69 Varkala II

Ein stiller Tag der Rekonvaleszenz. Nachdem ich so spät wie noch nie auf dieser Reise (Es war schon halb zehn!) erwachte, begann ich den Tag vorsichtig mit Snickers und Sprite. Es folgten angenehme Stunden auf schattiger Terrasse mit Blick auf das Meer. Ich nahm meine Medizin, nutze das WLAN, las Mahabharata, plante den weiteren Verlauf meiner Reise, buchte Züge und Nationalparks und erfreute mich allmählich wiederkehrender Kraft und wachsenden Appetits. (Interessanterweise muss man beim Buchen einer Besuchsbefugnis für die Nationalparks von Madhya Pradesh den Vornamen des Vaters angeben.)

Schön ist es, stundenlang aufs Meer hinaus zu blicken, dies Wechselspiel von Licht und Farbe zu betrachten, an dem man sich nie sattsehen kann. Unweigerlich kamen mir Ramon Sampedros wunderbar traurige Worte „Mar Adentro, mar adentro“ in den Sinn, welche auf Deutsch die folgenden sind.

Ins Meer hinein, ins Meer,
in seine schwerelose Tiefe,
wo die Träume sich erfüllen,
und Zwei in einem Willen sich vereinen,
um zu stillen eine große Sehnsucht.

Ein Kuss entflammt das Leben
mit einem Blitz und einem Donner,
und sich verwandelnd
ist mein Körper nicht mehr Körper,
als Dräng ich vor zum Mittelpunkt
des Universums.

Die kindlichste Umarmung
und der reinste aller Küsse,
bis wir beide nicht mehr sind
als nur noch eine große Sehnsucht.

Dein Blick und mein Blick
wortlos hin und her geworfen,
wie ein Echo wiederholend: tiefer, tiefer,
bis weit jenseits allen Seins,
aus Fleisch und Blut und Knochen.

Doch immer wach ich auf
und immer wär ich lieber tot,
um endlos mich mit meinem Mund
in deinen Haaren zu verfangen.

Inspirierend. Es ist zu lange her, dass ich selber Gedichte geschrieben habe. Fast sieben Jahre lang gab’s nur Theaterstücke und Romane. Wieso eigentlich? Keine Ahnung. Die rechten Funken fehlten. Was hat sie ausgelöscht? Gammastrahlen?
Ich blicke hinaus aufs Arabische Meer und denke: Es ist wieder Zeit, Gedichte zu schreiben. So wie früher. So wie …

Gleich wie der Wind sich ewig bewegen
Niemals ein Stein, den die Erde verschlingt
Mit eisigen Bächen die Zeit zu durchfließen
Niemals erstarren. Immer im Wald.

Gleich wie der Wind, zu fliegen, zu fliegen
Niemals zu landen um Nester zu bauen
Dem Neuen entgegen sich lachend bewegen
Im Winde zu leben und ungezähmt sein.

Niemals zu warten, kein Felsen zu werden
Steine sind Staub, wenn die Zeit sie zerfrisst
Ewig zu werden, kein Sein zu erreichen
Dem Wasser zu folgen und zu vergehen.

Zu fließen, zu fliegen, zu atmen, zu singen
Auf neuen Wegen, die unbekannt sind
Auf alten Pfaden, die Sonne zu jagen
Die Sterne zu sehen und Lieder zu hörn.

Niemals sich binden, an irdische Ketten
Niemals sich legen in giftigen Staub
Lieber ins Gras, wo der Tau mich verzaubert
Lieber am Strand nah dem lachenden Meer.

Sich ewig zu wandeln und immer zu werden
Sich nie zu vollenden und nie ganz zu sein
Sich ewig bewegen, stets weiter zu schweben
Zu fließen, zu fliegen. Zu sein wie der Wind.

Und schließlich zu sterben, den Fluss zu verlassen
Doch nicht zu erstarren im Stein grauer Gräber
Lieber verdampfen, dem Nichts mich ergeben
Werdend vergehen und nimmermehr sein.

Vielleicht sollte man öfter krank sein,
(wie Nietzsche es war)
Öfter aufs Meer hinaus blicken,
(Lost on a painted sky)
Öfter zur Tatenlosigkeit genötigt werden.
Man besinnt sich dabei auf das Wesentliche
Auf die Lyrik des Lebens

Hm.
Also doch wieder Kalamari zum Abendessen.
(Gelächter im Publikum. Der Narr verlässt die Bühne. Vorhang.)

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68 Varkala I

Varkala ist traumhaft. Ein schöner, sauberer Sandstrand erstreckt sich unterhalb eines etwa dreißig Meter hohen Kliffs, über dem eine palmengesäumte Fußgängerpromenade verläuft, an welcher gute Restaurants und Handarbeitsshops ihre Waren und Köstlichkeiten anbieten. Die Menschen hier sind wunderbar freundlich und hilfsbereit. Abends gibt’s traditionelle  Life Musik und Trance Remix. Kurzum: Varkala und andere Orte in Kerala eignen sich zum perfekten  Strandurlaub. Günstig, wunderschön und nicht überfüllt. Die Strände sind fast leer.

Nach gutem Frühstück stürzte ich mich sogleich in die Wellen des Arabischen Meeres. Dieses ist ein bisschen kühler als der Golf von Bengalen. Die Brandung hier in Varkala ist unberechenbar. Man steht minutenlang im hüfthohen Wasser und nichts passiert. Dann kommt die nächste Dreimeter-Welle dahergerauscht, sodass man die Wahl hat sie zu untertauchen oder sich im wilden Strudel in alle Richtungen schleudern zu lassen und danach Mühe hat, festzustellen, wo oben und wo unten ist. Beides ist schön. Über eine Stunde lang ließ ich mich umherwirbeln. Imponierend waren auch die beiden rüstigen Damen aus Britannien (sicher über sechzig), denen das Ganze genau so viel Spaß zu machen schien, wie mir. Sie hielten länger durch.

