29 Bodhnath

Blitze und Donnergrollen erfüllten den Himmel über Kathmandu, als ich kurz vor fünf Uhr morgens in ein Taxi stieg. Der Sicherheitsgurt war defekt. Bei Starkregen und beschlagener Windschutzscheibe raste der Fahrer durch die Nacht.

Am winzigen Flughafen von Kathmandu war banges Warten angesagt. Ich brachte in Erfahrung, dass der „Mountain Flight“ zum Everest und zurück gestern gestrichen worden war. Heute sah das Wetter weitaus schlechter aus. Aber letztlich ist es egal, wie es in Kathmandu aussieht. Wichtig ist, dass man aus der Luft die Berge sieht. Anscheinend war dem heute nicht so. Kurz nach sieben herrschte Klarheit. Kein Mountain Flight. Ein Umbuchen auf einen anderen Termin war kein Problem. In vier Tagen will ich noch einmal mein Glück versuchen.

Ich verließ den Flughafen zu Fuß (seltsam einen Flughafen zu Fuß zu verlassen) und erreichte nach wenigen Minuten den heiligsten Ort Nepals – zumindest für Hindus. Der Tempelkomplex von Pashupatinath ist eine Art nepalesisches Miniatur-Varanasi. Zentrum ist auch hier ein total verschmutzter – aber heiliger – Fluss (der Bagmati), in dessen Wasser man sich badet bzw. kurz vor ihrer Verbrennung die Toten taucht. Einer brannte gerade, als ich zugegeben war. Nach dem Blutbad an der Königsfamilie im Jahre 2001 war auch diese hier verbrannt worden. In den goldenen Haupttempel dürfen nur Hindus. Vom Tor aus kann man aber das Hinterteil einer riesigen, goldenen Nandi-Skulptur, sowie Shivas Dreizack erkennen. Der Andrang der Pilger war an diesem Tag sehr groß. Noch zahlreicher allerdings waren die Rhesusaffen, die frech auf den Brücken und Dächern herumturnten. Im Umfeld des Tempels gibt es viel zu sehen. Hunderte kleinere Tempel – ein jeder mit Nandi und Bhairav – warten darauf entdeckt zu werden. Immer wieder eröffnen sich schöne Aussichten auf Fluss und Haupttempel. Orangefarbene Sadus mit abenteuerlicher Haar- und Barttracht warten auf den Touristen, der sie fotografiert und dafür bezahlt. Immer wieder kreischen Affenchöre und übertönen den Singsang vom Tempel. Der in Intervallen wiederkehrende Regen zwang mich immer wieder unter dem nächsten Baum oder Tempeldach Schutz zu suchen und minutenlang die Atmosphäre zu genießen.
Über einen Hügel gelangt man zu weiteren Shivaschreinen und schließlich wieder hinab zum Fluss.

Ein freundlicher Nepalese wies mir den Weg zum nahen Bodhnath Stupa – Weltkulturerbe und Höhepunkt des Tages. Größer könnte der Gegensatz zur eben geschilderten hinduistischen Heiligstätte kaum sein. Die Bodhnathstupa ist neben Svayambunath und Lumbini eine der wichtigsten buddhistischen Stätten des Landes und obendrein die größte Stupa Asiens (und wohl auch der Welt? ). Insbesondere der tibetische Exilbuddhismus hat in den umliegenden Klöstern eine neue Heimat gefunden. Die Stupa ist riesig, das Ambiente fast noch eindrucksvoller als in Swayambunath – sogar im strömenden Regen.
Ich aß in einem kleinen Restaurant zu Mittag. Von meinem Fenster im Obergeschoss sah ich genau in eines von Buddhas Augenpaare auf der Stupa. Dazu hervorragendes vegetarisches nepalesisches Essen. Nach einer neuerlichen Umrundung der Stupa erkundete ich noch ein paar tibetische Klöster, doch der unnachgiebige Regen scheuchte mich schon bald in den nächsten Bus zurück nach Kathmandu. Die Straßen der Altstadt sind inzwischen zu Flüssen aus Schlamm geworden.

