Pelluchon: „Manifeste animaliste“

Es ist erhebend und erfrischend zugleich, wie die französische Philosophin Corine Pelluchon in ihrer kurzen, doch prägnanten Streitschrift Manifest für die Tiere klar darlegt, dass Massentierhaltung und andere Varianten speziesistischer Neo-Sklaverei der Menschheit kurz- und langfristig weit mehr Schaden zufügen, als sie Nutzen erbringen. Der französische Titel des Werkes Manifeste animaliste trifft den Kern der Botschaft wesentlich besser, ist diese Schrift doch nicht nur ein Manifest für die Tiere, sondern auch für die Menschen – ein anti-speziesistisches Aufbegehren gegen in Tradition verhaftete Ungerechtigkeiten vieler Art, auf welche künftige Generationen wohl mit ähnlicher Scham und Abscheu zurückblicken werden, wie die Menschen der heutigen Zeit es bei Betrachtung des antiken und neuzeitlichen Sklavenhandels tun. Das Anfangszitat von Abraham Lincoln passt in diesem Zusammenhang besonders gut.

Theoretischer Unterbau dieses doch sehr knappen Büchleins ist wohl Pelluchons bisheriges Hauptwerk Wovon wir leben, in welchem sie eine Art neue Existenzphilosophie umreißt, welche den Menschen weniger als geistiges, in seiner Umwelt autarkes Wesen, sondern vielmehr als Tier in seiner Abhängigkeit natürlicher Ressourcen zeigt. Das werde ich wohl noch lesen müssen. Und ich werde es gerne tun.

Das Manifeste animaliste versteht sich als zeitgenössisches Update zu Peter Singers Animal Liberation. Im Unterschied zu Singer gründet Pelluchon ihren „Neo-Animalismus“ aber nicht mehr rein auf utilitaristische Argumentationsketten. Eine ebenso große, wenn nicht größere Rolle spielt eine auf Mitleid und Mitgefühl basierende Ethik, die doch mitunter an Schopenhauer erinnert. Letzterer hätte mit dem Manifeste animaliste wohl seine Freude gehabt.

Das Buch entlarvt die wirkmächtigen Verdrängungseffekte, welche die heutige Massentierhaltung erst möglich machen. Gleichzeitig zeigt es Verständnis für all jene, die aus Tradition oder ökonomischer Notwendigkeit Teil dieser globalen Missbrauchs Maschinerie sind und warnt davor, allzu schnell anzuklagen. Der Animalismus darf nicht selbst zum Dogmatismus werden. Und doch gilt es, an der anti-speziesistischen Forderung festzuhalten, dass die Interessen nichtmenschlicher Tiere ebenso berücksichtigt werden sollten, wie jene der Menschen. Ihr Leben sei für sie ebenso wichtig wie das unsrige für uns.

Die Politisierung der Tierfrage scheine unvermeidbar, um nachhaltige Veränderungen herbeizuführen. Dabei müsse man aber sowohl rationale wie auch emotionale Wege wählen. Die Ratio allein vermöge nicht, ausreichend Menschen zu einer Veränderung ihrer Lebensweise zu bewegen.

Spannend ist auch jene Passage, in der die Autorin den „vollständigen und hemmungslosen Mangel an Achtung vor dem Leben“ beleuchtet, der dem Status-quo-Kapitalismus zu Grunde liege und sogar einen Zusammenhang aufzeigt zwischen „Terrorismus und der Gewalt, die wir gegen andere Menschen und nichtmenschliche Tiere ausüben“.

Der Animalismus wird definiert als „philosophische, kulturelle und politische Bewegung, in der Menschen zusammenkommen, die sich durch ihre Lebensweise und ihr kollektives Handeln für den Schutz der Interessen von nichtmenschlichen Tieren einsetzen“. Er legt nahe, dass eine Aufnahme der Tiere in Ethik und Recht zugleich eine Erneuerung des Humanismus bedeute. Letztlich steuere man auf eine Welt zu, in der es nicht mehr legitim sein werde, ein anderes empfindungsfähiges Wesen auszubeuten.

