Theater-Unterricht an der ISK

Seit 2015 unterrichte ich Theater an der International School Kufstein (ISK). 15- bis 18-Jährige hören in Laufe von vier Unterrichtsjahren viel Wissenswertes über die weite Welt der dramatischen Kunst und lernen, selbstsicher vor anderen auf einer Bühne zu stehen und sich zu präsentieren. In vielen praktischen Übungen erkennen die Schülerinnen und Schüler, dass Kommunikation nicht nur über Sprache, sondern auch über Gestik, Mimik, Bewegung und Körperhaltung erfolgt. All diese Aspekte werden trainniert und gestärkt. Im Theater-Unterricht an der ISK steht allerdings nicht nur das darstellende Spiel im Vordergrund. Ebenso wichtige Inhalte sind Regieführung, Design (Bühne, Kostüme, Licht, Ton, Maske) und das Verfassen bühnentauglicher Texte. Wir beschäftigen uns auch mit der Geschichte des Theaters und lernen wichtige Stückeschreiber*innen und ihre Werke kennen (Brecht, Shakespeare, Sophokles, Aristophanes, Wilde, Lorca, Ibsen, Tschechow, Molière, Williams, O’Neill, etc.). Als internationale Schule legen wir auch großen Wert darauf, nicht-europäische Theatertraditionen (Kabuki, Rakugo und Nō aus Japan, Kathakali aus Kerala, Kecak aus Bali, die Peking Oper aus China, etc.) zu erforschen und deren praktische Konventionen und kulturelle Zusammenhänge kennenzulernen. Auch ältere europäische Theatertraditionen (Commedia dell’Arte, Comedy of Manners, französische Farce oder British Restoration Theatre) spielen eine Rolle. Letzlich besprechen wir auch die ein oder andere Theatertheorie (Aristoteles, Brecht, Stanislavski, Kantor, Boal) und vergleichen die verschiedenen Ansätze über den Zweck und die Bedeutung des Theaters in Gegenwart und Geschichte.
Teil des Unterrichts ist auch die alljährliche Aufführung des Kufstein English Theatre, bei welcher die Schülerinnen und Schüler der 10. Schulstufe ein abendfüllendes Stück in englischer Sprache und mit deutschen Übertiteln auf der Bühne des Kultur Quartiers zur Aufführung bringen.
Der ganze Kurs findet in englischer Sprache statt und kann nur von Schülerinnen und Schüler der International School Kufstein besucht werden.

Das folgende Video gibt einen Überblick über die zentralen Inhalte des Kurses, welcher zum Teil in den Räumlichkeiten der ISK, aber auch im Saal der Landesmusikschule und im Theater des Kultur Quartiers Kufstein stattfindet.

Allgemein

Die Fernwanderung des vergangenen Sommers

Es ist fertig, das jüngste und elfte Buch in meiner Serie „Es muss nicht immer Jakob sein!“
Darin schildere ich auf über 300 Seiten die Eindrücke und Erlebnisse meiner 500 km weiten Wanderung durch das nordostungarische Berg- und Hügelland im Sommer 2020. Es ist dies ein weiteres Teilstück auf meiner langen Reise am Europäischen Fernwanderweg E4, von dessen 10.000 km langem Verlauf ich nun schon mehr als ein Drittel bewältigt haben.

Dieses neue Buch ist weit umfangreicher als die bisherigen Etappenberichte geworden, habe ich doch immer wieder auch Episoden aus der Historie der durchschrittenen Dörfer und Landstriche in die Wegbeschreibungen einfließen lassen. Außerdem ist das Buch so reich an Farbfotografien, dass man es fast als Bildband bezeichnen könnte.

Ich schreibe diese Bücher in erster Linie für mich selbst, um mich der Erinnerungen an meine Fernwanderreisen auch später im Leben noch mit vielen Details und Farben zu erfreuen. Dass meine Wanderberichte in der Vergangenheit auf reges Interesse in der deutschsprachigen Fernwander-Community gestoßen sind, ist natürlich sehr schön. Es gibt nicht viel Literatur zum Europäischen Fernwanderweg 4. Hier füllen diese Bücher wohl eine Lücke aus, die schon viel zu lange besteht.

