65 Auroville

Am Morgen widmete ich mich nach gutem Frühstück im Le Café jener Einrichtung, die heutzutage wohl die meisten Besucher nach Pondicherry lockt, dem Sri Aurobindo Ashram.

Ein Ashram ist eine Art Sektenhort, wie es in Indien viele gibt. Eben an diesem Tag berichteten Medien von einem Ashram in Haryana, nordwestlich von Delhi, der von der Polizei gestürmt werden musste, da sich der Guru wohl über dem Gesetz wähnte und in einige Morde verwickelt war. Schließlich kam es zur Auseinandersetzung, ja fast schon Schlacht, zwischen 15000 Sektenmitgliedern und den Sicherheitskräften.

Die Sri Aurobindo Sekte, die auch in Europa schon ihre Ableger hat, ist noch frei von derlei Eskalation. Ihre Gurus, Sri Aurobindo und seine in Frankreich geborene Nachfolgerin, „die Mutter“, sind beide schon tot (They left their physical form), wenngleich in Pondicherry in Zitaten und auf Plakaten allgegenwärtig. Sogar die Tankstelle an der Ecke wirbt mit den lobenden Worten, mit denen „Mutter“ dort in Siebzigern ihr Tankerlebnis kommentierte.

Man hört, dass Sri Aurobindos Lehre sehr humanistisch und weltoffen sein soll. Überdies wird sie in mancher Beschreibung trotz allem Geschwafel von Yoga und supramentalem Bewusstsein als nicht-religiös bezeichnet. Ich zügelte also meine natürliche Abneigung gegenüber Sekten ein wenig und betrat in recht aufgeschlossener Stimmung den Ashram. In einem Blumengarten findet man dort die mit Blüten geschmückte Plattform, auf der Mutter und Sri Aurobindo verbrannt wurden. Menschen kommen zuhauf hierher, verbeugen sich, berühren die Blüten und meditieren am steinernen Boden. Eine Weile lang setzte ich mich dazu und beobachtete das Geschehen.

An einer Wand entdeckte ich dann eine Art Hinweisbrett, das den etwa tausend hier lebenden Sektenmitgliedern galt. Neben ein paar Rüffeln, wie etwa dem, dass manche zur falschen Zeit, die falschen Hemden getragen hätten und entsprechend bestraft werden würden, fand sich dort auch eine Art Grundsatzerklärung der derzeitigen Sektenleitung. Diese hat es in sich. Ich war schockiert und angewidert. Das Dokument bestätigte mir alle meine vermeintlichen Vorurteile.

Ein kleiner Auszug: „Mit absoluter Gewissweit wissen wir, wie glücklich wir uns schätzen können, im selben Zeitalter zu leben wie Mutter und Sri Aurobindo … ihr gewaltiges Geschenk an die Menschheit … Nur jene, die nach den Wünschen von Mutter und Sri Aurobindo handeln, nur jene, die alles dafür geben, die Träume von Mutter und Sri Aurobindo zu verwirklichen, nur jene dürfen sich Menschen nennen. Alle anderen sind Tiere.“

Da dreht es einem doch den Magen um. Die Behauptung, absolute Gewissheit über etwas zu haben, das damit verbundene Verbot jeglicher interner Kritik, die Entmenschlichung aller Andersdenkender – das ist reinster Totalitarismus. Auch wenn die Sektengründer vielleicht anders gesinnt waren, das jetzige Credo scheint gemeingefährliches Potential zu haben. Hinzu kommen Zitate der Mutter, die von der neuen Menschenrasse sprechen, die aus ihren Anhängern hervorgehen werde.  Das humanistische Antlitz, das sanfte Lächeln der Mutter, das Geschwafel von Superseinszuständen, Yoga und Meditation und noch viele andere Facetten dieser Sekte, deren Lockruf auch viele Europäer erfasst – all das ist nur Tarnung und Täuschung für eine  totalitäre Ideologie der Kontrolle. Und diesen Leuten, die mir mein Menschsein absprechen, soll man beim Besuch ihrer Brutstätte auch noch Respekt zollen. Widerwärtig.

Vor dem Verlassen des Ashrams kommt man noch durch den Bookshop. Dieser macht Angst. Die schiere Anzahl der Bücher von und über Sri Aurobindo und Mutter ist erstaunlich, auch die Anzahl der hier erhältlichen Übersetzungen. Ich fand ein ganzes Regal deutschsprachiger (natürlich unkritischer) Literatur zur Sekte. Zum Fürchten.
Ebenso unheimlich sind die vielen esoterisch angehauchten Neohippies westlichen Ursprungs, die hier sinnsuchend durch die Straßen laufen und mich nach dem Weg zum Haus der Mutter fragen. Nur zu Leute, verabschiedet euch vom kritischen Denken, schwelgt in Yoga und Sinnsuch-Meditation, lasst euch von Mutters pseudophilosophischem Geschwafel einlullen, spendet dem Ashram Zeit und Besitz und wähnt euch ach so überlegen den übrigen Menschen. In Wahrheit seid ihr nur Orwell’sche Sklaven eines totalitären Systems.

Auroville ist eine andere Geschichte, der ich durchaus etwas abgewinnen kann. Der Ort, etwa zwanzig Minuten außerhalb von Pondicherry, wurde zwar auf Bestrebungen der Mutter in den Sechzigern gegründet (die Position so gewählt, dass er jener entsprach, die Mutter mit geschlossenen Augen, doch „spirituellem Sinn“ auf einer Landkarte anzeigte), doch im weiteren Verlauf nahm Auroville eine von der Aurobindo Sekte recht unabhängige Entwicklung.
Die etwa zweitausend Einwohner (der Großteil aus dem Westen) versuchen hier den Traum einer internationalen Gemeinschaft zu leben. Unabhängig  von Nationalität und Herkunft, ohne Religion, ohne Geld und Privatbesitz versucht man sich hier im Leben eines Ideals, das wie die Lyrics von John Lennon’s „Imagine“ klingt. Gleichzeitig setzt  man auf Wissenschaft und Ökologie. Sonne und Wind bringen den Strom. Man entwickelt neue Wege um mit der richtigen Bepflanzung tote Erde in wertvollen Humus zu verwandeln. Gleichzeitig integriert man die Bevölkerung der umliegenden Dörfer, schafft ein Bewusstsein für Gleichberechtigung und Umweltschutz. Auroville scheint zu funktionieren. Ein bisschen Nörgeln muss ich aber doch: Leute von Auroville, es macht einfach keinen sich nicht-religiös zu nennen und dabei gleichzeitig ein der „Mutter“ gewidmetes Tempelbauwerk im Ortszentrum zu haben. Vor allem dann nicht, wenn ihr in den Infobroschüren von Dingen faselt wie den „vier
göttlichen Aspekten der heiligen Mutter“, denen die vier Eingänge entsprechen. Seufz.

