Der Wert der Geschichte

Das Buch „Der Wert der Geschichte – Zehn Lektionen für die Gegenwart“ von Magnus Brechtken möchte ich hier als sehr lesenswert bezeichnen. Es erhellt und schärft des Lesenden Blick auf viele politische und gesellschaftliche Phänomene der Gegenwart und erklärt ihre historischen Wurzeln. Der Autor vergleicht und bewertet Menschenbilder in Religion und Ideologie, skizziert die Geschichte der weiblichen Emanzipation, beleuchtet verschiedene politische Systeme und konterkariert sie im Hinblick auf deren Tauglichkeit. Auch die Auswirkungen verschiedener Nationalismen im Laufe der Geschichte, die Dynamiken von Krieg und Frieden und schließlich die Mechanismen von Ökonomie und Gesellschaft werden historisch hergeleitet und auf Gegenwart und Zukunft projiziert. Bei all dem wählt der Autor aber eine Sprache, die allgemein verständlich ist. Man muss kein*e Akademiker*in sein, um dieses Buch schätzen zu lernen.

Zudem ist es brandaktuell. Die Anfänge der Corona-Krise und der Aufstieg (und Fall) der AfD werden hier ebenso ausführlich beleuchtet, wie der dreißigjährige Krieg, das bismark’sche Preußen, der Thatcherismus oder der Keynesianismus. Historische Parallelen vieler Art tun sich auf. So manches wir klarer.

Am ehesten ist das Buch wohl vergleichbar mit Steven Pinkers viel umfassenderen Werk „The better angels of our nature“, das ich nochmals allen Menschen aufs wärmste empfehle. Brechtkens Buch ist viel kürzer, viel bescheidener, schlägt aber in dieselbe Kerbe und hat dabei einen starken Fokus auf den deutschen Kulturkreis. Aktueller ist es natürlich auch.

Ein paar ausgewählte Schlussfolgerungen, die am Ende klar zu Tage treten: „Geschichtsvergessenheit macht blind!“ „Ungleichheit zerstört das Fundament des Wohlstands.“ „Wir müssen das Prinzip der repräsentativen Demokratie gegen Populist[*inn*]en und selbsternannte Erlöser[*innen] verteidigen.“

Und zum Schluss: „Für alle, die auf Fakten zählen, die nachprüfbar sind; die Lügen und das Für-dumm-Verkaufen anderer Menschen verabscheuen; die auf ihren Verstand vertrauen und sich darauf verlassen möchten, dass andere das auch tun. Wir haben das Glück, in einem Land zu leben, in dem weiterhin Fakten, Rationalität und ein Gefühl für Anstand und ethische Maßstäbe die überwiegenden Regeln der Politik und des öffentlichen Lebens leiten. In unser aller Interesse müssen wir uns dafür einsetzen, dass die so bleibt.“Bei solchen Worten fühle ich mich doch gleich in meinem kommunalpolitischen Engagement bestärkt und hege die Hoffnung auf lokaler Ebene einen bescheidenen Beitrag pro Rationalität und Anstand zu leisten.

Unbedingt empfehlenswert.

Nach der Lektüre von „Gravity’s Rainbow“

Manche der besten Bücher der Weltliteratur haben die Eigenschaft, nur schwer zugänglich, nur bedingt „lesbar“ zu sein. Sie sind so dicht geschrieben, so voller Referenzen und Anspielungen, so reichhaltig an verschiedenen Erzählstilen, so assoziativ und dissoziativ in ihrer Sprachgewalt, dass man ohne einen hohen Grad von Konzentration und Vorwissen Gefahr läuft, seitenweise so ziemlich gar nichts zu verstehen. Man denke etwa an den ersten Teil von Faulkners „The sound and the fury“. Vor allem aber die großen Romane von James Joyce – „Ulysses“ und „Finnegans Wake“ – sind hier als Beispiele zu nennen. Anscheinend gibt es in Dublin und anderswo eigene Reading-Societies, in denen man an einem Abend nur eine einzelne Seite eines dieser beiden Bücher liest und dann stundenlang darüber diskutieren kann. Gerne wird auch gesagt, bei diesen beiden Werken handle es sich um die „hardest to read“ Bücher der ganzen Literaturgeschichte. Bisher konnte ich diese Aussage nur bestätigen. Nun muss ich widersprechen.

