À propos Meinungsfreiheit

Stellt euch vor, wir hätten kein Coronavirus, sondern wir würden in einem Land leben, dessen Boden mit Tretminen gespickt wäre – etwa weil diese von „bösen Mächten“ plötzlich über dem Erdboden verstreut wurden.

In diesem Land würde nun die Politik verbieten, nach draußen zu gehen. Es sei einfach zu gefährlich, sagen sie. Ein jeder Schritt berge Explosionsgefahr. Man müsse warten bis alle Minen entschärft sind. Das könne noch eine Weile dauern – aber so lange müsse man leider drinnen bleiben und Schulen und Geschäfte verschlossen halten. Klingt doch vernünftig – auch deshalb, weil einige die sich nicht darin gehalten hätten, inzwischen gestorben seien.

Nun gebe es aber Leute, die sagen: „So ein Blödsinn! Das ist alles Lüge!“, „Da sind doch gar keine Minen!“ Oder „Das tut doch gar nicht so weh, wenn die explodieren“. Es gebe Leute, die sagten: „Also ich gehe mit meinen Kindern noch ins Freie und andere sollten das auch tun.“ Und wenn man diese Leute dann kritisiere, so würden sie wohl sagen: „Ich habe ein Recht auf Meinungsfreiheit! Ich lass mir doch nicht den Mund verbieten. Ich habe das volle Recht nach draußen zu gehen und anderen zu sagen, dass sie das auch tun sollen. Ich habe ein Recht darauf zu behaupten, dass Tretminen nicht gefährlich sind!“

In etwa diese Situation haben wir jetzt. Nur dass die Tretminen unsichtbar sind. Sie sind auch viel kleiner und sie vermehren sich sogar recht schnell. Ein wesentlicher Unterschied ist auch, dass jeder, der hinausgeht nicht nur sich selbst gefährdet, sondern auch all seine Mitbewohner*innen oder Familienmitglieder und Mitarbeiter*innen.

In Zeiten, da die Wissenschaft einhellig und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Gefahren eines Virus belegt, da Politiker*innen vieler Nationen in historischem Gleichklang dieselben Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung treffen, da in vielen Ländern sich schon Leichen türmen und somit auch jenen die nichts von Exponentialfunktionen verstehen bildhaft vergegenwärtigen, dass dies eine reale Gefahr ist – in solchen Zeiten öffentlich die Maßnahmen zum Schutz von Menschleben ins Lächerliche zu ziehen und offen dazu aufzurufen, nach draußen zu gehen, seine Kinder zum Spielplatz zu schicken, die Großeltern zu besuchen und ja den Behörden nicht zu glauben – das hat nichts mehr mit Meinungsfreiheit zu tun, sondern mit arger Fahrlässigkeit, Unverantwortlichkeit, Realitätsverweigerung und grobem, moralischem Fehlverhalten.

(Bild-Refernz: CC Reedhawk, own work)

Cervantes: Don Quijote

Im Jahr 2002 wurde eine Liste der besten belletristischen Werke aller Zeiten zusammengestellt. Über 100 Autoren aus 54 Ländern wurden damals gebeten, zehn Titel der ihrer Meinung nach „bedeutungsvollsten Bücher aller Zeiten“ zu nennen. Mit dabei unter anderem: Doris Lessing, Salman Rushdie, Nadine Gordimer, Wole Soyinka, Seamus Heaney, Carlos Fuentes, Norman Mailer, Siegfried Lenz, Hans Magnus Enzensberger, Christoph Hein, Herta Müller, Christa Wolf, Milan Kundera, Astrid Lindgren, etc.
Heraus kam eine lange Liste, an deren Spitze die am häufigsten genannten Werke thronen. Der einzige Autor, von dem sich gleich vier Werke auf der fertigen Liste wiederfinden, ist Fjodor Dostojewskij, dicht gefolgt von Shakespeare und Kafka mit jeweils drei Werken. Man findet aber auch etwa chinesische, indische oder nigerianische Werke von ungeahnter Schönheit. Seit Jahren nehme ich immer wieder diese Liste zu Hand, wenn ich auf der Suche nach dem nächsten Buch bin.