Die Rede ist vom Matrimandir, einem beachtlichen Bauwerk, das architektonisch beeindruckt. Es sieht leicht außerirdisch aus. Man könnte es auch als riesigen, goldenen, abgeflachten Fußball beschreiben. Betreten dürfen den Matrimandir nur Bewohner von Auroville oder Gäste, die sich ein paar Tage vorher schon angemeldet haben. Der Raum im Inneren, der mit dem Sonnenlicht, das durch eine kleine Öffnung fällt, geschickt zu spielen weiß, dient der hier viel erwähnten „concentration“. Was auch immer damit gemeint sein mag.

Zurück in Pondicherry war nicht mehr zu tun, als ein bisschen Zeit totzuschlagen. Ich las auf den Felsen am Meer und im Barathi Park, saß lang bei Kuchen und Kaffee im Café des Artistes und besuchte die Herz-Jesu Basilika, eine sehr schöne Kirche, deren Modernität in Europa ihres Gleichen sucht. So sind auf jeder zweiten Säule beidseitig des Hauptschiffes 60 Zoll Flatscreen TVs montiert, damit wohl niemandem die Mimik des Priesters entgeht. Manch Heiligenbild an den Wänden ist von bunt blinkenden Lichterketten umrahmt.

Nach dem Abendessen holte ich problemlos meinen Rucksack im Guesthouses ab, plauderte mit dem freundlichen Besitzer und schritt dann durch die nächtlichen Straßen bis zum Busbahnhof, wo ich gegen zehn Uhr Abends endlich im meinen leicht verspäteten Bus nach Madurai steigen konnte.

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64 Pondicherry

Der Tag begann mit einem weiteren Sonnenaufgang über dem Meer, den ich von meinem Balkon genießen konnte. Der Besitzer des „Freshly ’n‘ hot“ hat es  begriffen, dass er ein sehr gutes Geschäf macht, wenn er Frühstück schon ab sieben und nicht erst wie hier  üblich ab neun anbietet. Als ich  dort auf netter Terrasse inmitten anderer Reisender speiste, vernahm ich, dass man am Nebentisch zur Kommunikation eine dem Innschbruckerisch nahestehende Sprache nutzte. Ich outete mich jedoch nicht.

Per Bus gelangte ich binnen zwei Stunden problemlos nach Pondicherry, wichtigste Stadt des einstmals französischen Teiles von Indien. Bis 1957 war man hier Teil der Grande Nation. Viel geblieben ist nicht. Frankreichs Spuren sind stark verwischt und verwittert.

Ein paar kleine Ärgernisse erwarteten mich gleich bei meiner Ankunft. So haderte ich mit halsabschneiderischen Tuktuk Fahrern und dem in einigen Hotels vorherrschenden Verbot, sein Gepäck dort nach Checkout noch ein paar Stunden zu lagern. Unverständlich. Schließlich fand ich aber im Kailash Guesthouse alles, was der Backpacker braucht, sogar Gratis WLAN. Das erste Buch, das ich in der beschaulich eingerichtet Lobby auf einem der Tische liegen sah, war „Silentium“ von Wolf Haas. Österreich verfolgte mich heute. Dieser Brenner, wo sich der überall herumtreibt. Sogar in Pondicherry treibt er schon sein Unwesen.

Zum Mittagessen wurde mir im Restaurant Suguru das bisher beste und bunteste Thali dieser Reise serviert. Neun kleine Schalen voller Köstlichkeiten. Dazu reichlich Reis und Roti.

Es war ein ruhiger Nachmittag. Die meisten der wenigen Sehenswürdigkeiten Pondicherrys waren schnell besucht. Im Musée sah ich weitere Römerkeramik. Schautafeln geben an, dass es anscheinend tatsächlich Hinweise gibt, dass römische Schiffe nahe Pondicherry anlegten und Olivenöl und Wein ins frühe Indien brachten. Das römische Reich überrascht mich immer wieder. Im Obergeschoss des Museums werden schöne Möbel aus der Kolonialzeit, manche davon Eigentum des französischen Gouverneurs Dupleix, gezeigt. Auch die Karosserien mehrerer Kutschen stehen hier.

Nahe dem Museum findet man als Kontrastprogramm einen Ganesh geweihten Hindutempel mit vielen hingebungsvollen Gläubigen. Ein Stück weiter südlich gegenüber dem kanonenflankierten Eingang der neoklassischen Gouverneursresidenz, erstreckt sich die symphatische Parkanlage Barathi. Schattige Bänke und grüne Bäume laden zum Verweilen ein.
Östlich des Parks steht ein alter Leuchtturm. Gleich dahintererreichte ich beim großen, beachtlichen Gandhi Denkmal mit seinen vielen Säulen und der Statue des Vaters der Nation die Küste. Pondicherry hat keinen Strand, sondern eine breite Uferpromenade, die morgens und abends zur Fußgängerzone wird. Schwarze Felsblöcke, auf denen es sich bequem sitzen lässt, begrenzen die Promenade zum Meer hin. Das Baden ist wegen gefährlicher Brandung verboten. Immer wieder sterben hier Leute, die von den Wellen gegen die Felsen geschleudert werden. An sich wäre die Uferpromenade von Pondicherry ein recht pittoresker Ort, wäre da nicht der viele Müll, der überall zwischen den Felsen herumliegt. Ständig kann man beobachten wie Inder hier Papier, Essensreste und Plastikflaschen in vollster Selbstverständlichkeit zwischen die Steine werfen. Traurig.
Nahe dem Gandhi Denkmal und einem kaum minder imposanten französischen Weltkriegsdenkmal (Nummer 1) findet man direkt am Ufer einen weiteren Hinweis auf das verschwundene Frankreich. Im „Le Café“ gibt es hervorragenden Kaffee, Croissants, Frühstück, Eisbecher und mehr. Die Brandung lässt einen hin und wieder die Nähe des Meeres spüren, während man dort einen Hauch von Europa genießt.

