Ödipus Rex

Ödipus Rex ist eine fast zweieinhalb Jahrtausende alte Tragödie, die uns auch heute noch so viel zu geben vermag. Gerade jetzt. Denn beide Welten – die des Ödipus und die unsrige – werden von einer Seuche heimgesucht. Auch in diesem Stück leidet man unter großen gesellschaftlichen Umwälzungen. Man klagt über verlorene Freiheiten. Man sucht nach Menschen, denen man die Schuld in die Schuhe schieben kann. Vieles in diesem alten Text erinnert an die letzten Monate.

In diesem Sinne versucht meine Inszenierung die Brücke zur Gegenwart zu schlagen. Aber Ödipus ist weit mehr als die Geschichte einer Epidemie. Es ist zugleich ein emotionales Familiendrama und auch eine spannende Kriminalgeschichte – die Suche nach einem Mörder, dessen Verbrechen schon viele Jahre in der Vergangenheit liegt.

Als Freilichtproduktion am Festungsneuhof macht dieses Stück es möglich, sowohl auf der Bühne wie auch im Publikum alle nötigen Sicherheitsabstände einzuhalten und kein Risiko einzugehen. Es ist schön, wieder sicher ins Theater gehen zu dürfen – schöner noch, wenn die Geschichte, die dort erzählt so einen starken Bezug zu unserer eigenen Gefühlswelt in dieser seltsamen Gegenwart aufweist.

Eigentlich wäre ja die Wiederaufnahme des „Jedermann“ auf dem Programm gestanden. Doch zu groß wäre das Ensemble, zu eng und zu innig das Geschehen auf der Bühne. Des Weiteren würde das frühe, verpflichtende Ende der Aufführung um 22.00 Uhr sämtliche Lichteffekte zunichtemachen. Doch wenn A nicht geht, dann macht das Stadttheater Kufstein eben B. Freuen Sie sich also auf die ungeheuer spannende Geschichte des Königs Ödipus.

Es spielen: Klaus Schneider, Hildegard Reitberger, Franz Osl, Maria Kaindl, Elisabeth König, Anja Widmoser, Martin Heis und Reinhard Exenberger

Idee und Regie: Klaus Reitberger

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Kufsteiner Nachtgespräche

Seit 2017 lädt die Stadt Kufstein mehrmals jährlich zum Kufsteiner Nachtgespräch. Expert:innen referieren zu brandaktuellen Themen. Im Anschluss folgt eine rege Diskussion. Seit Kurzem finden die Nachtgespräche pandemiebedingt auch (oder nur) als Online-Stream statt.

Fakenews & Social Media

Social Media, Manipulationen & Falschmeldungen: Wie sie funktionieren und welche Gefahren für Gesellschaft und Demokratie entstehen können. Die Massentauglichkeit des Internets hat dazu geführt, dass Informationen aller Art jederzeit abrufbar sind. Gleichzeitig hat Social Media dazu geführt, dass wir alle zu Sendern geworden sind. Daraus ergeben sich völlig neue Anforderungen an den Informationskonsum, denn nicht nur jeder kann senden, sondern auch gefühlt alles kann gesendet werden.

Weltklima und Klimapolitk

Der menschgemachte Klimawandel hat begonnen und das Klimasystem erwärmt sich schnell weiter. In Paris haben die Regierungen der Staatengemeinschaft beschlossen, die Erwärmung auf maximal 2°C über dem vorindustriellen Wert zu begrenzen, möglichst 1,5°C nicht zu überschreiten. Der Vortrag von Georg Kaser versucht, das Spannungsfeld zwischen Forschungsergebnissen und politischer Realität verständlich zu machen und Wege zum Handeln aufzuzeigen.

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Four more years?

Gespaltenes Amerika. Republikaner gegen Demokraten. Konservative gegen Weltoffene.
Trump gegen den Rest der Welt. Während der amtierende Präsident von der Vollendung einer Mauer und einer weiteren Amtszeit träumt, sehnen sich die anderen nach einem Neustart.
Und mitten drin: die Klimakrise. Und noch dazu: Corona.
Es sind stürmische Zeiten, in der sich die Weltmacht befindet und die ihr noch bevorstehen. Zeitpunkt der Beruhigung: nicht absehbar. Ergebnis der kommenden Wahl: ungewiss.

Das Ende der Vielfalt

Rund eine Million Pflanzen- und Tierarten sind vom Aussterben bedroht und das Tempo der Vernichtung nimmt weiter Fahrt auf. Zwar ist die Betroffenheit nach den neuesten Zahlen groß. Und noch größer ist die Trauer und die mediale Aufregung, wenn der weiße Flussdelphin in China oder das Sumatra-Nashorn in Asien verschwinden. Doch diese Arten sind nur die Spitze des Eisberges. Der Teufel steckt im Detail der menschlichen Existenz.

Unsere Zukunft im Weltall

Die Mondlandung von Apollo 11 jährte sich eben zum fünfzigsten Mal. Aber wie viel ist geblieben von der einstigen Euphorie für das Weltall, die damals fast die ganze Menschheit erfasste? Wenig. Man blickt nur mehr selten hinaus zu den Sternen. Das Genre der Science-Fiction ist unpopulärer geworden. Die Reise zum Mars wird ständig weiter in die Ferne geschoben. Der Mensch ist momentan zu sehr beschäftigt mit irdischen Problemen und hat nur mehr wenig Zeit, um von stellaren Weiten zu träumen.

Das revisionistische Russland

Russland zielt auf eine Änderung der regionalen Sicherheitsordnung Europas und will in der internationalen Ordnung größeren Stellenwert und Einfluss erhalten. Was sind die Beweggründe für die aggressivere russische Außenpolitik? Was sind die unterschiedlichen Narrative Russlands und des Westens über die Entwicklungen nach 1991? Wie mächtig ist die Großmacht Russland und wo liegen ihre Schwächen? Wie wird sich das Verhältnis zur EU, zur USA und zu China in den nächsten Jahren entwickeln? Wie umgehen mit diesem Russland? Darauf will der Vortrag Antworten geben.