Im Schlussteil liefert Pelluchons Manifest auch einige konkrete Handlungsvorschläge. Das Ende der Gefangenschaft von Tieren im Zirkus und Tierpark steht dabei nur am Beginn einer langen Kette von Forderungen, denn „Nur mit einem gespaltenen Bewusstsein kann man sich am Anblick anderer empfindungsfähiger Tiere erfreuen, die in Gefangenschaft leben müssen.“ Auch die schrittweise Rückkehr von der intensiven zur extensiven Tierhaltung bei drastischer Verringerung des Fleischkonsums wird als realistische Perspektive erörtert. Auch die positiven Auswirkungen auf die Verhinderung der Erderwärmung kommen hierbei zur Sprache. Die Erweiterung eines vegetarischen und veganen Speisenangebots in allen Städten und Institutionen versteht sich von selbst. All dies sei laut Pelluchon auch mit anhaltender wirtschaftlicher Prosperität vereinbar. Die Rolle von Künstler*innen und Intellektuellen im Zuge dieser Entwicklung wird ebenfalls diskutiert.

Am Ende schließt das Buch freilich mit jenen Worten, die in einem Manifest nicht fehlen dürfen: „Animalisten aller Länder, aller Parteien, und aller Konfessionen, vereinigt euch!“

Die veganen Kasspatzl, die ich gestern gekocht habe, schmeckten nach dieser Lektüre besonders gut.

Der Segen der Erde

„Den langen, langen Pfad durch die Moore und in die Wälder, wer hat ihn ausgetreten? Der Mann, der Mensch, der Erste, der hier war. Vor ihm gab es keinen Pfad.“

Mit diesen Worten beginnt Knut Hamsuns Roman „Der Segen der Erde“, für den ihm im Jahre 1920 der Literaturnobelpreis verliehen wurde. Auch hundert Jahre später lohnt sich die Lektüre dieses Werkes sehr. „Bodenständig“ ist wohl das Adjektiv, das am besten zur Beschreibung dieses Textes gereicht. Das einfache Leben am Land, das Leben vom Land, Viehzucht und Ackerbau, organisches Wachstum, die Schönheit des Einfachen – dies sind die Kernmotive der Geschichte.

Der starke Isak geht tief in den Wald und fängt an, ein Stück Land zu bestellen. Er baut eine kleine Hütte. Damit fängt es an. Bald gesellt sich eine Frau hinzu. Bald gibt es Kinder. Mehr Wald wird gerodet, mehr Moor wird trockengelegt. Isaks Reich wächst beständig, Feld um Feld, Tier um Tier, Gebäude um Gebäude. Andere folgen. Es sind nicht nur Bauern; Telegrafenmasten, Händler und Minenarbeiter hinterlassen bald ihre Spuren im Wald und im Leben der Protagonisten. Doch alle sind sie dem Autor verdächtig. Das gute, unverfälschte Leben findet sich nicht in der Stadt, nicht in Bildung, Handel und Wissenschaft, sondern nur im bodenständigen Landleben – so die leider nicht gut genug versteckte Botschaft, die Hamsun den Lesenden mitgeben möchte.

Doch auch, wenn man dieser Botschaft widerspricht, muss man die stilistische Schönheit und stellenweise Monumentalität dieses Romans freudig anerkennen. Wurde jemals sonst in so bewegenden Worten von einfachen Dingen berichtet – etwa davon, wie Isak das Korn aussät oder wie er gemeinsam mit seiner Frau Inger einen großen Stein aus dem Boden stemmt? Das alles kommt in Hamsuns Worten so bildgewaltig und emotional daher, dass es bei manchen die ein oder andere Träne entlockt.