Wer meine Erzählungen mag, wer gerne etwas über die schönen Landschaften und Bilderbuchdörfer des nordöstlichen Ungarns lernen möchte, wer sich fürs Fernwandern interessiert oder einfach nur ein paar Anekdoten vom Wegesrand hören möchte, hat an diesem Büchlein wohl seine Freude. Von Budapest geht es ans Donauknie und weiter über die Berge von Börzsöny, Mátra und Bükk hinab zum höhlenreichen Land von Aggtelek und durch die Hernád-Senke über die Zémplen-Berge nach Sátoraljaújhely. Ich freue mich schon aufs Weitergehen.

Hier ein Überblick über all meine Bücher zum Europäischen Fernwanderweg E4.

Hier der Link zur billigen Schwarzweißversion.

Hier der Link zur schönen Version in Farbe.

Und hier der Link zum E-Book.

Pelluchon: „Manifeste animaliste“

Es ist erhebend und erfrischend zugleich, wie die französische Philosophin Corine Pelluchon in ihrer kurzen, doch prägnanten Streitschrift Manifest für die Tiere klar darlegt, dass Massentierhaltung und andere Varianten speziesistischer Neo-Sklaverei der Menschheit kurz- und langfristig weit mehr Schaden zufügen, als sie Nutzen erbringen. Der französische Titel des Werkes Manifeste animaliste trifft den Kern der Botschaft wesentlich besser, ist diese Schrift doch nicht nur ein Manifest für die Tiere, sondern auch für die Menschen – ein anti-speziesistisches Aufbegehren gegen in Tradition verhaftete Ungerechtigkeiten vieler Art, auf welche künftige Generationen wohl mit ähnlicher Scham und Abscheu zurückblicken werden, wie die Menschen der heutigen Zeit es bei Betrachtung des antiken und neuzeitlichen Sklavenhandels tun. Das Anfangszitat von Abraham Lincoln passt in diesem Zusammenhang besonders gut.

Theoretischer Unterbau dieses doch sehr knappen Büchleins ist wohl Pelluchons bisheriges Hauptwerk Wovon wir leben, in welchem sie eine Art neue Existenzphilosophie umreißt, welche den Menschen weniger als geistiges, in seiner Umwelt autarkes Wesen, sondern vielmehr als Tier in seiner Abhängigkeit natürlicher Ressourcen zeigt. Das werde ich wohl noch lesen müssen. Und ich werde es gerne tun.

Das Manifeste animaliste versteht sich als zeitgenössisches Update zu Peter Singers Animal Liberation. Im Unterschied zu Singer gründet Pelluchon ihren „Neo-Animalismus“ aber nicht mehr rein auf utilitaristische Argumentationsketten. Eine ebenso große, wenn nicht größere Rolle spielt eine auf Mitleid und Mitgefühl basierende Ethik, die doch mitunter an Schopenhauer erinnert. Letzterer hätte mit dem Manifeste animaliste wohl seine Freude gehabt.

Das Buch entlarvt die wirkmächtigen Verdrängungseffekte, welche die heutige Massentierhaltung erst möglich machen. Gleichzeitig zeigt es Verständnis für all jene, die aus Tradition oder ökonomischer Notwendigkeit Teil dieser globalen Missbrauchs Maschinerie sind und warnt davor, allzu schnell anzuklagen. Der Animalismus darf nicht selbst zum Dogmatismus werden. Und doch gilt es, an der anti-speziesistischen Forderung festzuhalten, dass die Interessen nichtmenschlicher Tiere ebenso berücksichtigt werden sollten, wie jene der Menschen. Ihr Leben sei für sie ebenso wichtig wie das unsrige für uns.

Die Politisierung der Tierfrage scheine unvermeidbar, um nachhaltige Veränderungen herbeizuführen. Dabei müsse man aber sowohl rationale wie auch emotionale Wege wählen. Die Ratio allein vermöge nicht, ausreichend Menschen zu einer Veränderung ihrer Lebensweise zu bewegen.

Spannend ist auch jene Passage, in der die Autorin den „vollständigen und hemmungslosen Mangel an Achtung vor dem Leben“ beleuchtet, der dem Status-quo-Kapitalismus zu Grunde liege und sogar einen Zusammenhang aufzeigt zwischen „Terrorismus und der Gewalt, die wir gegen andere Menschen und nichtmenschliche Tiere ausüben“.