Selbstbestimmung am Lebensende

„Die Wissenschaft sitzt in Österreich in einem Elfenbeinturm“, sagt Dr. Christiane Druml, die seit 2007 die Bioethikkommission beim Wiener Bundeskanzleramt leitet. „Wissenschaft sollte öffentlicher sein. Die Position des Wissenschafters ist zu wenig anerkannt“. Deshalb ist es das Hauptanliegen der Juristin, die sich einen ausgezeichneten Ruf als Expertin für Ethik im medizinischen Bereich erworben hat, öffentliche Debatten über die brennenden Fragen an der Schnittstelle von Vertretbarkeit und Machbarkeit zu initiieren.

#KILL GAFA!

Der digitale Wandel ist in aller Munde, aber nicht immer in berufenem. Allzu oft wollen Dilettanten und Schwätzer erklären, was sie selbst nur halb verstehen. Bei Tim Cole ist das anders. Der seit 40 Jahren in Deutschland und neuerdings im Salzburger Lungau lebende Amerikaner war Mitte der 90er-Jahre der erste Blogger in deutscher Sprache und gilt als der Internet-Pionier der ersten Stunde im deutschsprachigen Raum. Als Kolumnist bei „Capital“, „Süddeutsche Zeitung“ oder „Die Welt“, als Bestsellerautor, Keynote-Speaker und Moderator und als fixe Größe auf Twitter, Facebook und YouTube wurde Cole zum Popularisierer des Web, zum Wortführer der Natives, aber auch zum klugen Analytiker von Potenzialen und Gefahren.

Der Skandal von Tier und Mensch

Was wir tun müssen, um das Leid unserer entfernten Verwandten zu lindern. „Tiere in Tierfabriken. Tiere in Tierversuchen. Tiere auf Tiertransporten. Wer die Bilder gesehen und ein Herz im Leib hat, wird entsetzt sein. Wie ist es möglich, dass wir so mit Tieren umgehen, auf eine Weise, die die Mehrheit der Menschen nicht für richtig befindet? Warum fällt es unserer Gesellschaft so schwer, diese Altlasten loszuwerden? Und warum ignoriert jede Regierung, egal welchen Couleurs, die Forderung nach einer Verbesserung, wenigstens in kleinen Schritten?
Die Aufklärung mit ihrem wissenschaftlichen Weltbild und der Idee von Menschenrechten war ein sehr wichtiger Schritt. Doch er wurde am Rücken der Tiere erkauft.“ M. Balluch

Supermacht China: Chance oder Bedrohung?

Nur wenige europäische Stimmen mischen im Diskurs über China mit: Verena Nowotny, fundierte Außenpolitik-Expertin und Buchautorin, hat zwei Jahre in Shanghai gelebt und bietet ein differenziertes Bild der komplexen Entwicklungen in diesem bevölkerungsreichsten Land der Erde.

„Es gibt keine einfachen Antworten auf die Fragen in China“, so Nowotny. „Viele Entwicklungen in diesem Land wirken widersprüchlich für uns, sind aber aus kulturellen Unterschieden erklärbar. Genauso wie wir ganz natürlich akzeptieren, dass die USA für unser Leben in Europa relevant sind, sollten wir uns dies auch bei China angewöhnen – ohne Angst und ohne Vorurteile.“

Europa – wohin?

Das reichhaltige Curriculum von Erhard Busek zeigt die Vielzahl seiner Themen, Funktionen und Ziele. Spezialist ist der ehemalige EU-Beauftragte für Südosteuropa in allen Fragen des Balkans. Als Minister und Vizekanzler war ihm die Bildung immer ein besonderes Anliegen. Der österreichische Paradeintellektuelle der Politik spricht über Hochschulen, Kulturpolitik und über europäische Herausforderungen.
Politiker, Publizist, Europäer, Kulturförderer – Dr. Erhard Busek ist eine der prägenden Persönlichkeiten Österreichs. Er war Vizebürgermeister der Bundeshauptstadt Wien und Vizekanzler, Wissenschaftsminister und Unterrichtsminister, Generalsekretär und Bundesparteiobmann der ÖVP.

Die Grenzen der Toleranz

Die offene Gesellschaft hat viele Feinde. Die einen streiten für »Allah«, die anderen für die Rettung des »christlichen Abendlandes«, letztlich aber verfolgen sie das gleiche Ziel: Sie wollen das Rad der Zeit zurückdrehen und vormoderne Dogmen an die Stelle individueller Freiheitsrechte setzen.
Wie sollen wir auf diese doppelte Bedrohung reagieren? Welche Entwicklungen sollten wir begrüßen, welche mit aller Macht bekämpfen? Michael Schmidt-Salomon erklärt, warum grenzenlose Toleranz im Kampf gegen Demagogen auf beiden Seiten nicht hilft und wie wir die richtigen Maßnahmen ergreifen, um unsere Freiheit zu verteidigen.

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Lukrez: De rerum natura

Es ist schwer in Worte zu fassen, wie großartig und unschätzbar wertvoll für die Nachwelt dieses über zweitausend Jahre alte Werk aus der Spätphase der römischen Republik uns erscheinen sollte. Seit vielen Jahren ist mir Lukrez in Zitaten und Verweisen immer wieder untergekommen (z.B. bei Bertrand Russell, aber auch in Büchern über Poesie und Naturwissenschaft). Leider hatte ich bisher nie die Zeit gefunden, De rerum natura in voller Länge zu lesen. Es war dafür schon reichlich spät. Aber dafür habe ich es nun mit umso lauterer Stimme gelesen und die alten Worte in meinem Wohnzimmer oder beim Wandern im Wald erklingen lassen.