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28 Patan

Problemlos und schnell gelangte ich morgens per Minivan ins nahe Patan, einst mit Kathmandu rivalisierende Stadt um die Vorherrschaft im Tal, heute eher Vorort. Die Pracht der Altstadt zeugt von vergangener Macht – wahrlich ein architektonischer Hochgenuss. Welche Flut wunderbar proportionierter Tempel mit kunstvollen Verzierungen. Dazu der einstige Königspalast mit seinem sehr gelungen
Museum (finanziert von Nepal und Österreich). Inzwischen bin ich recht geschult darin, mit wenigen Blicken zu erkennen, wem ein Tempel gewidmet ist. Ob Shiva, Vishnu, Lakshmi oder Parvati, ob Durga, Bairava, Indra, Hanuman oder gar Chandra – ich kenn mich aus (Ganesha ist natürlich trivial,  sein Reittier ist eine Maus).
Spannend war in Patan unter anderem, dass auf mehreren Tempeln jene Dachbalken, auf denen üblicherweise erotisch-pornographische Schnitzereien zu finden sind, stattderer Folterszenen zeigen. Das Museum zeigte mir einmal mehr, wie sehr sich spätere Formen des Buddhismus (insbesondere im vajrayana) mit hinduistischen Elementen vermengten. Beide Religionen klauen einander ein paar Götter weg. Seltsame Symbiosen tun sich auf. Auch über Tantrismus in Hinduismus und Buddhismus weiß das Museum von Patan viel zu erzählen. Ein Highlight sind auch die im Wiener Völkerkundemuseum entdeckten und nun in Patan ausgestellten Schwarzweißfotografien eines Österreichers, der Ende des neunzehnten Jahrhunderts Nepal
besuchte und in seinen Bildern verewigte. Er hätte sich wohl nicht träumen lassen, das seine Fotografien  einst in jenem Gebäude ausgestellt würden, das er damals so eifrig fotografierte.

In seiner Gesamtheit ist der Durbarplatz von Patan wohl noch ein wenig eindrucksvoller als jener von Kathmandu. Aber auch die Tempel, Schreine und versteckten Innenhöfe im übrigen Patan verdienen Beachtung.

Im Innenhof des Museums sah ich etwa hundert Schüler, die in einer Art Kundgebung mit vielen selbstgebastelten Schildern auf die Gefahr von Erdbeben hinwiesen. Schon mehrmals fiel mir auf, dass bei den hiesigen Schuluniformen auch Mädchen Krawatte tragen.

Nachmittags kam der Regen und ich nahm den nächsten Bus zurück nach Kathmandu. Die sonst so staubigen Straßen der Altstadt waren nun voller
Schlamm. Ein jedes vorbeirauschende Motorrad sorgte für braunes Gespritz. Diese Stadt würde von asphaltierten oder gepflasterten Straßen in Kombination mit der ein oder anderen Fußgängerzone immens profitieren.

Es folgte ein gemütlicher Abend im nicht ganz authentischen Irish Pub von Thamel. Morgen früh flieg ich zum höchsten Punkt der Welt.

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27 Kathmandu II

Schon lange hatte ich mich darauf gefreut, die große Swayambhunath-Stupa zu besuchen. Ich weiß noch, als ich vor vielen Jahren im Fernsehen zum ersten Mal diese strengen, fast hypnotischen Augen Buddhas sah, die von der Stupa aus in alle vier Himmelsrichtungen blicken. Und ich dachte mit: Da muss ich hin. Jahre später verwendete ich diesen Ort in einem meiner Theaterstücke und ließ meine Evi Brenner in „Gefangen“ vom „Om mani padme hum“ des Swayambhunath Tempel erzählen – einen Ort, den ich nur aus Bildern und Beschreibungen kannte.
Und nun sah ich ihn schon aus der Ferne. Ich überquerte den unglaublich schmutzigen Vishnumati Fluss und erreichte den steilen Stufengang, auf dem Händler Souvenirs verkaufen und Rhesusaffen Schabernack treiben.
Oben angekommen war ich alles andere als enttäuscht. Die Swayambhunath Stupa ist noch beeindruckender, als ich sie mir vorgestellt hatte. Die Gebetsfahnen flattern im Wind, die Mühlen drehen sich im Schwung der Besucher. Dazwischen thronen Bodhisattvas. Weiß strahlt der Sockel der Stupa, golden die dreizehnteilige Spitze. Und die drei Augen Buddhas blicken viermal  in die Welt hinaus. Hinzu kommt das ständig hörbare Mantra vom schönen Lotosjuwel, das aus Lautsprechern und aus den Mündern der Gläubigen klingt und für die passende Untermalung sorgt. Den Ohrwurm werde ich wohl eine Weile nicht mehr los. Om mani padme hum.
Rund um die große Haupt-Stupa warten noch einige interessante Tempel, Statuen, Stupas, Glocken und Trommeln auf ihre Erkundung. Überall sieht man Affen frech herumthurnen; auf Dächern, Buddhas, Bodhisattvas. Der Hügel von Swayambhunath bietet auch schöne Aussicht auf die westlichen Hügel und das staubige Kathmandu im Osten.