Nach gutem Mittagessen und einem weiteren Besuch in den Wellen, begann ich mich unwohl zu fühlen. Es ging rasant bergab mit mir: Schüttelfrost, Schweißausbrüche und Fieber plagten mich. Da die Symptome auf Malaria hindeuteten, ging ich kein Risiko ein und ließ mich gleich ins nahe Krankenhaus bringen. Dort erging es mir dann wirklich mies. Ich konnte nur mehr liegen, mir wurde schwarz vor Augen, wenn ich nur die Arme hob. Die Blutuntersuchung ergab jedoch: weder Malaria noch Dengue Fieber. Vieler eher waren es die Kalamari. Da ich zu schwach war, um das Krankenhaus zu verlassen, gab man mir ein paar  nährstoffreiche Infusionen, die das Fieber rasch senkten. Gegen ein Uhr früh kam Jackson, der wunderbar freundliche Chef meines Hotels, vorbei um nach mir zu sehen, und brachte mich zurück zu meinem Zimmer am Meer. Zuvor bekam ich noch ein buntes Sortiment an Pillen mit auf den Weg.
Fazit: Das Mission Hospital von Varkala hat kompetentes, freundliches Personal. Und: Fish can be dangerous.

Seit dem dem Verlassen des Krankenhauses bin ich auf dem steilen Weg der Besserung, fürchte mich aber vor den Früchten des Meeres.

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67 Kanyakumari

Auch am nächsten Morgen regnete es noch. Nach einem zweiten nassen Ausflug zum Kap besuchte ich das nahe Gandhi Memorial. Der schrullige, alte Museumswärter führte mich durch das Gebäude und erzählte voller Stolz von Gandhi, dem Vater der Nation. Das palastartige Memorial ist ein kurioser Mix verschiedener Stile, soll es doch eine harmonische Hybridversion von Moschee, Hindutempel und Kirche darstellen. Die Maße des Baus sind dabei im Verhältnis zu Gandhis Körpermaßen gewählt. In der Mitte der Haupthalle steht eine kleine schwarze Plattform. Zwei Tage nach Gandhis Tod wurde ein Teil seiner Asche hierher gebracht. Einmal im Jahr, an Gandhis Geburtstag, fällt das Sonnenlicht durch ein Loch in der Decke genau auf die Plattform. Bei diesem Gebäude hat man das Gefühl, dass die Gandhi-Verehrung fast religiöse Züge annimmt. Der Tsunami von 2004 hat auch hier einiges zerstört, etwa auch alle Fenster des Memorials. An der ganzen Küste gab es tausende Todesopfer.

Ich schleuste mich zum Frühstück in eines der teureren Hotels ein und tat mich am reichlichen Buffet gütlich. Hernach mischte ich mich unter den Pilgerstrom zum Kumari Amman Tempel. Die Göttin Kumari (anscheinend dieselbe, die in Kathmandu am Durbar Square wohnt) hat in grauer Vorzeit ein ganzes Dämonenheer besiegt. An die tausend und mehr Pilger kommen täglich hierher, um ihr dafür zu danken. Die Kleidungsvorschriften für den Tempelbesuch sind ähnlich wie in Madurai, mit dem Unterschied, dass Oberkörper-frei bei Männern nicht optional sondern obligatorisch ist. anscheinend mögen die weiblichen Gottheiten das so.

Trotz Regen und langer Wartezeit war es einer der schönsten Tempelbesuche dieser Reise, wohl vor allem deshalb, weil ich nicht als Tourist abseits stand, sondern mittendrin im Geschehen war und  genau denselben Hokuspokus mitmachte, wie jeder hinduistische Besucher auch. Außerdem fehlte das sonst übliche Spendengeheische.
Fast eine Stunde lang hieß es im strömenden Regen Schlange stehen. Ich plauderte mit ein paar Jungs aus Maharashtra, die den weiten Weg hierher gemacht hatten. Nett war es auch unisono mit allen anderen in wütendes Protestgeheul auszubrechen, wenn sich wieder jemand vordrängeln wollte. Das Innere des Tempels war sehr dunkel und nur mit Kerzen erleuchtet. Leichte Geisterbahnatmosphäre. Gleich allen andern zog ich mit mein T-shirt aus. Im Dunkeln tauchen hinduistische Priester auf und malen einem eine Tika auf die Stirn. Man bekommt ein Fläschchen Ingwer-Öl und ein Säckchen roten Kumkuma-Pulvers in die Hand gedrückt. Das Öl ist an einer gewissen Stelle nahe dem Hauptschrein ins Feuer zu gießen. Was ich mit dem Kumkuma anfangen sollte, habe ich nicht recht begriffen. Ich behalte ihn mal als Souvenir. Nachdem man den Hauptschrein der Kumari passiert hat, gelangt man wieder ins Freie und erfreut sich wiedergewonnener Bewegungsfreiheit.

Auf die Fährfahrt zur Vivekananda und der Thiruvalluvar Insel mit ihrer riesenhaften musste ich ob der schlechten Witterung leider verzichten. Nach dem langen Stehen im Regen gönnte ich mir lieber eine trockene Stunde im Zimmer.

Etwas später besuchte ich noch Kanyakumaris Wachsfigurenmuseum, anscheinend das erste und einzige in ganz Indien. Es beherbergt ganze neun Wachsfiguren, darunter Gandhi, Einstein, Chaplin, Mutter Theresa, Papst Benedikt XVI und einen Obama, der überhaupt nicht nach Obama aussieht.

Am frühen Nachmittag, eben als der Regen plötzlich aufhörte, stieg ich in den Bus, der mich binnen drei Stunden in Keralas unaussprechliche Hauptstadt Thiruvananthapuram bringen sollte. Von dort fuhr ich mit dem Zug nach Varkala, das ich gegen acht Uhr Abends erreichte. Hier wurde ich, schon so kurz nach meiner Ankunft, von der Freundlichkeit der Menschen von Kerala überrascht. Ein netter Typ, mit dem im Zug ins Gespräch kam und welcher in Thiruvananthapuram arbeitet, bot gleich an, mich das kurze Stücke zum Strand per Auto mitzunehmen. Sehr freundlich. Im Auto saß sein Bruder, welcher hier ein Resort hat. Anders als man aber meinen könnte, machten die beiden keinerlei Anstalten mich für das Hotel zu gewinnen, sondern brachten mich direkt zur Unterkunft meiner Wahl. Und hier war ich schon auf der schönen Steilküste und hörte das Rauschen der Arabian Sea. Schön anzukommen.

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66 Madurai

Bahnreisen sind in Indien viel angenehmer als Busreisen. Mit dieser Erkenntnis erreichte ich nach recht schlafloser Fahrt um 3:30 morgens den großen Busbahnhof von Madurai. Dort wartete ich, bis der Tag etwas näher rückte. Da es hier einen Cloakroom gab, konnte ich mich meines Rucksacks entledigen und leichten Schritts in den Stadtbus springen, welcher mich zum großen Meenakshi Amman Tempel brachte.

