W-Ding

Foto by Sylvia Größwang

Nach 8.5 gemeinsamen Jahren haben wir uns gedacht, dass so ein Ring auch recht schön ist. 😉

Außerdem ist so eine Hochzeit ein super Event, um jene zu unterstützen, mit denen es das Glück nicht so gut gemeint hat wie mit uns und damit die Welt ein bisschen besser zu machen. Fast €4000 für ein wichtiges Bildungsprojekt im Westen Nepals sind schon zusammengekommen. Vielleicht schließt sich ja noch jemand an. Würde uns sehr freuen und noch mehr nepalesischen Kindern eine bessere Zukunft ermöglichen.

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Nicola Gess: Halbwahrheiten

„Halbwahrheiten – Zur Manipulation von Wirklichkeit“ ist ein sehr schlau geschriebenes, wichtiges Büchlein, das manch verschrobene Auswüchse unserer seltsamen Gegenwart, in einem viel klareren Licht erscheinen lässt. Auf nur 100 Seiten – und in vielen aufschlussreißen Endnoten – ergründet die Autorin die Funktionsweise und Dynamik von Halbwahrheiten, die bei Populist:innen à la Donald Trump aber auch bei vielen Verschwörungtheoretiker:innen eine zentrale Rolle spielen.

Es ist faszinierend, wie manche diesbezüglichen Entwicklungen der letzten Jahre schon in der politischen Philosophie von Theodor W. Adorno und Hannah Arendt antizipiert wurde. Dies führt uns die Autorin in gut gewählten Zitaten vor Augen. Der Zusammenhang von Halbwahrheiten und Relativismus, die Rolle von Relativismus als Türöffner für Totalitarismus und die demokratiefeindliche Dynamik von Verschwörungstheorien werden ebenfalls erörtert. Donald Trump, aber auch die AfD liefern immer wieder anschauliche Beispiele für all dies. Auch die Begriffe des Postfaktischen und der anekdotischen Evidenz werden einer Analyse unterzogen. Im postfaktischen Diskurs zeigten sich die Anhänger von Halbwahrheiten immun gegen jeden Faktencheck. Entscheidend sei nur mehr die innere Kohärenz, nicht die Korrespondenz mit externen Sachverhalten. An die Stelle von Wissen und Beweisbarkeit treten Glauben und Glaubwürdigkeit.

Schließlich analysiert die Autorin noch drei konkrete Beispiele jüngster Vergangenheit und entlarvt die zentrale Rolle, die Halbwahrheiten darin spielen: den Fall Relotius, die Corona-Verschwörungstheorien von Ken Jebsen, und den Fall Tellkamp. Sehr aufschlussreich.

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Ödipus Rex

Kartenreservierung und mehr

Ödipus Rex ist eine fast zweieinhalb Jahrtausende alte Tragödie, die uns auch heute noch so viel zu geben vermag. Gerade jetzt. Denn beide Welten – die des Ödipus und die unsrige – werden von einer Seuche heimgesucht. Auch in diesem Stück leidet man unter großen gesellschaftlichen Umwälzungen. Man klagt über verlorene Freiheiten. Man sucht nach Menschen, denen man die Schuld in die Schuhe schieben kann. Vieles in diesem alten Text erinnert an die letzten Monate.

In diesem Sinne versucht meine Inszenierung die Brücke zur Gegenwart zu schlagen. Aber Ödipus ist weit mehr als die Geschichte einer Epidemie. Es ist zugleich ein emotionales Familiendrama und auch eine spannende Kriminalgeschichte – die Suche nach einem Mörder, dessen Verbrechen schon viele Jahre in der Vergangenheit liegt.

Als Freilichtproduktion am Festungsneuhof macht dieses Stück es möglich, sowohl auf der Bühne wie auch im Publikum alle nötigen Sicherheitsabstände einzuhalten und kein Risiko einzugehen. Es ist schön, wieder sicher ins Theater gehen zu dürfen – schöner noch, wenn die Geschichte, die dort erzählt so einen starken Bezug zu unserer eigenen Gefühlswelt in dieser seltsamen Gegenwart aufweist.