Obwohl wir fast gar nichts über das Leben des Lukrez wissen, geht aus seinen Worten doch ganz klar hervor, dass er ein scharfer Beobachter der Natur, ein Kombinierer par excellence und ein famoser Dichter war. Er hat in seinem Werk so vieles behauptet, das seine Zeitgenossen als absurd bezeichnet haben, das in späteren Jahrhunderten als ketzerisch und gefährlich gebrandmarkt wurde und das sich doch fast zwei Jahrtausende später als goldrichtig erwies. Seine Atomtheorie ist sehr ähnlich dem, was man heute noch unter dem Begriff versteht. Achtzehn Jahrhunderte vor Robert Brown beschrieb er schon recht akkurat die Brown‘sche Molekularbewegung. Neunzehn Jahrhunderte vor Charles Darwin umriss er schon ansatzweise die Funktion von Genen und nahm in manchen Passagen Aspekte der Evolution vorweg. Er schrieb über Magnetismus, die Physik der Sinne, über Erdbeben und Vulkanausbrüche, Donner und Blitz, über den unendlichen Kosmos, über ferne Sterne und Planeten… sogar kosmische Strahlen werden schon angedeutet. Es ist direkt unheimlich, wie viel dieser Mensch vor über zweitausend Jahren schon richtig erriet. Erraten ist aber das falsche Wort; er rätselte ja nicht ins Blaue hinein, sondern begründete all seine Behauptungen mit Analogien aus der Natur. Sein Scharfsinn ist dabei ungemein faszinierend. Und das Beste an all seinen Thesen: Er schrieb sie in Versen. Nicht nur das, er erklärt uns sogar, warum er das tut. Weil komplexe Wahrheiten leichter bekömmlich sind, wenn man sie in Geschichten und schönen Worten verpackt. Oh ja. Die moderne Wissenschaft sollte sich dies zu Herzen nehmen.

Natürlich liegt Lukrez auch oft falsch. Seine Erklärungen des Sehens und Hörens sind falsch, seine Erklärungen des Riechens und Schmeckens dafür goldrichtig. Seltsamerweise bezweifelt er die Kugelgestalt der Erde. Auch bei anderen Phänomenen liegt er weit daneben. Und doch ist manches – so falsch es im Licht moderner Erkenntnisse auch scheint – immer noch bei Weitem richtiger als konkurrierende Erklärungsmodelle seiner Zeit. Seine Polemik, mit der er sich über den Glauben an die griechisch-römische Götterwelt amüsiert, ist grandios. (Wieso wartet Zeus immer auf schlechtes Wetter, bevor er seine Blitze schleudert?) Seine Religionskritik lässt sich aber ebenso gut auf das Christentum anwenden. Man meint an vielen Stellen gar, er würde sich auf selbiges beziehen. Allerdings gab es dieses zur Zeit der Abfassung von De rerum natura noch gar nicht.

Dass wir dieses Buch haben, dass es den Jahrhunderten nicht gelang, es zu vernichten, haben wir wohl historischen Zufällen zu verdanken. Viele Jahrhunderte lang geriet es in Vergessenheit, bis es im fünfzehnten Jahrhundert in einer deutschen Klosterbibliothek zufällig wieder zum Vorschein kam. Dass die katholische Kirche keine rechte Freude damit hatte, ist kein Wunder. Für Lukrez ist die Seele ein physisches Phänomen und daher genauso sterblich wie der Leib, göttliche Intervention ist blinder Aberglaube, religiöse Ideologie ein Übel, das Familien und Staaten in Kriegen zerreißt. Explizit spricht er auch von Sexualität und anderen Tabuthemen der Theologie des Mittelalters. Lukrez möchte jenen, die sein Werk lesen, die Angst vor Göttern und vor dem Tod nehmen. Der Weg dazu liegt für ihn mitunter in der Naturwissenschaft, in der Erkenntnis der Natur der Dinge, die einher geht mit tiefem Staunen und aufrichtiger Faszination für die Phänomene des uns umgebenden Kosmos. Jener Philosoph der griechischen Antike, auf den sich Lukrez dabei am meisten beruft, ist kein anderer als Epikur, welcher ja bekanntlich bei Dante ganz tief unten in der Hölle sitzt. Beide – Lukrez und Epikur – sind Fackelträger der Diesseitsbejahung.

Trotz aller Widerstände schafften es die Worte des Lukrez bis in die Gegenwart. Und auf dem Wege inspirierten sie viele große Geister jüngerer Vergangenheit: Giordano Bruno, Montaigne, Molière, Goethe und viele mehr. Es ist spannend zu erspüren, wie sich die Spuren dieses Werks durch die Geschichte ziehen.

Man kann Lukrez primär als Dichter sehen – oder als Proto-Naturwissenschaftler – oder als beides. Ich wäre schon geneigt, dieses Buch als frühes Beispiel naturwissenschaftlicher Welterklärung zu betrachten und es etwa in einer Reihe mit Newtons so viel späterem Philosophiae Naturalis Principia Mathematica zu nennen. Der Anspruch der schlüssigen Welterklärung bleibt derselbe. Die Methode allerdings verlagerte sich von der Poesie zur Mathematik, wobei sich letztere als die viel tauglichere Sprache entpuppte – zumindest für die Ziele der Naturwissenschaft.

Neben Poesie und Wissenschaft sollte man natürlich nicht darauf vergessen, den philosophischen Aspekt dieses Werkes hervorzuheben. Es entstand zu einer Zeit als sich die einzelnen Naturwissenschaften noch nicht von der Zwiebelstruktur der Philosophie abgeschält hatten, als z.B. Physik mangels naturwissenschaftlicher Methodik noch Naturphilosophie hieß. Die Lukrez’sche Methode des Erkenntnisgewinns birgt etwas Urphilosophisches in sich. Der menschliche Geist selbst wird hier zum Mess- und Analyseinstrument, mit dem gelang, was sinnerweiternden Geräten noch jahrhundertelang nicht gelingen würde.