Dieser einzigartige Tempel ist die Hauptattraktion von Madurai. Verehrt wird hier Meenakshi, eine dreibrüstige Version von Parvati, der der Legende nach ihre dritte Brust abfiel, als sie ihrem künftigen Gatten Shiva begegnete. Der Tempel besticht vor allem durch seine vier riesigen Tortürme, die alle eine farbenfrohe Götterwelt zeigen. Im sechs Hektar großen Tempelareal kann man lange umherstreifen und entdeckt immer wieder Neues. Manche Bereiche sind nur für Hindus zugänglich. In seiner jetzigen Form wurde der Tempel im 17. Jahrhundert errichtet, seine Ursprünge gehen aber auf vorchristliche Jahrhunderte zurück. Interessant sind die Kleidervorschriften. Während Frauen Knie und Schultern verdecken müssen, können Männer oberkörperfrei durch den Tempel wandern. Die Kniee müssen aber bedeckt sein.

Zwei Stunden lang streifte ich im Morgengrauen durch den im Licht stets bunter werdenden Tempel. Dabei begegnete ich neben heiligen Kühen auch einem riesigen Elefantenbullen. Gläubige verbeugen sich vor dem Tier, als wäre es Ganesha selbst. Die Menschen geben dem Elefanten einen Geldschein. Dieser nimmt das Geld mit seinem Rüssel, reicht es diskret seinem Mahut und tätschelt dann anerkennend dem Spender per Rüssel den Kopf. Erstaunlich anzusehen.

Nach gutem, südindischem Frühstück (sambar und idlis), besuchte ich das zweite wichtige Bauwerk Madurais, den Palast von Tirumalai Nayak. Dieser Fürst lebte Anfang des siebzehnten Jahrhunderts, als nach jahrzehntelanger Herrschaft muslimischer Könige wieder Hindus an die Macht kamen. Obwohl nur teilweise erhalten, zeugt der Bau von beachtlichen Ambitionen und immensen Reichtum des Herrschergrschlechts der Nayaks. Die riesige, 25 Meter hohe Säulenhalle ist beeindruckend. Selbst ohne Meenakshi Amman Tempel (übrigens auch von Tirumalai Nayak erbaut) wäre Madurai dank des Palastes einen Besuch wert gewesen.

Zurück am Busbahnhof nahm ich die letzten vier Stunden meiner langen Reise nach Süden in Angriff. Das Kap war nicht mehr weit. Die Fahrt hatte einige schöne Aussichten zu bieten, rückt man doch in die unmittelbare nähe der Westlichen Ghats, eines südindischen Gebirges, das Höhen bis zu zweitausend Meter erreicht. Die Hügel am Straßenrand erinnerten mich ein bisschen an die Gegend von Sedona, Arizona.

Am späten Nachmittag erreichte ich schließlich Kanyakumari. Kaum war ich da, brach ein Sturm herein und brachte reichlich Regen. Ich suchte mir ein günstiges Hotel und schritt dann Wind und Nässe trotzend die letzten paar Meter nach Süden. Eine orangefarbene Flagge ragt aus der Brandung und markiert den südlichsten Punkt des indischen Subkontinents. Der sturmumwitterte indische Ozean sprühte mir seine Gischt ins Gesicht. Schön war es, nach solch langer Reise in den Süden den südlichsten Punkt dieser Reise zu erreichen. Der östlichste Punkt war Gangtok gewesen. Westlichster und nordlichster Punkt standen mir noch bevor.
Trotz des Wetters war ich nicht der einzige am Kap. Zahlreiche hinduistische Pilger, die eben den nahen Kumari Amman Tempel besucht hatten, nahmen das rituelle Bad in den Wellen. Am meisten ins Auge stechen wohl die beiden kleinen Inseln östlich des Kaps. Auf einer von beiden steht die über vierzig Meter hohe Statue des tamilischen Poeten Thiruvalluvar. Beeindruckend, vor allem im Sturm. Nahebei ist auch das Gandhi Denkmal, ein kleiner rosafarbener Palast. Bald flüchtete ich den Regen und verbrachte eine schlafreiche Nacht im Hotel.

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65 Auroville

Am Morgen widmete ich mich nach gutem Frühstück im Le Café jener Einrichtung, die heutzutage wohl die meisten Besucher nach Pondicherry lockt, dem Sri Aurobindo Ashram.

Ein Ashram ist eine Art Sektenhort, wie es in Indien viele gibt. Eben an diesem Tag berichteten Medien von einem Ashram in Haryana, nordwestlich von Delhi, der von der Polizei gestürmt werden musste, da sich der Guru wohl über dem Gesetz wähnte und in einige Morde verwickelt war. Schließlich kam es zur Auseinandersetzung, ja fast schon Schlacht, zwischen 15000 Sektenmitgliedern und den Sicherheitskräften.

Die Sri Aurobindo Sekte, die auch in Europa schon ihre Ableger hat, ist noch frei von derlei Eskalation. Ihre Gurus, Sri Aurobindo und seine in Frankreich geborene Nachfolgerin, „die Mutter“, sind beide schon tot (They left their physical form), wenngleich in Pondicherry in Zitaten und auf Plakaten allgegenwärtig. Sogar die Tankstelle an der Ecke wirbt mit den lobenden Worten, mit denen „Mutter“ dort in Siebzigern ihr Tankerlebnis kommentierte.

Man hört, dass Sri Aurobindos Lehre sehr humanistisch und weltoffen sein soll. Überdies wird sie in mancher Beschreibung trotz allem Geschwafel von Yoga und supramentalem Bewusstsein als nicht-religiös bezeichnet. Ich zügelte also meine natürliche Abneigung gegenüber Sekten ein wenig und betrat in recht aufgeschlossener Stimmung den Ashram. In einem Blumengarten findet man dort die mit Blüten geschmückte Plattform, auf der Mutter und Sri Aurobindo verbrannt wurden. Menschen kommen zuhauf hierher, verbeugen sich, berühren die Blüten und meditieren am steinernen Boden. Eine Weile lang setzte ich mich dazu und beobachtete das Geschehen.