Eigentlich wäre ja die Wiederaufnahme des „Jedermann“ auf dem Programm gestanden. Doch zu groß wäre das Ensemble, zu eng und zu innig das Geschehen auf der Bühne. Des Weiteren würde das frühe, verpflichtende Ende der Aufführung um 22.00 Uhr sämtliche Lichteffekte zunichtemachen. Doch wenn A nicht geht, dann macht das Stadttheater Kufstein eben B. Freuen Sie sich also auf die ungeheuer spannende Geschichte des Königs Ödipus.

Es spielen: Klaus Schneider, Hildegard Reitberger, Franz Osl, Maria Kaindl, Elisabeth König, Anja Widmoser, Martin Heis und Reinhard Exenberger

Idee und Regie: Klaus Reitberger

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Kufsteiner Nachtgespräche

Seit 2017 lädt die Stadt Kufstein mehrmals jährlich zum Kufsteiner Nachtgespräch. Expert:innen referieren zu brandaktuellen Themen. Im Anschluss folgt eine rege Diskussion. Seit Kurzem finden die Nachtgespräche pandemiebedingt auch (oder nur) als Online-Stream statt.

Fakenews & Social Media

Social Media, Manipulationen & Falschmeldungen: Wie sie funktionieren und welche Gefahren für Gesellschaft und Demokratie entstehen können. Die Massentauglichkeit des Internets hat dazu geführt, dass Informationen aller Art jederzeit abrufbar sind. Gleichzeitig hat Social Media dazu geführt, dass wir alle zu Sendern geworden sind. Daraus ergeben sich völlig neue Anforderungen an den Informationskonsum, denn nicht nur jeder kann senden, sondern auch gefühlt alles kann gesendet werden.

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Weltklima und Klimapolitk

Der menschgemachte Klimawandel hat begonnen und das Klimasystem erwärmt sich schnell weiter. In Paris haben die Regierungen der Staatengemeinschaft beschlossen, die Erwärmung auf maximal 2°C über dem vorindustriellen Wert zu begrenzen, möglichst 1,5°C nicht zu überschreiten. Der Vortrag von Georg Kaser versucht, das Spannungsfeld zwischen Forschungsergebnissen und politischer Realität verständlich zu machen und Wege zum Handeln aufzuzeigen.

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Four more years?

Gespaltenes Amerika. Republikaner gegen Demokraten. Konservative gegen Weltoffene.
Trump gegen den Rest der Welt. Während der amtierende Präsident von der Vollendung einer Mauer und einer weiteren Amtszeit träumt, sehnen sich die anderen nach einem Neustart.
Und mitten drin: die Klimakrise. Und noch dazu: Corona.
Es sind stürmische Zeiten, in der sich die Weltmacht befindet und die ihr noch bevorstehen. Zeitpunkt der Beruhigung: nicht absehbar. Ergebnis der kommenden Wahl: ungewiss.

Das Ende der Vielfalt

Rund eine Million Pflanzen- und Tierarten sind vom Aussterben bedroht und das Tempo der Vernichtung nimmt weiter Fahrt auf. Zwar ist die Betroffenheit nach den neuesten Zahlen groß. Und noch größer ist die Trauer und die mediale Aufregung, wenn der weiße Flussdelphin in China oder das Sumatra-Nashorn in Asien verschwinden. Doch diese Arten sind nur die Spitze des Eisberges. Der Teufel steckt im Detail der menschlichen Existenz.

Unsere Zukunft im Weltall

Die Mondlandung von Apollo 11 jährte sich eben zum fünfzigsten Mal. Aber wie viel ist geblieben von der einstigen Euphorie für das Weltall, die damals fast die ganze Menschheit erfasste? Wenig. Man blickt nur mehr selten hinaus zu den Sternen. Das Genre der Science-Fiction ist unpopulärer geworden. Die Reise zum Mars wird ständig weiter in die Ferne geschoben. Der Mensch ist momentan zu sehr beschäftigt mit irdischen Problemen und hat nur mehr wenig Zeit, um von stellaren Weiten zu träumen.