Der Animalismus wird definiert als „philosophische, kulturelle und politische Bewegung, in der Menschen zusammenkommen, die sich durch ihre Lebensweise und ihr kollektives Handeln für den Schutz der Interessen von nichtmenschlichen Tieren einsetzen“. Er legt nahe, dass eine Aufnahme der Tiere in Ethik und Recht zugleich eine Erneuerung des Humanismus bedeute. Letztlich steuere man auf eine Welt zu, in der es nicht mehr legitim sein werde, ein anderes empfindungsfähiges Wesen auszubeuten.

Im Schlussteil liefert Pelluchons Manifest auch einige konkrete Handlungsvorschläge. Das Ende der Gefangenschaft von Tieren im Zirkus und Tierpark steht dabei nur am Beginn einer langen Kette von Forderungen, denn „Nur mit einem gespaltenen Bewusstsein kann man sich am Anblick anderer empfindungsfähiger Tiere erfreuen, die in Gefangenschaft leben müssen.“ Auch die schrittweise Rückkehr von der intensiven zur extensiven Tierhaltung bei drastischer Verringerung des Fleischkonsums wird als realistische Perspektive erörtert. Auch die positiven Auswirkungen auf die Verhinderung der Erderwärmung kommen hierbei zur Sprache. Die Erweiterung eines vegetarischen und veganen Speisenangebots in allen Städten und Institutionen versteht sich von selbst. All dies sei laut Pelluchon auch mit anhaltender wirtschaftlicher Prosperität vereinbar. Die Rolle von Künstler*innen und Intellektuellen im Zuge dieser Entwicklung wird ebenfalls diskutiert.

Am Ende schließt das Buch freilich mit jenen Worten, die in einem Manifest nicht fehlen dürfen: „Animalisten aller Länder, aller Parteien, und aller Konfessionen, vereinigt euch!“

Die veganen Kasspatzl, die ich gestern gekocht habe, schmeckten nach dieser Lektüre besonders gut.

Der Segen der Erde

„Den langen, langen Pfad durch die Moore und in die Wälder, wer hat ihn ausgetreten? Der Mann, der Mensch, der Erste, der hier war. Vor ihm gab es keinen Pfad.“

Mit diesen Worten beginnt Knut Hamsuns Roman „Der Segen der Erde“, für den ihm im Jahre 1920 der Literaturnobelpreis verliehen wurde. Auch hundert Jahre später lohnt sich die Lektüre dieses Werkes sehr. „Bodenständig“ ist wohl das Adjektiv, das am besten zur Beschreibung dieses Textes gereicht. Das einfache Leben am Land, das Leben vom Land, Viehzucht und Ackerbau, organisches Wachstum, die Schönheit des Einfachen – dies sind die Kernmotive der Geschichte.

Der starke Isak geht tief in den Wald und fängt an, ein Stück Land zu bestellen. Er baut eine kleine Hütte. Damit fängt es an. Bald gesellt sich eine Frau hinzu. Bald gibt es Kinder. Mehr Wald wird gerodet, mehr Moor wird trockengelegt. Isaks Reich wächst beständig, Feld um Feld, Tier um Tier, Gebäude um Gebäude. Andere folgen. Es sind nicht nur Bauern; Telegrafenmasten, Händler und Minenarbeiter hinterlassen bald ihre Spuren im Wald und im Leben der Protagonisten. Doch alle sind sie dem Autor verdächtig. Das gute, unverfälschte Leben findet sich nicht in der Stadt, nicht in Bildung, Handel und Wissenschaft, sondern nur im bodenständigen Landleben – so die leider nicht gut genug versteckte Botschaft, die Hamsun den Lesenden mitgeben möchte.

Doch auch, wenn man dieser Botschaft widerspricht, muss man die stilistische Schönheit und stellenweise Monumentalität dieses Romans freudig anerkennen. Wurde jemals sonst in so bewegenden Worten von einfachen Dingen berichtet – etwa davon, wie Isak das Korn aussät oder wie er gemeinsam mit seiner Frau Inger einen großen Stein aus dem Boden stemmt? Das alles kommt in Hamsuns Worten so bildgewaltig und emotional daher, dass es bei manchen die ein oder andere Träne entlockt.