Die letzten drei Monate kämpfte ich mich (unterbrochen von anderwärtiger Lektüre) durch einen Roman, der noch dichter, noch zerrissener, noch assoziativer, noch rätselhafter ist, als alle Literatur, die ich bisher in meinem Leben kennengelernt habe. Ich muss gestehen: Seitenweise war ich völlig ratlos, was hier eigentlich passiert. Und doch erschloss sich die Geschichte nach und nach. Die Charaktere sind faszinierend – auch wenn sie aus dem Nichts auftauchen und plötzlich zurück ins Nichts verloren gehen. Die Welten des Romans erstrecken sich vom zerbombten London des Winters 1944 über die befreite Côte d’Azur bis in „the zone“ des besetzten Deutschlands (nun schon Ende 1945). Briten, Russen, Amerikander, Franzosen, Deutsche – doch auch Hereros, Kasachen und Argentinier – wanken teils stark berauscht durch die verzerrte Albtraumwelt dieses Romans. Und alles dreht um die V2, die große Rakete, das ominöse „Schwarzgerät“ – whatever that may be. Wow.

Trotz seiner Schwerzugänglichkeit brachte dieser Roman aus dem Jahre 1973 dem kuriosen Autor Weltruhm ein. Immer wieder wird dieser sperrige Text mit seinen 900 dicht beschriebenen Seiten als bedeutendstes Buch amerikanischer Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts genannt. Die Jury des Pulitzer-Preises entschied sich im Jahre 1974, dieses Werk mit dem begehrten Preis zu küren. Allerdings kam es nie dazu. Die Vergabekommission stellte sich quer, weil sie den Text als zu obszön erachtete. So wurde der Pulitzer-Preis in jenem Jahr nie verliehen. Und in der Tat: Selten haben ich Literatur gesehen, die so fäkal und pornographisch, so drogenverseucht und schnapsversifft ist. Und trotzdem ungemein gut.

Der Stil ist atemberaubend. Innere Monologe wechseln mit schwärmerischer Landschaftsbeschreiben, mit Staccato-Dialogen, mit eingefügten Gedichten und sinnlosen Blödeleien. Aber nicht nur das: Auch mathematische Formel, auch Physik, auch Schmierereien an Toilettenwänden finden sich mitten im Strudel des Textes. Und dazwischen: Allerlei populärkulturellen Referenzen, die man in ihrer Gesamtheit wohl nur verstehen kann, wenn man die 40er und 50er in Amerika erlebte und zugleich politikbesessener Kosmopolit ist.

Wenn man diesen Roman mit irgendetwas anderem in der Literatur vergleichen möchte, so könnte man neben James Joyce wohl auch die Theaterstücke der österreichischen Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek nennen. Auch in ihren Stücken findet man solche rastlose Wortgewalt, solch einen schwer erschließbaren Strudel der Eindrücke. Und in der Tat: Ich musste laut lachen, als ich las, wer den besagten Roman Anfang der Achtziger ins Deutsche übersetzt hat: niemand anderes als Elfriede Jelinek. Da wird einem einiges klarer. Immer schön, wenn man ungeahnte Inspirationsketten in der Literatur entdeckt.

Ich komme zum Schluss: Alle Leserinnen und Leser, die sich nach einer wahren Herausforderung sehnen, sollten zu diesem Buch greifen. Ihr werdet seitenweise ratlos sein. Ihr werdet eure Stirnen runzeln wie selten zuvor. Und doch werdet ihr fantastische Momente erleben und tief eintauchen in eine bizarre Welt.

„Gravity’s Rainbow“ von Thomas Pynchon wird noch in Jahrhunderten ein gefeiertes Werk der Weltliteratur sein. Die „Enden der Parabeln“ – so der deutsche Titel – enden so bald nicht.

Für meinen Teil reicht es mir fürs erste mit Pynchon. Ich wende mich wieder leichterer Lektüre zu. Mal sehen, was sich findet. Vielleicht Marcel Proust, oder Thukydides, oder die Gedichte von Sheikh Musharrif ud-din Sadi.