Stetiges, organisches Wachstum basierend auf harter, ehrlicher Arbeit – dieses beständige Grundthema des Romans erinnert beim Lesen in gewisser Weise an manch altes Computerspiel à la Anno 1602. Wildes Land wird urbar gemacht und gibt Platz frei für Glück und neues Leben. Dieses Glück, dass die Menschen in Hamsuns Welt erleben, wird allerdings kaum in Worten artikuliert. Es findet sich nur in Handlungen, nur zwischen den Zeilen. Denn die Figuren des Romans sind allesamt kaum fähig, ihre Emotionen, ihr wahres Befinden in Worte zu fassen und einander zu offenbaren. Sie sind sprachlich stark eingeschränkt. Sagt Isak „Ach ja, mein Gott …“, so gilt es, aus dem Zusammenhang zu erschließen, was er damit wirklich sagen möchte und nicht kann.

Doch nicht nur stetiges Wachstum herrscht in Isaks Reich. Es gibt auch Rückschläge; Bürokratie, Kindsmord, rivalisierende Nachbarn, körperliche Missbildungen, Krankheit, Gefängnisstrafen und mehr drohen immer wieder, das harte und einfache, doch schöne Leben in seinem Wald zu trüben. Teilweise tun sie das auch.

An Tiefe gewinnt das Buch auch durch die vielen schön gezeichneten Figuren, die neben Isak und Inger ihre Spuren im Wald hinterlassen; die ungleichen Söhne Sivert und Elesius, die zwielichtige Oline, der dubiose und erfolglose Nachbar Brede, der brave Aksel Strøm, die zügellose Barbro, der Händler Aronsen, die Lappen, die gelegentlich durchs Land ziehen und andere.

Die vielleicht einprägsamste und gewiss rätselhafteste Figur des Romans bleibt aber der ehemalige Lehnsmann Geissler, der in unerwarteten Momenten immer wieder in die Geschichte eingreift und sie entscheidend zu beeinflussen weiß. Er ist mit Abstand auch jene Figur, die sich am besten zu artikulieren weiß und mitunter unerwartet tiefschürfend und poetisch über das Leben und die Rolle der Menschen sinniert.

„Ich bin etwas, ich bin der Nebel, bin hier und dort, ich schwimme, manchmal bin ich Regen an einem trockenen Ort.“

Getrübt wird das Lesevergnügen durch die drei oder vier Textstellen, an denen uns der Autor offensichtlich rassistische und antisemitische Vorurteile offenbart. Dies ist sehr schade. Hamsuns spätere Befürwortung des Nationalsozialismus ist aber kaum überraschend.

Und dennoch: 103 Jahre nach seiner Veröffentlichung sollte man den Roman unabhängig von den Irrungen des Autors als das nehmen, was er ist: eine monumentale Ode an das einfache Landleben und den Verdienst harter Arbeit.

„Wächst hier nichts? Hier wächst alles: Menschen, Tiere und Feldfrüchte. Isak sät. Die Abendsonne scheint auf das Korn, es fliegt im Bogen aus seiner Hand und sinkt wie ein Goldregen in die Erde. […] Wald und Berge schauen zu, alles ist Hoheit und überwältigend, hier ist Zusammenhang und Ziel. […] Dann wird es Abend.“

„Survival of the Friendliest“

„Survival of the Friendliest“ von Brian Hare & Vanessa Woods ist ein kurzes, doch inhaltsstarkes Buch, welches den Lesenden ungeahnte Zusammenhänge zwischen evolutionärer Anthropologie und Gegenwartspolitik vor Augen führt.

