Über das Impfen

Vielleicht ist es wieder einmal an der Zeit, sich zu erinnern, wie unglaublich toll eine der wichtigsten medizinischen Errungenschaften der Menschheitsgeschichte ist. Kaum eine Innovation hat mehr Leben gerettet und verlängert. Ganze Krankheiten, Jahrhunderte alte Serienkiller des Mikrokosmos‘, wurden damit ausgerottet. Millionen Menschen haben sich im Lauf des letzten Jahrhunderts an einem langen Leben erfreuen können, die ohne diese Erfindung jung gestorben wären. Ich spreche natürlich vom Impfen.

Danke ihr Impfungen, dass ihr die Pocken ausgerottet habt. Danke ihr Impfungen, dass ihr Diphterie, Kinderlähmung, Mumps, Röteln, Masern und mehr weitgehend eingedämmt habt.Danke ihr Ärzte und Wissenschaftler, die ihr ständig daran forscht, mit neuen Impfstoffen unser Leben noch länger und gesünder zu machen.Danke, dass ihr allen neuen Präparaten rigoren Qualitätstests unterzieht.Und danke, dass ihr euch von der propagandistschen Verblendungsmaschinerie der Impfgegner-Lobby nicht unterkriegen lässt und weiter forscht.

Dass wir in Europa heute im Durschnitt 40 Jahre länger leben als vor 200 Jahren hat vor allem auch mit Impfungen zu tun.Impfungen – ich bin ein Fan von euch. Ich jubel euch zu. Ich bin begeistert. Und ich klatsche laut und lang für jene Wissenschaftler*innen, die nun eifrig am COVID-19 Impfstoff forschen und ihn auch hoffentlich bald finden werden. Und wenn er dann nach rigorosen, klinischen Test zur Verwendung freigegeben ist – wie werde ich mich da auf diese Spritze freuen. Und da so viele dies leider einfach nicht begreifen wollen und es ohne hohe Durchimpfungsrate einfach nichts bringt: Ja, ich stimme einer Impflicht zu. Schade, dass sie nötig sein wird. Aber leider ist die Menschheit nicht schlau genug. In Jahrhunderten wird man zurückblicken und sich für uns schämen.

Über den Hausverstand

An all jene, die meinen, auf wissenschaftlichen Input, auf statistische Daten und sorgfältige Studien getrost verzichten zu können, da ihnen ja „der Hausverstand“ auch bekannt als „der gesunde Menschenverstand“ reiche, um die „Wahrheit“ zu erkennen: So ist es nicht.Der „Hausverstand“ liegt sehr of falsch und sagt auch jedem etwas anderes. Der „Hausverstand“ sagt uns doch auch, dass sich die Sonne um die Erde dreht. Ist halt nicht so.Der „Hausverstand“ hat sich evolutionär innherhalb von Kleingruppen entwickelt und scheitert völlig angesichts großer Menschenzahlen.Der „Hausverstand“ wurde von Wissenschaftlichen Erkenntnissen immer wieder als irreführend bloßgestellt. Wäre unsere Technik und unsere Medizin nur durch „Hausverstand“ entworfen worden – sie würde nicht funktioneren und wir wären der Steinzeit noch viel näher. Auch die Lebenserwartung wäre im Keller.Er ist nur ein schlechter Kompass, dieser Hausverstand.

Gustave Flaubert: Madame Bovary

Schön ist’s, am See zu liegen und einen Jahrhundertoman zu Ende zu lesen. Gustave Flauberts Meisterwerk „Madame Bovary“ gilt völlig zurecht als eines der besten Werke der Weltliteratur. Packend, tragisch, zuweilen ungemein witzig (les clémentines, ha!) und vor allem sprachlich wunderschön erzählt die Geschichte vom Schicksal der Protagonistin, ihrem wüsten Leben und ihrem Tod. Die Landschaftsbeschreibungen der Normandie sind außergewöhnlich eindrucksvoll. Selten wurde Natur und ländliches Leben mit solcher Sprachmelodie beschrieben. Das Meisterhafte an Flauberts Sprache ist das Vermögen, menschliches Empfinden mit natürlichen Phänomenen zu umschreiben. So entstehen dann Sätze wie
„Elle n’aimait la mer qu‘à cause de ses tempêtes, et la verdure seulement lorsqu’elle était clairsemée parmi le ruines.“ (Frei übersetzt: „Sie liebte das Meer nur wegen seiner Stürme, das Grün nur dann, wenn es spärlich zwischen Ruinen wuchs.“)
Fantastisch.