Und zum Schluss noch ein Zitat aus „Gravity’s Rainbow“:

„They walked till that winter hid them and it seemed the cruel Channel itself would freeze over, and no one, none of us, could ever completely find them again. Their footprints filled with ice, and a little later were taken out to sea.”

Corona

An die Kultur- und Kunstschaffenden der Stadt Kufstein (und an alle, die es sonst noch lesen möchten),

erlaubt mir, euch in dieser für uns alle sehr schwierigen Zeit ein paar Zeilen zu schreiben. Heute vor einer Woche, als wohl nur wenige ahnten, wie sehr sich unser aller Leben binnen weniger Tage verändern kann, stand ich selbst noch auf der Bühne. Wir spielten Shakespeare und beim aufmunternden ToiToiToi zu Beginn, wählte ich bereits die Worte: „wer weiß, ob es das letzte Mal ist.“ Und so kam es auch. Die Ereignisse überschlugen sich. Ich hoffe, dass inzwischen alle erkennen, wie ernst die Lage ist und wie verantwortungslos und falsch es wäre, in diesen Zeiten von COVID-19 nach wie vor zu Veranstaltungen, zu Konzert- oder Galeriebesuchen, zu Proben oder zu Versammlungen aufzurufen. Nicht einzuladen, nicht zu veranstalten, nicht Hände zu schütteln – all dies ist nun gleichbedeutend mit Leben retten.

Das bedeutet nun aber nicht, dass Kunst und Kultur gänzlich zum Schweigen gebracht werden. Ganz im Gegenteil. Nützt diese Zeit. Seht sie als Chance. Seht sie als Quelle der Inspiration und als Spende ungeahnter Zeitressourcen. Geht in euch. Nutzt die eigenen vier Wände und seid kreativ. In der Muße offenbaren sich die Musen. Malt! Schreibt! Plant Neues! Die Ideen sollen in den nächsten Wochen nur so sprießen. So nehmt den alten Federkiel zur Hand und schreibt Gedichte. Bannt wunderbare Farben auf die weiße Wand. Hüllt euch in lange nicht getragenen Flimmer und tanzt durch die Wohnungen. Nehmt eure Instrumente, setzt euch im Frühlingswetter auf die Balkone und spielt für die Welt. Genießt auch Werke anderer. Lauscht und seht. Schwelgt in alten Fotos, schmökert in Büchern, für die ihr sonst die Zeit nicht hattet, streamt Filmmeisterwerke, spielt Spiele. Endlich mal wieder Zeit für ein gutes Kreuzworträtsel! Verzweifeln wir nicht! Machen wir das Beste draus!

Nutzt auch das Internet. Teilt euch der Welt mit. Entdeckt euer digitales Selbst. Wie hart hätte uns all dies getroffen in den Zeiten, bevor sich das weltweite Netz erfand. Nun aber sind Isolation und Quarantäne viel leichter zu ertragen; liegt doch digital die ganze Welt vor unseren Füßen und lädt zum Entdecken ein.

Zu guter Letzt noch ein wichtiger Apell: Traut den Falschpropheten nicht. Derer gibt es in sozialen Netzwerken genug. Man liest Falschnachricht um Falschnachricht. Verschwörungstheorien blühen und werden leider von vielen geglaubt. Seid kritisch. Lernt Falschnachricht von Fakt zu unterscheiden. Schaut auf die Quellen, schaut auf die Referenz. Ich setzte mein Vertrauen auf die offiziellen, staatlichen Medien, denn sie haben einen hohen Grad and Objektivität und Weitschau. Fürchtet euch nicht. Lebensmittelläden und Apotheken bleiben offen. Ausgangssperren gibt es keine. Basta.

Dank an alle, die in diesen Zeiten so viel leisten. Wir danken euch mit Geduld, Abstand und Hygiene. Schaut nicht nur auf euch. Schaut aufeinander, vor allem auf jene, die der Hilfe bedürfen und auf unseren Anstand angewiesen sind. Jene aber, die es immer noch nicht glauben wollen, dass die Gefahr real ist und so weitermachen wollen wie bisher – bläut ihnen ein: Es ist ernst. Dies ist kein Scherz und keine Übung, sondern das Einschneidendste, das uns geschah, seit Weltkrieg Nummer 2. Hoffen wir, dass all dies schnell vorübergeht – doch seien wir darauf gefasst: Es könnte länger dauern.