Warum sind Hunde und Bonobos zur kooperativen Kommunikation mit anderen Spezies befähigt, nicht aber Schimpansen? Der Schlüssel zum Verständnis liegt im der Evolution zugrunde liegenden Prinzip der natürlichen Auslese, das bei manchen Spezies klar jene Individuen bevorzugt, welche einen höheren Grad von Kooperation oder Freundlichkeit aufweisen. So kommt es zur Domestizierung oder – wie bei Mensch und Bonobo – zur Selbst-Domestizierung. Letztere wird des Weiteren als Hauptantrieb der frühen technologischen Revolution im Pleistozän identifiziert, welche dem Homo sapiens den entscheidenden Überlebensvorteil gegenüber anderen Hominiden gab. Schlüsselelement war Kooperation als Kriterium der Selektion.

Dies wird im Buch anhand vieler Beispiele und Studien anschaulich erklärt. Auch neurologische und biochemische Zusammenhänge werden klar dargelegt. So sind ein auf Kooperationsvermögen basierter Selektionsdruck eng mit dem körpereigenen Serotonin- und Oxytocinhaushalt verknüpft.

Politisch hochbrisant wird das Buch dann, wenn die Dynamik der Dehumanisierung erläutert wird, welche starke Zusammenhänge mit Oxytocin und demnach auch mit der Evolutionsgeschichte des Menschen aufweist. Die zitierten Beispiele und Studien zeigen auf, wie die Selbst-Domestizierung des Menschen zwar einerseits mit mehr Kooperation und Empathie innerhalb der eigenen Gruppe, aber gleichzeitig mit gesteigertem Aggressionspotential gegenüber dem Fremden einherging. Diese In-Group/Out-Group Dichotomie äußert sich am klarsten, wenn der Out-Group schlichtweg ihr Mensch-sein abgesprochen wird. Die erschütternden Umfragen, die im Buch zitiert werden, zeigen auf, wie verbreitet dieser aggressionsgenerierende Manipulationsmechanismus heute noch ist – und wie sehr er populistischen Bewegungen und der Alt-Right Bewegung in die Hände spielt. Als Beispiel dafür fungiert im Buch nicht nur Trump, dessen Reden und Tweets unzählige dehumanisierende Begriffe beinhalten – auch Victor Orbán, Marine Le Pen und Norbert Hofer bekommen ihr Fett ab.

Im zweiten Teil des Buches werden Mittel und Wege aufgezeigt, wie es gelingen kann, die dem Homo sapiens inhärente Prädisposition für Kooperation und Freundlichkeit auch auf die Out-Group auszudehnen. Der Begriff des „expanding circle“ kommt hier zu tragen. Der Weg dorthin führe interessanterweise nicht primär über mehr Bildung; einen viel stärkeren Beitrag zur Aggressionsprävention und zum Scheitern jeglicher Entmenschlichungspropaganda leiste vielmehr die von Kindheit an gepflegte Nähe zum Fremden und Anderen („sustained friendly contact“). Eine gegenseitige Abschottung von Mehrheiten und Minderheiten verhindere den Konflikt nicht, sie befördere ihn nur. Ein frühes Zusammenleben und Zusammenarbeiten (etwa Gruppenarbeiten in ethnisch oder religiös gemischten Schulklassen) werden im Buch als die wirksamste Impfung gegen Vorurteil und gegenseitige Dehumanisierung identifiziert. Auch das stark unterschiedliche Wahlverhalten in urbanen und ländlichen Gebieten ließe sich auf die jeweils unterschiedlichen Grade des zwischenmenschlichen Kontakts mit anderen Ethnien und religiösen Gruppierungen zurückführen. In weiterer Folge führen diese Überlegungen zu konkreten Forderungen, die einer funktionierenden Demokratie und einem friedlichen Zusammenleben förderlich sind, etwa die Wichtigkeit von öffentlichen Räumen, in denen man einander zwanglos und drucklos begegnen kann und die allen Menschen offen stehen. Vor allem die Begegnung, die Kooperation und der Dialog mit jenen, die uns am wenigsten gleichen, sorgen für den Abbau von Vorurteilen und schieben jeglicher Dehumanisierungsrhetorik einen Riegel vor.