Das revisionistische Russland

Russland zielt auf eine Änderung der regionalen Sicherheitsordnung Europas und will in der internationalen Ordnung größeren Stellenwert und Einfluss erhalten. Was sind die Beweggründe für die aggressivere russische Außenpolitik? Was sind die unterschiedlichen Narrative Russlands und des Westens über die Entwicklungen nach 1991? Wie mächtig ist die Großmacht Russland und wo liegen ihre Schwächen? Wie wird sich das Verhältnis zur EU, zur USA und zu China in den nächsten Jahren entwickeln? Wie umgehen mit diesem Russland? Darauf will der Vortrag Antworten geben.

Selbstbestimmung am Lebensende

„Die Wissenschaft sitzt in Österreich in einem Elfenbeinturm“, sagt Dr. Christiane Druml, die seit 2007 die Bioethikkommission beim Wiener Bundeskanzleramt leitet. „Wissenschaft sollte öffentlicher sein. Die Position des Wissenschafters ist zu wenig anerkannt“. Deshalb ist es das Hauptanliegen der Juristin, die sich einen ausgezeichneten Ruf als Expertin für Ethik im medizinischen Bereich erworben hat, öffentliche Debatten über die brennenden Fragen an der Schnittstelle von Vertretbarkeit und Machbarkeit zu initiieren.

#KILL GAFA!

Der digitale Wandel ist in aller Munde, aber nicht immer in berufenem. Allzu oft wollen Dilettanten und Schwätzer erklären, was sie selbst nur halb verstehen. Bei Tim Cole ist das anders. Der seit 40 Jahren in Deutschland und neuerdings im Salzburger Lungau lebende Amerikaner war Mitte der 90er-Jahre der erste Blogger in deutscher Sprache und gilt als der Internet-Pionier der ersten Stunde im deutschsprachigen Raum. Als Kolumnist bei „Capital“, „Süddeutsche Zeitung“ oder „Die Welt“, als Bestsellerautor, Keynote-Speaker und Moderator und als fixe Größe auf Twitter, Facebook und YouTube wurde Cole zum Popularisierer des Web, zum Wortführer der Natives, aber auch zum klugen Analytiker von Potenzialen und Gefahren.

Der Skandal von Tier und Mensch

Was wir tun müssen, um das Leid unserer entfernten Verwandten zu lindern. „Tiere in Tierfabriken. Tiere in Tierversuchen. Tiere auf Tiertransporten. Wer die Bilder gesehen und ein Herz im Leib hat, wird entsetzt sein. Wie ist es möglich, dass wir so mit Tieren umgehen, auf eine Weise, die die Mehrheit der Menschen nicht für richtig befindet? Warum fällt es unserer Gesellschaft so schwer, diese Altlasten loszuwerden? Und warum ignoriert jede Regierung, egal welchen Couleurs, die Forderung nach einer Verbesserung, wenigstens in kleinen Schritten?
Die Aufklärung mit ihrem wissenschaftlichen Weltbild und der Idee von Menschenrechten war ein sehr wichtiger Schritt. Doch er wurde am Rücken der Tiere erkauft.“ M. Balluch

Supermacht China: Chance oder Bedrohung?

Nur wenige europäische Stimmen mischen im Diskurs über China mit: Verena Nowotny, fundierte Außenpolitik-Expertin und Buchautorin, hat zwei Jahre in Shanghai gelebt und bietet ein differenziertes Bild der komplexen Entwicklungen in diesem bevölkerungsreichsten Land der Erde.

„Es gibt keine einfachen Antworten auf die Fragen in China“, so Nowotny. „Viele Entwicklungen in diesem Land wirken widersprüchlich für uns, sind aber aus kulturellen Unterschieden erklärbar. Genauso wie wir ganz natürlich akzeptieren, dass die USA für unser Leben in Europa relevant sind, sollten wir uns dies auch bei China angewöhnen – ohne Angst und ohne Vorurteile.“

Europa – wohin?

Das reichhaltige Curriculum von Erhard Busek zeigt die Vielzahl seiner Themen, Funktionen und Ziele. Spezialist ist der ehemalige EU-Beauftragte für Südosteuropa in allen Fragen des Balkans. Als Minister und Vizekanzler war ihm die Bildung immer ein besonderes Anliegen. Der österreichische Paradeintellektuelle der Politik spricht über Hochschulen, Kulturpolitik und über europäische Herausforderungen.
Politiker, Publizist, Europäer, Kulturförderer – Dr. Erhard Busek ist eine der prägenden Persönlichkeiten Österreichs. Er war Vizebürgermeister der Bundeshauptstadt Wien und Vizekanzler, Wissenschaftsminister und Unterrichtsminister, Generalsekretär und Bundesparteiobmann der ÖVP.