Als ich später vorbei an Kunstatteliers und einem kleinen Theater durch die beschaulichen, verkehrsarmen Straßen der Rue Dumas, Rue Romain Rolland und Rue St. Laurent schlenderte, wurde ich plötzlich  und ganz spontan als Statist für den Dreh eines Films (oder Werbespots ?) engagiert. Auf der Straße spielten Kinder und ein Mann Fußball, während im Hintergrund ein paar Fahrradrikshas mit Touristen passierten. Mein gemütlicher Statistenjob bestand darin, in der Riksha zu sitzen und den Jungs beim Ballspiel zuzusehen. Da der Ball ständig in falsche Richtungen rollte, brauchten wir für diese paar Sekunden Film sicher zwanzig Takes. Es dauerte eine Weile. Endlich zeigte sich das große Filmteam zufrieden.

Nach dem Dreh besuchte ich noch die Kirche Notre Dame des Anges, eines von drei großen
Gotteshäusern, die die Franzosen der Stadt hinterlassen haben. Auf einer freien Fläche gegenüber der Kirche sah ich ältere Inder beim Pétanque-Spiel, untrügliches Zeichen französischer Vergangenheit. Ältere Herren beim Pétanque – das sieht man außerhalb Frankreichs auch in Laos und im übrigen Indochina. In Indien gibt es das wohl nur in Pondicherry.
Ich verbrachte einen gemütlichen Abend im Hotel.

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63 Mamallapuram II

Von meinem Balkon aus sah ich der Sonne über dem Meer beim Aufgehen zu. Dann brach ich auf, um die Weltkulturerbestätten des Ortes zu erkunden. Allesamt stammen aus der Zeit des Königreichs von Pallava, das hier im heutigen 17,000 Einwohner Dorf seinen wichtigsten Hafen hatte. Die Bauten zeugen von der einstigen Macht dieses Reiches aus dem siebten Jahrhundert. Die beiden Türme des Küstentempels, dem ich zuerst besuchte, sind nur ein erster Vorgeschmack. Leuchtturmartig auf einer felsigen Halbinsel gelegen ist der Küstentempel dem Seewind schutzlos ausgeliefert. Die stark verwitterten Skulpturen von Nandi, Shiva und anderen zeigen sehr anschaulich, was Wind und Wetter binnen dreizehn Jahrhunderten anrichten können. Die Konturen sind nur mehr verschwommen erkennbar. Nur im Innern der Tempel sind Shiva und auch Vishnu noch scharf zu sehen.

Nach gutem Frühstück erkundete ich den Hügel von Mamallapuram, welcher mit bizarren Gesteinsformationen überrascht, in welche die Künstler von einst faszinierende Figuren und Höhlungen gemeißelt haben, allen voran „Arjunas Buße“, einem etwa sieben Meter hohen, fünfzehn Meter breiten Ensemble in Stein gehauener  Figuren (an die hundert an der Zahl). Neben Nagas, die aus einer Felsspalte schweben, Elefanten, einer Katze, die vor Mäusen ihre Taten büßt und anderen Figuren sieht man einen Mann, der auf einem Bein steht. Dieser wird als Arjuna, dem Helden der Mahabharata, identifiziert. Das Stehen auf einem Bein symbolisiert die mühseligen Entbehrungen, denen er sich unterwirft, um von Shiva die mächtige Pasupata Waffe zu erlangen. (Die nützt ihm allerdings recht wenig, da man damit nur Götter umbringen kann, Arjunas Feinde, die Kauravas, aber menschlich sind.) Shiva mit himmlischem Gefolge und Waffe ist ebenfalls in den Stein gemeißelt. Da ich das entsprechende Kapitel in der Mahabharata erst vor ein paar Tagen gelesen hatte (Was für ein Timing!), kam mir die Szene sehr bekannt vor. Man kann hier lange stehen und staunen (und wird dabei leider ständig von Leuten abgelenkt, die einem irgendwelchen Ramsch verkaufen möchten). Jedenfalls gilt „Arjunas Buße“ als eines der größten Kunstwerke des antiken Indiens.

In den hohen Felsen und kleinen Schluchten, die sich dahinter erstrecken, kletterte ich mehr als eine Stunde lang umher und fand weitere in Stein gehauene Tempel und Figuren. Eine Wand zeigt Pfaue und Elefanten, eine andere Brahma, Shiva und Vishnu, die Dreifaltigkeit an der Spitze der hinduistischen Götterwelt. Besonders imposant ist Krishnas Butterball, ein etwa fünf Meter hoher, fast kugelrunder, freistehender Felsen, der so aussieht, als würde er jederzeit den Hügel hinabrollen. Ein paar Bauten, sowie ein ein weiteres Figurenensemble ähnlich groß wie „Arjunas Buße“ wurden nie fertiggestellt und zeugen vielleicht vom plötzlichen Niedergang des Pallava-Königreichs. Als einziges modernes Gebäude inmitten von steinernen Zeugen der Vergangenenheit findet man Mamallapurams beschaulichen Leuchtturm.