Stetiges, organisches Wachstum basierend auf harter, ehrlicher Arbeit – dieses beständige Grundthema des Romans erinnert beim Lesen in gewisser Weise an manch altes Computerspiel à la Anno 1602. Wildes Land wird urbar gemacht und gibt Platz frei für Glück und neues Leben. Dieses Glück, dass die Menschen in Hamsuns Welt erleben, wird allerdings kaum in Worten artikuliert. Es findet sich nur in Handlungen, nur zwischen den Zeilen. Denn die Figuren des Romans sind allesamt kaum fähig, ihre Emotionen, ihr wahres Befinden in Worte zu fassen und einander zu offenbaren. Sie sind sprachlich stark eingeschränkt. Sagt Isak „Ach ja, mein Gott …“, so gilt es, aus dem Zusammenhang zu erschließen, was er damit wirklich sagen möchte und nicht kann.

Doch nicht nur stetiges Wachstum herrscht in Isaks Reich. Es gibt auch Rückschläge; Bürokratie, Kindsmord, rivalisierende Nachbarn, körperliche Missbildungen, Krankheit, Gefängnisstrafen und mehr drohen immer wieder, das harte und einfache, doch schöne Leben in seinem Wald zu trüben. Teilweise tun sie das auch.

An Tiefe gewinnt das Buch auch durch die vielen schön gezeichneten Figuren, die neben Isak und Inger ihre Spuren im Wald hinterlassen; die ungleichen Söhne Sivert und Elesius, die zwielichtige Oline, der dubiose und erfolglose Nachbar Brede, der brave Aksel Strøm, die zügellose Barbro, der Händler Aronsen, die Lappen, die gelegentlich durchs Land ziehen und andere.

Die vielleicht einprägsamste und gewiss rätselhafteste Figur des Romans bleibt aber der ehemalige Lehnsmann Geissler, der in unerwarteten Momenten immer wieder in die Geschichte eingreift und sie entscheidend zu beeinflussen weiß. Er ist mit Abstand auch jene Figur, die sich am besten zu artikulieren weiß und mitunter unerwartet tiefschürfend und poetisch über das Leben und die Rolle der Menschen sinniert.

„Ich bin etwas, ich bin der Nebel, bin hier und dort, ich schwimme, manchmal bin ich Regen an einem trockenen Ort.“

Getrübt wird das Lesevergnügen durch die drei oder vier Textstellen, an denen uns der Autor offensichtlich rassistische und antisemitische Vorurteile offenbart. Dies ist sehr schade. Hamsuns spätere Befürwortung des Nationalsozialismus ist aber kaum überraschend.

Und dennoch: 103 Jahre nach seiner Veröffentlichung sollte man den Roman unabhängig von den Irrungen des Autors als das nehmen, was er ist: eine monumentale Ode an das einfache Landleben und den Verdienst harter Arbeit.

„Wächst hier nichts? Hier wächst alles: Menschen, Tiere und Feldfrüchte. Isak sät. Die Abendsonne scheint auf das Korn, es fliegt im Bogen aus seiner Hand und sinkt wie ein Goldregen in die Erde. […] Wald und Berge schauen zu, alles ist Hoheit und überwältigend, hier ist Zusammenhang und Ziel. […] Dann wird es Abend.“

„Survival of the Friendliest“

„Survival of the Friendliest“ von Brian Hare & Vanessa Woods ist ein kurzes, doch inhaltsstarkes Buch, welches den Lesenden ungeahnte Zusammenhänge zwischen evolutionärer Anthropologie und Gegenwartspolitik vor Augen führt.

