einfach keine Lust oder Angst davor, sich ernsthaft mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen. Dies aber gehört zum Aufgabenbereich gewählter Volksvertreter:innen.

Abschließend möchte ich noch festhalten, wie wichtig es ist, einander wertzuschätzen – auch wenn man bei einzelnen Themen anderer Meinung sein sollte. Polemische Texte wie der hier analysierte sind leider fernab jeglicher Wertschätzung. Dennoch hoffe ich, dass wir uns auch weiterhin in die Augen schauen, die Hände schütteln, bei einem Bier miteinander anstoßen und gemeinsam Gutes für Kufstein erwirken können – so wie auch schon in den letzten sechs Jahren.

Kufsteiner Physik-Schüler räumt ab

Die gänzlich in englischer Sprache verfasste Arbeit untersucht die rätselhafte Eigenschaft von Wasser, welches schneller gefriert, wenn es zuvor erwärmt wurde. Obwohl dieser Effekt schon in Antike und früher Neuzeit bekannt war, geriet er lange in Vergessenheit und wurde erst 1969 vom tansanischen Schüler Erasto Mpemba wiederentdeckt. Roman Eder kommt diesem Phänomen mit raffinierten Experimenten und tiefschürfender Literaturrecherche auf die Schliche und überzeugt dabei auf voller Linie. Die Arbeit ist von einer wissenschaftlichen Publikation auf Universitätsniveau kaum zu unterscheiden und erlangt nun verdiente Würdigung.

Ein Diskussionsbeitrag

Es freut mich sehr, dass mein Antrag zum gesellschaftlich-kulturellen Aufarbeitungsprozess in Sachen Heldenorgel so reges Interesse auf sich gezogen hat. Ganz unabhängig davon, wie die Sache ausgeht, ist ein Ziel damit schon erreicht: Die Orgel ist im Gespräch. Ihre Geschichte wird beleuchtet. Man diskutiert darüber, führt spannende Debatten – sei es am Stammtisch oder auf Facebook. All dies ist gewissermaßen schon Teil des erwünschten Aufarbeitungsprozesses. Diese Diskussion tut unserer Stadt sehr gut, da sie viel Unausgesprochenes ans Licht bringt. Ich habe auch den Eindruck, dass sie bei vielen neues Interesse für Kommunalpolitik entfacht und vielleicht einen kleinen Beitrag dazu leistet, bei den nächsten Wahlen eine höhere Beteiligung zu erzielen. Wunderbar.

Da aus vielen Kommentaren leider hervorgeht, dass manche den ursprünglichen Antrag gar nicht kennen, möchte an dieser Stelle noch ein paar Erläuterungen anbringen:

Mein Antrag hat drei Teile: Infotafeln – Umbenennung – Schlusslied. Ich würde es bereits als Erfolg werten, wenn wir in einem oder zwei dieser drei Punkte eine Veränderung erreichen könnten. Manche behaupten hier, mir gehe es allein um die Umbenennung. Das stimmt einfach nicht. Man sollte auch nicht die von mir vorgebrachten Argumente für die einzelnen Punkte in einen Topf zu werfen. So habe ich z.B. den Nationalsozialismus nur in Bezug auf Punkt 1 (Infotafeln) erwähnt. Bei Umbenennung und Schlusslied spielt er keine Rolle. Irrig ist auch die Annahme, es würde um den Begriff „Held“ an sich gehen, da dieser bereits problematisch wäre. Das hab ich nie gesagt. Problematisch ist die bei der Einweihung im Mai 1931 gesetzte Rahmung dieses Begriffes, die rein gar nichts mit Frieden und zivilen Heldentum zu tun hat, sondern eng mit einer ethno-nationalistischen Weltsicht verbunden ist.

Man sollte auch noch einmal betonen, dass ich nicht der Erfinder jener Argumente bin, die ich im Antrag vorbringe. Fast alle wurden in ähnlicher Formulierung schon von akademischer Seite in den letzten Jahren publiziert. Hier möchte einmal mehr auf die 2019 erschienen Schrift „Disposition“ von Lucas Norer verweisen. Da diese unter einer Creative Commons Lizenz steht, erlaube ich mir die pdf unten anzuhängen und sie all jenen ans Herz zu legen, die sich eingehender mit der Geschichte der Orgel beschäftigen wollen. Da das Interesse für das Thema sehr groß ist, hoffe ich auch, dass beim geplanten Vortrag von Dr. Franz Gratl zu Thema „Der Name der Orgel“ am 17. 10. im Kultur Quartier viel Publikum zu erwarten ist. Ich freue mich auf die anschließende Diskussion. Dr. Gratl ist auch Autor von Band 6 der „Edition Kufstein“ im Rahmen des Projektes „Kufstein schreibt Stadtgeschichte“. Dieses wird am 30. November präsentiert und natürlich wird die Orgel – vielleicht aber auch die gegenwärtige Diskussion – darin eine Rolle spielen.