Schließlich bietet das Buch noch eine Reihe von Daten, welche belegen, dass friedlicher, nicht gewaltsamer Widerstand bei der Durchsetzung neuer Staatsformen und Ideen historisch gesehen weit erfolgreicher war als gewaltbereiter Aktionismus oder Terrorismus. („Friendliness wins. Your peaceful effort is more likely to enact lasting change.”)

Im Schlusskapitel findet das Buch dann noch einmal zurück zur Tierwelt. Es wird nahegelegt, dass jene, die das Leid von Tieren ernst nehmen, auch mitfühlender gegenüber ihren Mitmenschen sind.

„Survival of the Friendliest“ ist ein sehr erhellendes Buch. Das beeindruckende Literaturverzeichnis zeugt von tiefschürfender Recherchetätigkeit. Die vorgebrachten Hypothesen leuchten nicht nur ein, sie sind auch mit einer Flut an Evidenz abgesichert. Durch die Lektüre werden die Antagonismen von Aggression und Zuneigung im Lichte der Evolution verständlich gemacht. Daraus resultieren eine schärfere Einschätzung der Gegenwart, konkrete Handlungsvorschläge für ein friedlicheres Miteinander und ein zuversichtlicher Blick in die Zukunft.

Eine Frage des Vertrauens …

  1. Ein harter Lockdown ist in der jetzigen Phase notwendig, um Menschenleben zu retten und eine frühere Rückkehr zum Ende der Restriktionen zu ermöglichen.
  2. Das Ende der Pandemie wird erst durch eine hohe Durchimpfungsrate erreicht.
  3. Die Risiken einer Corona-Impfung sind im Vergleich zu den Risiken einer Corona-Infektion vernachlässigbar.
  4. Wer geimpft ist, schützt nicht nur sich selbst, sondern auch andere.

Diese vier Aussagen wurden in Österreich in den vergangenen Tagen in der ein oder anderen Form von Bundeskanzler, Gesundheitsminister, Bundespräsident und den diversen Landeshauptleuten vorgebracht.

Und – ja – ich vertraue auf die Gültigkeit dieser Aussagen. Warum tue ich das?

Nicht weil Vertrauen per se immer gut wäre. Zu viel Vertrauen kann fatal sein. Das hat uns die Geschichte oft genug gelehrt.

Nicht weil ich allen oben genannten Personen und ihren Parteien an sich vertraue. Das tue ich keineswegs. Bei anderen Themen bin ich nicht ihrer Meinung und vertraue manchen weitaus weniger.

Ich vertraue auf die Gültigkeit dieser Aussagen, weil sie nicht nur von den genannten Politikern kommen, sondern in ähnlicher Form und Prägnanz von den Regierungen fast aller Staaten dieser Erde geäußert werden, ganz gleich welche Staatsform dort herrscht.

Ich vertraue auf diese Aussagen, weil sie mit jenen des seriösen Qualitätsjournalismus (NY Times, Guardian, NZZ, ZEIT, BBC) weitgehend übereinstimmen.

Ich vertraue auf diese Aussagen, weil sie im Einklang mit jenen Erkenntnissen sind, zu welchen eine große Mehrheit der Wissenschaftler*innen gelangt ist, und weil sie auch von großen wissenschaftlichen Fachjournalen (z.B. Science) mitgetragen werden.

Und letztlich vertraue ich diesen Aussagen, weil sie mir in Anbetracht all dessen, was ich selbst über Geschichte, Wissenschaft, Statistik und Datenanalyse weiß, durchaus plausibel und grundvernünftig erscheinen.

Nicht in diese Aussagen zu vertrauen, läuft mehr oder minder auf die Unterstellung hinaus, die meisten Regierungen, seriösen Medien und ein Großteil der anerkannten Forscher*innen der Erde hätten sich gemeinsam verschworen, möglichst viele Menschen unglücklich zu machen, die Wirtschaft zu zerstören und Milliarden von Menschen hinters Licht zu führen. Cui bono? Niemand.