Fang Fang: Wuhan Diary

Eine überaus spannende, faszinierende Lektüre für alle, die das Leben in Wuhan zur Anfangszeit der Corona-Epidemie besser verstehen wollen. Über 60 Tage lang hat die Autorin Fang Fang in der Quarantäne ihrer Wohnanlage im Herzens Wuhans einen Blog geführt um hautnah am Leben über die dramatische Zäsur der Covid19-Krise zu berichten. Auch sie wurde Opfer von Verschwörungtheoretiker*inne*n und Hatemail-Schreiber*inne*n. Dennoch erreichte ihr Blog ungeheure Leser*innen*zahlen und ist nun weltweit (nur nicht in China) als Buch erhältlich.

Interessanterweise findet man in diesem Buch mehr Vertrautes als Fremdes. Die Abläufe in Wuhan und Tirol waren nicht so unterschiedlich, wie man meinen möchte, nur um zwei Monate zeitversetzt. Und auch in China gibt es so manchen Funktionär, der im Angesicht grober Fehlentscheidungen nichts anderes zu sagen weiß als „Die Behörden haben alles richtig gemacht.“

Auch unabhängig von Covid19 eröffnet dieses Buch einen intimen Blick in das innerchinesische Leben. Die Stadt Wuhan erscheint einem lebendig, grün, und lebenswert. Man verspürt sogar Lust, dorthin zu reisen und etwa den blitzenden Ostsee entlang zu spazieren – zumindest dann, wenn alles vorbei ist und China ein bisschen weniger totalitär wäre. Beim Lesen staunt man über den Mut von Einzelnen und die beachtliche Courage der Autorin. Auch im Angesicht überbordender Zensur sind die zivilen Freiheiten in China überraschend stark etabliert.

Imponiert hat mir auch die Belesenheit und Offenheit von Fang Fang. Wie sie Episoden ihres Alltags mit weltliterarischen Bezügen (etwa auf „Warten auf Godot“) umschreibt, offenbart das Wesen einer echten Weltbürgerin. Dass dazwischen aber auch sehr viele Verweise auf und Zitate aus Gedichten und Episoden chinesischer Literatur und Geschichte aufblitzen, weist die westlichen Lesenden doch darauf hin, dass es ungemein lohnt, über die Grenzen der eigenen Kultur zu blicken und sich einmal tiefer mit den Juwelen fernöstlichen Schreibens zu beschäftigen.

Ein Satz aus diesem Buch hat eine besonders frappierende Wirkung: „Wenn sie dir sagen ‚Wir machen das um jeden Preis‘, glaube ja nicht, dass du zum ‚Wir‘ gehörst. Du bist der ‚Preis‘.“

Kurzum: Ich habe dieses Buch gerne gelesen.

Allgemein

Maria Lazar: Leben verboten

Selten habe ich einen derart fesselnden, historisch überzeugenden und stilistisch ungemein ausgefeilten Roman gelesen. Es ist eine Schande, ja geradezu ein Skandal, dass die deutsche Erstausgabe erst im Jahre 2020 – fast neunzig Jahre nach seiner Abfassung – erscheint und dass die Autorin ein trauriges, an Geldsorgen reiches Leben führte und nie zum eigentlich verdienten Ruhm gelangte. Wären die frühen dreißiger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts in deutschen Landen nicht so gewesen, wie