Den ersten Platz errang mit Abstand jenes Werk aus dem frühen siebzehnten Jahrhundert, von dem gleich mehrere Literaten sagten: „Wenn es einen Roman gibt, den man vor seinem Tod noch lesen sollte, dann diesen. Die Rede ist von „El ingenioso hidalgo don Quijote de la Mancha“ von Miguel de Cervantes Saavedra.
Nun habe also auch ich die 1275 Seiten der deutschen Übersetzung mit Genuss gelesen – und ich bin hinreichend begeistert. Zwar mag es doch ein paar wenige Werke geben, an denen ich mich noch mehr erfreute (Ich denke an Dostojewskijs „Dämonen“ oder Rushdies „Midnight’s Children“), so ist der Spitzenplatz dieses kultigen Schelmenromans doch gerechtfertigt – weniger wegen der Story selbst, als aufgrund der überragenden Erzähltechnik, die mit ungeahntem, für seine Zeit revolutionären Charm, Witz und Twist daher galoppiert.

Die Art wie die Geschichte aus sich heraussteigt, sich selbst transzendiert und auch die Lesenden miteinbezieht ist bezaubernd. Wie der erste Teile des Romans selbst in die Geschichte hineinwirkt, im dessen zweiten Teil innerhalb der Erzählung existiert, gelesen und rezipiert wird, ist so absurd, dass es einfach nur wunderbar ist. Der Humor, der in aberwitzigen Wortwechseln zwischen Sancho Panza und seinem Herrn schlummert, ist unnachahmlich.

Oft fühlte ich mich beim Lesen freilich auch an jenes spätere Werk Diderots erinnert, „Jacques le fataliste et son maître“, das vieles aufgreift und wohl stark von Cervantes inspiriert wurde. Was im „Quijote“ jedoch viel stärker zum Ausdruck kommt, ist die ständige Dichotomie von Illusion und Wirklichkeit, die sein und unser Leben durchzieht. Was ist Schein und was ist Sein? Manche tun sich in der Unterscheidung eben leichter als es andere tun. Ob sie recht darin haben ist eine andere Frage. Und oftmals mag der Schein die nötige Motivation für das Sein liefern. Es lebe die Fiktion.

Auf ewig erfreue sich die menschliche Leserschaft künftiger Zeiten deshalb am zeitlosen Ritter von der traurigen Gestalt, an seinem klapprigen Gaul Rosinante und am sprichwortreichen Sancho Panza in all seiner Pracht und Herrlichkeit. Möge die Suche nach dem schemenhaft flüchtigen Traumbild der Dulcinea von Tobosa immer weiter gehen. Möge der Kampf gegen die Windmühlen nie enden. Viva Don Qujote de la Mancha!

Die große Verschwörung

Ich frage mich, auf welche Erklärung, all jene, die in den offiziellen Daten zu COVID-10 überall Betrug und Verschwörung wittern, eigentlich hinauswollen. Was ist ihr Narrativ um das derzeitige Weltgeschehen zu erklären. Am einleuchtendsten erscheint mir da schon, was uns öffentlich-rechtliche Medien, Regierungen und ein Gros der Wissenschaftler erzählen:

NARRATIV 1: Nach 100 Jahren gibt – wie so oft in der Menschheitsgeschichte wieder einmal eine ordentliche Pandemie. Und viele geben ihr bestes, sie zu besiegen. Die Ausganssperren etc. liefern erste Erfolge. Ein langer Weg liegt noch vor uns.Oder man hält es mit obengenannten „kritischen“ Geistern und entscheidet sich für

NARRATIV 2:Fast alle Regierungen (linke sowie rechte) der Erde, inklusive viele Medien, Wissenschaftler, unabhängige Institute etc, haben sich alle gemeinsam miteinander verschworen, um der Weltbevölkerung ein Märchen zu erzählen. Sie tun das, um ihre Macht zu festigen, um unbemerkt irgendwelche Agenden durchzupeitschen, um 5G Masten aufzustellen (Ich lach mich krumm.) oder um der Pharmaindustrie unter die Arme zu greifen. Zu diesem Zwecke lügen uns alle kollektiv an und der Niedergang der Wirtschaft wird als Kollateralschaden hingenommmen. Nur ein paar ganze schlaue, mutige, kritische Denker wagen es auf Facebook und Youtube auf diese gewältige Verschwörung hinzuweisen und die Wahrheit ans Licht zu bringen. Sie sind die Helden unserer Zeit.

Das ist jetzt aber schon eine schwierige Entscheidung … Welches Narrativ soll ich nur glauben? Was würde Sherlock Holmes tun?

Über das Impfen

Vielleicht ist es wieder einmal an der Zeit, sich zu erinnern, wie unglaublich toll eine der wichtigsten medizinischen Errungenschaften der Menschheitsgeschichte ist. Kaum eine Innovation hat mehr Leben gerettet und verlängert. Ganze Krankheiten, Jahrhunderte alte Serienkiller des Mikrokosmos‘, wurden damit ausgerottet. Millionen Menschen haben sich im Lauf des letzten Jahrhunderts an einem langen Leben erfreuen können, die ohne diese Erfindung jung gestorben wären. Ich spreche natürlich vom Impfen.

