75 Fort Cochin III

Am Morgen meines dritten Tages in Fort Cochin schlenderte ich nach gutem Obstfrühstück im Art Café einmal mehr entlang der alten Hafenanlagen ins jüdische Viertel. Zumindest der alte „Dutch Palace“ hatte heute geöffnet. Eigentlich wurde das Gebäude schon 1555 von den Portugiesen errichtet. Sie schenkten es der lokalen Herrscherfamilie für einen Reigen von Gefälligkeiten. Hundert Jahre später wurde das Anwesen dann von den inzwischen dominanten Holländern renoviert. Viele Generationen der Rajas von Cochin haben hier residiert und geherrscht. Heute ist das Gebäude ein Museum. Am Beeindruckendsten sind wohl die alten Wandmalereien, die vor allem Szenen der Ramayana zeigen, sogar chronologisch. Ich stand wohl fast eine halbe Stunde davor und führte  mir die noch frisch in Erinnerung befindlichen Szenen einmal mehr vor Augen. Die Darstellung der vielen Dämonen, vor allem von Ravana und Khumbakarna, war faszinierend. Der Rest des Museums war nicht weiter aufregend. Der Besuch hat sich aber auf jeden Fall gelohnt.
Zurück in Fort Cochin saß ich einmal mehr lesend bei den Fischernetzen.
Erst um vier Uhr Nachmittags harrte meiner der nächste Programmpunkt. Um diese Zeit betrat ich nämlich einen schönen Saal mit Bühne. Dort würde ich fünf Stunden lang verweilen und drei sehr unterschiedliche Programmpunkte sehen.

Als erstes war kalarippayat an der Reihe, eine alte, südindische Kampfsportart, die nur mehr von wenigen beherrscht und praktiziert wird. Zu den informativen Erklärungen des Theaterdirektors gingen zwei junge Kämpfer mit Fäusten, Stöcken, Messern und Schwertern aufeinander los. Welch Akrobatik! Welch Geschwindigkeit! Es ist mitunter erstaunlich, daran erinnert zu werden, wie schnell der Mensch sich bewegen kann. Dem westlichen Besucher drängt sich beim Betrachten von kalarippayat unweigerlich der Gedanke auf: ‚Ich dachte, dass geht nur in der Matrix‘ . Dabei fürchtet man als Zuschauer auch ständig um das Leben der zwei Kämpfer auf der Bühne. Das Spiel mit dem Messer war lebensgefährlich. Wirklich beeindruckend.

Die zweite Show zeigte die traditionelle Theaterform des Kathakali. Zuerst geschah eine Stunde lang fast nichts. Die drei Schauspieler kamen auf die Bühne, um sich dort vor Publikum zu leichter Musik zu schminken, bzw. von einem Maskenbildner geschminkt zu werden. Die Maske ist dabei alles andere als naturalistisch. Der böse Kichaka wird in kräftigen Farben schwarz, grün und rot geschminkt und bekommt seltsame kiemenartige Fächer auf die Wangen geklebt. Die schöne Draupadi (gespielt von einem Mann) und ihr Pandavagatte Bhima tragen gelb im Gesicht.
Die Szene, die an diesem Abend gespielt wurde, stammt aus der Mahabharata. Schon wieder war das Timing meiner Lektüre gut. Ich hatte die entsprechende Stelle eben vor zwei Tagen erst gelesen. Die Pandavas und Draupadi leben inkognito am Hof von König Virata. Dessen Schwager Kichaka möchte Draupadi verführen und schlägt zu, als sie sich weigert. Draupadi klagt Bhima ihr Leid. Dieser erschlägt Kichaka. Ende der Geschichte.
Bevor es richtig losging erklärte der Theaterdirektor, dem diese Kunstform anscheinend sehr am Herzen liegt, die Grundzüge des Kathakali. Die Schauspieler selbst sprechen nicht. In Mimik und Mudras drücken sie die Empfindungen ihrer Charaktere aus. (Trotzdem darf Kichaka hin und wieder grunzen.) Ein begleitender Sänger fungiert als Erzähler. Trommeln untermalen das Geschehen. Im Spiel selbst sind es vor allem die Augen, die sprechen. Die Gesichtsbeherrschung der drei Schauspieler, die alle eine sechsjährige Schulung hinter sich haben, war erstaunlich. Ihr Spiel war faszinierend.

Als dritte Show des Abends führten vier junge Frauen traditionelle Tänze aus dem Süden Indiens vor. Schon wieder wurden meine Erwartungen übertroffen. Es war faszinierend. Hinter den meisten Tänzen steckt eine Geschichte, in die der Theaterdirektor jeweils kurz einführte. Die Solo-Nummer, in welcher sich das Mädchen auf den Besuch ihres Liebhabers Krishna freut und im ständigen Schwanken zwischen Vorfreude und Angst, er möge vielleicht doch nicht kommen, ihr Zimmer dekoriert, war atemberaubend gut. Diese Mimik! Dergleichen hab ich auf europäischen Bühnen noch nirgends gesehen.

Nach der Show wollte ich eigentlich mit der Fähre zum Bahnhof nach Ernakulam, wo in tiefer Nacht mein Zug abfahren würde. Diesem Plan kam aber die Freundlichkeit der Belegschaft meines Hotels zuvor. Der etwas chaotische Rezeptionist war angewiesen worden, mich auf seinem Moped mit in Richtung Bahnhof zu nehmen. Das war gut gemeint, doch schlecht getroffen. Ohne Helm mit schwerem Rucksack bei Nacht am Rücksitz eines zu schnell fahrenden Mopeds zu sitzen war nicht sehr angenehm, vor allem dann, als es auch noch zu regnen anfing. Bald ließ ich mich absetzen und nahm mir eine Autoriksha.
Pünktlich kam mein Zug. Ich fand den reservierten Platz und legte mich schlafen.