Zwei besonders prägende Stellen im Werk des Lukrez möchte ich noch herausgreifen. Seine Beschreibung der Attischen Seuche (jene Epidemie, die Athen von 430–426 v. u. Z. heimsuchte und von der uns schon Thukydides erschütterndes Zeugnis liefert) gehört wohl zu den frappierendsten Schilderungen in Vers, die je über Krankheit und Tod geschrieben wurden. Vor allem, wenn man selbst gerade eine Pandemie durchlebt, hören sich diese Zeilen aus längst vergangener Zeit so erschreckend aktuell und vertraut an.

Und dann wäre da noch jene Stelle, die das Herz aller Science-Fiction Freunde schneller schlagen lässt. Seit wann träumen die Menschen von der Existenz außerirdischen Lebens auf fremden Welten im All? Seit ein paar hundert Jahren? Nein, schon Lukrez hält es für wahrscheinlich, dass wir nicht allein im All sind. Denn ist die Zeit nur lang genug, so wiederholt sich, was sich auf Erden ereignet hat, wohl auch anderswo. Hier die nämliche Textstelle in der großartigen Übersetzung von Alicia Elsbeth Stallings:

Besides, when matter is available in great supply,
Where there is space at hand, and nothing to be hindered by,
Things must happen and come to pass. That is a certainty,
In all the time Life has existed for, the full amount,
If the same Force and the same Nature abide everywhere
To throw together atoms just as they’re united here,
You must confess that there are other worlds with other races
Of people and other kinds of animals in other places.

Lucretius, ~60 BCE

Gänsehaut pur.

Auf See

Ein Gutes dieser misslichen Lage, in der man kein Theater mehr besuchen und auch keines inszenieren darf, ist, dass man mehr Zeit zum Lesen hat. So habe ich neulich ein Buch gelesen, vor dem ich mich weit mehr als vor anderen scheute – ist es doch mein eigenes.

Mehr als fünfzehn Jahre sind vergangen, seit ich „Auf See“ geschrieben habe – lange genug, um längst vergessen zu haben, was darin geschrieben steht. Nur schemenhaft konnte ich mich mehr an die vielen Facetten dieses Buches erinnern, an die Lebensgeschichten der Mannschaft, an die Gespräche mit dem Kapitän. Vieles war vergessen. Das erlaubte mir, dieses Werk beinahe mit derselben Distanz zu lesen, als ob der Autor mir völlig fremd wäre. Ich hatte damit gerechnet, dass mir manches peinlich sein, dass ich Inhalte und Aussagen von „Auf See“ aus heutiger Sicht problematisch finden würde. Außerdem rechnete ich damit, dass ich in diesem Roman jenes Neunzehnjährigen, der ich einst war, viele Mängel, viele erzählerische Schwächen entdecken würde.

Doch dem war nicht so. Ich war überrascht, dass die Geschichte immer noch funktioniert, dass ihre Tragik und Tiefe nicht im Licht der Zeit verblasst ist. Vor allem jene Schliche, mit denen das Buch die Lesenden oft auf die falsche Fährte führt, ihnen ein gewisses Urteil abringt und es dann Seiten später als voreilig und falsch hinstellt, haben mich sehr amüsiert. Stellenweise habe ich mich sogar selbst hinters Licht geführt. Dachte ich das damals wirklich? Seiten später die Erleichterung: Nein, tat ich nicht.

Mit einem Lächeln im Gesicht freue ich mich nun, dass ich „Auf See“ – diesen philosophisch angehauchten Abenteuerroman eines Teenagers – in neuem Kleid und mit kleinem Preis wieder auf die Reise schicken kann. Einen richtigen Verlag habe ich dafür leider nie gefunden. Einerseits hatte ich wohl nicht genug Geduld bei der Suche, andererseits waren die Erfolgsaussichten eines Erstlings, der alles andere als ein Krimi ist, wohl sehr gering. Umso schöner ist es aber, dass die heutige Zeit den Schreibenden ermöglicht, auch auf eigene Faust ohne Risiko zu publizieren. „Auf See“ bleibt für mich eine schöne Erinnerung an vergangene Jahre, ein funkelndes Schmuckstück in meinem Regal früher Werke.

Und falls es sich sonst noch jemand ins Regal stellen will: hier geht’s zur 524 Seiten dicken Printausgabe, und hier geht’s zum eBook.

Edwin Abbott: Flatland

Ein schöner Klassiker von mathematischer Eleganz und fein zugespitzter Gesellschaftskritik. Wie ein Buch es nur selten vermag, spielt Flatland mit der Vorstellungskraft der Lesenden und führt sie aus einer zweidimensionalen Welt hinaus in die Möglichkeitsräume von Raum und Zeit. Man mag beim Lesen kaum glauben, dass dieses Buch tatsächlich schon im Jahre 1884 verfasst wurde, so modern scheint die Kritik, so unkonventionell die Sprache, die eine wunderschöne Balance von mathematischer Prägnanz und poetischem Charme hält. Die vielen versteckten Shakespeare-Zitate, die alle Dimensionen durchdringen, tun ihr Übriges, um dem Werk eine überzeitliche Bedeutung zu verleihen.

Viel Wahrheit steckt in diesen Worten. Weder physikalisch noch mathematisch ist die dreidimensionale Welt eine Notwendigkeit. So wie der Held dieser Geschichte – ein etwas biederes Quadrat – anfangs nicht vermag, sich mehr als zwei Dimensionen vorzustellen („Upwards, but not northwards“), so scheitern auch wir daran, Vier- und Fünfdimensionalität zu imaginieren. Und dabei zeigt uns doch spätestens seit 1915 die Allgemeine Relativitätstheorie die Möglichkeit auf, dass der dreidimensionale Raum des Kosmos in eine vierte Dimension gekrümmt sein könnte. Mathematisch kein Problem, doch unsere Vorstellungskraft, die evolutionär darauf getrimmt ist, von Baum zum Baum zu springen, kommt da leider nicht mehr mir. Für alle, die es doch riskieren wollen und den Weg zur Mehrdimensionalität suchen, bietet Edwin Abbott in Flatland wunderbare Analogien. Denn erst wenn man sich wirklich vorstellen kann, wie eine Welt in nur einer oder zwei Dimensionen aussehen würde und von dort jeweils den Schritt in die nächste Dimension vollzieht, erst dann vermag man zu erahnen, was denn nötig wäre, um den Schritt aus der 3D-Welt zur 4D-Welt zu machen.