Auf dem Weg zurück in die Stadt gönnte ich mir einen Besuch im naturhistorischen und im National-Museum. Ersteres wartet mit einer großen Sammlung ausgestopfter Tiere und intetessanter Nashorn- und Elefantenembryonen auf. Eine lokale Schulklasse besuchte zeitgleich mit mir die Ausstellung. Nach dem ersten Museum wollte ich mich kurz auf eine Bank setzen, doch ein Affe machte mir mit Drohgebärden schnell klar, dass das seine Bank war. Vorbei an einer Militärkaserne, wo ich Rekruten exerzieren sah (ach … vor zehn Jahren war ich auch so einer), erreichte ich das Nationalmuseum. Auch dort gab es viele spannende Exponate: Gemälde, Statuen, ein Walskelett (so weit weg vom Meer), eine Mandalasammlung und noch viel mehr.

Nach dem Museum widmete ich mich Durbar Square, dem schönen Herz von Kathmandus Altstadt. Man könnte lang und viel über dieses bunte Gefüge von alten Tempeln (vor allem hinduistischer Natur), Palästen, Innenhöfen und Statuen schreiben. Ich habe Stunden dort verbracht und das bunte Treiben betrachtet. Einst hatten die nepalesischen Könige hier residiert. Ein Museum erzählt ihre Geschichte. Die verwerfliche Neigung dieser Herrscher sich in Großwildjägermarnier vor erschossen Tigern und Nashörnern portraitieren und fotografieren zu lassen, verhindert jegliche Sympathie. Das mysteriöse Massaker an der Königsfamilie von 2001 wird im Museum nicht erwähnt. Dem ausgestopften Lieblingssingvogel des Kronprinzen ist ein ganzer Raum gewidmet.
Einen der schönen, mit erotischen Schnitzereien versehenen Türme des Palastes darf man erklimmen. Von oben hat man schöne Aussicht auf Kathmandu und Swayambhunath. Interessant war auch, dass neben Vishnu, Shiva und Parvati auch Hanuman recht viel Verehrung zuteil wird. Der affenköpfige Freund Ramas ist in Nepal anscheinend sehr beliebt.

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26 Kathmandu

Im Morgengrauen besuchte ich noch einmal den  Manakamanatempel. Die Menschenschlange vor dem Eingang war schon sehr lang. Die ersten waren wohl schon lange vor dem ersten Tageslicht erschienen, um Parvati ihre Wünsche darzubringen. Die meisten Pilger warten wohl viele Stunden, zuerst in der Schlange vor der Gondelbahn, dann in der Schlange vor dem Tempel. Viele Ziegen machten sich auf, die letzten Schritte zu tun.

Die Fahrt hinab ins Tal war schön. Die Gondeln tauchten durch ein Nebelmeer. Fast erwartete ich im Nebel plötzlich Schnee und heimische
n Nadelwald erscheinen zu sehen.

Ich stieg in den erstbesten Bus, der nach Kathmandu fuhr. Die dreistündige Fahrt war ausgesprochen kurzweilig, sprach ich doch die meiste Zeit mit den Nepalis um mich herum. Es war eine sehr bunte Truppe. Der eine hatte sieben Jahre lang in Saudi-Arabien gelebt. Nun war er froh wieder hier zu sein. Ein anderer hatte eben erst im August seinen PhD in Engineering erhalten und zwar an der New York State University. Die nepalesische Heimat besuche er zum ersten Mal in fünf Jahren. Derzeit lebe er mit seiner Frau (auch ein PhD) in Galveston, Texas! Wir hatten uns einiges zu erzählen. Ein dritter Nepali ist lokaler Filmregisseur und produziere nepalesische Tanzfilme. Allen gemein war, dass sieredlich daran interessiert waren, wie es mir in Nepal bisher ergangen sei und ob ich irgendwelche
Unannehmlichkeiten erfahren hatte. Auch Tipps für die Weiterreise gab man mir. Als wir letztendlich Kathmandu erreichten half man mir noch ins gewünschte Viertel. Schon bald saß ich erholt auf dem Balkon eines gemütlichen Hote

ls.