Und doch liest man ständig die absurdesten Unterstellungen. Sämtliche Zahlen seien gefälscht, Menschen stürben gar nicht an dieser Krankheit, Entscheidungsträger*innen würden ihre eigene Impfung nur vortäuschen, wir würden alle mit Mikrochips geimpft und zu Robotern gemacht, alle anderen Meinungen würden zensiert, Corona würde durch 5G und Jet Streams verbreitet, alle folgten nur den Anweisungen irgendwelcher dunklen Mächte. Von da ist es dann nicht mehr weit bis zum Glauben an Echsenmenschen, bis zu antisemitischen Märchen (die Rothschilds seien schuld), bis zum absoluten Realitätsverlust.

So eine gewaltige Verschwörung ist in meinen Augen nicht nur vollkommen absurd, sie ist schlicht und einfach undurchführbar. Es erfüllt mich mit Schaudern, wie viele Menschen so etwas für plausibel halten. Wer so etwas glaubt, steht in meinen Augen auf der falschen Seite der Geschichte. Greifen diese wirren Ideen weiter um sich, so wird die Pandemie wohl länger dauern, als sie es angesichts des vorhandenen Impfstoffs müsste. Die Einschränkungen werden länger notwendig sein. Und ja, es werden wohl auch mehr Menschen sterben.

Jedenfalls werde ich mich an die Maßnahmen halten, werde mich so bald wie möglich impfen lassen und werde allen Menschen guten Gewissens empfehlen, dasselbe zu tun. Ich werde um Vertrauen werben. Damit wir diesem Wahnsinn möglichst bald entfliehen. Damit der nächste Jahreswechsel wieder gebührend gefeiert werden kann. Und zurückblickend wird man feststellen, dass die Menschheit mit Disziplin, mit Wissenschaft und dem nötigen Vertrauen diese größte Krise seit dem letzten Weltkrieg gemeistert und bewältigt hat.

Ich wünsche „Frohe Weihnachten“ und einen guten, stillen Übergang ins hoffentlich gesündere und bessere Jahr 2021.

Salman Rushdie: The Golden House

Das neuste Buch von Salman Rushdie ist vieles auf einmal: eine Ode an zwei Städte (NYC & Mumbai), eine bizarre Familientragödie, eine Parabel auf den im Feuer fiedelnden Kaiser Nero, eine Hommage an die Filmkunst, vor allem aber eine beinharte, scharfzüngige Abrechnung mit Donald Trump und der mit ihm einhergehenden Verrohung und Verdummung der Welt.
All dies und noch mehr findet man meisterhaft verwoben in “The Golden House”.
Rushdie bleibt einer der besten Geschichtenerzähler unserer Zeit. Ich bin begeistert.
Domus aurea – there is only the whirling movement of life.

März 2018

Thomas Mann: Erzählungen

Circa elf Jahre lang stand es in meinem Regal. Jetzt endlich kam ich dazu, dieses schöne Büchlein mit sechs Erzählungen und Novellen von Thomas Mann zu lesen, u.a. „Der Tod in Venedig“.
Am schönsten fand ich darin aber „Die vertauschten Köpfe“ und „Das Gesetz“. Ersteres – dem Untertitel nach eine indische Legende – zeigt, dass Mann in indischer Mythologie nicht weniger, oder sogar noch mehr bewandt war als Hermann Hesse. „Das Gesetz“ aber ist mit Abstand die amüsanteste und erfrischendste Darstellung der biblischen Exodus-Geschichte, die ich je gelesen habe. Ganz ohne Magie, rein naturalistisch und auf eine feinklingige Art herrlich blasphemisch geht es hier zu. Gar nicht gewusst, dass Mann so ein mutiger Satiriker war. Ich habe mehrmals laut gelacht, so herrlich unbeholfen und komisch (und dabei auch moralisch äußerst fragwürdig) ist die Gestalt des Mose bei Thomas Mann. Ich hatte meine Freude dran.