Die Grenzen der Toleranz

Die offene Gesellschaft hat viele Feinde. Die einen streiten für »Allah«, die anderen für die Rettung des »christlichen Abendlandes«, letztlich aber verfolgen sie das gleiche Ziel: Sie wollen das Rad der Zeit zurückdrehen und vormoderne Dogmen an die Stelle individueller Freiheitsrechte setzen.
Wie sollen wir auf diese doppelte Bedrohung reagieren? Welche Entwicklungen sollten wir begrüßen, welche mit aller Macht bekämpfen? Michael Schmidt-Salomon erklärt, warum grenzenlose Toleranz im Kampf gegen Demagogen auf beiden Seiten nicht hilft und wie wir die richtigen Maßnahmen ergreifen, um unsere Freiheit zu verteidigen.

Allgemein

Lukrez: De rerum natura

Es ist schwer in Worte zu fassen, wie großartig und unschätzbar wertvoll für die Nachwelt dieses über zweitausend Jahre alte Werk aus der Spätphase der römischen Republik uns erscheinen sollte. Seit vielen Jahren ist mir Lukrez in Zitaten und Verweisen immer wieder untergekommen (z.B. bei Bertrand Russell, aber auch in Büchern über Poesie und Naturwissenschaft). Leider hatte ich bisher nie die Zeit gefunden, De rerum natura in voller Länge zu lesen. Es war dafür schon reichlich spät. Aber dafür habe ich es nun mit umso lauterer Stimme gelesen und die alten Worte in meinem Wohnzimmer oder beim Wandern im Wald erklingen lassen.

Obwohl wir fast gar nichts über das Leben des Lukrez wissen, geht aus seinen Worten doch ganz klar hervor, dass er ein scharfer Beobachter der Natur, ein Kombinierer par excellence und ein famoser Dichter war. Er hat in seinem Werk so vieles behauptet, das seine Zeitgenossen als absurd bezeichnet haben, das in späteren Jahrhunderten als ketzerisch und gefährlich gebrandmarkt wurde und das sich doch fast zwei Jahrtausende später als goldrichtig erwies. Seine Atomtheorie ist sehr ähnlich dem, was man heute noch unter dem Begriff versteht. Achtzehn Jahrhunderte vor Robert Brown beschrieb er schon recht akkurat die Brown‘sche Molekularbewegung. Neunzehn Jahrhunderte vor Charles Darwin umriss er schon ansatzweise die Funktion von Genen und nahm in manchen Passagen Aspekte der Evolution vorweg. Er schrieb über Magnetismus, die Physik der Sinne, über Erdbeben und Vulkanausbrüche, Donner und Blitz, über den unendlichen Kosmos, über ferne Sterne und Planeten… sogar kosmische Strahlen werden schon angedeutet. Es ist direkt unheimlich, wie viel dieser Mensch vor über zweitausend Jahren schon richtig erriet. Erraten ist aber das falsche Wort; er rätselte ja nicht ins Blaue hinein, sondern begründete all seine Behauptungen mit Analogien aus der Natur. Sein Scharfsinn ist dabei ungemein faszinierend. Und das Beste an all seinen Thesen: Er schrieb sie in Versen. Nicht nur das, er erklärt uns sogar, warum er das tut. Weil komplexe Wahrheiten leichter bekömmlich sind, wenn man sie in Geschichten und schönen Worten verpackt. Oh ja. Die moderne Wissenschaft sollte sich dies zu Herzen nehmen.

Natürlich liegt Lukrez auch oft falsch. Seine Erklärungen des Sehens und Hörens sind falsch, seine Erklärungen des Riechens und Schmeckens dafür goldrichtig. Seltsamerweise bezweifelt er die Kugelgestalt der Erde. Auch bei anderen Phänomenen liegt er weit daneben. Und doch ist manches – so falsch es im Licht moderner Erkenntnisse auch scheint – immer noch bei Weitem richtiger als konkurrierende Erklärungsmodelle seiner Zeit. Seine Polemik, mit der er sich über den Glauben an die griechisch-römische Götterwelt amüsiert, ist grandios. (Wieso wartet Zeus immer auf schlechtes Wetter, bevor er seine Blitze schleudert?) Seine Religionskritik lässt sich aber ebenso gut auf das Christentum anwenden. Man meint an vielen Stellen gar, er würde sich auf selbiges beziehen. Allerdings gab es dieses zur Zeit der Abfassung von De rerum natura noch gar nicht.