Doch dann, dann wenn dieser Spuk vorbei ist, dann werden wir weltweit ein kulturelles Auferblühen sehen, wie es weltgeschichtlich seines Gleichen sucht. Wir werden wieder flanieren, wieder auf Bühnen stehen, wieder im Publikum sitzen, gemeinsam singen und tanzen und spielen und uns daran erfreuen, dass die Menschheit dies gemeistert hat. All die in der Enge der Eintönigkeit gesammelten Impulse und Ideen werden in die Welt hinausdrängen. Und mehr denn je werden wir zu schätzen wissen, was allen allzulange selbstverständlich schien.

Viel Glück und alles Gute,

Klaus Reitberger

Kulturreferent der Stadt Kufstein

 

 

Richard III

Kein anderer Bösewicht im Shakespeare-Universum ist so faszinierend wie Richard III. Er ist ein Machtmensch ohne Skrupel, ein Meister der Intrige, ein Künstler der Verführung und ein Lügner sondergleichen. Keine Tat ist ihm zu abscheulich, keine Mittel zu roh, kein Opfer zu groß. Bei all dem bleibt Richard aber dem Publikum auf unheimliche Art sympathisch, denn die Zuschauerinnen und Zuschauer sind seine Komplizen. Er vertraut sich uns an. Und wir begleiten ihn auf seinem Weg. Erleben Sie, wie Richard sich Streich um Streich an die Macht putscht. Werden Sie Zeuge seiner Schliche, seiner Morde, seiner Eroberungen von Frauen. Erleben sie seinen Aufstieg und seinen Fall.
Kein anderer Bösewicht im Shakespeare-Universum ist so faszinierend wie Richard III. Er ist ein Machtmensch ohne Skrupel, ein Meister der Intrige, ein Künstler der Verführung und ein Lügner sondergleichen. Keine Tat ist ihm zu abscheulich, keine Mittel zu roh, kein Opfer zu groß. Bei all dem bleibt Richard aber dem Publikum auf unheimliche Art sympathisch, denn die Zuschauerinnen und Zuschauer sind seine Komplizen. Er vertraut sich uns an. Und wir begleiten ihn auf seinem Weg. Erleben Sie, wie Richard sich Streich um Streich an die Macht putscht. Werden Sie Zeuge seiner Schliche, seiner Morde, seiner Eroberungen von Frauen. Erleben sie seinen Aufstieg und seinen Fall.

In meiner Bearbeitung habe ich den Originaltext in der Übersetzung von August Wilhelm von Schlegel von über 40 Sprechrollen auf knapp 15 heruntergekürzt. Die Handlung wurde gestrafft und modernisiert. In der beschaulichen Kulisse des Theaters im Kultur Quartier erlebte dieses berüchtigte Königsdrama aus der Feder William Shakespeare eine ganz besondere Neu-Interpretation.

Nur sehr wenige Ensembles aus dem Bereich des außerberuflichen Theaters haben sich bisher an dieses Stück gewagt. Das Stadttheater traute sich und griff dazu auf ein erfahrenes Schauspielteam zurück.

Das Publikum erlebte Gunther Hölbl (zuletzt etwa als Mackie Messer in „Der Dreigroschenoper“ oder als Mann im „Weibsteufel“) in der vielleicht schwierigsten Rolle seines Lebens. Ihm zur Seite standen starke Frauen-Figuren verkörpert von Brigitte Einkemmer („Die Thurnbacherin“, Beatrice in „Viel Lärm um Nichts“) und Stefanie Grießer („Antigone“), sowie tragische Helden gespielt von Klaus Schneider („Alles auf Krankenschein“, Kreon in „Antigone“) und Martin Heis („Kosmetik des Bösen“, „Paula“). Herrscherinnen von einst – Hildegard Reitberger („Shirley Valentine“, „Abendrot“) und Christl Lutz („Frau Suitner“) – haderten mit ihrem Schicksal. Zum bewährten Team stießen auch neue Kräfte. Maximilian Pfister, Emma und Nik Strohmeyer – die allesamt schon über drei Jahre Theatererfahrung an der International School Kufstein gesammelt hatten – komplettierten das Ensemble. Da auch der Regisseur selbst auf der Bühne stand, stützte sich die Inszenierung auch auf den Input von Co-Regisseur Ádám Hevér – Shakespeare-Kenner aus Ungarn –, dem Richard III schon immer ein Anliegen war.