Warum sind Hunde und Bonobos zur kooperativen Kommunikation mit anderen Spezies befähigt, nicht aber Schimpansen? Der Schlüssel zum Verständnis liegt im der Evolution zugrunde liegenden Prinzip der natürlichen Auslese, das bei manchen Spezies klar jene Individuen bevorzugt, welche einen höheren Grad von Kooperation oder Freundlichkeit aufweisen. So kommt es zur Domestizierung oder – wie bei Mensch und Bonobo – zur Selbst-Domestizierung. Letztere wird des Weiteren als Hauptantrieb der frühen technologischen Revolution im Pleistozän identifiziert, welche dem Homo sapiens den entscheidenden Überlebensvorteil gegenüber anderen Hominiden gab. Schlüsselelement war Kooperation als Kriterium der Selektion.

Dies wird im Buch anhand vieler Beispiele und Studien anschaulich erklärt. Auch neurologische und biochemische Zusammenhänge werden klar dargelegt. So sind ein auf Kooperationsvermögen basierter Selektionsdruck eng mit dem körpereigenen Serotonin- und Oxytocinhaushalt verknüpft.

Politisch hochbrisant wird das Buch dann, wenn die Dynamik der Dehumanisierung erläutert wird, welche starke Zusammenhänge mit Oxytocin und demnach auch mit der Evolutionsgeschichte des Menschen aufweist. Die zitierten Beispiele und Studien zeigen auf, wie die Selbst-Domestizierung des Menschen zwar einerseits mit mehr Kooperation und Empathie innerhalb der eigenen Gruppe, aber gleichzeitig mit gesteigertem Aggressionspotential gegenüber dem Fremden einherging. Diese In-Group/Out-Group Dichotomie äußert sich am klarsten, wenn der Out-Group schlichtweg ihr Mensch-sein abgesprochen wird. Die erschütternden Umfragen, die im Buch zitiert werden, zeigen auf, wie verbreitet dieser aggressionsgenerierende Manipulationsmechanismus heute noch ist – und wie sehr er populistischen Bewegungen und der Alt-Right Bewegung in die Hände spielt. Als Beispiel dafür fungiert im Buch nicht nur Trump, dessen Reden und Tweets unzählige dehumanisierende Begriffe beinhalten – auch Victor Orbán, Marine Le Pen und Norbert Hofer bekommen ihr Fett ab.

Im zweiten Teil des Buches werden Mittel und Wege aufgezeigt, wie es gelingen kann, die dem Homo sapiens inhärente Prädisposition für Kooperation und Freundlichkeit auch auf die Out-Group auszudehnen. Der Begriff des „expanding circle“ kommt hier zu tragen. Der Weg dorthin führe interessanterweise nicht primär über mehr Bildung; einen viel stärkeren Beitrag zur Aggressionsprävention und zum Scheitern jeglicher Entmenschlichungspropaganda leiste vielmehr die von Kindheit an gepflegte Nähe zum Fremden und Anderen („sustained friendly contact“). Eine gegenseitige Abschottung von Mehrheiten und Minderheiten verhindere den Konflikt nicht, sie befördere ihn nur. Ein frühes Zusammenleben und Zusammenarbeiten (etwa Gruppenarbeiten in ethnisch oder religiös gemischten Schulklassen) werden im Buch als die wirksamste Impfung gegen Vorurteil und gegenseitige Dehumanisierung identifiziert. Auch das stark unterschiedliche Wahlverhalten in urbanen und ländlichen Gebieten ließe sich auf die jeweils unterschiedlichen Grade des zwischenmenschlichen Kontakts mit anderen Ethnien und religiösen Gruppierungen zurückführen. In weiterer Folge führen diese Überlegungen zu konkreten Forderungen, die einer funktionierenden Demokratie und einem friedlichen Zusammenleben förderlich sind, etwa die Wichtigkeit von öffentlichen Räumen, in denen man einander zwanglos und drucklos begegnen kann und die allen Menschen offen stehen. Vor allem die Begegnung, die Kooperation und der Dialog mit jenen, die uns am wenigsten gleichen, sorgen für den Abbau von Vorurteilen und schieben jeglicher Dehumanisierungsrhetorik einen Riegel vor.

Schließlich bietet das Buch noch eine Reihe von Daten, welche belegen, dass friedlicher, nicht gewaltsamer Widerstand bei der Durchsetzung neuer Staatsformen und Ideen historisch gesehen weit erfolgreicher war als gewaltbereiter Aktionismus oder Terrorismus. („Friendliness wins. Your peaceful effort is more likely to enact lasting change.”)