Ein kleines Stück südlich der Stadt erreichte ich die fünf Rathas. Es sind dies fünf kleinere (bis zu zehn Meter hohe) steinerne Strukturen, die wie Tempel aussehen und unterschiedlichen Göttern gewidmet sind. Das Beeindruckende daran ist, dass alle fünf nicht „gebaut“, sondern jeweils aus einem einzelnen Felsen gehauen wurden. Über tausend Jahre lang lagen sie im Sand begraben. Erst vor zwei Jahrhunderten brachten die Briten sie wieder ans Licht. Seltsamer Gedanke. Was wohl noch so alles im Sand schlummert? Im Jahre 2004 mussten die fünf Rathas teilweise erneut ausgegraben werden, da der Tsunami (der auch hier Verheerung brachte) sie wieder zugedeckt hatte.
Benannt sind die fünf Rathas nach den fünf Pandava Brüdern und ihrer gemeinsamen Gattin Draupadi, die mir aus meiner Lektüre inzwischen sehr vertraut sind. Draupadis Ratha ist der Göttin Durga gewidmet. Ein riesiger, steinerner Löwe bewacht den Eingang. Arjunas Tempel gehört Shiva. Ein freundlicher Nandi Stier aus Stein sonnt sich hinter dem Tempel. (Ich orte hier starke Shiva-Voreingenommenheit der Namensgeber. Jeder, der die Mahabharata kennt, weiß doch, dass Vishnu Arjuna viel näher steht. Wenn man aber glaubt, dass Shiva der mächtigste Gott ist, muss man wohl auch seinen Tempel nach dem mächtigsten Pandava benennen.) Der unvollendete Tempel des starken, aber einfältigen Bhima ist Vishnu geweiht. (Passt gar nicht.) Yudhisthiras Tempel scheint keine klare Haupgottheit zu haben, zeigt aber an der Außenwand einen eigenartigen Shiva-Parvati Hybriden. Der schöne Tempel der Zwillinge Nakula und Sahadeva ist Indra gewidmet. (Das passt genau.) Der kunstvolle, lebensgroße  Steinelefant davor ist wirklich famos. Die Proportionen stimmen. Indra ist übrigens eine sehr interessante Gottheit. Alte Schriften wie das Ramayana bezeichnen ihn noch als König der Götter, während er später nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. Man geht davon aus, dass Indra einer viel älteren Götterwelt entstammt, die nach und nach vom Vishnu-Shiva-Brahma Kult verdrängt und doch teils auch in diesen integriert wurde. Über Indra sinnierend schritt ich den Strand entlang zurück zu meinem Hotel.

Mittag, Nachmittag und Abend galten reiner Erholung. Ich schwamm im Meer, sprang durch die Wellen, las Mahabharata, aß Fisch und Pizza und schlenderte durch das Fischerdorf. Erwähnt werden sollte noch, dass einige Restaurants sehr eigenartige Namen und Slogans haben. So heißt ein Lokal „Freshly ’n‘ hot“, was grammatikalisch überhaupt keinen Sinn macht. Ein anderes schreibt groß „Pizza is our new Yes!“. Aha. Your words are aenigmatical.

Interessant ist auch, dass die meisten Lokale hier zwar Bier haben, sich aber davor scheuen dies in der Karte oder sonst wo zu erwähnen. Dazu sind die nahen hinduistischen Stätten wohl doch zu heilig und die Worte der Mahabharata zu gegenwärtig: „Jene aber, die der Schlacht den Rücken kehren, jene, die verschlagen sind, jene, die den Göttern nicht geopfert, die nicht auf Alkohol und Fleisch verzichtet, die nicht in heiligen Flüssen gebadet haben, jene werden die himmlischen Gärten von Nandana niemals erreichen.“ Das mit dem Fleisch lass ich ja noch gelten und verschlagen bin ich auch nicht. Aber der Rest … Hypothetische Gärten können mir gestohlen bleiben. Die Gärten der Wirklichkeit sind schön genug. Zum Wohl. 

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62 Mamallapuram I

Der Tag begann etwas holprig. Zuerst musste ich im Hotel noch warten, bis man mir meine Wäsche, die eigentlich schon gestern hätte fertig sein sollen, brachte. Erst dann konnte ich fliehen. Da es mir per Stadtbus nicht gelang, ließ ich mich schließlich per Autoriksha zum T Nagar Busbahnhof bringen. Dieser ist ein logistischer Albtraum. Niemand vermochte mir zu sagen, wann und wo genau der nächste Bus nach Mamallapuram abfahren würde. Ich wusste nur, dass es die Nummer 599 war und diese etwa einmal stündlich fahren würde. So drehte ich am Busbahnhof meine Runden, sah alle möglichen Nummern (vor allem viele 591 und 597), nirgends aber 599. Endlich, nach über einer Stunde Warten, kam die 599. Ich verbrachte zwei Stunden mit meinem Rucksack am Schoß im hinteren Eck des Buses, während dieser nach Süden fuhr.

Und dann: Mamallapuram – was für eine Wohltat. Frischer, kühlender Seewind, ein günstiges Zimmer nur Meter entfernt von den brechenden Wellen mit Balkon und herrlichem Blick auf das Meer und die nahen Türme des Küstentempels aus dem siebten Jahrhundert. Dazu köstliche Meeresfrüchte, gratis WLAN, freundliche Menschen und alles, was der Backpacker braucht. Schon nach Minuten war mir klar, dass ich hier länger bleiben würde. Ich verschob die Besichtigung der UNESCO Welterbestätten auf morgen, stürzte mich in die Brandung, ließ mir das Haupthaar abrasieren und genoss Sonne, Wind, Meer, Strand, Ananassaft  und andere schöne Dinge. Die meiste Zeit saß ich auf meinem Balkon und beobachtete das Geschehen am Strand. Fischer fuhren aufs Meer hinaus. Eine Kuh und ihr Kalb schritten den Strand entlang. Nebelkrähen kämpften gegen den Wind.  Interessanterweise gibt es hier nirgendwo Möwen.  Nachts sah ich die Sterne und das ständige Rauschen des Meeres.

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61 Chennai II

Der Tag begann mit dem Besuch des Government Museums, dem bisher besten dieser Reise. Man findet viel darin. Zoologie, Astronomie, Anthropologie, Archäologie, klassische Kunst, zeitgenössische Kunst, etc. Auch architektonisch geben die Museumsgebäude einiges her. Man kann hier Stunden verbringen. Und das hab ich auch getan. Der Kugelsternhaufen mit der Beschriftung „Big Bang“ tat ein bisschen weh. Dafür waren die vielen Tierskelette famos, vor allem die Riesenpython oder die Gegenüberstellung eines menschlichen Skeletts und dem eines riesigen, sich aufbäumenden Pferdes. Beide sind so montiert, als wollte der Mensch das Tier eben bändigen und seinen Rücken erklimmen. Erstaunlich anzusehen. Interessant waren auch die vielen Relikte der frühen dravidischen Kultur.