An einer Wand entdeckte ich dann eine Art Hinweisbrett, das den etwa tausend hier lebenden Sektenmitgliedern galt. Neben ein paar Rüffeln, wie etwa dem, dass manche zur falschen Zeit, die falschen Hemden getragen hätten und entsprechend bestraft werden würden, fand sich dort auch eine Art Grundsatzerklärung der derzeitigen Sektenleitung. Diese hat es in sich. Ich war schockiert und angewidert. Das Dokument bestätigte mir alle meine vermeintlichen Vorurteile.

Ein kleiner Auszug: „Mit absoluter Gewissweit wissen wir, wie glücklich wir uns schätzen können, im selben Zeitalter zu leben wie Mutter und Sri Aurobindo … ihr gewaltiges Geschenk an die Menschheit … Nur jene, die nach den Wünschen von Mutter und Sri Aurobindo handeln, nur jene, die alles dafür geben, die Träume von Mutter und Sri Aurobindo zu verwirklichen, nur jene dürfen sich Menschen nennen. Alle anderen sind Tiere.“

Da dreht es einem doch den Magen um. Die Behauptung, absolute Gewissheit über etwas zu haben, das damit verbundene Verbot jeglicher interner Kritik, die Entmenschlichung aller Andersdenkender – das ist reinster Totalitarismus. Auch wenn die Sektengründer vielleicht anders gesinnt waren, das jetzige Credo scheint gemeingefährliches Potential zu haben. Hinzu kommen Zitate der Mutter, die von der neuen Menschenrasse sprechen, die aus ihren Anhängern hervorgehen werde.  Das humanistische Antlitz, das sanfte Lächeln der Mutter, das Geschwafel von Superseinszuständen, Yoga und Meditation und noch viele andere Facetten dieser Sekte, deren Lockruf auch viele Europäer erfasst – all das ist nur Tarnung und Täuschung für eine  totalitäre Ideologie der Kontrolle. Und diesen Leuten, die mir mein Menschsein absprechen, soll man beim Besuch ihrer Brutstätte auch noch Respekt zollen. Widerwärtig.

Vor dem Verlassen des Ashrams kommt man noch durch den Bookshop. Dieser macht Angst. Die schiere Anzahl der Bücher von und über Sri Aurobindo und Mutter ist erstaunlich, auch die Anzahl der hier erhältlichen Übersetzungen. Ich fand ein ganzes Regal deutschsprachiger (natürlich unkritischer) Literatur zur Sekte. Zum Fürchten.
Ebenso unheimlich sind die vielen esoterisch angehauchten Neohippies westlichen Ursprungs, die hier sinnsuchend durch die Straßen laufen und mich nach dem Weg zum Haus der Mutter fragen. Nur zu Leute, verabschiedet euch vom kritischen Denken, schwelgt in Yoga und Sinnsuch-Meditation, lasst euch von Mutters pseudophilosophischem Geschwafel einlullen, spendet dem Ashram Zeit und Besitz und wähnt euch ach so überlegen den übrigen Menschen. In Wahrheit seid ihr nur Orwell’sche Sklaven eines totalitären Systems.

Auroville ist eine andere Geschichte, der ich durchaus etwas abgewinnen kann. Der Ort, etwa zwanzig Minuten außerhalb von Pondicherry, wurde zwar auf Bestrebungen der Mutter in den Sechzigern gegründet (die Position so gewählt, dass er jener entsprach, die Mutter mit geschlossenen Augen, doch „spirituellem Sinn“ auf einer Landkarte anzeigte), doch im weiteren Verlauf nahm Auroville eine von der Aurobindo Sekte recht unabhängige Entwicklung.
Die etwa zweitausend Einwohner (der Großteil aus dem Westen) versuchen hier den Traum einer internationalen Gemeinschaft zu leben. Unabhängig  von Nationalität und Herkunft, ohne Religion, ohne Geld und Privatbesitz versucht man sich hier im Leben eines Ideals, das wie die Lyrics von John Lennon’s „Imagine“ klingt. Gleichzeitig setzt  man auf Wissenschaft und Ökologie. Sonne und Wind bringen den Strom. Man entwickelt neue Wege um mit der richtigen Bepflanzung tote Erde in wertvollen Humus zu verwandeln. Gleichzeitig integriert man die Bevölkerung der umliegenden Dörfer, schafft ein Bewusstsein für Gleichberechtigung und Umweltschutz. Auroville scheint zu funktionieren. Ein bisschen Nörgeln muss ich aber doch: Leute von Auroville, es macht einfach keinen sich nicht-religiös zu nennen und dabei gleichzeitig ein der „Mutter“ gewidmetes Tempelbauwerk im Ortszentrum zu haben. Vor allem dann nicht, wenn ihr in den Infobroschüren von Dingen faselt wie den „vier
göttlichen Aspekten der heiligen Mutter“, denen die vier Eingänge entsprechen. Seufz.

Die Rede ist vom Matrimandir, einem beachtlichen Bauwerk, das architektonisch beeindruckt. Es sieht leicht außerirdisch aus. Man könnte es auch als riesigen, goldenen, abgeflachten Fußball beschreiben. Betreten dürfen den Matrimandir nur Bewohner von Auroville oder Gäste, die sich ein paar Tage vorher schon angemeldet haben. Der Raum im Inneren, der mit dem Sonnenlicht, das durch eine kleine Öffnung fällt, geschickt zu spielen weiß, dient der hier viel erwähnten „concentration“. Was auch immer damit gemeint sein mag.

Zurück in Pondicherry war nicht mehr zu tun, als ein bisschen Zeit totzuschlagen. Ich las auf den Felsen am Meer und im Barathi Park, saß lang bei Kuchen und Kaffee im Café des Artistes und besuchte die Herz-Jesu Basilika, eine sehr schöne Kirche, deren Modernität in Europa ihres Gleichen sucht. So sind auf jeder zweiten Säule beidseitig des Hauptschiffes 60 Zoll Flatscreen TVs montiert, damit wohl niemandem die Mimik des Priesters entgeht. Manch Heiligenbild an den Wänden ist von bunt blinkenden Lichterketten umrahmt.

Nach dem Abendessen holte ich problemlos meinen Rucksack im Guesthouses ab, plauderte mit dem freundlichen Besitzer und schritt dann durch die nächtlichen Straßen bis zum Busbahnhof, wo ich gegen zehn Uhr Abends endlich im meinen leicht verspäteten Bus nach Madurai steigen konnte.