Im Schlusskapitel findet das Buch dann noch einmal zurück zur Tierwelt. Es wird nahegelegt, dass jene, die das Leid von Tieren ernst nehmen, auch mitfühlender gegenüber ihren Mitmenschen sind.

„Survival of the Friendliest“ ist ein sehr erhellendes Buch. Das beeindruckende Literaturverzeichnis zeugt von tiefschürfender Recherchetätigkeit. Die vorgebrachten Hypothesen leuchten nicht nur ein, sie sind auch mit einer Flut an Evidenz abgesichert. Durch die Lektüre werden die Antagonismen von Aggression und Zuneigung im Lichte der Evolution verständlich gemacht. Daraus resultieren eine schärfere Einschätzung der Gegenwart, konkrete Handlungsvorschläge für ein friedlicheres Miteinander und ein zuversichtlicher Blick in die Zukunft.

Eine Frage des Vertrauens …

  1. Ein harter Lockdown ist in der jetzigen Phase notwendig, um Menschenleben zu retten und eine frühere Rückkehr zum Ende der Restriktionen zu ermöglichen.
  2. Das Ende der Pandemie wird erst durch eine hohe Durchimpfungsrate erreicht.
  3. Die Risiken einer Corona-Impfung sind im Vergleich zu den Risiken einer Corona-Infektion vernachlässigbar.
  4. Wer geimpft ist, schützt nicht nur sich selbst, sondern auch andere.

Diese vier Aussagen wurden in Österreich in den vergangenen Tagen in der ein oder anderen Form von Bundeskanzler, Gesundheitsminister, Bundespräsident und den diversen Landeshauptleuten vorgebracht.

Und – ja – ich vertraue auf die Gültigkeit dieser Aussagen. Warum tue ich das?

Nicht weil Vertrauen per se immer gut wäre. Zu viel Vertrauen kann fatal sein. Das hat uns die Geschichte oft genug gelehrt.

Nicht weil ich allen oben genannten Personen und ihren Parteien an sich vertraue. Das tue ich keineswegs. Bei anderen Themen bin ich nicht ihrer Meinung und vertraue manchen weitaus weniger.

Ich vertraue auf die Gültigkeit dieser Aussagen, weil sie nicht nur von den genannten Politikern kommen, sondern in ähnlicher Form und Prägnanz von den Regierungen fast aller Staaten dieser Erde geäußert werden, ganz gleich welche Staatsform dort herrscht.

Ich vertraue auf diese Aussagen, weil sie mit jenen des seriösen Qualitätsjournalismus (NY Times, Guardian, NZZ, ZEIT, BBC) weitgehend übereinstimmen.

Ich vertraue auf diese Aussagen, weil sie im Einklang mit jenen Erkenntnissen sind, zu welchen eine große Mehrheit der Wissenschaftler*innen gelangt ist, und weil sie auch von großen wissenschaftlichen Fachjournalen (z.B. Science) mitgetragen werden.

Und letztlich vertraue ich diesen Aussagen, weil sie mir in Anbetracht all dessen, was ich selbst über Geschichte, Wissenschaft, Statistik und Datenanalyse weiß, durchaus plausibel und grundvernünftig erscheinen.

Nicht in diese Aussagen zu vertrauen, läuft mehr oder minder auf die Unterstellung hinaus, die meisten Regierungen, seriösen Medien und ein Großteil der anerkannten Forscher*innen der Erde hätten sich gemeinsam verschworen, möglichst viele Menschen unglücklich zu machen, die Wirtschaft zu zerstören und Milliarden von Menschen hinters Licht zu führen. Cui bono? Niemand.

Und doch liest man ständig die absurdesten Unterstellungen. Sämtliche Zahlen seien gefälscht, Menschen stürben gar nicht an dieser Krankheit, Entscheidungsträger*innen würden ihre eigene Impfung nur vortäuschen, wir würden alle mit Mikrochips geimpft und zu Robotern gemacht, alle anderen Meinungen würden zensiert, Corona würde durch 5G und Jet Streams verbreitet, alle folgten nur den Anweisungen irgendwelcher dunklen Mächte. Von da ist es dann nicht mehr weit bis zum Glauben an Echsenmenschen, bis zu antisemitischen Märchen (die Rothschilds seien schuld), bis zum absoluten Realitätsverlust.