Ein kurzer geschichtlicher Ausflug: Laut der gängigsten Theorie (nicht unumstritten) wurde die Geschichte Indiens stark von der arischen Invasion etwa 1500 vor Christus geprägt. Die Arier, ein indoeuropäisches Volk aus der Gegend von Afghanistan und Zentralasien (nicht blond und blauäugig) brachten Hinduismus und Kastensystem nach Indien und vermischten sich mit der früher vorherrschenden Bevölkerung. Allein der Süden Indiens (vor allem Tamil Nadu, Kerala, Karnataka und Andhra Pradesh) blieben von der arischen Invasion unberührt. Die hier gesprochenen Sprachen (das Tamil, das Malayalam, das Kannada und das Teluga)  sind auch nicht mit dem indoeuropäischen Hindi verwandt. Traditionell ist man hier im Süden auch immer schon gegen das Kastensystem gewesen, da dieses die arisch beinflusste, eher hellhäutigere Bevölkerung im Norden bevorzugt. Vor allem hier in Tamil Nadu ist man stolz auf die dravidische Herkunft und meint das ursprüngliche Indien zu repräsentieren. Immer wieder gab und gibt es Abspaltungsbewegungen. Vom Norden übernommen wurde der Hinduismus. Kaum irgendwo in Indien findet man so glühende Shivaverehrer wie hier in Tamil Nadu.

Im Museum sah ich nun viele Relikte dravidischer Kultur.  Ausgestellt sind aber auch römische Keramiken, die es auf Handelswegen hierher geschafft haben.

Ein besonderes Highlight war die dreistöckige Bronzegalerie, nicht nur wegen der schönen Skulpturen, sondern auch wegen der sehr übersichtlichen Erklärung und Gliederung. So galt ein Stockwerk dem Shivakult, eines dem Vishnukult. Schautafeln bringen Licht ins Gewirr der vielen Namen, die beide Götter je nach Körperhaltung, Stimmung und Begleitung haben können. Mir ging so manch ein Licht auf. Interessant ist, dass es in Indien nie namhafte Konflikte zwischen Shaiviten und Vaishnaviten gab. Immerhin glaubt eine jede Gruppe, dass ihr Gott der mächtigere ist.

Besonders in der Astronomieabteilung fiel mir einmal mehr die Verwendung der eigentümlichen numerischen Einheit des Lakh auf, welche nicht nur in Indien sondern auch in manch umliegenden Kulturen verbreitet ist. Die Million wird kaum verwendet, denn eine Million sind zehn Lakh. Die Erde ist nicht vier Milliarden Jahre sondern vierzigtausendtausend Lakh Jahre alt. Der Durchmesser der Milchstraße sind ein Lakh Lichtjahre.

Ich floh vor der Mittagshitze zurück ins Hotel und ließ mich Stunden später von einer Riksha zum Fort St. George bringen. Da hier auch mehrere Regierungsgebäude und eine Kaserne untergebracht sind, ist das alte Fort der Briten schwer bewacht. Besucher dürfen sich nur auf einem sehr kleinen Areal bewegen und Museum und Kirche besuchen. Beide sind nicht besonders aufregend. Die Gemäldegalerie mit ihren Darstellungen britischen Monarchen war jedoch beeindruckend genug, sodass der Besuch sich lohnte.

Vom Fort spazierte ich noch zum wahrscheinlich schönsten Gebäude der Stadt, dem 1892 vollendeten High Court mit seinem roten „indo-sarazenischen“, hochaufragenden Türmen und Gewölben. Wirklich beeindruckend schön – auch wenn man leider nicht hinein darf.

Per Stadtbus fuhr ich im Sonnenuntergang zurück zum Hotel.
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60 Chennai I

Mit nur einer Stunde Verspätung fuhr der Zug nach einundzwanzig Stunden Fahrt im schönen Bahnhofsgebäude Chennai Central ein. Zuvor erlebte ich noch schöne Sicht auf in der Sonne blitzende Felder und Wasserreservois, sowie ein paar kurze heftige Regenschauer im Morgengrauen. Zum ersten Mal auf meiner Reise fand ich das Hotel meiner Wahl bereits voll belegt vor. In nächster Nähe gab es aber auch andere Optionen, die Platz für mich hatten. Zu Mittag speiste ich im Hotel Saravana Bhavan. Dies ist kein Hotel, sondern eine vegetarische Restaurantkette mit gutem, günstigem südindischen Essen. In ganz Chennai gibt es etwa zwanzig Filialen. Diese dosas, idlis und vadas … Und erst das rasam … Einfach hervorragend. Man würde sich eine Filiale in der Heimat wünschen.

Per Stadtbus gelangte ich schnell und unumständlich in den südlichen Stadtteil Mylapore. Dieser ist bedeutend älter als das übrige Chennai. Hier an diesem dafür so unwahrscheinlichen Ort stößt man auf das angebliche Grab des Apostel Thomas (jener, der so vorbildhaft an der Himmelfahrt l zweifelte), welcher hier 72 nach Christus den Märtyrertod gestorben sein soll, erstochen mit einer Lanze. Selbige und auch ein Knochen des Thomas  (die übrigen sind im Lauf der Jahrhunderte irgendwie nach Italien gelangt) kann man in einer Kapelle unterhalb der strahlend weißen, neogotischen St. Thome Kathedrale bestaunen. Diese (von den Portugiesen 1523 erbaut, dann niedergerissen und in der jetzigen Form 1890 von den Briten errichtet) brüstet sich stolz, mit der Kathedrale von Santiago di Compostella und dem Petersdom eine  von drei Kirchen weltweit zu sein, die auf einem Apostelgrab steht.

Wie man sich denken kann, sind die historischen Belege hierfür äußert dürftig. Dass Thomas, falls es ihn wirklich gab, vierzehn Jahrhunderte vor Vasco da Gama, den Weg nach Indien gefunden haben soll, mag sehr weit hergeholt klingen. Ganz so unwahrscheinlich ist es aber doch nicht. Mylapore ist sehr alt und trieb erwiesenermaßen Handel mit dem antiken Griechenland und Rom. Ptolemäus erwähnt den Ort in seinen Schriften und in Mylapore fand man römische Keramik. Und auf den Wegen, wo Keramik wandert, kann auch ein Mensch weit kommen. Viel unwahrscheinlicher, als dass es einen frühen Missionar hierher verschlagen hat, finde ich den Umstand, dass Lanze und Knochen nach fünfzehn Jahrhunderten ohne Christentum noch auffindbar waren. Eine DNA Analyse wäre hier spannend.