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74 Fort Cochin II

Kurz nach Mitternacht erwachte ich in meiner Kammer und wurde dessen gewahr, was geschieht, wenn man sein Moskitonetz nicht fest unter die Matratze klemmt, sondern seitlich lose herabhängen lässt – im Glauben die kleinen Flügelvampire würden den schmalen Spalt schon nicht finden. Geweckt von aufdringlichem Summen tappte ich nach dem Lichtschalter. Der Moment, in dem ich erkannte, dass es nicht eine, sondern mehr als ein Dutzend Moskitos waren, die sich mit mir unter dem Netz befanden, gehörte zu den unangenehmeneren dieser Reise. Fast alle hatten schon an mir gekostet. Ein blutiges Moskitomassaker später, fand ich wieder Schlaf.
In der Tat sind die Mücken von Fort Cochin die aggressivsten und gerissensten, die mir auf Reisen je begegnet sind. Zum Glück ist Kerala so gut wie malariafrei.

Ich frühstückte im schönen Kashi Art Café, Kunstatelier und Kaffeehaus zugleich. Mein honiggetränktes Brot mit Zimt anbei reichlich Früchten der Saison schmeckte mir dermaßen gut, dass ich jetzt schon weiß, morgen früh genau dasselbe zu bestellen. Auch die ausgestellten Kunstwerke sind sehenswert.

Hernach ging’s ins indo-portugiesische Museum, wo man zu viel sakrale Kunst und zu wenig Geschichte sieht. Dennoch: Lissabon fühlte sich plötzlich sehr nah an, so als wären es nur ein paar Schritte und man würde am Ende des Terreiro do Paço dem Meer entsteigen um von dort geradewegs die Rua Augusta entlangzuschreiten.

Vorbei an wunderschönen Bäumen gelangte ich zur Santa Cruz Basilica. Ein Kirchenchor probte eben für die sonntägliche Messe. Sehr schön sind die imposanten Wand- und Deckenmalereien im Inneren der Kirche.

Ein zwanzigminütiger Spaziergang brachte mich ins alte jüdische Viertel. Auf dem Weg sah ich viele Wahlplakate der kommunistischen Partei. Erstaunlich fand ich den Umstand, dass Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai als prominente Unterstützerin von einigen Plakaten lächelt. Wer hätte hier wohl vor ein paar Jahren gedacht, dass man mit einem muslimischen Mädchen aus dem Erzfeindland Pakistan auf Stimmenfang gehen würde. Solch kleine Ironien der Geschichte amüsieren mich immer wieder. Bedenklich ist übrigens wie gern westliche Medien darauf vergessen, Yousafzais klares Bekenntnis zum Sozialismus zu erwähnen. In den USA wurde dieser Aspekt in der Nobelpreisberichterstattung völlig totgeschwiegen. (Es sei denn auf Democracy Now.)

Der Besuch im jüdischen Viertel war enttäuschend. Die vierhundert Jahre alte Synagoge hat Zeit meines Aufenthalts geschlossen, der jüdische Friedhof war ebenso versperrt. Allein das alte holländische Herrenhaus werde ich zumindest morgen besichtigen können. Heute war es ebenso geschlossen.

Dafür gab es das laut Lonely Planet und Craig dem Australier beste Biryani der ganzen Malabarküste und zwar in einem kleinen, nicht touristischen Restaurant in einer Nebenstraße. Andere Gerichte gibt’s es dort nicht. Nur Biryani. Gemeinsam mit freundlichen Fischern und Lagerarbeitern aß ich dort dies köstliche Mal. Dann schlenderte ich vorbei an alten Handelskontors und einmal mehr riesigen Bäumen zurück zu den Fischernetzen von Fort Cochin.

Der Rest des Tages verlief recht tatenlos und ruhig. Stundenlang saß ich am Ufer und sah den Fischernetzen zu, während Schiffe unterschiedlichster Art vorbeiglitten. Kleine Fischerboote, Öltanker, Kreuzfahrtschiffe, Containerschiffe, Schlachtschiffe der indischen Armee und andere …

Abends unterhielt ich mich lange bei Gemüsecurry und Roti mit einem sympathischen Wiener namens Felix. Da Konversation mitunter viel Spaß macht, wollten wir nach dem Essen noch auf ein Bier gehen, fanden aber keins. Wie man hört, gibt es Pläne, Kerala – sowie ein paar andere indische Regionen auch schon – zur Gänze alkoholfrei zu machen.

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73 Fort Cochin I

Beim Frühstück auf der Dachterasse in Alleppey traf ich einen älteren Mann aus dem östlichen Ungarn, der recht passabel Deutsch sprach. Als ich ihm von Varkala erzählte, erkundigte er sich vorsichtig, ob es dort nicht viele Russen gäbe. Er habe schon ein großen Bogen um Goa gemacht wegen den vielen Russen dort. Ich versicherte ihm, dass ich in Varkala nicht einen einzigen Russen gesehen hatte und er war erleichtert, nun doch dorthin fahren zu können. Seltsam. Auch wenn mir die Politik einer Nation noch so zuwider ist, der Gedanke deshalb in Drittländern die Urlauber von dort zu meiden, liegt mir fern.