Jedenfalls zielt es ins Leere, wenn man mir mangelndes historisches Bewusstsein vorwirft, wo ich mich doch auf Historiker und Musikwissenschaftler berufe und diese klar zitiere. Als Physiker und Philosoph maße ich mir selbst kein historisches Urteil an, sondern vertraue den Experten, die ich in meinem Antrag angeführt habe. Schon Sophokles sagte: Don’t shoot the messenger.

Ansprechen möchte ich auch die Zeitungsumfrage, die in diesem und anderen Kommentar-Threads schon öfters verlinkt wurde. Diese verwundert mich gar nicht. Um ehrlich zu sein, hätte ich noch vor einem Jahr selbst für eine Beibehaltung des Namen „Heldenorgel“ gestimmt, da mir dieser eigentlich immer sehr gut gefiel. Ich kann also gut verstehen, dass viele Menschen diese Option wählen. Vor einem Jahr hätte ich auch noch dazugehört.

Aber dann wurde ich gebeten, mich der Sache anzunehmen. Ich habe gelesen, recherchiert, Gespräche geführt. Sehr frappierend war die Lektüre jener Reden, die zur Einweihung der Orgel 1931 geschwungen wurden und die man in der Nr. 101 der „Innsbrucker Nachrichten“ aus dem Jahr 1931 nachlesen kann.  Es war ein langer Prozess: Aber je mehr ich darüber in Erfahrung brachte, desto klarer wurde mir, dass hier etwas geschehen sollte.

Es wundert mich also überhaupt nicht, dass eine Mehrheit jener Menschen, die diesen Rechercheprozess nicht selbst mitgemacht haben, der Meinung sind, die Orgel solle ihre Namen behalten. Ohne fundierte Recherche ist die Problematik eben schwer zu sehen. Aber bei vielen Fragen kommt es eben nicht auf das Bauchgefühl an, sondern darauf, in die Meinung von Experten (und hier meine ich nicht mich, sondern Gratl, Norer, et al.) zu vertrauen.

Ich bin der Meinung, dass viele Menschen, die für den Verbleib beim ursprünglichen Namen gestimmt haben, anders denken würden, wenn sie sich die Zeit nehmen würden, dieselben Quellen zu studieren und Gespräche zu führen, wie ich es getan habe. Deshalb bin ich auch ein großer Fan von ausgelosten Bürgerräten, in denen die Menschen sich zuerst fundiert informieren und hernach zu Entscheidung gelangen. Eine einfache Abstimmung, in der oft ohne die nötige Vorinformation aus dem Bauch heraus entschieden wird, eignet sich im vorliegenden Fall jedenfalls nicht. Man vertraut ja auch auf einen Piloten, wenn man in ein Flugzeug steigen. Kann man nicht auf Historiker und Musikwissenschaftler vertrauen, wenn es um den Namen einer Orgel geht? Bei einer Umfrage wie dieser, kommt übrigens noch hinzu, dass bekannte politikwissenschaftliche bzw. psychologische Phänomene wie die sogenannte Status-quo Verzerrung zu tragen kommen.

Jedenfalls freut es mich sehr, dass ich in den letzten Tagen auch viel Zustimmung für meinen Vorschlag erhalten hatte. Bei dem aggressiven Ton, der auf Facebook herrscht, verstehe ich aber gut, dass viele mir ihre Zustimmung direkt zukommen lassen, als sie hier zu posten. Ich danke aber auch jenen, die klar gegen meine Vorschläge sind, dies hier aber in sachlich Ton vorbringen.