Der Trailer zur Filmvorführung:

Die Bilder:

Der Folder:

Neulich bei den Wiener Philharmonikern

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Ich kann mir schwer vorstellen, dass der Große Saal des Wiener Musikvereins oft so viele stehende Ovationen erlebt hat, wie vergangenen Sonntag (19.1.). Seit Monaten waren die Karten ausverkauft. Der Saal war zum Bersten gefüllt mit begeisterten Menschen. Schon als der Dirigent, welcher auch der Komponist aller an diesem Tag gespielten Stücke war, die Bühne betrat, erhoben sich alle im Saal begeistert von ihren Stühlen und spendeten minutenlangen Applaus. Dann ging es los. Die Wiener Philharmoniker spielten wie von einem anderen Stern. Wunderbare Darbietungen unsterblicher Klänge. Die Solisten Anna-Sophie Mutter entlockte ihrer Geige die erstaunlichsten Solo-Partien. Fast nach jedem Stück wiederholte sich das Schauspiel der stehenden Ovationen.

Aber nicht wegen der Solisten war das Publikum hier. Alle kamen um ihn noch einmal zu sehen. Den fast neunzigjährigen Dirigenten und Komponisten. Seine Musik riss uns mit wie schon oft. Sie riss uns heraus aus dieser Welt, zeigte uns den Weg nach Nimmerland, ließ uns mit Außerirdischen Fahrrad fahren, ließ uns durch die Zaubererschule wandeln, ließ uns über die tropische Insel der Dinosaurier fliegen und führte uns schließlich in weit entfernte Galaxie.

Hin und wieder richtete er ein paar Worte ans Publikum, zeigte seine Dankbarkeit hier in Wien mit diesem Orchester spielen zu dürfen, erzählte ein paar Anekdoten aus seinem Leben und begeisterte uns.

Dann – nach minutenlangem Applaus – kamen die Zugaben. Niemand wollte, dass es aufhört. Die Temperatur im Saal stieg stetig im Klatschen tausender Begeisterter. Und sie kamen, all jene bekannten Melodien, die im offiziellen Programm noch gefehlt hatten. Manch Zuhörende hatten längst Tränen in den Augen. Immer wieder wurde der fast neunzig Jährige zurück auf die Bühne geklatscht und hob freudig den Taktstock für eine weitere, wunderbare Melodie. Und die meisten im Publikum kannten all seine Lieder und freuten sich als am Ende als sechste und letzte Zugabe auch noch eines der gewaltigsten kam. Ein Raunen durch die Menge gegangen. Man Klatsche vor Begeisterung in die Musik hinein. Dieses Stück hatte noch gefehlt. Alle hatten insgeheim gehofft, es würde noch kommen. Und da war es. Donnernd erklangen Pauken und Trompeten. Die Streicher zersägten fast ihre Instrumente.

Und ich war plötzlich wieder vierzehn Jahre alt, saß am alten Computer meiner Eltern, manövrierte mich auf die längst verschwundene Plattform Napster und tätigte den ersten Musik-Download meines Lebens. Es war diese Komposition und keine andere. Ein imperialer Marsch der bösen Galaxienbeherrscher. Ein fast gänzlicher musikuninteressierter Junge war von diesen und anderen Klängen ebendieses Komponisten, der dort vorne stand, für Musik begeistert. Er war es, der mein Interesse für Beethoven, Dvorak, Tschaikowsky und so viele andere weckte. Er war mein Türöffner zur Welt der Musik. Und wie man an der Begeisterung des Publikums erkannte, war es für viele hier wohl ähnlich gewesen.