So eine gewaltige Verschwörung ist in meinen Augen nicht nur vollkommen absurd, sie ist schlicht und einfach undurchführbar. Es erfüllt mich mit Schaudern, wie viele Menschen so etwas für plausibel halten. Wer so etwas glaubt, steht in meinen Augen auf der falschen Seite der Geschichte. Greifen diese wirren Ideen weiter um sich, so wird die Pandemie wohl länger dauern, als sie es angesichts des vorhandenen Impfstoffs müsste. Die Einschränkungen werden länger notwendig sein. Und ja, es werden wohl auch mehr Menschen sterben.

Jedenfalls werde ich mich an die Maßnahmen halten, werde mich so bald wie möglich impfen lassen und werde allen Menschen guten Gewissens empfehlen, dasselbe zu tun. Ich werde um Vertrauen werben. Damit wir diesem Wahnsinn möglichst bald entfliehen. Damit der nächste Jahreswechsel wieder gebührend gefeiert werden kann. Und zurückblickend wird man feststellen, dass die Menschheit mit Disziplin, mit Wissenschaft und dem nötigen Vertrauen diese größte Krise seit dem letzten Weltkrieg gemeistert und bewältigt hat.

Ich wünsche „Frohe Weihnachten“ und einen guten, stillen Übergang ins hoffentlich gesündere und bessere Jahr 2021.

Edition Kufstein

In den letzten paar Wochen hatte ich endlich die Zeit, die drei bisher erschienenen Bände der „Edition Kufstein“ zur Geschichte der Festungsstadt im 20. Jahrhundert zu lesen. Es lohnt sich. Bei der Lektüre werden doch einige Zusammenhänge klarer. Das Wissen um die Vergangenheit wirft ein besonderes Licht auf die Gegenwart, ohne welches man einiges übersieht. Alte Straßennamen werden plötzlich lebendig, da man sie nun mit Geschichten und Persönlichkeiten zu verknüpfen weiß. Und falls man einen Teil jenes Jahrhunderts selbst erlebt hat, so erwacht gewiss manch alte Erinnerung und wird mit Bedeutung erfüllt. Diese Bücher sind das Resultat eines gut durchdachten Projektes. Nicht nur archivarische Studien, sondern auch Interviews und natürlich die Erzählcafés der letzten Jahre, bei denen viele Kufsteinerinnen und Kufsteiner ihre Erinnerungsschätze teilten, haben zum Inhalt beigetragen.

Vor allem jüngeren Menschen seien diese Bücher ans Herz gelegt. Man lebt bewusster, wenn man weiß, auf wessen Schultern man steht und wer schon alles auf jenen Straßen gewandelt ist, auf denen man heute noch spazieren geht. Außerdem schützt man sich davor, vergangene Fehler und Tragödien zu wiederholen – und derer gab im zwanzigsten Jahrhundert viele. Es ist schön, von der Vergangenheit zu lernen und sie zugleich als Warnung und Inspiration anzuerkennen.

Ich freue mich schon auf die weiteren Bände.

Allgemein

Von Anmaßung und Vertrauen

Immer wieder erstaunlich, diese unerschütterliche Selbstsicherheit derer, die so eisern an ihrem Glauben festhalten, fast alle Regierungen der Welt träfen in historischer Einigkeit die falschen Entscheidungen, während nur eine kleine Schar von Querdenkern und Youtubern im Besitz der Wahrheit wäre.

Da fallen mir die Worte Frank-Walter Steinmeiers ein, der neulich im ZEIT Interview so trefflich kommentierte: „Die Ablehnung der Corona-Maßnahmen hat bei manchen den Charakter eines säkularen Glaubensbekenntnisses angenommen, einer in sich geschlossenen Welt, in die man von außen nur schwer reinkommt.“

Ich für meinen Teil besitze nicht die Anmaßung, dass ich es besser wüsste als die große Mehrheit der Wissenschaflter*innen und Ärzt*e*innen. Ich glaube auch nicht, dass ich es besser weiß, als die Berater*innen so ziemlich aller politischen Entscheidungsträger*innen dieser Welt. Doch ich vertraue all diesen im Angesicht historischer Einigkeit wesentlich mehr als Servus TV und Jana aus Kassel.