Jenen, die hier versuchen mich zu beleidigen oder zu diffamieren, möchte ich ein bisschen Gelassenheit empfehlen. Man kann auch sachlich und höflich miteinander diskutierten, ohne einer Meinung zu sein. Attackieren Sie Argumente, nicht Menschen. Das sogenannte „Argumentum ad hominem“ – also der versucht ein Argument zu entkräften, indem man die Person, die es vorgebracht hat, diskreditiert – gilt nicht umsonst als Scheinargument. (https://de.wikipedia.org/wiki/Argumentum_ad_hominem). Es spielt doch überhaupt keine Rolle, ob Sie meine Theaterstücke oder mich nun mögen oder nicht. Das hat rein gar nichts mit dem Thema zu tun. Es erstaunt mich auch, was manche Leute über mich zu wissen glauben. Etwa, dass ich nie Soldat gewesen wäre (Stimmt nicht.) oder, dass ich nie als Physiker wissenschaftlich tätig gewesen wäre (Sieben Jahre lang.). Aber selbst, wenn etwas davon wahr wäre, hätte das doch überhaupt nichts mit der Validität meiner Argumente zu tun. Dennoch: Diese Aussagen offenbaren zumindest, dass es um die Recherchefähigkeit jener Leute, die mir dergleichen unterstellen, nicht allzu gut steht. Wenn sie es nicht zu Wege bringen, meinen öffentlichen einsehbaren Lebenslauf durchzulesen, so kann man wohl zurecht auch an ihren Ausführungen in Sachen Orgel zweifeln.

In einem Punkt haben alle Kritiker:innen natürlich recht: Es gibt wichtigere Themen (z.B. den Klimawandel). Aber: Die Existenz wichtigerer Themen ist kein Argument dagegen, sich auch den nicht ganz so wichtigen zu widmen – besonders dann nicht, wenn kein anderes Thema deshalb später behandelt wird. Wer glaubt, irgendetwas würde in der Kufsteiner Gemeindepolitik langsamer vonstattengehen, nur weil man nebenbei über die Orgel redet, der irrt. Das Thema wurde an mich herangetragen, ich habe mir die Faktenlage angesehen und es entsprechend vorgebracht. Das würde ich auch bei anderen Themen, weil ich es als meine Aufgabe als Gemeinderat und Kulturreferent dieser Stadt ansehe, nicht nur still in Ausschüssen und Räten zu sitzen, sondern aktiv daran mitzuarbeiten, dass sich die Perle Tirols am grünen Inn eines blühenden, bunten kulturellen Lebens erfreut, das mutig auf Vergangenheit und Zukunft blickt. Dazu leiste ich gern meinen Beitrag – und das werde ich auch noch die nächsten fünfeinhalb Jahre tun.

Max Reisch: Indien – Lockende Ferne

Mit Begeisterung las ich in den letzten Tagen das Buch „Indien – lockende Ferne“ von Max Reisch, das allen geschichtsinteressierten Kufsteiner:innen doppelt ans Herz gelegt sei. Nicht nur, dass seine Motorradreise über Balkan, Türkei, Syrien, Irak, Iran und Indien bis nach Bombay zu einer Zeit, da richtige Straßen noch rar waren, ein ungeheures, technisches Wagnis darstellte – er verstand es auch mit poetischer Sprache, Liebe zum Detail und viel Humor von all den Abenteuern am Wegesrand in so bildgewaltiger Sprache zu schreiben, dass man meint, man wäre selbst dort gewesen. Bemerkenswert ist auch seine Liebe zur Natur, sein Bewusstsein für das verklärte Auge des Eurozentrismus („westliche Überheblichkeit“) und sein Interesse für die Kulturen des Orients. Seine Schilderungen sind spannend, schön und teilweise erfrischend komisch. Die Episode mit dem Euphrat-Wasser, bzw. die Schilderung des Sturzes an der ungarischen Grenze zeugen von einem herrlichen Sinn für Selbst-Ironie und Komik. Ein Besuch der Max-Reisch Sonderausstellung am Timmelsjoch ist sicher lohnenswert.


Ich werde mich aber auch dafür einsetzen, dass man auch in Kufstein den Abenteuern des Max Reisch ein deutlicheres Andenken setzt. Die Pläne für eine Erweiterung des Heimatmuseums auf der Burg in Richtung eines Pioniermuseums gibt es ja schon lange. Hier soll in den nächsten Jahren endlich etwas geschehen.

Die Episoden ganz am Ende des Buches – in Amritsar, Delhi, Agra, Jhansi, Gwalior und Bombay – waren für mich persönlich von besonderem Interesse, hat Indien doch auch mich gelockt und bin ich doch vor sieben Jahren vier Monate lang dort herumgereist – allerdings mit öffentlichen Verkehrsmitteln. In Amritsar scheint sich seit damals tatsächlich nicht viel verändert zu haben. Die von Max Reisch geschilderten Gefühle beim Anblick des Goldenen Tempels der Sikhs und später des Taj Mahal kann ich jedenfalls sehr gut nachempfinden, habe ich doch beides in ähnlicher Weise persönlich erlebt. Und weiter lockt die Ferne …