Kathmandu ist schön. Das bunte Treiben in den engen Altstadtstraßen erinnert an Alt-Delhi, ist aber viel leichter zu verkraften. Überall stößt man auf kunstvolle Tempel und antike Kostbarkeiten, die einfach so am Straßenrand den Betrachter erfreuen. Das reale Leben ist dabei eng mit dem Altertum verknüpft: eine Frau nutzt die Arme einer eintausendfünfhundert Jahre alten Buddhastatue um Unterwäsche zu trocknen.
Die großen Highlights von Kathmandu, den Durbar-Platz und den Swayambhunath-Tempel, habe ich noch nicht gesehen. Doch schon jetzt kann ich sagen, dass dies ein spannender, durch und durch sehenswerter Ort ist.

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25 Manakamana

Die Fahrt im lokalen Bus von Dumre nach Cheres war abenteuerlich. Ich saß auf einer hühnergefüllten Kiste im Mittelgang des Busses, wahrend einmal mehr laute Musik erscholl und Nepalis über mich hinweg kletterten. Zum Glück dauerte die Fahrt nicht lange. Schon vor der Ankunft in Cheres sah ich den vertrauten Anblick einer Gondelbahn, die sich die grünen Hänge emporstreckt.
Wenig später saß ich ein einer der Gondeln der österreichischen Firma Doppelmayr und fühlte mich fast wie zuhause beim Skifahren. Sogar die Sicherheitsvorschriften sind in deutscher Sprache zu lesen. Die Preistabelle der Talstation gibt auch über die Beförderungskosten von Ziegen Auskunft. Für diese gibt es allerdings nur ein Oneway Tickett.
Die Bergstation der Gondel ist das 1000 Meter höher gelegene Dorf Manakamana. Der hiesige Tempel ist ein wichtiger Pilgerort für alle Hindus. Vor allem junge Paare aus dem ganzen Subkontinent kommen hierher. Sie bitten Parvati um männlichen Nachwuchs und opfern dafür Hühner und Ziegen.
Beim Tempel herrschte reges Treiben. Eine sehr lange Schlange von Gläubigen wartete darauf, eingelassen zu werden. Ringsum verkaufen Händler kitschige Devotionalien und  Kindetspielzeug von Plastikschmuck bis Dartscheiben.  Auf der Rückseite des Tempels ist der Boden sehr blutig. Hier wird geopfert. Ich sah dabei zu, wie zwei vor Angst schreiende Jungziegen und ein Huhn enthauptet wurden. Äußert befremdlich war, dass die Gläubigen während der Opferung alles andere als andächtig schienen. Während der zuständige Opfermeister – ein Junge unter zwanzig – den schreienden Ziegen die Kehle durchsägte und mit Mühe den Kopf abhackte, lachten die Leute über eben erzählte Späße. Kinder widmeten sich ihren Smartphones. Währenddessen starb qualvoll ein Tier.

In der Abenddämmerung konnte man hinter dem Tempel in der Ferne die weißen Himalayagipfel sehen.

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24 Bandipur II

Ich erhob mich früh und erklomm noch bevor der Tag begann,  einen nahen Hügel, dessen Gipfel ein Tempel ziert. Dort erlebte ich einen wunderbaren Sonnenaufgang mit freier Sicht auf die ganze Himalayakette. Gegenüber versank der Mond hinter silbrigen Hügeln. Von meinem Berg aus überblickte ich alle Himmelsrichtungen.  Lange saß ich und las ich an diesem Ort. Dann stieg ich ab und gönnte mir ein gutes Frühstück.

Ziel des heutigen Tages war es die nahe Siddha Höhle, angeblich die größte Höhle Nepals, aufzusuchen und zu erkunden. Dazu musste ich die Kante des Plateaus, auf dem Bandipur liegt, überqueren und auf steinernen Stufen den steilen Abhang hinab steigen. An summenden Grillen, hüpfenden Heuschrecken und blühenden Blumen vorüber, stieg ich tiefer und erreichte die Höhle. Diese erwies sich um viele Größenordnungen imposanter und interessanter als die Feldermaushöhle von Pokhara. Ich sah riesige, über vierzig Meter hohe Kavernen, schöne Felsformationen und hunderte durch die Luft schwirrende  Fledermäuse. Über eine halbe Stunde lang folgte ich einem sympathischen Nepali über Leitern und seilgesicherte Kletterpassagen von einer unterirdischen Kammer zur nächsten. An mehreren Stellen der Höhle ehrten Bronzedreizacke und Statuetten den Gott Shiva. Ein spannender Aspekt an dieser Höhle ist auch, dass sie erst vor siebenundzwanzig Jahren entdeckt wurde.
Nach anstrengendem Marsch zurück hinauf nach Bandipur gönnte ich mir einen ruhigen Nachmittag im Dorf mit schönem, schattigen Tisch in einem Café und wunderbarer Aussicht über die Hügel.