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64 Pondicherry

Der Tag begann mit einem weiteren Sonnenaufgang über dem Meer, den ich von meinem Balkon genießen konnte. Der Besitzer des „Freshly ’n‘ hot“ hat es  begriffen, dass er ein sehr gutes Geschäf macht, wenn er Frühstück schon ab sieben und nicht erst wie hier  üblich ab neun anbietet. Als ich  dort auf netter Terrasse inmitten anderer Reisender speiste, vernahm ich, dass man am Nebentisch zur Kommunikation eine dem Innschbruckerisch nahestehende Sprache nutzte. Ich outete mich jedoch nicht.

Per Bus gelangte ich binnen zwei Stunden problemlos nach Pondicherry, wichtigste Stadt des einstmals französischen Teiles von Indien. Bis 1957 war man hier Teil der Grande Nation. Viel geblieben ist nicht. Frankreichs Spuren sind stark verwischt und verwittert.

Ein paar kleine Ärgernisse erwarteten mich gleich bei meiner Ankunft. So haderte ich mit halsabschneiderischen Tuktuk Fahrern und dem in einigen Hotels vorherrschenden Verbot, sein Gepäck dort nach Checkout noch ein paar Stunden zu lagern. Unverständlich. Schließlich fand ich aber im Kailash Guesthouse alles, was der Backpacker braucht, sogar Gratis WLAN. Das erste Buch, das ich in der beschaulich eingerichtet Lobby auf einem der Tische liegen sah, war „Silentium“ von Wolf Haas. Österreich verfolgte mich heute. Dieser Brenner, wo sich der überall herumtreibt. Sogar in Pondicherry treibt er schon sein Unwesen.

Zum Mittagessen wurde mir im Restaurant Suguru das bisher beste und bunteste Thali dieser Reise serviert. Neun kleine Schalen voller Köstlichkeiten. Dazu reichlich Reis und Roti.

Es war ein ruhiger Nachmittag. Die meisten der wenigen Sehenswürdigkeiten Pondicherrys waren schnell besucht. Im Musée sah ich weitere Römerkeramik. Schautafeln geben an, dass es anscheinend tatsächlich Hinweise gibt, dass römische Schiffe nahe Pondicherry anlegten und Olivenöl und Wein ins frühe Indien brachten. Das römische Reich überrascht mich immer wieder. Im Obergeschoss des Museums werden schöne Möbel aus der Kolonialzeit, manche davon Eigentum des französischen Gouverneurs Dupleix, gezeigt. Auch die Karosserien mehrerer Kutschen stehen hier.

Nahe dem Museum findet man als Kontrastprogramm einen Ganesh geweihten Hindutempel mit vielen hingebungsvollen Gläubigen. Ein Stück weiter südlich gegenüber dem kanonenflankierten Eingang der neoklassischen Gouverneursresidenz, erstreckt sich die symphatische Parkanlage Barathi. Schattige Bänke und grüne Bäume laden zum Verweilen ein.
Östlich des Parks steht ein alter Leuchtturm. Gleich dahintererreichte ich beim großen, beachtlichen Gandhi Denkmal mit seinen vielen Säulen und der Statue des Vaters der Nation die Küste. Pondicherry hat keinen Strand, sondern eine breite Uferpromenade, die morgens und abends zur Fußgängerzone wird. Schwarze Felsblöcke, auf denen es sich bequem sitzen lässt, begrenzen die Promenade zum Meer hin. Das Baden ist wegen gefährlicher Brandung verboten. Immer wieder sterben hier Leute, die von den Wellen gegen die Felsen geschleudert werden. An sich wäre die Uferpromenade von Pondicherry ein recht pittoresker Ort, wäre da nicht der viele Müll, der überall zwischen den Felsen herumliegt. Ständig kann man beobachten wie Inder hier Papier, Essensreste und Plastikflaschen in vollster Selbstverständlichkeit zwischen die Steine werfen. Traurig.
Nahe dem Gandhi Denkmal und einem kaum minder imposanten französischen Weltkriegsdenkmal (Nummer 1) findet man direkt am Ufer einen weiteren Hinweis auf das verschwundene Frankreich. Im „Le Café“ gibt es hervorragenden Kaffee, Croissants, Frühstück, Eisbecher und mehr. Die Brandung lässt einen hin und wieder die Nähe des Meeres spüren, während man dort einen Hauch von Europa genießt.

Als ich später vorbei an Kunstatteliers und einem kleinen Theater durch die beschaulichen, verkehrsarmen Straßen der Rue Dumas, Rue Romain Rolland und Rue St. Laurent schlenderte, wurde ich plötzlich  und ganz spontan als Statist für den Dreh eines Films (oder Werbespots ?) engagiert. Auf der Straße spielten Kinder und ein Mann Fußball, während im Hintergrund ein paar Fahrradrikshas mit Touristen passierten. Mein gemütlicher Statistenjob bestand darin, in der Riksha zu sitzen und den Jungs beim Ballspiel zuzusehen. Da der Ball ständig in falsche Richtungen rollte, brauchten wir für diese paar Sekunden Film sicher zwanzig Takes. Es dauerte eine Weile. Endlich zeigte sich das große Filmteam zufrieden.

Nach dem Dreh besuchte ich noch die Kirche Notre Dame des Anges, eines von drei großen
Gotteshäusern, die die Franzosen der Stadt hinterlassen haben. Auf einer freien Fläche gegenüber der Kirche sah ich ältere Inder beim Pétanque-Spiel, untrügliches Zeichen französischer Vergangenheit. Ältere Herren beim Pétanque – das sieht man außerhalb Frankreichs auch in Laos und im übrigen Indochina. In Indien gibt es das wohl nur in Pondicherry.
Ich verbrachte einen gemütlichen Abend im Hotel.

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63 Mamallapuram II

Von meinem Balkon aus sah ich der Sonne über dem Meer beim Aufgehen zu. Dann brach ich auf, um die Weltkulturerbestätten des Ortes zu erkunden. Allesamt stammen aus der Zeit des Königreichs von Pallava, das hier im heutigen 17,000 Einwohner Dorf seinen wichtigsten Hafen hatte. Die Bauten zeugen von der einstigen Macht dieses Reiches aus dem siebten Jahrhundert. Die beiden Türme des Küstentempels, dem ich zuerst besuchte, sind nur ein erster Vorgeschmack. Leuchtturmartig auf einer felsigen Halbinsel gelegen ist der Küstentempel dem Seewind schutzlos ausgeliefert. Die stark verwitterten Skulpturen von Nandi, Shiva und anderen zeigen sehr anschaulich, was Wind und Wetter binnen dreizehn Jahrhunderten anrichten können. Die Konturen sind nur mehr verschwommen erkennbar. Nur im Innern der Tempel sind Shiva und auch Vishnu noch scharf zu sehen.