Ich ließ mich zum Bahnhof bringen, hüpfte schon fünf Minuten später in den nächsten Zug und erreichte  Ernakulam (Fahrzeit 1h30m, Preis etwa 20 Cent). Wieder einmal alle Tuktuk Fahrer ignorierend marschierte ich binnen zwanzig Minuten zur Fährstation und ließ mich nach Fort Cochin übersetzen, wo ich mir eine Unterkunft suchen wollte.
Schon auf der Fähre sprach mich ein etwas wortkarger, älterer Inder an. Er vermiete ein paar Zimmer. Da Preis (~€3,–) und Lage stimmten und er zusätzlich anbot, mich in seinem Auto vom Fährhafen ins Zentrum zu bringen, sagte ich nicht Nein. Im weiteren Gespräch stellte sich heraus, dass seine Tochter mit einem Österreicher verheiratet ist und in Feldkirch lebt. Er selbst sei schon dreimal dort gewesen und erzählte begeistert vom schönen Lindau am Bodensee. Klein ist die Welt. Mein Zimmer befindet sich in einem etwa dreihundert Jahre altem Haus, das von den Holländern erbaut wurde.

Fort Cochin ist ein ungemein atmosphärischer Ort, reich an Geschichte. Portugiesen, Holländer, Chinesen, Briten, Juden, Christen und Muslime – alle haben hier ihre Spuren hinterlassen. Vierhundert Jahre alte Synagogen und fünfhundert Jahre alte Kirchen stehen neben holländischen Herrenhäusern und britischen Palästen nebst riesigen Fischernetzen aus China. Und im Hintergrund hört man den Muezzin singen. Bunt und schön ist es hier.

Als erstes besuchte ich die Franziskuskirche. Von den Portugiesen im Jahre 1503 erbaut, ist sie wahrscheinlich die älteste von Europäern errichtete Kirche auf dem indischen Subkontinent. Vasco da Gama, der hier in Fort Cochin verstarb, lag vierzehn Jahre lang in dieser Kirche begraben. Die schlichte Grabplatte im Boden ist kaum mehr lesbar. 1538 brachte man die Überreste dieses großen Seefahrers, der vollbrachte, was Cristobal Colón (zu deutsch Kolumbus)  eigentlich vollbringen wollte, zurück nach Portugal. Dort liegt er heute im wunderschönen Monasteiro dos Jerónimos von Belém. Erst in dem Moment, da ich die Kirche verließ, fiel mir ein, dass es noch nicht einmal sechs Monate her ist, dass ich dort war und vor da Gamas neuer Ruhestätte stand. Ich bin dieses Jahr so viel herum gekommen, dass ich selbst den Überblick verliere. Irgendwie schön.

Beim Verlassen der Kirche hörte ich so gar nicht indische Musik. Auf dem Sport- und Paradeplatz neben der  Kirche probte eine Blasmusikkapelle, bestehend aus lauter jungen Indern. Sie spielten und exerzierten mit erstaunlichen Körpereinsatz. Der Taktstockträger zeigte viel Akrobatik.  Die Lieder reichten von Marschmusik bis „An den Ufern des Mexico river“. Es hätte mich nicht gewundert, wenn auch noch der Radetzkymarsch erklungen wäre.  So unindisch kann Indien sein.

Am Ufer sah ich dann die großen, katapultartigen Chinesischen Fischernetze, erstaunliche Konstruktionen aus Bambus. Mit Steinen als Gegengewicht senken die Fischer die riesigen auf eine Balken hängenden Netze ins Meer, um sie dann mit meist kümmerlicher Ausbeute wieder aus den Fluten zu heben. Rentabel ist das Ganze wegen der  Überfischung schon lange nicht mehr. Elf Netze sind noch übrig und locken Touristen aus aller Welt an. Es ist schön, am Ufer zu sitzen und den Fischern beim Bedienen der großen Netze zuzusehen, während im Hintergrund noch viele größere Tanker und Containerschiffe durch den engen Kanal zwischen Fort Cochin und der Insel Vypeen gleiten. Die Vertikalbewegung der Netze vor der Horizontalbewegung der Schiffe ist ein reizvoller Anblick.

Spannend ist die Geschichte der Netze. Während klar ist, dass das Design aus China kommt, ist es recht ungewiss, wie und wann sie an die südwestindische Künste gelangt sind. Eine Theorie besagt, dass die Portugiesen das nötige Know-How aus ihrer Kolonie in Macau mitgebracht haben. Eine weitere sieht die Ankunft der Netze schon ein Jahrhundert früher, als die Mongolen unter Kublai Khan über China und weite Teile Asiens herrschten. Eine dritte Theorie meint, der chinesische Entdecker Zheng He habe die Netze hierher gebracht. Es ist schon eine Weile her, dass ich mich mit chinesischer Geschichte beschäftigt habe (und eben hab ich kein Internet), aber wenn ich nicht irre, war Zheng He jener mutige Entdecker (und Eunuch), der zur Zeit der Ming Dynastie die Weltmeere befuhr und Handelswege bis in den Persischen Golf und nach Afrika erschloss. Ach, Geschichte ist immer wieder toll.