Schwer zu glauben, dass Abbott sein Flatland geschrieben hatte, ohne noch irgendeine Ahnung davon zu haben, dass wenige Jahrzehnte später die Physik Wegweiser in eben jene Möglichkeitsräume finden würde, die er hier beschreibt. Ob Einstein wohl Flatland gekannt hat? Es würde mich nicht wundern.

Spannend ist auch der Umstand, dass die Gesellschaft der zweidimensionalen Welt, aus welcher der Protagonist stammt, eine Art klerikale Diktatur ist. Die Progression von Dreiecken zu Polygonen im Laufe der Generationen mit der ständigen Gefahr der Irregularität und damit einhergehenden Ächtung verhindert weitgehende soziale Umwälzungen. Die Unterdrückung der spitzwinkligen Dreiecke erinnert an Sklavenhaltung oder die Repression der Arbeiterschaft. Die höherdimensionale Welt, aus welcher das Quadrat (dessen Vater ein gleichseitiges Dreieck war, dessen Söhne Pentagone und dessen Enkel schon Hexagone sind) besucht wird, scheint eher demokratisch gesinnt zu sein. Doch auch diese Kugel wirkt beschränkt, wenn es vom Quadrat mit der Möglichkeit der Vierdimensionalität konfrontiert wird. Auch die Unterdrückung des weiblichen Geschlechts, welches in Flatland, nur aus Linien besteht, wird thematisiert. Letztlich geht es um die Überwindung der eigenen Hybris – egal in wie vielen Dimensionen.

Kurzum: Allen, die mit erzählerischer Brillanz begreifen wollen, warum ein Hyperwürfel sechzehn Ecken und acht Seiten haben muss, sei dieses Büchlein wärmstens empfohlen.

Theater-Unterricht an der ISK

Seit 2015 unterrichte ich Theater an der International School Kufstein (ISK). 15- bis 18-Jährige hören in Laufe von vier Unterrichtsjahren viel Wissenswertes über die weite Welt der dramatischen Kunst und lernen, selbstsicher vor anderen auf einer Bühne zu stehen und sich zu präsentieren. In vielen praktischen Übungen erkennen die Schülerinnen und Schüler, dass Kommunikation nicht nur über Sprache, sondern auch über Gestik, Mimik, Bewegung und Körperhaltung erfolgt. All diese Aspekte werden trainniert und gestärkt. Im Theater-Unterricht an der ISK steht allerdings nicht nur das darstellende Spiel im Vordergrund. Ebenso wichtige Inhalte sind Regieführung, Design (Bühne, Kostüme, Licht, Ton, Maske) und das Verfassen bühnentauglicher Texte. Wir beschäftigen uns auch mit der Geschichte des Theaters und lernen wichtige Stückeschreiber*innen und ihre Werke kennen (Brecht, Shakespeare, Sophokles, Aristophanes, Wilde, Lorca, Ibsen, Tschechow, Molière, Williams, O’Neill, etc.). Als internationale Schule legen wir auch großen Wert darauf, nicht-europäische Theatertraditionen (Kabuki, Rakugo und Nō aus Japan, Kathakali aus Kerala, Kecak aus Bali, die Peking Oper aus China, etc.) zu erforschen und deren praktische Konventionen und kulturelle Zusammenhänge kennenzulernen. Auch ältere europäische Theatertraditionen (Commedia dell’Arte, Comedy of Manners, französische Farce oder British Restoration Theatre) spielen eine Rolle. Letzlich besprechen wir auch die ein oder andere Theatertheorie (Aristoteles, Brecht, Stanislavski, Kantor, Boal) und vergleichen die verschiedenen Ansätze über den Zweck und die Bedeutung des Theaters in Gegenwart und Geschichte.
Teil des Unterrichts ist auch die alljährliche Aufführung des Kufstein English Theatre, bei welcher die Schülerinnen und Schüler der 10. Schulstufe ein abendfüllendes Stück in englischer Sprache und mit deutschen Übertiteln auf der Bühne des Kultur Quartiers zur Aufführung bringen.
Der ganze Kurs findet in englischer Sprache statt und kann nur von Schülerinnen und Schüler der International School Kufstein besucht werden.

Das folgende Video gibt einen Überblick über die zentralen Inhalte des Kurses, welcher zum Teil in den Räumlichkeiten der ISK, aber auch im Saal der Landesmusikschule und im Theater des Kultur Quartiers Kufstein stattfindet.

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Die Fernwanderung des vergangenen Sommers

Es ist fertig, das jüngste und elfte Buch in meiner Serie „Es muss nicht immer Jakob sein!“
Darin schildere ich auf über 300 Seiten die Eindrücke und Erlebnisse meiner 500 km weiten Wanderung durch das nordostungarische Berg- und Hügelland im Sommer 2020. Es ist dies ein weiteres Teilstück auf meiner langen Reise am Europäischen Fernwanderweg E4, von dessen 10.000 km langem Verlauf ich nun schon mehr als ein Drittel bewältigt haben.

Dieses neue Buch ist weit umfangreicher als die bisherigen Etappenberichte geworden, habe ich doch immer wieder auch Episoden aus der Historie der durchschrittenen Dörfer und Landstriche in die Wegbeschreibungen einfließen lassen. Außerdem ist das Buch so reich an Farbfotografien, dass man es fast als Bildband bezeichnen könnte.