Unweit von St. Thome befindet sich ein religiöses Bauwerk ganz anderer Art. Der hinduistische Tempel Kapaleeshwarar zeigt, dass hier im Süden ganz andere architektonische und künstlerische Traditionen vorherrschen. Bunter geht es nicht. Der hohe Torturm allein mit seinen Hundertschaften an farbenfrohen Figuren ist ein Augenschmaus. In die innere Säulenhalle dürfen nur Hindus, doch eine Umrundung lohnt sich sehr. Hinter dem Tempel findet man schließlich einen großes, schön verziertes Wasse
rbecken, Parvati gewidmet.

Wieder ein paar Straßen weiter betrat ich die ruhigen, grünen Gefilde des Sri Ramakrishna Math. Hier haust und wirkt ein Mönchsorden, der sich auf den Guru Ramakrishna aus dem neunzehnten Jahrhundert beruft. Einige Cartoons an den Wänden lehren recht fragwürdige Lektionen des Gurus, welcher sich selbst für eine Inkarnation hielt, dem Namen nach wahrscheinlich von Vishnu. Die Mönche sind sehr freundlich, die Bauten eindrucksvoll. Einer der Mönche kam mir sogar nachgelaufen, als er sah, dass ich mich nicht in die hinteren Räume der Haupthalle gewagt hatte. Es war ihm wichtig, dass ich alles sah, auch die seltsame Puppe des Gurus.

Per Riksha ließ ich mich an Chennais  breiten Sandstrand bringen. Kaum jemand badet hier. Dafür ist

die Strömung zu gefährlich und der Strand zu verdreckt. Dennoch ist der Ort voller Leben. Es herrscht Jahrmarktsatmosphäre. Händler verkaufen Popcorn und andere Snacks. Es gibt improvisierte Schießbuden, wo man mit Darts oder Luftdruckgewehr auf Luftballons zielt und sogar ein kleines Karussell mit hölzernen Pferden. Menschen spielen Cricket und Fußball. Andere lassen Drachen steigen. An manchen Stellen spielen Musiker ihr Lied. Und all dies wird untermalt vom ständigen Grollen der Brandung.

Während ich dort durch das bunte Treiben spazierte ging über dem Land die Sonne unter. Vorbei an der Baustelle des Super Multi Specialized Hospital (die Indern stehen auf solch Übertreibung) erreichte ich bald meine Bleibe, aß einmal mehr im Hotel Saravana Bhavan und setzte dem Tag ein Ende.

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39 Darjeeling

Früh morgens schlich ich aus meinem Hotel und wanderte durch leere Straßen. Ich folgte dem Hügelkamm in Richtung Norden zum Observatory Hill. Der Name trügt. Vom Hügel hat man keine Aussicht, wohl aber von der autofreien Straße, die ihn umrundet. Hier gibt es zahlreiche Aussichtspunkte. Hier erlebte ich einen der bisher schönsten Sonnenaufgänge dieser Reise. Hauptattraktion war dabei nicht die Sonne selbst, sondern Khangchendzonga und seine Nachbargipfel, eine hohe, zackige, weiß leuchtende Wand, die scheinbar sehr nahe dem Betrachter in die Höhe ragt. Zum ersten Mal ein Stück Himalaya ganz wolkenfrei und wunderschön. Der dritthöchste Punkt der Erde in voller Pracht.
Längst war ich nicht mehr der einzige an der Straße nördlich des Hügels. Viele Inder joggten an mir vorüber, machten Dehnübungen und andere Varianten des Morgensports. Plötzlich herrschte reges Treiben.
Ich flüchtete auf den Observatory Hill, der rein gar nichts mit Beobachtung zu tun, handelt es sich dabei doch um einen religiösen Ort. Der beschauliche Hügel verfügt über einen Shiva Tempel, eine kleine Höhle mit Schrein, viele Stupas und tausende dicht an dicht gespannte Gebetsfahnen. Hinduisten und Buddhisten ist der Ort heilig. Er ist außerdem Refugium für tausende Affen, die man in allen Richtungen sieht. Schilder warnen davor, sich nicht von ihnen bestehlen zu lassen. Schon so mancher Besucher hat wohl sein Smartphone an einen Affen verloren. Scheu haben die Tiere kaum. Einer drückte mich frech zur Seite, als ich ihm im Wege stand.
Da ich nicht schnell genug floh, fiel ich einem Sadu in die Hände, der mich einmal mehr mit Tika auf der Stirn, sowie mit rotem Band am rechten Handgelenk und zahlreichen Segnungen ausstattete, natürlich im Austausch gegen baksheesh.

Östlich des Hügels führt ein Pfad steil hinab zur Bhutia Busty Gompa, einem schönen tibetischen Tempel vor dem dramatischen Hintergrund Khangchendzongas. Im Inneren gibt es schön Wandmalereien. Unweit des Tempels ist eine von vielen Refugien für tibetische Flüchtlinge, die hier traditionelle Handwerkswaren herstellen (Teppiche, Holzschnitzereien, etc.)

Da ich allmählich hungrig wurde, erklomm ich den Hügelkamm und gönnte mir ein gutes Frühstück in Darjeeling, natürlich mit Tee. Danach schlenderte ich in Richtung Tiergarten. Dieser, anscheinend „one of the finest zoos in India“ ist, wie alle Zoos, ein eher trauriger Ort. Rastlos schreiten Tiger, Nebelleopard, Schakal und schwarzer Panther die Gitterstäbe, die ihre viel zu kleine Welt begrenzen, auf und ab – als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt. Immerhin, der Zoo brüstet sich damit, erfolgreich seine Schneeleoparden- und rote Pandapopulation vermehrt und teilweise in freie Wildbahn entlassen zu haben. Am beeindruckendsten waren wohl die Tiger, deren schiere Größe staunen lässt.

Um einiges schöner und bewegender als den Zoo, empfand ich das auf dem selben Gelände platzierte Himalayan Mountaineering Institute, das sich in zwei Stockwerken zum Einen der faszinierenden Geographie des Himalaya, zum Anderen der heroischen Geschichte seiner Besteigung widmet. Wirklich gut gemacht. Auf einer großen dreidimensionalen Karte kann man per Lämpchen leicht die einzelnen Gipfel und Gewässer identifizieren. Das tibetische Plateau, die schiere Höhe von Himalaya und Karakorum – alles wird einem viel stärker bewusst. In der Historie der Besteigungen tauchen natürlich auch bekannte Namen wie Reinhold Messner und Hermann Buhl immer wieder auf. Hauptaugenmerk ist allerdings die Erstbesteigung des Mount Everest – nicht zuletzt weil einer der Mitbegründer des Museums kein geringer war als Tenzing Norgay, der viele Jahre lang in Darjeeling lebte. Vor dem Museum zeigt seine Statue den heroischen Moment von 1953. Daneben ist die Plattform, auf der sein Körper verbrannt wurde. Viele Bilder dokumentieren das Leben dieses anscheinend überaus sympathischen Sherpas.