Die Menschheit wird dieses Virus dank Disziplin und Impfstoff zu besiegen wissen. Dies wäre leichter und ginge schneller, wenn mehr Menschen an einem Strang ziehen würden.

Allgemein

Die Verwandlung – eine Lockdown-Lesung

Wieder und wieder liest und hört man in Sozialen Medien, Kundmachungen, E-mails und persönlichen Gesprächen davon, dass wir gerade seltsame, merkwürdige, gar verrückte Zeiten durchleben. Das Jahr 2020 mutet zweifelsohne seltsam an; in vielerlei Hinsicht auch merkwürdig. Für dieses diffuse Unbehagen, das einen ob dieser unsichtbaren viralen Gefahr bisweilen beschleichen mag, für diese bizarre „neue Normalität“, in die sich Menschen rund um den Globus nach und nach gestellt finden, für diese absurde Umkehr der Verhältnisse, die uns unsere Nächsten mitunter in unerreichbare Ferne rücken, wirken die Begriffe „seltsam“, „merkwürdig“ oder „verrückt“ jedoch irgendwie zu klein geraten.

„Kafkaesk“ mag dem zerrütteten Ganzen schon etwas näherkommen. So wurde im Lockdown 1 die Idee zu einer Lesung geboren, welche Lesenden ebenso wie Zuhörenden eine willkommene Pause von exponentiell steigenden Kurven, Verschwörungstheorien und allgegenwärtiger Unsicherheit bieten soll. Im Lockdown 2 dürfen wir Ihnen nun unser Projekt vorstellen: Franz Kafkas dreigeteilte Erzählung „die Verwandlung“, gelesen von 15 Mitgliedern des Stadttheaters Kufstein in ihrem jeweiligen begrenzten Lockdown-Umfeld, aufgezeichnet mit den jeweils zur Verfügung stehenden technischen Mitteln.

Wenn Ihnen also zwischen virtuellen Kaufräuschen, „Last Christmas“-Endlosschleifen und zerbröselten Vanillekipferln der Sinn nach etwas dezent Abgründigem steht oder Sie einfach einen verstohlenen Blick in die Wohnlandschaften der Stadttheater-Mitglieder werfen wollen, dann begleiten Sie uns auf eine Zeitreise nach Prag in die ersten Dezembertage des Jahres 1912, wo Kafka jene Erzählung um den verkäferten Gregor Samsa verfasst hat, die über hundert Jahre später auf unseren Zeitgeist treffen soll.

Teil 1: Bernhard Buchauer, Anna-Sophie Bucher, Hannes Reitberger, Hildegard Reitberger und Brigitte Einkemmer
Teil 2: Franz Osl, Babsi Gröters, Karolina Bucher, Klaus Reitberger und Miriam Westermeier
Teil 3: Elisabeth König, Gunther Hölbl, Verena Kirchner, Maria Kaindl und Klaus Schneider

Idee und Umsetzung: Maria Kaindl

Technischer Support: Klaus Reitberger

Musik: Pensive MF-5128 (Lizenz: music fox – production music)

Allgemein

Kufstein English Theatre

Kufstein English Theatre (kurz K.E.T.) ist ein Projekt der International School Kufstein Tirol. Im Rahmen des vielfältigen Theaterunterrichts bringen die Schülerinnen und Schüler der 10. Schulstufe jedes Jahr ein Theaterstück in englischer Sprache auf die Bühne. Dank deutschen Übertiteln können auch jene den Vorstellungen gut folgen, deren Englisch nicht ganz sattelfest ist.

Als Teacher of Theatre ist es mir eine Freude, jedes Jahr wieder mit jungen, begeisterten Menschen, darstellende Kunst auf die Bühne zu bringen.

Leider hat uns Covid19 diese schöne Produktion vermasselt.
Im Jahre 2019 spielte das junge Ensemble der ISK das Stück „Bluthochzeit“
2018 folgte Shakespeares „Sommernachtstraum“
Das erste Stück des Kufstein English Theatre wurde im Juni 2017 gespielt.