Jared Diamond: Guns, germs, and steel

Wahrhaft eines der besten Geschichtsbücher die ich je gelesen habe: Jared Diamond erklärt wie geografische Umstände (etwa die ungleiche Verteilung domestizierbarer Pflanzen und Tiere auf dem Erdball) die unterschiedliche Entwicklung verschiedener Zivilisationen verursachte.


Ein Beispiel:
Warum kolonialisierte Europa den amerikanischen Kontinent und nicht umgekehrt? Die Antwort liegt nicht in der unterschiedlichen Befähigung der Menschen verschiedener Erdteile. Der Unterschied liegt vor allem darin, dass ein Mangel an domestizierbaren Spezies eben nicht so rasch zu Hochkulturen, Städten, Arbeitsteilung, Wissenschaft und Fortschritt führt. Faszinierend.

Die großen Epen

Hat zwar fünfzehn Jahre gedauert, aber nun habe ich doch endlich in Abständen alle fünf großen indoeuropäischen Epen des ersten vorchristlichen Jahrtausends verschlungen: Ilias, Odyssee, Mahabharata, Ramayana und Aeneis.

Kein bisschen staubig, sondern farbenfroh und blutig können es diese Geschichten frühester Zeit an ihrem Unterhaltungswert gemessen mit manch modernem Fantasy-Epos aufnehmen, haben damit sogar viel gemein. In Wortgewalt und historischer Bedeutung überstrahlen sie jene natürlich bei weitem.

Im Handeln und Streben jener unsterblichen Helden, von denen diese Geschichten uns berichten, offenbart sich zutiefst Menschliches. Achilles, Hektor, Odysseus, Rama, Ravana Arjuna, Yudhishthira und Aeneas – so heißen nur manche der Helden, deren Namen die Menschheit niemals vergisst. Trotz der leider zu männlichen Epen, blitzen da und dort auch faszinierende Frauengestalten auf, die in ihrer Art ganz unterschiedlich sind und das Spektrum von der weise abwägenden Königin zur Kriegeramazone abdecken: Dido, Camilla, Helena, Andromache, Penelope, Kunti, Madri, Sita und viele andere. Faszinierend auch wie ähnlich die drei griechisch/römischen den zwei indischen Epen sind. Die Einmischung der Götter, von Zeus bis Krishna, ist ein stets begleitendes Element. Mitunter wirken jene Unsterblichen in ihrem Handeln sogar menschlicher als die Sterblichen es tun.

Meine Lieblingsfigur all dieser Epen ist und bleibt aber der gewiefte Schalk und Schelm der Ramayana, der Affenkönig Hanuman, wie ihn von Westindien bis Bali wohl jedes Kind kennt. Was Homer, Vergil, Valmiki und jener namenlose Autor der Mahabharata hier geschaffen haben, wird noch viele Zeiten überdauern.

Kurzum, ihr alten Epen, es war mir eine Freude. Und sollte mir ein langes Leben beschert sein, so werde ich euch in hohem Alter bestimmt noch einmal zur Hand nehmen und erneut von jenen Heldentaten hören, die im Liede noch leben der kommenden Menschengeschlechter.

Januar 2019

Arthur Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung

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Nach 1247 Seiten Schopenhauer ist man doch etwas erleichert, diese Reise endlich hinter sich gebracht zu haben. Doch der Weg lohnt. Wer meint, nach der Lektüre der beiden Preisschriften und der ach so beliebten Aphorismen zur Lebensweisheit schon ein vollständiges Bild des charmanten Griesgrams zu haben, der irrt. Dazu muss man doch zum Hauptwerk greifen – und die Welt als Welt als Wille und Vorstellung begreifen.