Abends aß ich gemeinsam mit anderen Reisenden und diskutierte Leben im Weltraum. Ein Ire ist schon elf Monate lang hier und unterrichtet Englisch an einer lokalen Schule. Ein Hawaianer deckt hier Dächer. Im übrigen erzählt man mir, dass im nahen Wald ein Tiger umgeht und erst kürzlich ein paar Ziegen gerissen hat. Ich hätte ihm auf meiner Höhlenwanderung ohne weiteres begegnen können.
Nach dem Essen setzten wir uns noch zu musizierenden Nepalis in einen Tempel und lauschten traditioneller Musik. Ein schöner Ausklang eines schönen Tages.
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23 Bandipur

Nach einem letzten Frühstück in Pokhara nahm ich mir ein Taxi zum 
Busbahnhof. Es gibt in Nepal eigene Touristenbusse. Diese sind teurer und fahren nur zu bestimmen Zeiten. Außerdem bekommt man darin wenig Lokalkolorit zu spüren. Mit den herkömmlichen Regionalbussen zu fahren ist viel intetessanter.
Ein nepalesischer Bus ist nie voll. Das heißt: egal wie viele Leute schon drin sind, es geht immer noch mehr. Da sitzt man dann, oft weit hinten, im bunten Treiben. Aus einem Lautsprecher tönen nepalesische Schnulzensongs.  Besonders spannend ist es, sich beim Aussteigen den Weg ins Freie zu kämpfen. Über all die im Mittelgang sitzenden Leute drüber zu klettern, ist gar nicht so einfach. Neben mir saß eine Nepali mit Kleinkind. Sie spricht kein Wort Englisch. Der Klingelton ihres Samsung Smartphones ist Schuberts Forelle. Ihre gelbe Geldbörse ziert der dämlich grinsende Spongebop. Wie klein doch unsere Welt geworden ist.

Gegen Mittag erreichte ich Bandipur, ein kleines, ungemein symphatisches Dorf in den Bergen. Alles ist hier sehr ursprünglich. Es gibt einige interessante Tempel zu sehen, ein paar Höhlen, Hügel mit wunderbarer Rundumsicht und freundliche Einwohner. Der Abend schenkte mir einen schönen Sonnenuntergang mit Sicht auf den Himalaya und hinab ins grüne Tal des Marsyangdi Khola. Schön auf diesen grünen Hügeln zu stehen und, Musik in den Ohren, hinab in die Weite zu blicken.

Gemeinsam mit der Familie meiner Herberge und den drei anderen Gästen folgte ein nettes Abendmahl mit traditionellen nepalesischen Gerichten.
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20 – 22 Kali Gandaki

Schön war’s, drei Tage lang in netter Gesellschaft die beinahe unberührte Natur dieses Flusses entlang zu gleiten, von Stromschnellen geschüttelt zu werden und sich ab zu auch ohne Raft im Wasser treiben zu lassen. Am Ufer sahen wir Wasserfälle, Affen, die von Baum zu Baum sprangen, riesenhafte Schmetterlinge und andere Naturschönheiten. An manchen Orten überspannten schmale Hängebrücken die Schlucht.
Natürlich ist man nicht immer auf dem Wasser. Abbau und Aufbau unseres Zeltlagers, Essen und nächtliches am Feuer Sitzen nahmen ebenso viel Zeit ein. Am anderen Ufer unseres Camps der ersten Nacht fand die rituelle Verbrennung eines Verstorbenen des nahen Dorfes statt. Ich saß auf den Steinen und blickte hinüber. Dann kam der fast volle Mond und brachte ein paar Sterne mit. Die Nächte waren hell genug, um den Fluss silbrig schimmern zu sehen.