Danke ihr Impfungen, dass ihr die Pocken ausgerottet habt. Danke ihr Impfungen, dass ihr Diphterie, Kinderlähmung, Mumps, Röteln, Masern und mehr weitgehend eingedämmt habt.Danke ihr Ärzte und Wissenschaftler, die ihr ständig daran forscht, mit neuen Impfstoffen unser Leben noch länger und gesünder zu machen.Danke, dass ihr allen neuen Präparaten rigoren Qualitätstests unterzieht.Und danke, dass ihr euch von der propagandistschen Verblendungsmaschinerie der Impfgegner-Lobby nicht unterkriegen lässt und weiter forscht.

Dass wir in Europa heute im Durschnitt 40 Jahre länger leben als vor 200 Jahren hat vor allem auch mit Impfungen zu tun.Impfungen – ich bin ein Fan von euch. Ich jubel euch zu. Ich bin begeistert. Und ich klatsche laut und lang für jene Wissenschaftler*innen, die nun eifrig am COVID-19 Impfstoff forschen und ihn auch hoffentlich bald finden werden. Und wenn er dann nach rigorosen, klinischen Test zur Verwendung freigegeben ist – wie werde ich mich da auf diese Spritze freuen. Und da so viele dies leider einfach nicht begreifen wollen und es ohne hohe Durchimpfungsrate einfach nichts bringt: Ja, ich stimme einer Impflicht zu. Schade, dass sie nötig sein wird. Aber leider ist die Menschheit nicht schlau genug. In Jahrhunderten wird man zurückblicken und sich für uns schämen.

Über den Hausverstand

An all jene, die meinen, auf wissenschaftlichen Input, auf statistische Daten und sorgfältige Studien getrost verzichten zu können, da ihnen ja „der Hausverstand“ auch bekannt als „der gesunde Menschenverstand“ reiche, um die „Wahrheit“ zu erkennen: So ist es nicht.Der „Hausverstand“ liegt sehr of falsch und sagt auch jedem etwas anderes. Der „Hausverstand“ sagt uns doch auch, dass sich die Sonne um die Erde dreht. Ist halt nicht so.Der „Hausverstand“ hat sich evolutionär innherhalb von Kleingruppen entwickelt und scheitert völlig angesichts großer Menschenzahlen.Der „Hausverstand“ wurde von Wissenschaftlichen Erkenntnissen immer wieder als irreführend bloßgestellt. Wäre unsere Technik und unsere Medizin nur durch „Hausverstand“ entworfen worden – sie würde nicht funktioneren und wir wären der Steinzeit noch viel näher. Auch die Lebenserwartung wäre im Keller.Er ist nur ein schlechter Kompass, dieser Hausverstand.

Gustave Flaubert: Madame Bovary

Schön ist’s, am See zu liegen und einen Jahrhundertoman zu Ende zu lesen. Gustave Flauberts Meisterwerk „Madame Bovary“ gilt völlig zurecht als eines der besten Werke der Weltliteratur. Packend, tragisch, zuweilen ungemein witzig (les clémentines, ha!) und vor allem sprachlich wunderschön erzählt die Geschichte vom Schicksal der Protagonistin, ihrem wüsten Leben und ihrem Tod. Die Landschaftsbeschreibungen der Normandie sind außergewöhnlich eindrucksvoll. Selten wurde Natur und ländliches Leben mit solcher Sprachmelodie beschrieben. Das Meisterhafte an Flauberts Sprache ist das Vermögen, menschliches Empfinden mit natürlichen Phänomenen zu umschreiben. So entstehen dann Sätze wie
„Elle n’aimait la mer qu‘à cause de ses tempêtes, et la verdure seulement lorsqu’elle était clairsemée parmi le ruines.“ (Frei übersetzt: „Sie liebte das Meer nur wegen seiner Stürme, das Grün nur dann, wenn es spärlich zwischen Ruinen wuchs.“)
Fantastisch.