Vom Zoogelände ist es nicht weit bis zum Rangit Valley Ropeway. Diese etwas ineffiziente Seilbahn (nur acht kleine Gondeln zwischen denen je über hunderte Meter Abstand ist ?) führt weit hinab, hoch über schöne Teegärten hinweg, in ein kleines Dorf. Die gewohnte Ausrichtung einer Seilbahn ist hier invertiert. Die Zivilisation ist oben und nicht unten. Jedenfalls war die Aussicht von der Gondel auf die grünen Täler wunderschön. Das Dorf am Fuße der Seilbahn ist winzig. Es gibt eine Kirche und ein paar Häuser, keine richtige Zufahrtsstraße, nichts, was die Existenz der Seilbahn funktional rechtfertigen würde. Fast alle Besucher fahren herab und gleich wieder hinauf. Ich blieb eine Weile, verfolgte einen schwarzen Ziegenbock  durch Teegärten und aß in einem kleinen Restaurant zu Mittag.
Wieder oben angelangt folgte ich der Straße in Richtung Darjeeling. Ich kam an einem riesigen palastartigen Gebäude mit blitzsauberem Swimming Pool vorüber. Die ganze Anlage war menschenleer. Es handelte sich um kein Luxushotel, auch um keine Residenz der Reichen und Mächtigen, sondern um ein renommiertes Jesuitengymnasium. Dieses und bis zu vier weitere katholische Bildungseinrichtungen in der nahen Umgebung sind wohl Mitursache für den relativ hohen Prozentsatz an Christen in der Region. Es gibt zahlreiche Kirchen und sogar Mariendenkmäler am Wegesrand. Unweit daneben findet man dann wieder Shiva und Vishnu. Welch ein Kontrast.

Ich verließ die Straße und stieg einen schönen Tiergarten hinab zum Happy Valley Tea Estate, dessen Produkte zum Teil im Harrod’s in London landen. An anderen Tagen kann man hier auf einer Gratis-Führung die diversen Schritte der Teeproduktion studieren, heute war wegen Diwali geschlossen.

Vom Feiertagstreiben bekam ich auch bei meiner anschließenden Wanderung steil hinauf durch ein eher ärmlicheres Viertel einiges mit. Wie in Nepal beim Dasain Fest vergnügt sich auch hier die ganze Familie am Feiertag beim Glücksspiel, ob mit Karten, beim  Steinchenwerfen, beim Brettspiel oder bei einer Art Gruppen-Sudoku. Irritierend war nur jenes Haus, vor dem nicht gespielt wurde, doch dafür ein Bibelspruch auf dem Vordach verkündete, dass kein anderer Glaube zum Segen führte. Seufz.

Ich beendete das Sight Seeing des Tages mit einem Spaziergang im steilen botanischen Garten. Einige Locals spielten westliche Lieder auf der Gitarre. Abends gab’s gute bengalische Küche in Darjeeling.

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38 Diwali

Der Tag hatte eine gewisse Symmetrie mit Symmetrieachse Grenze. Von Ilam ging es per Jeep drei Stunden auf kurviger Straße steil nach Süden ins Flachland hinab zu einem staubigen Ort. Von dort brachte mich ein Bus nach Osten zur Grenze. Von der Grenze fuhr ich per Bus weiter nach Osten an einen anderen staubigen Ort. Und dort stieg ich in einen Jeep, der mich binnen drei Stunden auf kurviger Straße steil hinauf ins schön Darjeeling brachte.

So eine Grenzüberquerung ist immer wieder spannend. Irgendwie waren die Beamten beider Länder um einiges grimmiger als vor einem Monat in Sunauli. Vor allem der uniformierte Inder der West Bengal Police blätterte lange recht skeptisch in meinem Reisepass herum und musste erst Rücksprache mit einem Kollegen halten, bevor er mir den nötigen Stempel in den Pass drückte. Keine Ahnung, was ihn so störte. Bengali verstehe ich genausowenig wie Hindi. Jedenfalls wurde ich eingelassen. Spannend war auch das etwa einen Kilometer breite Niemandsland zwischen den Grenzposten. Ich verließ den nepalesischen Grenzposten um 10:16 und erreichte den indischen – obwohl ich für die Durchquerung des Niemandslands eine Viertelstunde benötigte, exakt zur selben Zeit.

Darjeeling liegt auf über zweitausend Metern Höhe und bietet mit seiner schönen Lage auf einem Hügelkamm wunderbare Aussicht in jede Richtung. Schon die Fahrt war spannend. Neben der kurvenreichen Straße, die der Jeep fast zweitausend Höhenmeter emporratterte, sieht man immer wieder die Geleise der teils noch dampfbetriebenen Schmalspurbahn, die eine der Hauptattraktionen hier ist.
Rasch fand ich in Darjeeling ein Hotel nach meinem Geschmack. Der alte Portier ist sehr freundlich und heißes Wasser gibt es auch, wannimmer man will. Die Aussicht vom Dach ist atemberaubend. Man sieht weit nach Norden zum Khangchendzonga, dem dritthöchsten Berg der Welt und weit nach Sikkim hinein, das mit riesigen Statuen nahe Namchi über die Hügel hinweg grüßt.
Nun sitze ich eben in einer noblen Teestube und verkoste schwarzen, grünen und weißen Darjeeling Tee. Serviert wird der heiße Tee in Sektgläsern. Der Kellner lässt beim Servieren am verwendeten Kräutersatz riechen und erwartet zustimmendes  Nicken des Gastes. Die Preise für ein Sektglas Tee schwanken zwischen dreißig Cent und fünf Euro. Dazu gibt’s bekömmliche Bisquits. Aus den Lautsprechern tönen die Beatles in Dauerschleife.
Während ich noch Tee trank wurde es Nacht und vor der Tür begann das funkelnde Treiben des Diwalifestes. Vor allen Häusern werden Teelichter und andere Kerzen aufgestellt. Feuerwerkskörper werden in die Luft geschossen und zieren den Himmel. Auf einer Bühne im Stadtzentrum singen und tanzen lokale Performer. Vom Hügelkamm sieht man das bunte Lichtermeer der Täler, deren Siedlungen wie Sterne in der Nacht funkeln. Dazwischen blitzt und donnert es, da ständig neue Feuerwerkskörper die Nacht erhellen. In der Stadt zieren zusätzlich tausende farbenfrohe Lichterketten die Straßen und Fassaden. Von den Dächern stürzen bengalische Feuer. (Moment mal, ich bin ja hier in Bengalen. Aha-Erlebnis)
Wohin man blickt, es herrscht ausgelassene Stimmung. Die Menschen rufen einander „Happy Diwali“ zu. Kerzen und Feuerwerk. Diwali riecht wie Silvesterabend und Weihnachten zugleich. Ein schönes Fest. Lakshmi sei dank. (Ihr ist der ganze Zauber zu verdanken. Lakshmi = weibliche Hälfte oder Skakti von Vishnu. Beide reiten gerne auf Garuda, aber das ist eine andere Geschichte.) Eben schlägt die Turmuhr zur vollen Stunde die Melodie des Big Ben. Gute Nacht, Welt. Happy Diwali.
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37 Mai Pokhari