Dass wir dieses Buch haben, dass es den Jahrhunderten nicht gelang, es zu vernichten, haben wir wohl historischen Zufällen zu verdanken. Viele Jahrhunderte lang geriet es in Vergessenheit, bis es im fünfzehnten Jahrhundert in einer deutschen Klosterbibliothek zufällig wieder zum Vorschein kam. Dass die katholische Kirche keine rechte Freude damit hatte, ist kein Wunder. Für Lukrez ist die Seele ein physisches Phänomen und daher genauso sterblich wie der Leib, göttliche Intervention ist blinder Aberglaube, religiöse Ideologie ein Übel, das Familien und Staaten in Kriegen zerreißt. Explizit spricht er auch von Sexualität und anderen Tabuthemen der Theologie des Mittelalters. Lukrez möchte jenen, die sein Werk lesen, die Angst vor Göttern und vor dem Tod nehmen. Der Weg dazu liegt für ihn mitunter in der Naturwissenschaft, in der Erkenntnis der Natur der Dinge, die einher geht mit tiefem Staunen und aufrichtiger Faszination für die Phänomene des uns umgebenden Kosmos. Jener Philosoph der griechischen Antike, auf den sich Lukrez dabei am meisten beruft, ist kein anderer als Epikur, welcher ja bekanntlich bei Dante ganz tief unten in der Hölle sitzt. Beide – Lukrez und Epikur – sind Fackelträger der Diesseitsbejahung.

Trotz aller Widerstände schafften es die Worte des Lukrez bis in die Gegenwart. Und auf dem Wege inspirierten sie viele große Geister jüngerer Vergangenheit: Giordano Bruno, Montaigne, Molière, Goethe und viele mehr. Es ist spannend zu erspüren, wie sich die Spuren dieses Werks durch die Geschichte ziehen.

Man kann Lukrez primär als Dichter sehen – oder als Proto-Naturwissenschaftler – oder als beides. Ich wäre schon geneigt, dieses Buch als frühes Beispiel naturwissenschaftlicher Welterklärung zu betrachten und es etwa in einer Reihe mit Newtons so viel späterem Philosophiae Naturalis Principia Mathematica zu nennen. Der Anspruch der schlüssigen Welterklärung bleibt derselbe. Die Methode allerdings verlagerte sich von der Poesie zur Mathematik, wobei sich letztere als die viel tauglichere Sprache entpuppte – zumindest für die Ziele der Naturwissenschaft.

Neben Poesie und Wissenschaft sollte man natürlich nicht darauf vergessen, den philosophischen Aspekt dieses Werkes hervorzuheben. Es entstand zu einer Zeit als sich die einzelnen Naturwissenschaften noch nicht von der Zwiebelstruktur der Philosophie abgeschält hatten, als z.B. Physik mangels naturwissenschaftlicher Methodik noch Naturphilosophie hieß. Die Lukrez’sche Methode des Erkenntnisgewinns birgt etwas Urphilosophisches in sich. Der menschliche Geist selbst wird hier zum Mess- und Analyseinstrument, mit dem gelang, was sinnerweiternden Geräten noch jahrhundertelang nicht gelingen würde.

Zwei besonders prägende Stellen im Werk des Lukrez möchte ich noch herausgreifen. Seine Beschreibung der Attischen Seuche (jene Epidemie, die Athen von 430–426 v. u. Z. heimsuchte und von der uns schon Thukydides erschütterndes Zeugnis liefert) gehört wohl zu den frappierendsten Schilderungen in Vers, die je über Krankheit und Tod geschrieben wurden. Vor allem, wenn man selbst gerade eine Pandemie durchlebt, hören sich diese Zeilen aus längst vergangener Zeit so erschreckend aktuell und vertraut an.