Ich schreibe diese Bücher in erster Linie für mich selbst, um mich der Erinnerungen an meine Fernwanderreisen auch später im Leben noch mit vielen Details und Farben zu erfreuen. Dass meine Wanderberichte in der Vergangenheit auf reges Interesse in der deutschsprachigen Fernwander-Community gestoßen sind, ist natürlich sehr schön. Es gibt nicht viel Literatur zum Europäischen Fernwanderweg 4. Hier füllen diese Bücher wohl eine Lücke aus, die schon viel zu lange besteht.

Wer meine Erzählungen mag, wer gerne etwas über die schönen Landschaften und Bilderbuchdörfer des nordöstlichen Ungarns lernen möchte, wer sich fürs Fernwandern interessiert oder einfach nur ein paar Anekdoten vom Wegesrand hören möchte, hat an diesem Büchlein wohl seine Freude. Von Budapest geht es ans Donauknie und weiter über die Berge von Börzsöny, Mátra und Bükk hinab zum höhlenreichen Land von Aggtelek und durch die Hernád-Senke über die Zémplen-Berge nach Sátoraljaújhely. Ich freue mich schon aufs Weitergehen.

Hier ein Überblick über all meine Bücher zum Europäischen Fernwanderweg E4.

Hier der Link zur billigen Schwarzweißversion.

Hier der Link zur schönen Version in Farbe.

Und hier der Link zum E-Book.

Pelluchon: „Manifeste animaliste“

Es ist erhebend und erfrischend zugleich, wie die französische Philosophin Corine Pelluchon in ihrer kurzen, doch prägnanten Streitschrift Manifest für die Tiere klar darlegt, dass Massentierhaltung und andere Varianten speziesistischer Neo-Sklaverei der Menschheit kurz- und langfristig weit mehr Schaden zufügen, als sie Nutzen erbringen. Der französische Titel des Werkes Manifeste animaliste trifft den Kern der Botschaft wesentlich besser, ist diese Schrift doch nicht nur ein Manifest für die Tiere, sondern auch für die Menschen – ein anti-speziesistisches Aufbegehren gegen in Tradition verhaftete Ungerechtigkeiten vieler Art, auf welche künftige Generationen wohl mit ähnlicher Scham und Abscheu zurückblicken werden, wie die Menschen der heutigen Zeit es bei Betrachtung des antiken und neuzeitlichen Sklavenhandels tun. Das Anfangszitat von Abraham Lincoln passt in diesem Zusammenhang besonders gut.

Theoretischer Unterbau dieses doch sehr knappen Büchleins ist wohl Pelluchons bisheriges Hauptwerk Wovon wir leben, in welchem sie eine Art neue Existenzphilosophie umreißt, welche den Menschen weniger als geistiges, in seiner Umwelt autarkes Wesen, sondern vielmehr als Tier in seiner Abhängigkeit natürlicher Ressourcen zeigt. Das werde ich wohl noch lesen müssen. Und ich werde es gerne tun.

Das Manifeste animaliste versteht sich als zeitgenössisches Update zu Peter Singers Animal Liberation. Im Unterschied zu Singer gründet Pelluchon ihren „Neo-Animalismus“ aber nicht mehr rein auf utilitaristische Argumentationsketten. Eine ebenso große, wenn nicht größere Rolle spielt eine auf Mitleid und Mitgefühl basierende Ethik, die doch mitunter an Schopenhauer erinnert. Letzterer hätte mit dem Manifeste animaliste wohl seine Freude gehabt.

Das Buch entlarvt die wirkmächtigen Verdrängungseffekte, welche die heutige Massentierhaltung erst möglich machen. Gleichzeitig zeigt es Verständnis für all jene, die aus Tradition oder ökonomischer Notwendigkeit Teil dieser globalen Missbrauchs Maschinerie sind und warnt davor, allzu schnell anzuklagen. Der Animalismus darf nicht selbst zum Dogmatismus werden. Und doch gilt es, an der anti-speziesistischen Forderung festzuhalten, dass die Interessen nichtmenschlicher Tiere ebenso berücksichtigt werden sollten, wie jene der Menschen. Ihr Leben sei für sie ebenso wichtig wie das unsrige für uns.

Die Politisierung der Tierfrage scheine unvermeidbar, um nachhaltige Veränderungen herbeizuführen. Dabei müsse man aber sowohl rationale wie auch emotionale Wege wählen. Die Ratio allein vermöge nicht, ausreichend Menschen zu einer Veränderung ihrer Lebensweise zu bewegen.

Spannend ist auch jene Passage, in der die Autorin den „vollständigen und hemmungslosen Mangel an Achtung vor dem Leben“ beleuchtet, der dem Status-quo-Kapitalismus zu Grunde liege und sogar einen Zusammenhang aufzeigt zwischen „Terrorismus und der Gewalt, die wir gegen andere Menschen und nichtmenschliche Tiere ausüben“.

Der Animalismus wird definiert als „philosophische, kulturelle und politische Bewegung, in der Menschen zusammenkommen, die sich durch ihre Lebensweise und ihr kollektives Handeln für den Schutz der Interessen von nichtmenschlichen Tieren einsetzen“. Er legt nahe, dass eine Aufnahme der Tiere in Ethik und Recht zugleich eine Erneuerung des Humanismus bedeute. Letztlich steuere man auf eine Welt zu, in der es nicht mehr legitim sein werde, ein anderes empfindungsfähiges Wesen auszubeuten.

Im Schlussteil liefert Pelluchons Manifest auch einige konkrete Handlungsvorschläge. Das Ende der Gefangenschaft von Tieren im Zirkus und Tierpark steht dabei nur am Beginn einer langen Kette von Forderungen, denn „Nur mit einem gespaltenen Bewusstsein kann man sich am Anblick anderer empfindungsfähiger Tiere erfreuen, die in Gefangenschaft leben müssen.“ Auch die schrittweise Rückkehr von der intensiven zur extensiven Tierhaltung bei drastischer Verringerung des Fleischkonsums wird als realistische Perspektive erörtert. Auch die positiven Auswirkungen auf die Verhinderung der Erderwärmung kommen hierbei zur Sprache. Die Erweiterung eines vegetarischen und veganen Speisenangebots in allen Städten und Institutionen versteht sich von selbst. All dies sei laut Pelluchon auch mit anhaltender wirtschaftlicher Prosperität vereinbar. Die Rolle von Künstler*innen und Intellektuellen im Zuge dieser Entwicklung wird ebenfalls diskutiert.