Die achtstündige Wanderung des heutigen Tages war schön, aber unspektakulär. Ich durchwanderte viele Teegärten und überquerte die nördliche Hügelkette mit Blick auf Bach und Tal. Als ich einmal irr ging, brachten mich die Gesten einer freundlichen alten Dame rasch zurück auf den richtigen Weg. Nach dreieinhalb Stunden erreichte ich den sternförmigen See von Mai Pokhari, der reich an Seerosen und Goldfischen ist. Eine Weile saß ich lesend am Ufer, dann folgte ich dem Uferweg rund um den See. An einigen Stellen sind tibetische Gebetsfahnen übers Wasser gespannt. Am Nordufer findet man einen kleinen buddhistischen Tempel und einen Kräutergarten mit beschrifteten Heilpflanzen.
Auf dem langen Rückweg machte ich öfters Halt um zu lesen.

Das war er also, mein letzter Tag in Nepal, in diesem schönen grünen Land mit seinen freundlichen Menschen.

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36 Ilam

Ein ruhiger, schöner Tag. Erholt von der langen Fahrt erwachte ich im schönen Ilam und sog die Aussicht vom Hotel auf die wunderebar grünen Hänge mit tausenden Teebäumchen ein. Beim Frühstück verkostete ich ein erstes Mal die lokale Spezialität, den Ilam-Tee.
Steinerne Stufen führen mitten durch die steilen Teehänge hinauf zu einem modernen Aussichtsturm. Im Osten kann man bis zur indischen Grenze sehen. In alle Richtungen erstreckt sich saftig grünes Hügelland. Auf dem Weg zum Turm begegnete mir auch die Schulklasse aus Gorkha wieder, die ich von Janakpur kannte. Freundliche Leute aus Ilam fragten nach meinen Erlebnissen in Nepal und wann ich denn wiederkäme.
Beeindruckend ist auch, dass das ganze Dorf über ein weitreichendes Gratis-WLAN Netz verfügt. Sogar am Aussichtsturm hat man Empfang. Es gibt hier anscheinend auch ein Verbot von Plastiksackerl und viele Mülleimer. Die Leute müssen zwar noch lernen, sie richtig zu benutzen (der Müll liegt meist darum herum), aber immerhin sind sie da. Strom kommt hier zur Gänze aus Wasserkraft.

Der Rest des Tages war schön und unspektakulär. Ich saß lesend in Teehängen und sah den Frauen beim Ernten der Teeblätter zu. Kids aus der Gegend setzten sich gelegentlich zu mir, um Geschichten aus Europa zu hören und ihr wirklich gutes Englisch zu praktizieren.

Einige Zeit lang beschäftigte mich auch die Frage, wie ich denn den Weg nach Mai Pokhari fände. Dieser angeblich wunderschöne See sei in einer vierstündigen Wanderung über die Hügel zu erreichen, so hieß es. Nur hatte ich keine Ahnung, in welcher Richtung dieser See lag. Der kleine Touristeninfostand am Buspark konnte mir nicht wirklich weiterhelfen. Auch im Hotel hatte man keine Karte. Schließlich konnte nur mehr googlemaps weiterhelfen. Dort fand ich alles, was ich brauchte und kopierte mir die Daten gleich aufs Handy. Dies soll morgen mein Abschiedsspaziergang in Nepal werden.

Zu Mittag begab ich mich in eine der schattigen Spelunken der Hauptstraße und aß köstliche Momos. Dazu gab’s ein tongba, so der Name des lokalen Hirsebiers, das mit Bier nicht viel zu tun hat. Das Getränk ist süß, warm und schwach alkoholhaltig. Serviert wird es in einem metallenen Krug, aus dem ein metallener Strohhalm ragt. Während oben auf die Hirse schwimmt, saugt man von unten die Flüssigkeit ab. Mit einer Kanne heißen Wassers kann man einen weiteren Aufguss wagen. Von der Art zu trinken erinnert das Ganze an den südamerikanischen Mate, schmeckt aber völlig anders. Ein Israeli, den ich beim Raften begegnet war, hatte angemerkt, tongba sehe aus wie Durchfall und schmecke auch so. Der Geschmack ist in der Tat gewöhnungsbedürftig, doch nicht unbedingt schlecht. Über eine Stunde langt saugte ich an meinem Hirsebier.

Abends kam das große Planen. Ich stellte fest, dass es höchste Zeit war, die Züge für meine weitere Reise in Indien zu reservieren. Sonst würde ich keinen Platz mehr kriegen. Bis 14. November ist nun alles mehr oder weniger fixiert. Darjeeling, zwei ruhige Wochen in Sikkim, dann Kolkata, Puri und der Sonnentempel von Konark und schließlich Chennai. Dazwischen liegen jeweils Nachtfahrten in indischen Zügen, in denen ich bisher hervorragend geschlafen habe.
Morgen also: der letzte volle Tag in Nepal – ein langer, schöner Wandertag.

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