Maria Lazar: Leben verboten

Selten habe ich einen derart fesselnden, historisch überzeugenden und stilistisch ungemein ausgefeilten Roman gelesen. Es ist eine Schande, ja geradezu ein Skandal, dass die deutsche Erstausgabe erst im Jahre 2020 – fast neunzig Jahre nach seiner Abfassung – erscheint und dass die Autorin ein trauriges, an Geldsorgen reiches Leben führte und nie zum eigentlich verdienten Ruhm gelangte. Wären die frühen dreißiger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts in deutschen Landen nicht so gewesen, wie

sie waren, d.h. zunehmend totalitär, dem kritischen Denken und der expressionistischen Sprache abhold und zudem auch noch stark misogyn – Maria Lazar hätte ihren Platz in der Spitzenliga der österreichischen Literatur bekommen und wäre heute wohl eben so bekannt wie Ödön von Horvath, Arthur Schnitzler und andere.Doch leider war dem nicht so. Sie geriet in Vergessenheit. Glücklicherweise nimmt sich der Verlag „das vergessene buch“ solcher Schicksale an und bringt verschüttete Diamanten ans Licht.„Leben verboten“ ist der beste österreichische Roman der Zwischenkriegszeit, den ich kenne. Geradezu prophetisch beschreibt er den aufschäumenden Nationalismus und Antisemitismus in einem so fernen und doch so vertrauten Wien. Doch auch Berlin und selbst der Semmering gehören zu den Schauplätzen dieser einzigartigen Geschichte. Eindrucksvoll geschildert sind auch die eigentümlich nachtschwarzen Zugfahrten durch die trauliche Tschechei. Wir erleben den Niedergang des Berliner Geschäftsmanns von Ufermann. Nach dem Absturz eines Flugzeugs, in dem er durch Zufall nicht saß, wird er für tot erklärt. Er lässt sich treiben, vom Winde verwehen. Es verschlägt ihn nach Wien. Er trifft verarmte Aristokraten, Burschenschaftler, jüdische Professoren, Arbeitslose und andere Figure im Theater des traurigen letzten Aktes der Wiener Zwischenkriegsszenerie. Und obwohl der Roman bereits 1934 fertigstellt war, sieht Maria Lazar schon allzu deutlich die Katastrophe am Horizont.„Sie meinen, daß die geheimen Banden – zu Heeren werden könnten. Millionenheeren. – Und daß die Welt der Kolportage dann – zur Weltgeschichte wird. – Aber Millionen können doch nicht mit einem Mal nur Mörder sein. Wie denken Sie sich das denn, Herr Professor. Und sollen diese Millionen alle als Opfer ihrer Zeit geschlachtet werden? – Wieso als Opfer, als Opfer ihrer Zeit? Sie werden geschlachtet werden als Schuldige an ihrer Zeit. Als Schuldige, wie wir es heute vielleicht schon alle sind.“Da überkommt einen schon das Grauen … Jedenfalls hofft man, dass Maria Lazar durch die viel zu späte Erstausgabe ihres Romans nun nachträglich doch noch in den Kanon der österreichischen Literatur Eingang findet. Sie selbst, die sich – zu arm und zu krank um aus dem skandinavischen Exil je wieder heimzukehren – im Jahre 1948 das Leben nahm, hat freilich nichts mehr davon.

Thomas Mann: Der Zauberberg

Schön sind die Tage, an denen man die letzten Seiten eines knapp 1000-Seiten starken Juwels der Literatur mit den Augen verschlingt und hernach bei einem guten Glas Wein im Geiste Abschied von der ganzen Schar der Charaktere nimmt, die da im Strudel der Geschichte aufeinandertreffen. Immer wieder fand ich in vergangenen Jahren Anspielungen auf dieses Werk – sei es in deutschen Gegenwartsromanen, sei es in japanischen Anime-Filmen – „Der Zauberberg“ von Thomas Mann hat in den letzten hundert Jahren viele Menschen stark beeindruckt. Reich-Raniciki sagte gar, er kenne keinen besseren deutschen Roman als diesen (und die „Wahlverwandtschaften“). Es war höchste Zeit für mich, den Zauberberg zu erklimmen. So nahm ich ihn also mit auf meine diesjährige Weitwanderung, las die ersten fünfhundert Seiten auf dem Weg und den Rest in schnellem Tempo in der Heimat. Mann, der „raunende Beschwörer des Imperfekts“, begeistert durch und durch. Ob in der feinfühligen Schilderung unvergesslicher Charaktere (Settembrini – Bravo!, Naphta – Furchterregend!, Peeperkorn – eine Wucht!) oder in der gekonnten Darstellung von Dekor und Natur. Man sieht die Schweizer Alpen, die Bäche, Wasserfälle, den Schnee und das Sanatorium förmlich vor sich. Hans Castorps „Schneetraum“ und auch die Beschreibung der gehörten Grammophonmusik sind besonders eindrucksvoll. Letztlich frappiert aber das Ende, jener Donnerschlag des ersten Weltkriegs, jene Schilderung des Wahnsinns, die alles Übrige in einen absurden Abgrund reißt. Und da ist noch so viel mehr in diesem Roman und zwischen seinen Zeilen. Ein Buch, um die Zeit zu verlieren, um einzutauchen in eine längst verschwundene Welt. Doch die Menschen sind dieselben geblieben. Sie sind immer noch da. Auch das Heute hat seine Castorps und Ziemßens, seine Naphtas und Settembrinis, seine Behrens und Krokowskis, seine Stöhrs und Chauchats. Bei manchen muss man „Leider“ sagen, bei anderen „Zum Glück.“ So vermag man in jedem guten Roman – so alt er auch sei – ein wenig weiter vorzudringen, zum Begreifen des Rätsels der menschlichen Natur. Und so, im Getümmel, in dem Regen, der Dämmerung, kommt uns Hans Castorp nun aus den Augen. Der Erzähler schreibt „Finis Operis“ und der Leser starrt stier in die Wolken.