Die Polemik gegen Hegel ist herrlich. Die hämische Sicherheit, die Schopenhauer an den Tag legt, wenn er Atomtheorie und Newton’sche Optik als falsch hinstellen möchte, amüsiert sehr. Doch abgesehen dieser Amusements am Rande ist man doch immer frappiert von dieser Überdosis Pessimismus, die da aus allen Worten klingt. Ich hätte mir nicht gedacht, in so vielen Punkten radikal anderer Meinung zu sein, wie Arthur Schopenhauer. Er rückte mir mit jedem Wort ferner. Im Gegensatz dazu, begreife ich nun besser, welchen ungeheuren Schritt es für Nietzsche bedeutet hat, sich nach seiner Frühphase als Schopenhauer-Fan so radikal von dieser letzten, dunklen Blüte des deutschen Idealismus loszusagen und endlich der Erde treu zu bleiben. Andererseits bedarf es schon allerhand geistiger Verrenkung um Schopenhauer auf seinem Geheimgang über den Willen zum Ding an sich zu folgen. Wahrlich verschlungene Pfade.

Und doch gibt es auch viele Züge in seinem Denken, die begeistern und immer noch nachwirken sollten – etwa seine Rolle als einer der ersten Tierrechtler, der die Tore der Ethik auch für nichtmenschliche Zeitgenossen öffnete. Seiner diesseitsverneinenden Asketenphilosophie („Es gibt nur einen angeborenen Irrthum, und es ist der, daß wir dasind, um glücklich zu seyn.“) allerdings kann ich nur ablehnend gegenüberstehen und halte es mit Nietzsche: „Seit es Menschen gibt, hat der Mensch sich zu wenig gefreut.“Jedenfalls ist die Welt weder Wille noch Vorstellung sondern „atoms in the void and the forces that govern them.“ Viva Demokrit! Nach so viel feuchtem Dschungel tut der kalte Wind des Materialismus doch ungeheuer gut.

Und jetzt freu ich mich zur Abwechslung auf einen guten Roman.

Bob Dylan – Lyrics

Während man noch über den Literaturnobelpreisträger von 2019 streitet, bin ich eben mit dem Lesen der Lyrik des nämlichen Laureaten von 2016 fertig geworden. Wunderbar. Natürlich kennt jedermann Dylans bekannteste Texte, doch liest man sich chronologisch durch sämtliche „Lyrics“ eines halben Jahrhunderts hindurch – von 1962 bis 2012 – so tun sich da noch so viel mehr ungeahnte Welten, so viel mehr Abgründe und so viele unbekannte Schatztruhen auf. Welch Entwicklungen hat dieser Mensch zu Papier gebracht, welch schöne Momente, welch literarischen Reichtum… Die Wortgewalt mancher Balladen gleicht einem Wirbelsturm, der dich hinfortträgt. Manche Themen reiten perfekt auf den Wogen des Zeitgeists seiner wild durchlebten Jahrzehnte.

Ich hab es genossen; ein Jahr lang dieses schwere Buch auf meinem Lesepult liegen zu haben und morgens oder manchmal auch abends den ein oder anderen Text laut vor mich hin zu deklamieren – denn Lyrik muss man bitte immer laut lesen. So hab ich den den ganzen Bob Dylan laut gelesen. Mächtig Spaß hat das gemacht. Und hin und wieder ist man wirklich sehr gerührt. Es gibt nur zwei Künstler, die sowohl mit einem Oscar, als auch mit einem Nobelpreis für Literatur bedacht wurden. George Bernard Shaw ist der eine, Dylan der andere. Meiner Ansicht nach, haben beide beides hoch verdient. Und zum Abschluss noch eine der bekanntesten und schönsten Passagen:“

In the wild cathedral evening the rain unraveled tales
For the disrobed faceless forms of no position
Tolling for the tongues with no place to bring their thoughts
All down in taken-for-granted situations
Tolling for the searching ones on their speechless seeking trail
For the lonesome-hearted lovers with too personal a tale
And for each unharmful, gentle soul misplaced inside a jail
And we gazed upon the chimes of freedom flashing.“