Der legendärste Filmmusikkomponist aller Zeiten, er, der für über fünfzig Oscars nominiert worden war, er der auch die Hymnen von vier Olympischen Spielen komponiert hatte, verabschiedete sich erschöpft und glücklich. Das Publikum, eine bunte Mischung aus traditionellen Musikvereinsfreunden, von Star-Wars Fans und Indiana-Jones Begeistern verließ bewegt und erschöpft vom vielen Klatschen, das Gebäude. In den Ohren klangen allen noch die gehörten Melodien, die auch die dazugehörigen Bilder zurück in Erinnerung riefen. Man dachte an Harry Potter, an Jurassic Park, an E.T. den Außerirdischen, an Oscar Schindler und seine Liste, an Captain Hook im Nimmerland und natürlich an Star Wars, dessen schönste Melodien heute im Musikvereinssaal erklungen waren. John Williams – wir danken dir. May the force be with you!

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Ein Sommernachtstraum

Wie reizvoll es doch war, fern aller Technik am Berge Theater zu spielen. Am Hügel hinter dem Weinbergerhaus auf über 1200 Metern Höhe spielten wir Shakespeares Sommernachtstraum und waren da-bei Wind und Wetter schutzlos aus-geliefert. Die Sonne war unser einziger Scheinwerfer; auch Musikeinspielungen gab es nicht. Mit dem Kaiserlift kamen bei jeder Aufführung bis zu 200 Zuschauer:innen zu uns herauf und erfreuten sich an unserem Spiel in freier Natur. Reiz-voll war es auch für mich selbst, eine Dialektrolle zu spielen und als Regisseur der einfachen Handwerker das Stück im Stück zu inszenieren. Logistisch stellt so ein Spiel am Berg natürlich eine große Herausforderung dar. Was, wenn ein Sturm aufzieht? Auch bei Kälte und Regen muss geprobt werden.
Kuhfladen und Zecken machen es auch nicht leichter, sich den grünen Hügel hinabzurollen. Und doch kam immer wieder die Sonne zum Vorschein und das Publikum dankte uns für unsere Mühen. Es gibt wohl kaum ein anderes Stück, das so sehr für das Draußen geschrieben wurde, wie der Sommernachtstraum. Die meisten Szenen spielen ohnehin im tiefen Wald und auf der Wiese. Allesamt haben wir in diesem Sommer viel Zeit in freier Natur verbracht.

Die Bilder:

Die Broschüre:

Inszenierungen

Good-bye academia

So.

Die letzten 13 Jahre meines Leben habe ich zu großen Teilen an der Universität Innsbruck zugebracht, zuerst studierend, dann forschend. Mit dem heutigen Tag geht dieser Abschnitt meines Lebens, meine Zeit als aktiver Wissenschaftler, zu Ende – vielleicht nur vorläufig, vielleicht auch endgültig.

Hier bin ich also noch einmal, am Technik-Campus der naturwissenschaftlichen Fakultät. Seit 13 Jahren geistere ich durch diese Hallen, Hörsäle und Korridore, seit neun Jahren hab ich hier ein Büro im Institut für Astro- und Teilchenphysik. Zuerst war ich Studierender, dann Doktorand, schließlich PostDoc. Ich habe Universitätsvorlesungen gehalten, Kurse geleitet, habe vor allem aber geforscht und den oder anderen Beitrag geleistet, ein bisschen mehr Wissen über unser Universum zu generieren. In vielen internationalen Konferenzen von Kalifornien bis Japan durfte ich von meinen Forschungen erzählen, habe sie auch in internationalen Fachzeitschriften publiziert.

Ich bin zufrieden. Es war schön, dieses Astrophysiker-Dasein. Doch immer schon hatte ich eine Menge anderer Interessen, immer schon zwei, drei und mehr Lebensbereiche. So entschließe mich also aus freien Stücke, meiner Wissenschafts-Karriere ein vorläufiges Ende zu setzen. Es gibt Tätigkeiten, bei denen ich meine Talente und Fähigkeiten noch besser und gezielter einsetzen kann – glaube ich zumindest. Und sind diese Tätigkeiten auch weniger lukrativ, so sind sie doch erfüllender.