Nach gutem Frühstück erkundete ich den Hügel von Mamallapuram, welcher mit bizarren Gesteinsformationen überrascht, in welche die Künstler von einst faszinierende Figuren und Höhlungen gemeißelt haben, allen voran „Arjunas Buße“, einem etwa sieben Meter hohen, fünfzehn Meter breiten Ensemble in Stein gehauener  Figuren (an die hundert an der Zahl). Neben Nagas, die aus einer Felsspalte schweben, Elefanten, einer Katze, die vor Mäusen ihre Taten büßt und anderen Figuren sieht man einen Mann, der auf einem Bein steht. Dieser wird als Arjuna, dem Helden der Mahabharata, identifiziert. Das Stehen auf einem Bein symbolisiert die mühseligen Entbehrungen, denen er sich unterwirft, um von Shiva die mächtige Pasupata Waffe zu erlangen. (Die nützt ihm allerdings recht wenig, da man damit nur Götter umbringen kann, Arjunas Feinde, die Kauravas, aber menschlich sind.) Shiva mit himmlischem Gefolge und Waffe ist ebenfalls in den Stein gemeißelt. Da ich das entsprechende Kapitel in der Mahabharata erst vor ein paar Tagen gelesen hatte (Was für ein Timing!), kam mir die Szene sehr bekannt vor. Man kann hier lange stehen und staunen (und wird dabei leider ständig von Leuten abgelenkt, die einem irgendwelchen Ramsch verkaufen möchten). Jedenfalls gilt „Arjunas Buße“ als eines der größten Kunstwerke des antiken Indiens.

In den hohen Felsen und kleinen Schluchten, die sich dahinter erstrecken, kletterte ich mehr als eine Stunde lang umher und fand weitere in Stein gehauene Tempel und Figuren. Eine Wand zeigt Pfaue und Elefanten, eine andere Brahma, Shiva und Vishnu, die Dreifaltigkeit an der Spitze der hinduistischen Götterwelt. Besonders imposant ist Krishnas Butterball, ein etwa fünf Meter hoher, fast kugelrunder, freistehender Felsen, der so aussieht, als würde er jederzeit den Hügel hinabrollen. Ein paar Bauten, sowie ein ein weiteres Figurenensemble ähnlich groß wie „Arjunas Buße“ wurden nie fertiggestellt und zeugen vielleicht vom plötzlichen Niedergang des Pallava-Königreichs. Als einziges modernes Gebäude inmitten von steinernen Zeugen der Vergangenenheit findet man Mamallapurams beschaulichen Leuchtturm.

Ein kleines Stück südlich der Stadt erreichte ich die fünf Rathas. Es sind dies fünf kleinere (bis zu zehn Meter hohe) steinerne Strukturen, die wie Tempel aussehen und unterschiedlichen Göttern gewidmet sind. Das Beeindruckende daran ist, dass alle fünf nicht „gebaut“, sondern jeweils aus einem einzelnen Felsen gehauen wurden. Über tausend Jahre lang lagen sie im Sand begraben. Erst vor zwei Jahrhunderten brachten die Briten sie wieder ans Licht. Seltsamer Gedanke. Was wohl noch so alles im Sand schlummert? Im Jahre 2004 mussten die fünf Rathas teilweise erneut ausgegraben werden, da der Tsunami (der auch hier Verheerung brachte) sie wieder zugedeckt hatte.
Benannt sind die fünf Rathas nach den fünf Pandava Brüdern und ihrer gemeinsamen Gattin Draupadi, die mir aus meiner Lektüre inzwischen sehr vertraut sind. Draupadis Ratha ist der Göttin Durga gewidmet. Ein riesiger, steinerner Löwe bewacht den Eingang. Arjunas Tempel gehört Shiva. Ein freundlicher Nandi Stier aus Stein sonnt sich hinter dem Tempel. (Ich orte hier starke Shiva-Voreingenommenheit der Namensgeber. Jeder, der die Mahabharata kennt, weiß doch, dass Vishnu Arjuna viel näher steht. Wenn man aber glaubt, dass Shiva der mächtigste Gott ist, muss man wohl auch seinen Tempel nach dem mächtigsten Pandava benennen.) Der unvollendete Tempel des starken, aber einfältigen Bhima ist Vishnu geweiht. (Passt gar nicht.) Yudhisthiras Tempel scheint keine klare Haupgottheit zu haben, zeigt aber an der Außenwand einen eigenartigen Shiva-Parvati Hybriden. Der schöne Tempel der Zwillinge Nakula und Sahadeva ist Indra gewidmet. (Das passt genau.) Der kunstvolle, lebensgroße  Steinelefant davor ist wirklich famos. Die Proportionen stimmen. Indra ist übrigens eine sehr interessante Gottheit. Alte Schriften wie das Ramayana bezeichnen ihn noch als König der Götter, während er später nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. Man geht davon aus, dass Indra einer viel älteren Götterwelt entstammt, die nach und nach vom Vishnu-Shiva-Brahma Kult verdrängt und doch teils auch in diesen integriert wurde. Über Indra sinnierend schritt ich den Strand entlang zurück zu meinem Hotel.

Mittag, Nachmittag und Abend galten reiner Erholung. Ich schwamm im Meer, sprang durch die Wellen, las Mahabharata, aß Fisch und Pizza und schlenderte durch das Fischerdorf. Erwähnt werden sollte noch, dass einige Restaurants sehr eigenartige Namen und Slogans haben. So heißt ein Lokal „Freshly ’n‘ hot“, was grammatikalisch überhaupt keinen Sinn macht. Ein anderes schreibt groß „Pizza is our new Yes!“. Aha. Your words are aenigmatical.