Das Prozedere, wenn man hier Abends Fisch essen möchte, ist übrigens das Folgende: Man wartet vor den Netzen auf den nächsten Fang, sieht zu, wie die Fische ausgeweidet werden, sucht sich den Fisch seiner Wahl, bringt ihn selbst in eines der Restaurants und lässt ihn sich mit gewünschten Beilagen zubereiten.

Ein Ort, den ich an diesem Tag auch noch besuchte, ist der alte holländische Friedhof des Ortes. Die Holländer lösten hier recht bald die Portugiesen als dominante Macht ab. Die meisten alten Häuser hier – und auch das, in dem ich wohne – sind holländischen Ursprungs.

Wenn man aber schon von den Häusern spricht, so muss man auch von den Bäumen sprechen. Noch nie habe ich einen Ort mit so vielen alten wunderschönen Baumriesen gesehen wie Fort Cochin. Die Kurven mancher Äste sind atemberaubend. Manche Kronen wölben sich in immenser Höhe über die Straßen.

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72 Kerala Backwaters

Dies war sicherlich einer der entspannendsten Tage meiner Reise. Stundenlang in einem kleinen Boot zu liegen, so wie auf einem Sofa, und sich durch die stillen, grünen „backwaters“ von Kerala rudern zu lassen, ist ein schöner Zeitvertreib. Dazu gutes, einheimisches Essen, serviert auf Bananenblättern, Spaziergänge durch die Dörfer und ein fröhlicher Guide, der alles erklärt, hiesige Lieder trällert und unermüdlich danach fragt, ob man auch wirklich „happy“ ist. Man erfuhr Name und Verwendung verschiedener Pflanzen am Wegesrand, kostete Chilly, Tapioka und mehr und sah auch sehr viel Fauna: schöne Eidechsen, Kingfisher bird, Enten und natürlich die allgegenwärtigen Nebelkrähen. In den Dörfern am Ufer sah man das Leben. Alte Frauen fischen mit primitiven Angeln im Wasser, Mädchen weiden Enten aus und hacken Holz, Kinder kommen von der Schule heim und rufen uns ein „Hello“ zu. Beachtlich waren auch die vielen schönen Hausboote, die leise durch das Wasser glitten. Erstaunlich sind auch die vielen kommunistischen Fahnen und Denkmäler, die man hier sogar in den kleinen Dörfern sieht. In der Tat kam in Kerala 1957 durch freie Wahlen eine kommunistische Regierung an die Macht, ein bis dahin weltweit einzigartiges Ereignis. Mit kleinen Unterbrechungen blieb Kerala bis dato in kommunistischer Hand und steht wirtschaftlich im Vergleich zum restlichen Indien sehr gut da, vor allem was Gesundheit und Bildung betrifft.

Was dieser Tag ebenfalls brachte, war viel Konversation mit anderen Reisenden ganz unterschiedlicher Art. Da war zum Einen das britische Pärchen, das ebenfalls auf der backwater tour war. Seufz. Der Akzent ihrer Sprache war schön, doch der Inhalt der Worte dieser auf Elite-Colleges „business“ studierenden high-society snobs, die nach einem Monat in Indien tatsächlich Fragen stellen wie „What is a Vishnu?“ und denen man erklären muss, wo der Äquator ist (Yes, it’s in the middle.), war doch sehr bedenklich. Als der Guide erklärte, dass es in diesen Gewässern früher auch Krokodile gab, kam doch tatsächlich der Satz „I wonder where they went. Where did those crocodiles go?“ Seufz.
Haarsträubend waren die Geschichten der beiden über ihre bisherige Reise. Wie kann man sich nur so ausnehmen lassen? Ja, natürlich glauben wir dem netten Taxifahrer am Flughafen in Delhi, dass wegen Gandhis Geburtstag alle Hotels geschlossen haben und lassen uns stattdessen in ein dubioses Reisebüro bringen, wo man uns für 600 Pfund pro Person (!!!) eine zweiwöchige Tour durch Rajasthan exklusive Verpflegung andreht, ein für indische Verhältnisse horrender Preis. Den beiden schien es recht egal zu sein.

Wie anders waren die abendlichen Gespräche mit den beiden Franzosen, weltoffen, weitgereist und kunstbeflissen, ihres Zeichens web design artists und graphical designer, die es verstehen mit wenig Geld so viel aus ihrer Zeit herauszuholen. So hörte ich abends beim Bier spannende Erfahrungen und gute Tipps für meine Weiterreise mit herrlichem französischen Akzent. Savoir vivre und Savoir voyager liegen eng beieinander.

(Ich möchte natürlich keinesfalls nahelegen, dass besagte Reisende repräsentative Vertreter ihrers Herkunftslands sind. Umgekehrt wäre es ebenso möglich, nur vielleicht ein bisschen unwahrscheinlicher.)

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71 Alleppey

Ich begann den Tag mit einem letzten Bad in den Wellen von Varkala am leeren Strand des frühen Morgens.
Danach gab’s Frühstück im Coffee Temple, wo ich mir zum zweiten Mal in diesem Jahr köstliche Huevos Rancheros gönnte. Schmeckte genauso gut wie in Alamogordo, New Mexico.

Am Bahnhof kam ich mit Craig, einem kultigen Australier Anfang sechzig ins Gespräch, Beruf Reibigungskraft. Es folgte eine wunderbar erfrischende Konversation, die vom besten Biriyani in Cochin bis zur Unvereinbarkeit von Evolution und Genesis reichte. Gemeinsam nahmen wir den Zug nach Alleppey, wo sich unsere Wege wieder trennten.