So verbringe ich nun also die letzte Stunde in jenem Büro mit fantastischer Aussicht im achten Stock des Viktor Franz Hess Hauses, wo ich in den letzten Jahren so viel Zeit verbrachte. Ich habe hier Satelliten-Daten aus dem Gammastrahlenuniversum analysiert und Mondaufgänge gesehen. Ich habe hier Simulationen auf Super-Computern gestartet und das Alpenglühen der Berge betrachtet. Ich habe hier wissenschaftliche Publikationen geschrieben, klassische Musik gehört und viel Kaffee getrunken.

Abschied nehmen heißt es nun also von Kolleginnen und Kollegen, Abschied nehmen von vertrauten, mit vielen Erinnerungen übertünchten Räumen, Abschied nehmen von dieser Aussicht auf das leuchtende Innsbruck und von allen anderen Dingen, die mit diesen Menschen, diesem Gebäude, diesem schönen Beruf zu tun haben.

Nun denn. Logging off. Ein letztes Mal in der Shell meines getreuen Arbeitsrechners den sl Command tippen und den Zug vorbeifahren sehen. Alles ist gesichert. Alles ordnungsgemäß übergeben. Die Wände sind schon kahl. Alles ist abgehängt. Und wir öffnen einen Terminal. Und wir tippen den berüchtigten „burn-the-bridge-and-don’t-look-back“ Befehl: sudo rm -rf /*

Und Enter.

Jedermann

Jedermann-2018

Einen „Jedermann“ wie ihn die Welt noch nie gesehen hat – ebendies versprach das Stadttheater Kufstein seinem Publikum im Sommer 2018. Anlässlich des 110-jährigen Vereinsjubiläums wagte sich das Ensemble an das berühmt berüchtigte Kultstück von Hugo von Hofmannsthal und zeigt es in völlig neuem Kleide. Man blieb dem schönen Klang der Hofmannsthal’schen Kunstsprach treu, traute sich jedoch, Sinn und Geschlecht ins Gegenteil zu verkehren.  Dabei entstand etwas völlig Neues und ungemein Reizvolles …

Die Zuschauerinnen und Zuschauer erwartete ein spektakuläres Freilichttheater im historischen Ambiente des Festungsneuhofs. Eine hölzerne Tribüne mit Überdachung stellte sicher, dass das Publikum auch bei Regen trocken bleibt.

Es spielten:
Frau Jedermann – Karolina Bucher
Tod – Martin Heis
Jedermanns Vater – Reinhard Exenberger
Werke – Isabella Winkler
Gesellin – Elisabeth König
Buhl – Albin Winkler
Mammon – Markus Mader
Teufel – Maria Kaindl
Göttin – Nicole Schreyer            
und viele andere…

Die Bilder:

Die Broschüre:

Inszenierungen

Allgemein

Gedanken zu Raoul Schrott: ERSTE ERDE EPOS

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Fast acht Monate lang bin ich in Abständen immer wieder zu diesem Buch zurückgekehrt. Ich habe es nicht nur gelesen, ich habe jede einzelne Zeile LAUT gelesen – so wie es sich für gute Lyrik gehört. Oft habe ich die Verse meinen Arbeitszimmerwänden zugeflüstert, gelegentlich geraunt und gerufen, stellenweise habe ich Worte dieses Buches auch gebrüllt, meine Lesepult damit zum Beben gebracht und wild gestikulierend meinen Leser-Schatten über die die Wände flattern lassen.