Interessant ist auch, dass die meisten Lokale hier zwar Bier haben, sich aber davor scheuen dies in der Karte oder sonst wo zu erwähnen. Dazu sind die nahen hinduistischen Stätten wohl doch zu heilig und die Worte der Mahabharata zu gegenwärtig: „Jene aber, die der Schlacht den Rücken kehren, jene, die verschlagen sind, jene, die den Göttern nicht geopfert, die nicht auf Alkohol und Fleisch verzichtet, die nicht in heiligen Flüssen gebadet haben, jene werden die himmlischen Gärten von Nandana niemals erreichen.“ Das mit dem Fleisch lass ich ja noch gelten und verschlagen bin ich auch nicht. Aber der Rest … Hypothetische Gärten können mir gestohlen bleiben. Die Gärten der Wirklichkeit sind schön genug. Zum Wohl. 

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62 Mamallapuram I

Der Tag begann etwas holprig. Zuerst musste ich im Hotel noch warten, bis man mir meine Wäsche, die eigentlich schon gestern hätte fertig sein sollen, brachte. Erst dann konnte ich fliehen. Da es mir per Stadtbus nicht gelang, ließ ich mich schließlich per Autoriksha zum T Nagar Busbahnhof bringen. Dieser ist ein logistischer Albtraum. Niemand vermochte mir zu sagen, wann und wo genau der nächste Bus nach Mamallapuram abfahren würde. Ich wusste nur, dass es die Nummer 599 war und diese etwa einmal stündlich fahren würde. So drehte ich am Busbahnhof meine Runden, sah alle möglichen Nummern (vor allem viele 591 und 597), nirgends aber 599. Endlich, nach über einer Stunde Warten, kam die 599. Ich verbrachte zwei Stunden mit meinem Rucksack am Schoß im hinteren Eck des Buses, während dieser nach Süden fuhr.

Und dann: Mamallapuram – was für eine Wohltat. Frischer, kühlender Seewind, ein günstiges Zimmer nur Meter entfernt von den brechenden Wellen mit Balkon und herrlichem Blick auf das Meer und die nahen Türme des Küstentempels aus dem siebten Jahrhundert. Dazu köstliche Meeresfrüchte, gratis WLAN, freundliche Menschen und alles, was der Backpacker braucht. Schon nach Minuten war mir klar, dass ich hier länger bleiben würde. Ich verschob die Besichtigung der UNESCO Welterbestätten auf morgen, stürzte mich in die Brandung, ließ mir das Haupthaar abrasieren und genoss Sonne, Wind, Meer, Strand, Ananassaft  und andere schöne Dinge. Die meiste Zeit saß ich auf meinem Balkon und beobachtete das Geschehen am Strand. Fischer fuhren aufs Meer hinaus. Eine Kuh und ihr Kalb schritten den Strand entlang. Nebelkrähen kämpften gegen den Wind.  Interessanterweise gibt es hier nirgendwo Möwen.  Nachts sah ich die Sterne und das ständige Rauschen des Meeres.

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61 Chennai II

Der Tag begann mit dem Besuch des Government Museums, dem bisher besten dieser Reise. Man findet viel darin. Zoologie, Astronomie, Anthropologie, Archäologie, klassische Kunst, zeitgenössische Kunst, etc. Auch architektonisch geben die Museumsgebäude einiges her. Man kann hier Stunden verbringen. Und das hab ich auch getan. Der Kugelsternhaufen mit der Beschriftung „Big Bang“ tat ein bisschen weh. Dafür waren die vielen Tierskelette famos, vor allem die Riesenpython oder die Gegenüberstellung eines menschlichen Skeletts und dem eines riesigen, sich aufbäumenden Pferdes. Beide sind so montiert, als wollte der Mensch das Tier eben bändigen und seinen Rücken erklimmen. Erstaunlich anzusehen. Interessant waren auch die vielen Relikte der frühen dravidischen Kultur.

Ein kurzer geschichtlicher Ausflug: Laut der gängigsten Theorie (nicht unumstritten) wurde die Geschichte Indiens stark von der arischen Invasion etwa 1500 vor Christus geprägt. Die Arier, ein indoeuropäisches Volk aus der Gegend von Afghanistan und Zentralasien (nicht blond und blauäugig) brachten Hinduismus und Kastensystem nach Indien und vermischten sich mit der früher vorherrschenden Bevölkerung. Allein der Süden Indiens (vor allem Tamil Nadu, Kerala, Karnataka und Andhra Pradesh) blieben von der arischen Invasion unberührt. Die hier gesprochenen Sprachen (das Tamil, das Malayalam, das Kannada und das Teluga)  sind auch nicht mit dem indoeuropäischen Hindi verwandt. Traditionell ist man hier im Süden auch immer schon gegen das Kastensystem gewesen, da dieses die arisch beinflusste, eher hellhäutigere Bevölkerung im Norden bevorzugt. Vor allem hier in Tamil Nadu ist man stolz auf die dravidische Herkunft und meint das ursprüngliche Indien zu repräsentieren. Immer wieder gab und gibt es Abspaltungsbewegungen. Vom Norden übernommen wurde der Hinduismus. Kaum irgendwo in Indien findet man so glühende Shivaverehrer wie hier in Tamil Nadu.

Im Museum sah ich nun viele Relikte dravidischer Kultur.  Ausgestellt sind aber auch römische Keramiken, die es auf Handelswegen hierher geschafft haben.

Ein besonderes Highlight war die dreistöckige Bronzegalerie, nicht nur wegen der schönen Skulpturen, sondern auch wegen der sehr übersichtlichen Erklärung und Gliederung. So galt ein Stockwerk dem Shivakult, eines dem Vishnukult. Schautafeln bringen Licht ins Gewirr der vielen Namen, die beide Götter je nach Körperhaltung, Stimmung und Begleitung haben können. Mir ging so manch ein Licht auf. Interessant ist, dass es in Indien nie namhafte Konflikte zwischen Shaiviten und Vaishnaviten gab. Immerhin glaubt eine jede Gruppe, dass ihr Gott der mächtigere ist.

Besonders in der Astronomieabteilung fiel mir einmal mehr die Verwendung der eigentümlichen numerischen Einheit des Lakh auf, welche nicht nur in Indien sondern auch in manch umliegenden Kulturen verbreitet ist. Die Million wird kaum verwendet, denn eine Million sind zehn Lakh. Die Erde ist nicht vier Milliarden Jahre sondern vierzigtausendtausend Lakh Jahre alt. Der Durchmesser der Milchstraße sind ein Lakh Lichtjahre.