In meinem Hotel „Nanni Beach Resort“
fand ich das bisher geräumigste,
schönste und preiswerteste Zimmer dieser Reise vor. Der junge
Hotelbesitzer und sein etwas konfuser Gehilfe waren überaus freundlich. Die
Dachterasse ist auch nicht schlecht.

Alleppey selbst ist mit Abstand der verschlafenste, ruhigste Ort dieser Reise. Wäre es nicht Ausgangspunkt für die beliebten Backwater Touren, gäbe es hier rein gar nichts zu sehen. Aber eben dies macht Alleppey mit seinen grünen, baumgesäumten  Kanälen, so erholsam. Die Straßen sind leer. Kaum ein Hupen ist hörbar.

Der Strand ist gänzlich anders als in Varkala. Kein Kliff, kaum Wellengang, breit und leer. Ein paar einsame Eisverkäufer stehen wie verloren im hellen Sand. Ein total verrosteter, längst nicht mehr begehbarer Rest eines Steges ragt weit ins Meer hinaus. Nebelkrähen sitzen auf den rostroten Pfeilern, die fast wie ein modernes Kunstwerk wirken.

Lange saß ich hier, an diesem melancholischen Strand in der Nähe der Brandung. Ich hörte Musik und sah den Sandkrabben zu, die unermüdlich kleine Sandkügelchen aus ihren Höhlen rollten und sich bei der geringsten Erschütterungen gleich wieder im Seitwärtsschritt im Sand verflüchtigten. Vereinzelt schlenderten indische Pärchen den Strand entlang, Hand in Hand wie man es in Indien selten sieht.  Welch schöner, stiller Ort.

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70 Varkala III

Ein weiterer erholsamer Tag im Urlaubsdomizil von Varkala.
Nach gutem Frühstück bei exzellentem Kaffee besuchte ich aber jenen Ort, der mit dem mit Strand und seinen Shops und Restaurants rein gar nichts zu tun hat: den Janardhana Tempel, welcher auf einem Hügel nahe dem Meer neben den Urlaubern auch einige Pilger nach Varkala lockt.

Viel imposanter als der Tempel selbst ist der riesenhafte Banyanbaum mit seinem Stamm von etwa sechs Metern Durchmesser, seiner ernormen Krone und seinen aus großer Höhe herabhängenden Luftwurzeln – der vielleicht faszinierendste Baum, den ich je gesehen habe. Alle andern in Indien heiligen Banyan-Bäume (Banyan-Feige) und Bodhi-Bäume (Pappelfeigen) dieser Reise reichen nicht mal annähernd an dieses wunderschöne Monstrum von einem Baum heran.
Doch auch der Tempel war sehenswert, insbesondere die bizarren Figuren und Fratzen auf den bunten Giebeln und Dächern. Was es wohl mit dem kleineren Baum auf sich hat, an den Tempelbesucherinnen hunderte hässliche Plastikpuppen genagelt haben und in meiner Gegenwart noch weitere hinzu nagelten? Sieht unheimlich aus.

Zurück auf dem Kliff gönnte ich ein radikales Kontrastprogramm. Ich schlürfte fruchtige Mocktails in einem von sympathischen Briten geführten Lokal, aus dessen Lautsprechern Nick Cave und Leonard Cohen dringt. Dazu Meeresrauschen und Nebelkrähengesang. Ein Sturm zog auf. Warmer Regen fiel um mich her. Wolken zogen übers Meer. Die Sonne kehrte wieder. Alles glitzerte.

Der Nachmittag nahm seinen Lauf. Lockend rauschten die Wellen und ich stellte fest, dass ich wieder kräftig und gesund genug war, um mich hineinzustürzen. Nach eineinhalb herrlichen Stunden im Strudel mich hoch überragender Wellen fühlte ich mich so richtig gut. Im Wasser stehend sah ich vor mir die grüne Küste und die braunen Felsen. Paradiesisch.

Mahabharata lesend saß ich noch lange am Strand. Nach etwa einem Drittel des Buches, nimmt die Geschichte wieder so richtig Fahrt auf. Das dreizehnte Jahr der Verbannung der Pandavas ist eben angebrochen. Inkognito mussten sie es mit Draupadi am Hofe König Viratas verbringen. Bhima als Koch – herrlich. Niemand darf sie erkennen. Doch des Königs Schwager hat es auf Draupadi abgesehen. Manche Szenen erinnern stark an ein Lied von Eis und Feuer. Man muss sich immer wieder in Erinnerung rufen, wie alt dieses Werk ist – und wie lebendig zugleich – zumindest in Indien.

Abends schritt ich „Eppur si muove“ in den Ohren noch einmal den Strand entlang und ließ mir die Füße umspülen. Stimmung: Euphorisch.

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69 Varkala II

Ein stiller Tag der Rekonvaleszenz. Nachdem ich so spät wie noch nie auf dieser Reise (Es war schon halb zehn!) erwachte, begann ich den Tag vorsichtig mit Snickers und Sprite. Es folgten angenehme Stunden auf schattiger Terrasse mit Blick auf das Meer. Ich nahm meine Medizin, nutze das WLAN, las Mahabharata, plante den weiteren Verlauf meiner Reise, buchte Züge und Nationalparks und erfreute mich allmählich wiederkehrender Kraft und wachsenden Appetits. (Interessanterweise muss man beim Buchen einer Besuchsbefugnis für die Nationalparks von Madhya Pradesh den Vornamen des Vaters angeben.)