Und dann wäre da noch jene Stelle, die das Herz aller Science-Fiction Freunde schneller schlagen lässt. Seit wann träumen die Menschen von der Existenz außerirdischen Lebens auf fremden Welten im All? Seit ein paar hundert Jahren? Nein, schon Lukrez hält es für wahrscheinlich, dass wir nicht allein im All sind. Denn ist die Zeit nur lang genug, so wiederholt sich, was sich auf Erden ereignet hat, wohl auch anderswo. Hier die nämliche Textstelle in der großartigen Übersetzung von Alicia Elsbeth Stallings:

Besides, when matter is available in great supply,
Where there is space at hand, and nothing to be hindered by,
Things must happen and come to pass. That is a certainty,
In all the time Life has existed for, the full amount,
If the same Force and the same Nature abide everywhere
To throw together atoms just as they’re united here,
You must confess that there are other worlds with other races
Of people and other kinds of animals in other places.

Lucretius, ~60 BCE

Gänsehaut pur.

Auf See

Ein Gutes dieser misslichen Lage, in der man kein Theater mehr besuchen und auch keines inszenieren darf, ist, dass man mehr Zeit zum Lesen hat. So habe ich neulich ein Buch gelesen, vor dem ich mich weit mehr als vor anderen scheute – ist es doch mein eigenes.

Mehr als fünfzehn Jahre sind vergangen, seit ich „Auf See“ geschrieben habe – lange genug, um längst vergessen zu haben, was darin geschrieben steht. Nur schemenhaft konnte ich mich mehr an die vielen Facetten dieses Buches erinnern, an die Lebensgeschichten der Mannschaft, an die Gespräche mit dem Kapitän. Vieles war vergessen. Das erlaubte mir, dieses Werk beinahe mit derselben Distanz zu lesen, als ob der Autor mir völlig fremd wäre. Ich hatte damit gerechnet, dass mir manches peinlich sein, dass ich Inhalte und Aussagen von „Auf See“ aus heutiger Sicht problematisch finden würde. Außerdem rechnete ich damit, dass ich in diesem Roman jenes Neunzehnjährigen, der ich einst war, viele Mängel, viele erzählerische Schwächen entdecken würde.

Doch dem war nicht so. Ich war überrascht, dass die Geschichte immer noch funktioniert, dass ihre Tragik und Tiefe nicht im Licht der Zeit verblasst ist. Vor allem jene Schliche, mit denen das Buch die Lesenden oft auf die falsche Fährte führt, ihnen ein gewisses Urteil abringt und es dann Seiten später als voreilig und falsch hinstellt, haben mich sehr amüsiert. Stellenweise habe ich mich sogar selbst hinters Licht geführt. Dachte ich das damals wirklich? Seiten später die Erleichterung: Nein, tat ich nicht.

Mit einem Lächeln im Gesicht freue ich mich nun, dass ich „Auf See“ – diesen philosophisch angehauchten Abenteuerroman eines Teenagers – in neuem Kleid und mit kleinem Preis wieder auf die Reise schicken kann. Einen richtigen Verlag habe ich dafür leider nie gefunden. Einerseits hatte ich wohl nicht genug Geduld bei der Suche, andererseits waren die Erfolgsaussichten eines Erstlings, der alles andere als ein Krimi ist, wohl sehr gering. Umso schöner ist es aber, dass die heutige Zeit den Schreibenden ermöglicht, auch auf eigene Faust ohne Risiko zu publizieren. „Auf See“ bleibt für mich eine schöne Erinnerung an vergangene Jahre, ein funkelndes Schmuckstück in meinem Regal früher Werke.

Und falls es sich sonst noch jemand ins Regal stellen will: hier geht’s zur 524 Seiten dicken Printausgabe, und hier geht’s zum eBook.

Edwin Abbott: Flatland

Ein schöner Klassiker von mathematischer Eleganz und fein zugespitzter Gesellschaftskritik. Wie ein Buch es nur selten vermag, spielt Flatland mit der Vorstellungskraft der Lesenden und führt sie aus einer zweidimensionalen Welt hinaus in die Möglichkeitsräume von Raum und Zeit. Man mag beim Lesen kaum glauben, dass dieses Buch tatsächlich schon im Jahre 1884 verfasst wurde, so modern scheint die Kritik, so unkonventionell die Sprache, die eine wunderschöne Balance von mathematischer Prägnanz und poetischem Charme hält. Die vielen versteckten Shakespeare-Zitate, die alle Dimensionen durchdringen, tun ihr Übriges, um dem Werk eine überzeitliche Bedeutung zu verleihen.