Wir waren insgesamt 25 Leute auf drei Rafts und drei Kayaks, darunter 18 Touristen und eine kultige  siebenköpfige nepalesische Crew mitsamt Koch. Der Chef des Teams hieß Santos und sieht aus wie Dschingis Khan. Sein Vize Rambo vollführte einige Kayakkunstsstücke. Der Koch zauberte dreimal täglich sehr  bekömmliche Kost herbei.
Unter den achtzehn Touristen herrschte klare israelische Übermacht. Hebräischkenntnisse wären recht hilfreich gewesen. Neben 10 Israelis, sechs Briten und mir hatten wir noch einen Niederländer an Bord. Eine nette Runde. In etwa einer Stunde trifft man sich ein letztes Mal um sich gemeinsam die schon fertige DVD unserer Rafting Tour anzusehen.

19 Höhlen

Nach langem Schlaf und gutem Frühstück nahm ich mir ein Taxi zur nahen Fledermaushöhle. Ich überzeugte den Mann im Kassenhäuschen, dass ich keinen Guide bräuchte und kroch mit Taschenlampe bewaffnet in die Dunkelheit. Die tausend von der Decke hängenden Hufeisenfledermäuse, von denen mein Reiseführer spricht, konnte ich nirgends entdecken. Sehrwohl aber sah ich mehrere Flügelwesen im Schein meiner Lampe durch das Gewölbe flattern. Höhlen sind immer wieder schön. Eine jede weckt Erinnerungen an alle andern Höhlen, die man schon besucht hat, vor allem dann, wenn man das Licht ausmacht und alles still und dunkel ist. Nur die fallenden Wassertropfen tönen durch die Finsternis. Ist es wirklich erst sieben Monate her, dass ich im südlichen New Mexico durch die Carlsbad Caverns kroch? Und in dreieinhalb Monaten werde ich jene schönen Höhlen im nördlichen Laos wiedersehen, noch dazu in so wunderbarer Begleitung.
Highlight der Fledermaushöhle von Pokhara waren für mich weniger die Fledermäuse, als der abenteuerlich  schmale Spalt durch den man sich zurück ins Freie zwängen darf – eine anspruchsvolle Kletterpartie. Vor dem Ausgang saßen Kinder und amüsierten sich laut lachend über jeden, der keuchend aus der Öffnung robbte.

Von der Höhle, die einige Kilometer nördlich der Stadt liegt, beschloss ich zu Fuß den Rückweg anzutreten. Auf dem Weg warteten einige Attraktionen. Zuerst besuchte ich das Gurkha-Museum. Auf drei Stockwerken wird hier über die Geschichte dieser ruhmreichen Elitesoldaten erzählt. Seit dem Beginn des neunzehnten Jahrhunderts kämpfen die Gurkhas unter britischer Flagge, sei es 1857 gegen die Rebellion in Indien, in den Weltkriegen oder im Afghanistan des 21. Jahrhunderts. Das Museum erzählt leicht kriegsverherrlichend von vielen tapferen Gurkhas, die etwa einen Hügel ganz allein genommen haben oder nur mit einem Messer dreißig Taliban erledigten. Dafür regnete es dann Medaillen und Lob von der Queen. Jedenfalls sind die Nepalis mächtig stolz auf ihre Gurkhas. Falls es doch Bodentruppen gegen isil unter britischer Beteiligung geben sollte, müssen die Gurkhas wohl bald wieder ans Werk.

Gleich neben dem Museum befindet sich ein kleiner Park, durch den das schäumend weiße Wasser des tief in einer verborgenen Schlucht versteckten Setiflusses sprudelt. Ein Mönch machte sich einen Spaß daraus alle Besucher mit dem heiligen Wasser zu bespritzen.
Weiter südlich besuchte ich einen kleinen Tempel auf einem Hügel. Da er Durga geweiht war, um deren Taten sich das Dasainfest dreht, sah man hier viel frisches Ziegenblut auf den Altären. Vor vielen Wohnhäusern sah ich übrigens auch abgetrennte Ziegenhörner auf Zäunen hängen und am Boden liegen.