Schön ist es, stundenlang aufs Meer hinaus zu blicken, dies Wechselspiel von Licht und Farbe zu betrachten, an dem man sich nie sattsehen kann. Unweigerlich kamen mir Ramon Sampedros wunderbar traurige Worte „Mar Adentro, mar adentro“ in den Sinn, welche auf Deutsch die folgenden sind.

Ins Meer hinein, ins Meer,
in seine schwerelose Tiefe,
wo die Träume sich erfüllen,
und Zwei in einem Willen sich vereinen,
um zu stillen eine große Sehnsucht.

Ein Kuss entflammt das Leben
mit einem Blitz und einem Donner,
und sich verwandelnd
ist mein Körper nicht mehr Körper,
als Dräng ich vor zum Mittelpunkt
des Universums.

Die kindlichste Umarmung
und der reinste aller Küsse,
bis wir beide nicht mehr sind
als nur noch eine große Sehnsucht.

Dein Blick und mein Blick
wortlos hin und her geworfen,
wie ein Echo wiederholend: tiefer, tiefer,
bis weit jenseits allen Seins,
aus Fleisch und Blut und Knochen.

Doch immer wach ich auf
und immer wär ich lieber tot,
um endlos mich mit meinem Mund
in deinen Haaren zu verfangen.

Inspirierend. Es ist zu lange her, dass ich selber Gedichte geschrieben habe. Fast sieben Jahre lang gab’s nur Theaterstücke und Romane. Wieso eigentlich? Keine Ahnung. Die rechten Funken fehlten. Was hat sie ausgelöscht? Gammastrahlen?
Ich blicke hinaus aufs Arabische Meer und denke: Es ist wieder Zeit, Gedichte zu schreiben. So wie früher. So wie …

Gleich wie der Wind sich ewig bewegen
Niemals ein Stein, den die Erde verschlingt
Mit eisigen Bächen die Zeit zu durchfließen
Niemals erstarren. Immer im Wald.

Gleich wie der Wind, zu fliegen, zu fliegen
Niemals zu landen um Nester zu bauen
Dem Neuen entgegen sich lachend bewegen
Im Winde zu leben und ungezähmt sein.

Niemals zu warten, kein Felsen zu werden
Steine sind Staub, wenn die Zeit sie zerfrisst
Ewig zu werden, kein Sein zu erreichen
Dem Wasser zu folgen und zu vergehen.

Zu fließen, zu fliegen, zu atmen, zu singen
Auf neuen Wegen, die unbekannt sind
Auf alten Pfaden, die Sonne zu jagen
Die Sterne zu sehen und Lieder zu hörn.

Niemals sich binden, an irdische Ketten
Niemals sich legen in giftigen Staub
Lieber ins Gras, wo der Tau mich verzaubert
Lieber am Strand nah dem lachenden Meer.

Sich ewig zu wandeln und immer zu werden
Sich nie zu vollenden und nie ganz zu sein
Sich ewig bewegen, stets weiter zu schweben
Zu fließen, zu fliegen. Zu sein wie der Wind.

Und schließlich zu sterben, den Fluss zu verlassen
Doch nicht zu erstarren im Stein grauer Gräber
Lieber verdampfen, dem Nichts mich ergeben
Werdend vergehen und nimmermehr sein.

Vielleicht sollte man öfter krank sein,
(wie Nietzsche es war)
Öfter aufs Meer hinaus blicken,
(Lost on a painted sky)
Öfter zur Tatenlosigkeit genötigt werden.
Man besinnt sich dabei auf das Wesentliche
Auf die Lyrik des Lebens

Hm.
Also doch wieder Kalamari zum Abendessen.
(Gelächter im Publikum. Der Narr verlässt die Bühne. Vorhang.)

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68 Varkala I

Varkala ist traumhaft. Ein schöner, sauberer Sandstrand erstreckt sich unterhalb eines etwa dreißig Meter hohen Kliffs, über dem eine palmengesäumte Fußgängerpromenade verläuft, an welcher gute Restaurants und Handarbeitsshops ihre Waren und Köstlichkeiten anbieten. Die Menschen hier sind wunderbar freundlich und hilfsbereit. Abends gibt’s traditionelle  Life Musik und Trance Remix. Kurzum: Varkala und andere Orte in Kerala eignen sich zum perfekten  Strandurlaub. Günstig, wunderschön und nicht überfüllt. Die Strände sind fast leer.

Nach gutem Frühstück stürzte ich mich sogleich in die Wellen des Arabischen Meeres. Dieses ist ein bisschen kühler als der Golf von Bengalen. Die Brandung hier in Varkala ist unberechenbar. Man steht minutenlang im hüfthohen Wasser und nichts passiert. Dann kommt die nächste Dreimeter-Welle dahergerauscht, sodass man die Wahl hat sie zu untertauchen oder sich im wilden Strudel in alle Richtungen schleudern zu lassen und danach Mühe hat, festzustellen, wo oben und wo unten ist. Beides ist schön. Über eine Stunde lang ließ ich mich umherwirbeln. Imponierend waren auch die beiden rüstigen Damen aus Britannien (sicher über sechzig), denen das Ganze genau so viel Spaß zu machen schien, wie mir. Sie hielten länger durch.