Am Ende schließt das Buch freilich mit jenen Worten, die in einem Manifest nicht fehlen dürfen: „Animalisten aller Länder, aller Parteien, und aller Konfessionen, vereinigt euch!“

Die veganen Kasspatzl, die ich gestern gekocht habe, schmeckten nach dieser Lektüre besonders gut.

Der Segen der Erde

„Den langen, langen Pfad durch die Moore und in die Wälder, wer hat ihn ausgetreten? Der Mann, der Mensch, der Erste, der hier war. Vor ihm gab es keinen Pfad.“

Mit diesen Worten beginnt Knut Hamsuns Roman „Der Segen der Erde“, für den ihm im Jahre 1920 der Literaturnobelpreis verliehen wurde. Auch hundert Jahre später lohnt sich die Lektüre dieses Werkes sehr. „Bodenständig“ ist wohl das Adjektiv, das am besten zur Beschreibung dieses Textes gereicht. Das einfache Leben am Land, das Leben vom Land, Viehzucht und Ackerbau, organisches Wachstum, die Schönheit des Einfachen – dies sind die Kernmotive der Geschichte.

Der starke Isak geht tief in den Wald und fängt an, ein Stück Land zu bestellen. Er baut eine kleine Hütte. Damit fängt es an. Bald gesellt sich eine Frau hinzu. Bald gibt es Kinder. Mehr Wald wird gerodet, mehr Moor wird trockengelegt. Isaks Reich wächst beständig, Feld um Feld, Tier um Tier, Gebäude um Gebäude. Andere folgen. Es sind nicht nur Bauern; Telegrafenmasten, Händler und Minenarbeiter hinterlassen bald ihre Spuren im Wald und im Leben der Protagonisten. Doch alle sind sie dem Autor verdächtig. Das gute, unverfälschte Leben findet sich nicht in der Stadt, nicht in Bildung, Handel und Wissenschaft, sondern nur im bodenständigen Landleben – so die leider nicht gut genug versteckte Botschaft, die Hamsun den Lesenden mitgeben möchte.

Doch auch, wenn man dieser Botschaft widerspricht, muss man die stilistische Schönheit und stellenweise Monumentalität dieses Romans freudig anerkennen. Wurde jemals sonst in so bewegenden Worten von einfachen Dingen berichtet – etwa davon, wie Isak das Korn aussät oder wie er gemeinsam mit seiner Frau Inger einen großen Stein aus dem Boden stemmt? Das alles kommt in Hamsuns Worten so bildgewaltig und emotional daher, dass es bei manchen die ein oder andere Träne entlockt.

Stetiges, organisches Wachstum basierend auf harter, ehrlicher Arbeit – dieses beständige Grundthema des Romans erinnert beim Lesen in gewisser Weise an manch altes Computerspiel à la Anno 1602. Wildes Land wird urbar gemacht und gibt Platz frei für Glück und neues Leben. Dieses Glück, dass die Menschen in Hamsuns Welt erleben, wird allerdings kaum in Worten artikuliert. Es findet sich nur in Handlungen, nur zwischen den Zeilen. Denn die Figuren des Romans sind allesamt kaum fähig, ihre Emotionen, ihr wahres Befinden in Worte zu fassen und einander zu offenbaren. Sie sind sprachlich stark eingeschränkt. Sagt Isak „Ach ja, mein Gott …“, so gilt es, aus dem Zusammenhang zu erschließen, was er damit wirklich sagen möchte und nicht kann.

Doch nicht nur stetiges Wachstum herrscht in Isaks Reich. Es gibt auch Rückschläge; Bürokratie, Kindsmord, rivalisierende Nachbarn, körperliche Missbildungen, Krankheit, Gefängnisstrafen und mehr drohen immer wieder, das harte und einfache, doch schöne Leben in seinem Wald zu trüben. Teilweise tun sie das auch.

An Tiefe gewinnt das Buch auch durch die vielen schön gezeichneten Figuren, die neben Isak und Inger ihre Spuren im Wald hinterlassen; die ungleichen Söhne Sivert und Elesius, die zwielichtige Oline, der dubiose und erfolglose Nachbar Brede, der brave Aksel Strøm, die zügellose Barbro, der Händler Aronsen, die Lappen, die gelegentlich durchs Land ziehen und andere.

Die vielleicht einprägsamste und gewiss rätselhafteste Figur des Romans bleibt aber der ehemalige Lehnsmann Geissler, der in unerwarteten Momenten immer wieder in die Geschichte eingreift und sie entscheidend zu beeinflussen weiß. Er ist mit Abstand auch jene Figur, die sich am besten zu artikulieren weiß und mitunter unerwartet tiefschürfend und poetisch über das Leben und die Rolle der Menschen sinniert.

„Ich bin etwas, ich bin der Nebel, bin hier und dort, ich schwimme, manchmal bin ich Regen an einem trockenen Ort.“

Getrübt wird das Lesevergnügen durch die drei oder vier Textstellen, an denen uns der Autor offensichtlich rassistische und antisemitische Vorurteile offenbart. Dies ist sehr schade. Hamsuns spätere Befürwortung des Nationalsozialismus ist aber kaum überraschend.

Und dennoch: 103 Jahre nach seiner Veröffentlichung sollte man den Roman unabhängig von den Irrungen des Autors als das nehmen, was er ist: eine monumentale Ode an das einfache Landleben und den Verdienst harter Arbeit.