Viel Wahrheit steckt in diesen Worten. Weder physikalisch noch mathematisch ist die dreidimensionale Welt eine Notwendigkeit. So wie der Held dieser Geschichte – ein etwas biederes Quadrat – anfangs nicht vermag, sich mehr als zwei Dimensionen vorzustellen („Upwards, but not northwards“), so scheitern auch wir daran, Vier- und Fünfdimensionalität zu imaginieren. Und dabei zeigt uns doch spätestens seit 1915 die Allgemeine Relativitätstheorie die Möglichkeit auf, dass der dreidimensionale Raum des Kosmos in eine vierte Dimension gekrümmt sein könnte. Mathematisch kein Problem, doch unsere Vorstellungskraft, die evolutionär darauf getrimmt ist, von Baum zum Baum zu springen, kommt da leider nicht mehr mir. Für alle, die es doch riskieren wollen und den Weg zur Mehrdimensionalität suchen, bietet Edwin Abbott in Flatland wunderbare Analogien. Denn erst wenn man sich wirklich vorstellen kann, wie eine Welt in nur einer oder zwei Dimensionen aussehen würde und von dort jeweils den Schritt in die nächste Dimension vollzieht, erst dann vermag man zu erahnen, was denn nötig wäre, um den Schritt aus der 3D-Welt zur 4D-Welt zu machen.

Schwer zu glauben, dass Abbott sein Flatland geschrieben hatte, ohne noch irgendeine Ahnung davon zu haben, dass wenige Jahrzehnte später die Physik Wegweiser in eben jene Möglichkeitsräume finden würde, die er hier beschreibt. Ob Einstein wohl Flatland gekannt hat? Es würde mich nicht wundern.

Spannend ist auch der Umstand, dass die Gesellschaft der zweidimensionalen Welt, aus welcher der Protagonist stammt, eine Art klerikale Diktatur ist. Die Progression von Dreiecken zu Polygonen im Laufe der Generationen mit der ständigen Gefahr der Irregularität und damit einhergehenden Ächtung verhindert weitgehende soziale Umwälzungen. Die Unterdrückung der spitzwinkligen Dreiecke erinnert an Sklavenhaltung oder die Repression der Arbeiterschaft. Die höherdimensionale Welt, aus welcher das Quadrat (dessen Vater ein gleichseitiges Dreieck war, dessen Söhne Pentagone und dessen Enkel schon Hexagone sind) besucht wird, scheint eher demokratisch gesinnt zu sein. Doch auch diese Kugel wirkt beschränkt, wenn es vom Quadrat mit der Möglichkeit der Vierdimensionalität konfrontiert wird. Auch die Unterdrückung des weiblichen Geschlechts, welches in Flatland, nur aus Linien besteht, wird thematisiert. Letztlich geht es um die Überwindung der eigenen Hybris – egal in wie vielen Dimensionen.

Kurzum: Allen, die mit erzählerischer Brillanz begreifen wollen, warum ein Hyperwürfel sechzehn Ecken und acht Seiten haben muss, sei dieses Büchlein wärmstens empfohlen.