Nach gutem Mittagessen und einem weiteren Besuch in den Wellen, begann ich mich unwohl zu fühlen. Es ging rasant bergab mit mir: Schüttelfrost, Schweißausbrüche und Fieber plagten mich. Da die Symptome auf Malaria hindeuteten, ging ich kein Risiko ein und ließ mich gleich ins nahe Krankenhaus bringen. Dort erging es mir dann wirklich mies. Ich konnte nur mehr liegen, mir wurde schwarz vor Augen, wenn ich nur die Arme hob. Die Blutuntersuchung ergab jedoch: weder Malaria noch Dengue Fieber. Vieler eher waren es die Kalamari. Da ich zu schwach war, um das Krankenhaus zu verlassen, gab man mir ein paar  nährstoffreiche Infusionen, die das Fieber rasch senkten. Gegen ein Uhr früh kam Jackson, der wunderbar freundliche Chef meines Hotels, vorbei um nach mir zu sehen, und brachte mich zurück zu meinem Zimmer am Meer. Zuvor bekam ich noch ein buntes Sortiment an Pillen mit auf den Weg.
Fazit: Das Mission Hospital von Varkala hat kompetentes, freundliches Personal. Und: Fish can be dangerous.

Seit dem dem Verlassen des Krankenhauses bin ich auf dem steilen Weg der Besserung, fürchte mich aber vor den Früchten des Meeres.

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67 Kanyakumari

Auch am nächsten Morgen regnete es noch. Nach einem zweiten nassen Ausflug zum Kap besuchte ich das nahe Gandhi Memorial. Der schrullige, alte Museumswärter führte mich durch das Gebäude und erzählte voller Stolz von Gandhi, dem Vater der Nation. Das palastartige Memorial ist ein kurioser Mix verschiedener Stile, soll es doch eine harmonische Hybridversion von Moschee, Hindutempel und Kirche darstellen. Die Maße des Baus sind dabei im Verhältnis zu Gandhis Körpermaßen gewählt. In der Mitte der Haupthalle steht eine kleine schwarze Plattform. Zwei Tage nach Gandhis Tod wurde ein Teil seiner Asche hierher gebracht. Einmal im Jahr, an Gandhis Geburtstag, fällt das Sonnenlicht durch ein Loch in der Decke genau auf die Plattform. Bei diesem Gebäude hat man das Gefühl, dass die Gandhi-Verehrung fast religiöse Züge annimmt. Der Tsunami von 2004 hat auch hier einiges zerstört, etwa auch alle Fenster des Memorials. An der ganzen Küste gab es tausende Todesopfer.

Ich schleuste mich zum Frühstück in eines der teureren Hotels ein und tat mich am reichlichen Buffet gütlich. Hernach mischte ich mich unter den Pilgerstrom zum Kumari Amman Tempel. Die Göttin Kumari (anscheinend dieselbe, die in Kathmandu am Durbar Square wohnt) hat in grauer Vorzeit ein ganzes Dämonenheer besiegt. An die tausend und mehr Pilger kommen täglich hierher, um ihr dafür zu danken. Die Kleidungsvorschriften für den Tempelbesuch sind ähnlich wie in Madurai, mit dem Unterschied, dass Oberkörper-frei bei Männern nicht optional sondern obligatorisch ist. anscheinend mögen die weiblichen Gottheiten das so.

Trotz Regen und langer Wartezeit war es einer der schönsten Tempelbesuche dieser Reise, wohl vor allem deshalb, weil ich nicht als Tourist abseits stand, sondern mittendrin im Geschehen war und  genau denselben Hokuspokus mitmachte, wie jeder hinduistische Besucher auch. Außerdem fehlte das sonst übliche Spendengeheische.
Fast eine Stunde lang hieß es im strömenden Regen Schlange stehen. Ich plauderte mit ein paar Jungs aus Maharashtra, die den weiten Weg hierher gemacht hatten. Nett war es auch unisono mit allen anderen in wütendes Protestgeheul auszubrechen, wenn sich wieder jemand vordrängeln wollte. Das Innere des Tempels war sehr dunkel und nur mit Kerzen erleuchtet. Leichte Geisterbahnatmosphäre. Gleich allen andern zog ich mit mein T-shirt aus. Im Dunkeln tauchen hinduistische Priester auf und malen einem eine Tika auf die Stirn. Man bekommt ein Fläschchen Ingwer-Öl und ein Säckchen roten Kumkuma-Pulvers in die Hand gedrückt. Das Öl ist an einer gewissen Stelle nahe dem Hauptschrein ins Feuer zu gießen. Was ich mit dem Kumkuma anfangen sollte, habe ich nicht recht begriffen. Ich behalte ihn mal als Souvenir. Nachdem man den Hauptschrein der Kumari passiert hat, gelangt man wieder ins Freie und erfreut sich wiedergewonnener Bewegungsfreiheit.

Auf die Fährfahrt zur Vivekananda und der Thiruvalluvar Insel mit ihrer riesenhaften musste ich ob der schlechten Witterung leider verzichten. Nach dem langen Stehen im Regen gönnte ich mir lieber eine trockene Stunde im Zimmer.

Etwas später besuchte ich noch Kanyakumaris Wachsfigurenmuseum, anscheinend das erste und einzige in ganz Indien. Es beherbergt ganze neun Wachsfiguren, darunter Gandhi, Einstein, Chaplin, Mutter Theresa, Papst Benedikt XVI und einen Obama, der überhaupt nicht nach Obama aussieht.