Heinrich Böll – Gruppenbild mit Dame

Spannend, lehrreich und sehr unterhaltsam war die Lektüre von Heinrich Bölls „Gruppenbild mit Dame“ – jenes Buch, das wohl den Ausschlag dafür gab, dass Böll im Jahre 1972 den Nobelpreis bekam. Wie die vielen so unterschiedlichen Menschen rund um die Hauptfigur durch die Geschichte taumeln, wie sich das Leben aller vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Machtergreifung und der Wirren des Zweiten Weltkriegs grundlegend verändert, auf den Kopf stellt oder gar im Tod verliert – das ist schon faszinierend mitanzusehen. Hinzu kommt der unkonventionelle Stil. Wie der kettenrauchende Verfasser selbst allmählich Teil der Geschichte wird, schließlich gar von der Geschichte aufgesaugt wird, sie verändert und schließlich selbst zur zweiten Hauptfigur heranwächst – das hat schon seinen Reiz. Die lustigsten und aufschlussreichsten Stellen dieses Buches sind wohl jene, die in Klammer stehen: (??, der Verf. ). Die Mischung aus Humor und Ernst ist gut getroffen. An manchen Stellen werden viele Lesende laut auflachen, an anderen haben Tränen ihre Berechtigung. L. 1. und W., sowie die ein oder andere T. sind angebracht – wie der Verfasser sagen würde (Insider). Beim Schein der Herbstsonne auf der laubbedeckten Erde zwischen den Felsen am Hechtseeufer ließen sich die letzten dreißig Seiten heute besonders gut lesen.

Olga Tokarczuk: „Die grünen Kinder“

„Opowiadania bizarne (Bizarre Erzählungen)“ lautet der Originaltitel dieser wahrlich sehr bizarren und faszinierenden Sammlung von insgesamt zehn kurzen Geschichten aus der Feder der polnischen Literaturnobelpreisträgerin des Jahres 2018. Toll.


Olga Tokarczuks wunderschöne, an Metaphern reiche Sprache entführt die Lesenden in sehr unterschiedliche Welten und Zeiten. Manchmal finden wir uns in früher Vergangenheit wieder, dann wieder in einer möglichen Zukunft. Manchmal im Schnee, manchmal in tropischer Hitze. Alle Geschichten gemein ist das bizarre Element, das einen manchmal erst auf der letzten Seite der Erzählung überfällt oder bereits ständig zwischen den Zeilen mitschwingt. Von harmlos bis tödlich reicht der Grad der Bizarrerien, von verstörend bis unterhaltend die Macht der Absonderlichkeiten.


Das schöne dabei ist: Nicht immer – im Grunde selten, mit ein bisschen Fantasie vielleicht auch nie – müssen Erklärungsversuche Zuflucht im Metaphysischen suchen. Psychologie reicht aus, oft auch in Kombination mit naturwissenschaftlich gerade noch Möglichem, gerade noch Vorstellbarem.


Am meisten gebannt und erschreckt hat mich aber jene der zehn Erzählungen, die völlig ohne geheimnisvolles Zutun, ohne verschwörerisches Geraune auskommt, sondern beinhart naturalistisch den Tod eines Professors auf Vortragsreise schildert. „Eine wahre Geschichte“ lautet der Titel dieses sehr glaubhaften Verlaufs einer traurigen Begebenheit. Packend!


Obwohl ich sonst noch kein Werk von Olga Tokarczuk kenne, nehme ich wohl an, dass diese zehn Geschichten ein guter Einstieg in ihr Werk sind. Sie machen Lust auf mehr. Sehr empfehlenswert. Aber nichts für schwache Nerven.