Theater-Unterricht an der ISK

Seit 2015 unterrichte ich Theater an der International School Kufstein (ISK). 15- bis 18-Jährige hören in Laufe von vier Unterrichtsjahren viel Wissenswertes über die weite Welt der dramatischen Kunst und lernen, selbstsicher vor anderen auf einer Bühne zu stehen und sich zu präsentieren. In vielen praktischen Übungen erkennen die Schülerinnen und Schüler, dass Kommunikation nicht nur über Sprache, sondern auch über Gestik, Mimik, Bewegung und Körperhaltung erfolgt. All diese Aspekte werden trainniert und gestärkt. Im Theater-Unterricht an der ISK steht allerdings nicht nur das darstellende Spiel im Vordergrund. Ebenso wichtige Inhalte sind Regieführung, Design (Bühne, Kostüme, Licht, Ton, Maske) und das Verfassen bühnentauglicher Texte. Wir beschäftigen uns auch mit der Geschichte des Theaters und lernen wichtige Stückeschreiber*innen und ihre Werke kennen (Brecht, Shakespeare, Sophokles, Aristophanes, Wilde, Lorca, Ibsen, Tschechow, Molière, Williams, O’Neill, etc.). Als internationale Schule legen wir auch großen Wert darauf, nicht-europäische Theatertraditionen (Kabuki, Rakugo und Nō aus Japan, Kathakali aus Kerala, Kecak aus Bali, die Peking Oper aus China, etc.) zu erforschen und deren praktische Konventionen und kulturelle Zusammenhänge kennenzulernen. Auch ältere europäische Theatertraditionen (Commedia dell’Arte, Comedy of Manners, französische Farce oder British Restoration Theatre) spielen eine Rolle. Letzlich besprechen wir auch die ein oder andere Theatertheorie (Aristoteles, Brecht, Stanislavski, Kantor, Boal) und vergleichen die verschiedenen Ansätze über den Zweck und die Bedeutung des Theaters in Gegenwart und Geschichte.
Teil des Unterrichts ist auch die alljährliche Aufführung des Kufstein English Theatre, bei welcher die Schülerinnen und Schüler der 10. Schulstufe ein abendfüllendes Stück in englischer Sprache und mit deutschen Übertiteln auf der Bühne des Kultur Quartiers zur Aufführung bringen.
Der ganze Kurs findet in englischer Sprache statt und kann nur von Schülerinnen und Schüler der International School Kufstein besucht werden.

Das folgende Video gibt einen Überblick über die zentralen Inhalte des Kurses, welcher zum Teil in den Räumlichkeiten der ISK, aber auch im Saal der Landesmusikschule und im Theater des Kultur Quartiers Kufstein stattfindet.

Allgemein

Die Fernwanderung des vergangenen Sommers

Es ist fertig, das jüngste und elfte Buch in meiner Serie „Es muss nicht immer Jakob sein!“
Darin schildere ich auf über 300 Seiten die Eindrücke und Erlebnisse meiner 500 km weiten Wanderung durch das nordostungarische Berg- und Hügelland im Sommer 2020. Es ist dies ein weiteres Teilstück auf meiner langen Reise am Europäischen Fernwanderweg E4, von dessen 10.000 km langem Verlauf ich nun schon mehr als ein Drittel bewältigt haben.

Dieses neue Buch ist weit umfangreicher als die bisherigen Etappenberichte geworden, habe ich doch immer wieder auch Episoden aus der Historie der durchschrittenen Dörfer und Landstriche in die Wegbeschreibungen einfließen lassen. Außerdem ist das Buch so reich an Farbfotografien, dass man es fast als Bildband bezeichnen könnte.

Ich schreibe diese Bücher in erster Linie für mich selbst, um mich der Erinnerungen an meine Fernwanderreisen auch später im Leben noch mit vielen Details und Farben zu erfreuen. Dass meine Wanderberichte in der Vergangenheit auf reges Interesse in der deutschsprachigen Fernwander-Community gestoßen sind, ist natürlich sehr schön. Es gibt nicht viel Literatur zum Europäischen Fernwanderweg 4. Hier füllen diese Bücher wohl eine Lücke aus, die schon viel zu lange besteht.

Wer meine Erzählungen mag, wer gerne etwas über die schönen Landschaften und Bilderbuchdörfer des nordöstlichen Ungarns lernen möchte, wer sich fürs Fernwandern interessiert oder einfach nur ein paar Anekdoten vom Wegesrand hören möchte, hat an diesem Büchlein wohl seine Freude. Von Budapest geht es ans Donauknie und weiter über die Berge von Börzsöny, Mátra und Bükk hinab zum höhlenreichen Land von Aggtelek und durch die Hernád-Senke über die Zémplen-Berge nach Sátoraljaújhely. Ich freue mich schon aufs Weitergehen.

Hier ein Überblick über all meine Bücher zum Europäischen Fernwanderweg E4.

Hier der Link zur billigen Schwarzweißversion.

Hier der Link zur schönen Version in Farbe.

Und hier der Link zum E-Book.