Am frühen Nachmittag, eben als der Regen plötzlich aufhörte, stieg ich in den Bus, der mich binnen drei Stunden in Keralas unaussprechliche Hauptstadt Thiruvananthapuram bringen sollte. Von dort fuhr ich mit dem Zug nach Varkala, das ich gegen acht Uhr Abends erreichte. Hier wurde ich, schon so kurz nach meiner Ankunft, von der Freundlichkeit der Menschen von Kerala überrascht. Ein netter Typ, mit dem im Zug ins Gespräch kam und welcher in Thiruvananthapuram arbeitet, bot gleich an, mich das kurze Stücke zum Strand per Auto mitzunehmen. Sehr freundlich. Im Auto saß sein Bruder, welcher hier ein Resort hat. Anders als man aber meinen könnte, machten die beiden keinerlei Anstalten mich für das Hotel zu gewinnen, sondern brachten mich direkt zur Unterkunft meiner Wahl. Und hier war ich schon auf der schönen Steilküste und hörte das Rauschen der Arabian Sea. Schön anzukommen.

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66 Madurai

Bahnreisen sind in Indien viel angenehmer als Busreisen. Mit dieser Erkenntnis erreichte ich nach recht schlafloser Fahrt um 3:30 morgens den großen Busbahnhof von Madurai. Dort wartete ich, bis der Tag etwas näher rückte. Da es hier einen Cloakroom gab, konnte ich mich meines Rucksacks entledigen und leichten Schritts in den Stadtbus springen, welcher mich zum großen Meenakshi Amman Tempel brachte.

Dieser einzigartige Tempel ist die Hauptattraktion von Madurai. Verehrt wird hier Meenakshi, eine dreibrüstige Version von Parvati, der der Legende nach ihre dritte Brust abfiel, als sie ihrem künftigen Gatten Shiva begegnete. Der Tempel besticht vor allem durch seine vier riesigen Tortürme, die alle eine farbenfrohe Götterwelt zeigen. Im sechs Hektar großen Tempelareal kann man lange umherstreifen und entdeckt immer wieder Neues. Manche Bereiche sind nur für Hindus zugänglich. In seiner jetzigen Form wurde der Tempel im 17. Jahrhundert errichtet, seine Ursprünge gehen aber auf vorchristliche Jahrhunderte zurück. Interessant sind die Kleidervorschriften. Während Frauen Knie und Schultern verdecken müssen, können Männer oberkörperfrei durch den Tempel wandern. Die Kniee müssen aber bedeckt sein.

Zwei Stunden lang streifte ich im Morgengrauen durch den im Licht stets bunter werdenden Tempel. Dabei begegnete ich neben heiligen Kühen auch einem riesigen Elefantenbullen. Gläubige verbeugen sich vor dem Tier, als wäre es Ganesha selbst. Die Menschen geben dem Elefanten einen Geldschein. Dieser nimmt das Geld mit seinem Rüssel, reicht es diskret seinem Mahut und tätschelt dann anerkennend dem Spender per Rüssel den Kopf. Erstaunlich anzusehen.

Nach gutem, südindischem Frühstück (sambar und idlis), besuchte ich das zweite wichtige Bauwerk Madurais, den Palast von Tirumalai Nayak. Dieser Fürst lebte Anfang des siebzehnten Jahrhunderts, als nach jahrzehntelanger Herrschaft muslimischer Könige wieder Hindus an die Macht kamen. Obwohl nur teilweise erhalten, zeugt der Bau von beachtlichen Ambitionen und immensen Reichtum des Herrschergrschlechts der Nayaks. Die riesige, 25 Meter hohe Säulenhalle ist beeindruckend. Selbst ohne Meenakshi Amman Tempel (übrigens auch von Tirumalai Nayak erbaut) wäre Madurai dank des Palastes einen Besuch wert gewesen.

Zurück am Busbahnhof nahm ich die letzten vier Stunden meiner langen Reise nach Süden in Angriff. Das Kap war nicht mehr weit. Die Fahrt hatte einige schöne Aussichten zu bieten, rückt man doch in die unmittelbare nähe der Westlichen Ghats, eines südindischen Gebirges, das Höhen bis zu zweitausend Meter erreicht. Die Hügel am Straßenrand erinnerten mich ein bisschen an die Gegend von Sedona, Arizona.

Am späten Nachmittag erreichte ich schließlich Kanyakumari. Kaum war ich da, brach ein Sturm herein und brachte reichlich Regen. Ich suchte mir ein günstiges Hotel und schritt dann Wind und Nässe trotzend die letzten paar Meter nach Süden. Eine orangefarbene Flagge ragt aus der Brandung und markiert den südlichsten Punkt des indischen Subkontinents. Der sturmumwitterte indische Ozean sprühte mir seine Gischt ins Gesicht. Schön war es, nach solch langer Reise in den Süden den südlichsten Punkt dieser Reise zu erreichen. Der östlichste Punkt war Gangtok gewesen. Westlichster und nordlichster Punkt standen mir noch bevor.
Trotz des Wetters war ich nicht der einzige am Kap. Zahlreiche hinduistische Pilger, die eben den nahen Kumari Amman Tempel besucht hatten, nahmen das rituelle Bad in den Wellen. Am meisten ins Auge stechen wohl die beiden kleinen Inseln östlich des Kaps. Auf einer von beiden steht die über vierzig Meter hohe Statue des tamilischen Poeten Thiruvalluvar. Beeindruckend, vor allem im Sturm. Nahebei ist auch das Gandhi Denkmal, ein kleiner rosafarbener Palast. Bald flüchtete ich den Regen und verbrachte eine schlafreiche Nacht im Hotel.

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