Ich floh vor der Mittagshitze zurück ins Hotel und ließ mich Stunden später von einer Riksha zum Fort St. George bringen. Da hier auch mehrere Regierungsgebäude und eine Kaserne untergebracht sind, ist das alte Fort der Briten schwer bewacht. Besucher dürfen sich nur auf einem sehr kleinen Areal bewegen und Museum und Kirche besuchen. Beide sind nicht besonders aufregend. Die Gemäldegalerie mit ihren Darstellungen britischen Monarchen war jedoch beeindruckend genug, sodass der Besuch sich lohnte.

Vom Fort spazierte ich noch zum wahrscheinlich schönsten Gebäude der Stadt, dem 1892 vollendeten High Court mit seinem roten „indo-sarazenischen“, hochaufragenden Türmen und Gewölben. Wirklich beeindruckend schön – auch wenn man leider nicht hinein darf.

Per Stadtbus fuhr ich im Sonnenuntergang zurück zum Hotel.
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60 Chennai I

Mit nur einer Stunde Verspätung fuhr der Zug nach einundzwanzig Stunden Fahrt im schönen Bahnhofsgebäude Chennai Central ein. Zuvor erlebte ich noch schöne Sicht auf in der Sonne blitzende Felder und Wasserreservois, sowie ein paar kurze heftige Regenschauer im Morgengrauen. Zum ersten Mal auf meiner Reise fand ich das Hotel meiner Wahl bereits voll belegt vor. In nächster Nähe gab es aber auch andere Optionen, die Platz für mich hatten. Zu Mittag speiste ich im Hotel Saravana Bhavan. Dies ist kein Hotel, sondern eine vegetarische Restaurantkette mit gutem, günstigem südindischen Essen. In ganz Chennai gibt es etwa zwanzig Filialen. Diese dosas, idlis und vadas … Und erst das rasam … Einfach hervorragend. Man würde sich eine Filiale in der Heimat wünschen.

Per Stadtbus gelangte ich schnell und unumständlich in den südlichen Stadtteil Mylapore. Dieser ist bedeutend älter als das übrige Chennai. Hier an diesem dafür so unwahrscheinlichen Ort stößt man auf das angebliche Grab des Apostel Thomas (jener, der so vorbildhaft an der Himmelfahrt l zweifelte), welcher hier 72 nach Christus den Märtyrertod gestorben sein soll, erstochen mit einer Lanze. Selbige und auch ein Knochen des Thomas  (die übrigen sind im Lauf der Jahrhunderte irgendwie nach Italien gelangt) kann man in einer Kapelle unterhalb der strahlend weißen, neogotischen St. Thome Kathedrale bestaunen. Diese (von den Portugiesen 1523 erbaut, dann niedergerissen und in der jetzigen Form 1890 von den Briten errichtet) brüstet sich stolz, mit der Kathedrale von Santiago di Compostella und dem Petersdom eine  von drei Kirchen weltweit zu sein, die auf einem Apostelgrab steht.

Wie man sich denken kann, sind die historischen Belege hierfür äußert dürftig. Dass Thomas, falls es ihn wirklich gab, vierzehn Jahrhunderte vor Vasco da Gama, den Weg nach Indien gefunden haben soll, mag sehr weit hergeholt klingen. Ganz so unwahrscheinlich ist es aber doch nicht. Mylapore ist sehr alt und trieb erwiesenermaßen Handel mit dem antiken Griechenland und Rom. Ptolemäus erwähnt den Ort in seinen Schriften und in Mylapore fand man römische Keramik. Und auf den Wegen, wo Keramik wandert, kann auch ein Mensch weit kommen. Viel unwahrscheinlicher, als dass es einen frühen Missionar hierher verschlagen hat, finde ich den Umstand, dass Lanze und Knochen nach fünfzehn Jahrhunderten ohne Christentum noch auffindbar waren. Eine DNA Analyse wäre hier spannend.

Unweit von St. Thome befindet sich ein religiöses Bauwerk ganz anderer Art. Der hinduistische Tempel Kapaleeshwarar zeigt, dass hier im Süden ganz andere architektonische und künstlerische Traditionen vorherrschen. Bunter geht es nicht. Der hohe Torturm allein mit seinen Hundertschaften an farbenfrohen Figuren ist ein Augenschmaus. In die innere Säulenhalle dürfen nur Hindus, doch eine Umrundung lohnt sich sehr. Hinter dem Tempel findet man schließlich einen großes, schön verziertes Wasse
rbecken, Parvati gewidmet.

Wieder ein paar Straßen weiter betrat ich die ruhigen, grünen Gefilde des Sri Ramakrishna Math. Hier haust und wirkt ein Mönchsorden, der sich auf den Guru Ramakrishna aus dem neunzehnten Jahrhundert beruft. Einige Cartoons an den Wänden lehren recht fragwürdige Lektionen des Gurus, welcher sich selbst für eine Inkarnation hielt, dem Namen nach wahrscheinlich von Vishnu. Die Mönche sind sehr freundlich, die Bauten eindrucksvoll. Einer der Mönche kam mir sogar nachgelaufen, als er sah, dass ich mich nicht in die hinteren Räume der Haupthalle gewagt hatte. Es war ihm wichtig, dass ich alles sah, auch die seltsame Puppe des Gurus.

Per Riksha ließ ich mich an Chennais  breiten Sandstrand bringen. Kaum jemand badet hier. Dafür ist

die Strömung zu gefährlich und der Strand zu verdreckt. Dennoch ist der Ort voller Leben. Es herrscht Jahrmarktsatmosphäre. Händler verkaufen Popcorn und andere Snacks. Es gibt improvisierte Schießbuden, wo man mit Darts oder Luftdruckgewehr auf Luftballons zielt und sogar ein kleines Karussell mit hölzernen Pferden. Menschen spielen Cricket und Fußball. Andere lassen Drachen steigen. An manchen Stellen spielen Musiker ihr Lied. Und all dies wird untermalt vom ständigen Grollen der Brandung.

Während ich dort durch das bunte Treiben spazierte ging über dem Land die Sonne unter. Vorbei an der Baustelle des Super Multi Specialized Hospital (die Indern stehen auf solch Übertreibung) erreichte ich bald meine Bleibe, aß einmal mehr im Hotel Saravana Bhavan und setzte dem Tag ein Ende.

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