„Wächst hier nichts? Hier wächst alles: Menschen, Tiere und Feldfrüchte. Isak sät. Die Abendsonne scheint auf das Korn, es fliegt im Bogen aus seiner Hand und sinkt wie ein Goldregen in die Erde. […] Wald und Berge schauen zu, alles ist Hoheit und überwältigend, hier ist Zusammenhang und Ziel. […] Dann wird es Abend.“

„Survival of the Friendliest“

„Survival of the Friendliest“ von Brian Hare & Vanessa Woods ist ein kurzes, doch inhaltsstarkes Buch, welches den Lesenden ungeahnte Zusammenhänge zwischen evolutionärer Anthropologie und Gegenwartspolitik vor Augen führt.

Warum sind Hunde und Bonobos zur kooperativen Kommunikation mit anderen Spezies befähigt, nicht aber Schimpansen? Der Schlüssel zum Verständnis liegt im der Evolution zugrunde liegenden Prinzip der natürlichen Auslese, das bei manchen Spezies klar jene Individuen bevorzugt, welche einen höheren Grad von Kooperation oder Freundlichkeit aufweisen. So kommt es zur Domestizierung oder – wie bei Mensch und Bonobo – zur Selbst-Domestizierung. Letztere wird des Weiteren als Hauptantrieb der frühen technologischen Revolution im Pleistozän identifiziert, welche dem Homo sapiens den entscheidenden Überlebensvorteil gegenüber anderen Hominiden gab. Schlüsselelement war Kooperation als Kriterium der Selektion.

Dies wird im Buch anhand vieler Beispiele und Studien anschaulich erklärt. Auch neurologische und biochemische Zusammenhänge werden klar dargelegt. So sind ein auf Kooperationsvermögen basierter Selektionsdruck eng mit dem körpereigenen Serotonin- und Oxytocinhaushalt verknüpft.

Politisch hochbrisant wird das Buch dann, wenn die Dynamik der Dehumanisierung erläutert wird, welche starke Zusammenhänge mit Oxytocin und demnach auch mit der Evolutionsgeschichte des Menschen aufweist. Die zitierten Beispiele und Studien zeigen auf, wie die Selbst-Domestizierung des Menschen zwar einerseits mit mehr Kooperation und Empathie innerhalb der eigenen Gruppe, aber gleichzeitig mit gesteigertem Aggressionspotential gegenüber dem Fremden einherging. Diese In-Group/Out-Group Dichotomie äußert sich am klarsten, wenn der Out-Group schlichtweg ihr Mensch-sein abgesprochen wird. Die erschütternden Umfragen, die im Buch zitiert werden, zeigen auf, wie verbreitet dieser aggressionsgenerierende Manipulationsmechanismus heute noch ist – und wie sehr er populistischen Bewegungen und der Alt-Right Bewegung in die Hände spielt. Als Beispiel dafür fungiert im Buch nicht nur Trump, dessen Reden und Tweets unzählige dehumanisierende Begriffe beinhalten – auch Victor Orbán, Marine Le Pen und Norbert Hofer bekommen ihr Fett ab.

Im zweiten Teil des Buches werden Mittel und Wege aufgezeigt, wie es gelingen kann, die dem Homo sapiens inhärente Prädisposition für Kooperation und Freundlichkeit auch auf die Out-Group auszudehnen. Der Begriff des „expanding circle“ kommt hier zu tragen. Der Weg dorthin führe interessanterweise nicht primär über mehr Bildung; einen viel stärkeren Beitrag zur Aggressionsprävention und zum Scheitern jeglicher Entmenschlichungspropaganda leiste vielmehr die von Kindheit an gepflegte Nähe zum Fremden und Anderen („sustained friendly contact“). Eine gegenseitige Abschottung von Mehrheiten und Minderheiten verhindere den Konflikt nicht, sie befördere ihn nur. Ein frühes Zusammenleben und Zusammenarbeiten (etwa Gruppenarbeiten in ethnisch oder religiös gemischten Schulklassen) werden im Buch als die wirksamste Impfung gegen Vorurteil und gegenseitige Dehumanisierung identifiziert. Auch das stark unterschiedliche Wahlverhalten in urbanen und ländlichen Gebieten ließe sich auf die jeweils unterschiedlichen Grade des zwischenmenschlichen Kontakts mit anderen Ethnien und religiösen Gruppierungen zurückführen. In weiterer Folge führen diese Überlegungen zu konkreten Forderungen, die einer funktionierenden Demokratie und einem friedlichen Zusammenleben förderlich sind, etwa die Wichtigkeit von öffentlichen Räumen, in denen man einander zwanglos und drucklos begegnen kann und die allen Menschen offen stehen. Vor allem die Begegnung, die Kooperation und der Dialog mit jenen, die uns am wenigsten gleichen, sorgen für den Abbau von Vorurteilen und schieben jeglicher Dehumanisierungsrhetorik einen Riegel vor.

Schließlich bietet das Buch noch eine Reihe von Daten, welche belegen, dass friedlicher, nicht gewaltsamer Widerstand bei der Durchsetzung neuer Staatsformen und Ideen historisch gesehen weit erfolgreicher war als gewaltbereiter Aktionismus oder Terrorismus. („Friendliness wins. Your peaceful effort is more likely to enact lasting change.”)

Im Schlusskapitel findet das Buch dann noch einmal zurück zur Tierwelt. Es wird nahegelegt, dass jene, die das Leid von Tieren ernst nehmen, auch mitfühlender gegenüber ihren Mitmenschen sind.

„Survival of the Friendliest“ ist ein sehr erhellendes Buch. Das beeindruckende Literaturverzeichnis zeugt von tiefschürfender Recherchetätigkeit. Die vorgebrachten Hypothesen leuchten nicht nur ein, sie sind auch mit einer Flut an Evidenz abgesichert. Durch die Lektüre werden die Antagonismen von Aggression und Zuneigung im Lichte der Evolution verständlich gemacht. Daraus resultieren eine schärfere Einschätzung der Gegenwart, konkrete Handlungsvorschläge für ein friedlicheres Miteinander und ein zuversichtlicher Blick in die Zukunft.