Vorbei an schönen Häusern der traditionellen Newari-Architektur, schlenderte ich weiter durch Pokharas Altstadt. Ich fand noch einen weiteren Tempel. Mitten auf der Straße als Verkehrsinsel dienend lehnten Motorräder und Mülleimer an seinen zweihundert Jahre alten Wänden. Die Schnitzereien an den Dachstreben sind faszinierend. Es ist ein merkwürdiger Kontrast, dass man im sonst so prüden Nepal (und auch Indien), wo Frauen voll bekleidet baden und öffentliche Küsse verpöntes Ärgernis sind, auf so vielen alten Tempeln die freizügigsten Motive findet. So auch hier. Auf etwa sechszehn Dachstreben sind unterhalb den  Abbildungen von Göttern auf einer weiteren Ebene Männer, Frauen und Tiere in anscheinend jedweder Kombination in verschiedenen Koitusstellungen abgebildet. So sieht hier die religiöse Schnitzerei vergangener Jahrhunderte aus.

Die nächsten drei Tage gibt es höchstwahrscheinlich keinen neuen Blogeintrag von mir. Hier hat zwar jeder Imbisstand ein eigenes WLAN Netz, beim Raften auf dem heiligen Kali Gandaki rechne ich aber kaum mit Konnektivität zur Außenwelt.
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18 Tika

Früh am Morgen ließ ich mich von einem Taxi hinauf zum ca.1400 hohen Hügel Sarangkot nördlich des Sees bringen. Es ist dies ein beliebter Aussichtspunkt, um das majestätische Erwachen der Annapurnakette im Sonnenaufgang zu sehen. Ich hatte Glück. Die Wolken verbargen nur vereinzelte Bereiche. Die Annapurnagipfel und der Machhapuchhare waren gut sichtbar. Zuerst lag alles noch im Schatten. Dann konnte man sehen wie je nach Höhe nach und nach die Gipfel ins Licht getaucht wurden und der Schnee darauf zu leuchten begann. Es ist ein erhendes Gefühl auf diese Weise mehr als sechstausend Meter über sich die Berge erwachen zu sehen.
Noch erhebender wäre es freilich, wenn man dieses atemberaubende Schauspiel in kleinerem Kreise betrachten könnte – nicht inmitten von zweihundert pausenlos fotografierenden Menschen. Die große Mehrheit unter den Touristen scheint hier ganz klar aus China zu kommen. Das zeigte einmal mehr die Menge am Hügel. Und als die Sonne kam, kreischten alle laut auf und riefen Hallo. Seufz. Ein bisschen mehr Ehrfurcht und Stille im Angesicht dieser Wunder der Plattentektonik wäre doch angebracht.

Der Rest des Tages verlief sehr ruhig. Ich las viel, saß lange am Ufer und betrachtete den See. In Pokhara war es ruhiger als sonst. Viele Geschäfte hatten aufgrund des Feiertages geschlossen. Heute ist der Tag des Dasain, an dem ein jeder seine Tika bekommt. Ein Familienältester oder hinduistischer Priester malt allen eine rote Markierung (die Tika) auf die Stirn. Diese ist keineswegs nur ein kleiner Punkt, wie man es oft in Indien sieht, sondern nimmt bei manchen fast die ganze Stirn ein. Auch Blüten und Reiskörner sind mit der leuchtend roten Paste vermengt.
Viele Nepalis holen sich hier ihre Tika in einem Tempel auf der kleinen Insel im See von Pokhara. Gemeinsam mit den Einheimischen ließ ich mich übersetzten. Zwar wusste ich schon, dass buddhistische und hinduistische Heiligtümer immer im Uhrzeigersinn zu umrunden sind. Dass aber der Fährmann zuerst die ganze Insel im Uhrzeigersinn umrunden muss, bevor er anlegen darf, war mir neu. Auf der winzigen Insel gibt es einen schönen Tempel, schattenspendende Bäume und einen kleinen Shop, der Souvenirs und Opfergaben im Angebot hat. Drei  Sadus saßen auf dem asphaltierten Boden und nahmen Spenden entgegen. Ich sah zu, wie die Nepalis, meist ganze Familien in den Tempel gingen, eine Kleinigkeit spendeten, mit Tika auf der Stirn wieder zum Vorschein kamen und einander eifrig mit Smartphones und Tablets abfotografieren. Im Ganzen erinnerte das Prozedere doch sehr an die christliche Kommunion, nur dass das dezent antropophage Verzehren des Leibs Christi durch ein Bemalen der Stirn ersetzt wird. Diese Markierung wird dann den ganzen Tag lang getragen. Mancherorts kann man sich auch als Tourist die Stirn beschmieren lassen, aber irgendwie lockte mich dies wenig.
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