Man darf begeistert sein. Raoul Schrotts „Erste Erde Epos“ ist die erste wunderschöne Antwort auf jene Sehnsucht aller Freunde des Realen, die einst Richard Feynman so schön in folgende Worte fasste:

„Unsere Dichter schreiben nicht über die besondere Art von religiöser Erfahrung, die Wissenschaftler machen; unsere Künstler versuchen nicht, deren staunenerregende Erkenntnisse anschaulich werden zu lassen. Ich frage mich, weshalb. Wird denn keiner von unserem heutigen Bild des Universums inspiriert? Der Wert der Wissenschaft bleibt unbesungen.“

Nicht mehr. Raoul Schrott wird hier zum ersten Sänger, der den Wert der Wissenschaft, den Reiz des Realen und die Magie der Wirklichkeit in gebührender Weise besingt. Feynman hätte seine Freude dran gehabt, ebenso Dawkins, der eine ähnliche Sehnsucht ausspricht, während er seinen Regenbogen entwebt, ebenso Sagan, der gegen die Dämonenheimsuchung der Welt ankämpfte, ebenso Darwin. Wo sind die Poeten der Wissenschaft, jene, die nicht den Schein besingen, sondern das Bild der Welt, wie sie sich uns zeigt? Wo sind die Gedichte über den Urknall, wo ist die Lyrik der Evolution, wo die Lieder, die Homo erectus und Neandertaler besingen? Hier sind sie. Hier in diesem Buch.

Vom Urknall bis zur Erfindung der Schrift werden Jahrmilliarden durchschritten, mühelos die scheinbaren Grenzen von Physik, Chemie, Geologie, Biologie, Paläontologie, Anthropologie und anderer Disziplinen untertaucht und überflogen – meist in wunderschöner Lyrik, manchmal auch lyrischer Prosa. Und stets teilt man den Blick in die Tiefe des Seins mit den Menschen der einzelnen Geschichten, die die Naturerkenntnis in ihr Fühlen, ihr Lachen und Leiden einweben. Liebende, einsame, verlassene, hassende, hoffende, forschende, sterbende, trauernde, schaffende Menschen, die allesamt das Meer der Zeit durchwaten und Welt spüren. Wie wunderbar das alles ist.

Man kann Philosophie und Physik studieren, um dem Wesen der Welt auf die Spur zu kommen. Man kann auch Kunst schaffen. Doch all dies zu vereinen, Naturwissenschaft mit Poesie zu verweben und dabei so herrlich gottlos zu bleiben wie der Dichter namens Schrott es tut – nichts lässt uns intensiver spüren, wie Milliarden Neutrinos uns durchfluten, wie einst die Sterne strahlten, deren Staub wir heute sind, wie endosimbiontische Zellen uns formen und verändern, wie das Leben seinen Weg von Kragengeisslern zu Pfeilschwanzkrebsen zu kleinen Nagern und zu Hominiden fand – chaotisch, reich an Zufällen und Massensterben. Schon lange kennt man die Theorien und ihre vielen Belege, doch noch nie waren sie in Form von Poesie zu lesen. Erst dies macht sie fassbar wie eine Melodie, ein Lied des Seins, eine Arie des Lebens und des Leblosen.

Oft hörte ich leise zum Lesen Clint Mansells herrliche Kompositionen zum Jungbrunnen im gleichnamigen Film. Ähnlich wie die Zeilen Schrotts versuchen sie Raum und Zeit zu durchmessen.

Die Welt muss wohl erst begreifen, was Raoul Schrott hier geschaffen hat. Kaum ein Buch hat mich je so beeindruckt. Nichts, was er vorher schrieb, kommt dem gleich. Bravo. Bravo. Bravo. Irgendwann in Jahrzehnten werde ich dies Buch wohl noch einmal lesen müssen. Dann vielleicht von hinten nach vorn. Auch dies ist hier möglich. Ich freue mich schon jetzt darauf.

Zu guter Letzt habe ich (falls Raoul Schrott oder einer seiner Vertrauten dies lesen sollte) nach all der Begeisterung auch noch zwei kleine Fehler zum Ausbessern für die hoffentlich notwenige zweite Auflage bemerkt:

  • Auf Seite 703 muss es „700 000 km vom Kern der Sonne bis zu ihrer Oberfläche“ heißen, nicht „700 000 km vom Kern der Sonne bis zur Oberfläche der Erde“. Das wären dann wohl eher 150 Millionen Kilometer.
  • Auf Seite 724 muss es heißen „ergeben Datierungen, die erst bei 4,1 Milliarden Jahren beginnen“, nicht „ergeben Datierungen, die erst bei 4,1 Millionen Jahren beginnen“.

Das konnte ich als alter Astrophysiker einfach nicht übersehen.

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