sie waren, d.h. zunehmend totalitär, dem kritischen Denken und der expressionistischen Sprache abhold und zudem auch noch stark misogyn – Maria Lazar hätte ihren Platz in der Spitzenliga der österreichischen Literatur bekommen und wäre heute wohl eben so bekannt wie Ödön von Horvath, Arthur Schnitzler und andere.Doch leider war dem nicht so. Sie geriet in Vergessenheit. Glücklicherweise nimmt sich der Verlag „das vergessene buch“ solcher Schicksale an und bringt verschüttete Diamanten ans Licht.„Leben verboten“ ist der beste österreichische Roman der Zwischenkriegszeit, den ich kenne. Geradezu prophetisch beschreibt er den aufschäumenden Nationalismus und Antisemitismus in einem so fernen und doch so vertrauten Wien. Doch auch Berlin und selbst der Semmering gehören zu den Schauplätzen dieser einzigartigen Geschichte. Eindrucksvoll geschildert sind auch die eigentümlich nachtschwarzen Zugfahrten durch die trauliche Tschechei. Wir erleben den Niedergang des Berliner Geschäftsmanns von Ufermann. Nach dem Absturz eines Flugzeugs, in dem er durch Zufall nicht saß, wird er für tot erklärt. Er lässt sich treiben, vom Winde verwehen. Es verschlägt ihn nach Wien. Er trifft verarmte Aristokraten, Burschenschaftler, jüdische Professoren, Arbeitslose und andere Figure im Theater des traurigen letzten Aktes der Wiener Zwischenkriegsszenerie. Und obwohl der Roman bereits 1934 fertigstellt war, sieht Maria Lazar schon allzu deutlich die Katastrophe am Horizont.„Sie meinen, daß die geheimen Banden – zu Heeren werden könnten. Millionenheeren. – Und daß die Welt der Kolportage dann – zur Weltgeschichte wird. – Aber Millionen können doch nicht mit einem Mal nur Mörder sein. Wie denken Sie sich das denn, Herr Professor. Und sollen diese Millionen alle als Opfer ihrer Zeit geschlachtet werden? – Wieso als Opfer, als Opfer ihrer Zeit? Sie werden geschlachtet werden als Schuldige an ihrer Zeit. Als Schuldige, wie wir es heute vielleicht schon alle sind.“Da überkommt einen schon das Grauen … Jedenfalls hofft man, dass Maria Lazar durch die viel zu späte Erstausgabe ihres Romans nun nachträglich doch noch in den Kanon der österreichischen Literatur Eingang findet. Sie selbst, die sich – zu arm und zu krank um aus dem skandinavischen Exil je wieder heimzukehren – im Jahre 1948 das Leben nahm, hat freilich nichts mehr davon.

Thomas Mann: Der Zauberberg

Schön sind die Tage, an denen man die letzten Seiten eines knapp 1000-Seiten starken Juwels der Literatur mit den Augen verschlingt und hernach bei einem guten Glas Wein im Geiste Abschied von der ganzen Schar der Charaktere nimmt, die da im Strudel der Geschichte aufeinandertreffen. Immer wieder fand ich in vergangenen Jahren Anspielungen auf dieses Werk – sei es in deutschen Gegenwartsromanen, sei es in japanischen Anime-Filmen – „Der Zauberberg“ von Thomas Mann hat in den letzten hundert Jahren viele Menschen stark beeindruckt. Reich-Raniciki sagte gar, er kenne keinen besseren deutschen Roman als diesen (und die „Wahlverwandtschaften“). Es war höchste Zeit für mich, den Zauberberg zu erklimmen. So nahm ich ihn also mit auf meine diesjährige Weitwanderung, las die ersten fünfhundert Seiten auf dem Weg und den Rest in schnellem Tempo in der Heimat. Mann, der „raunende Beschwörer des Imperfekts“, begeistert durch und durch. Ob in der feinfühligen Schilderung unvergesslicher Charaktere (Settembrini – Bravo!, Naphta – Furchterregend!, Peeperkorn – eine Wucht!) oder in der gekonnten Darstellung von Dekor und Natur. Man sieht die Schweizer Alpen, die Bäche, Wasserfälle, den Schnee und das Sanatorium förmlich vor sich. Hans Castorps „Schneetraum“ und auch die Beschreibung der gehörten Grammophonmusik sind besonders eindrucksvoll. Letztlich frappiert aber das Ende, jener Donnerschlag des ersten Weltkriegs, jene Schilderung des Wahnsinns, die alles Übrige in einen absurden Abgrund reißt. Und da ist noch so viel mehr in diesem Roman und zwischen seinen Zeilen. Ein Buch, um die Zeit zu verlieren, um einzutauchen in eine längst verschwundene Welt. Doch die Menschen sind dieselben geblieben. Sie sind immer noch da. Auch das Heute hat seine Castorps und Ziemßens, seine Naphtas und Settembrinis, seine Behrens und Krokowskis, seine Stöhrs und Chauchats. Bei manchen muss man „Leider“ sagen, bei anderen „Zum Glück.“ So vermag man in jedem guten Roman – so alt er auch sei – ein wenig weiter vorzudringen, zum Begreifen des Rätsels der menschlichen Natur. Und so, im Getümmel, in dem Regen, der Dämmerung, kommt uns Hans Castorp nun aus den Augen. Der Erzähler schreibt „Finis Operis“ und der Leser starrt stier in die Wolken.

Jene, die laut sind …

Es tut gelegentlich gut, sich daran zu erinnern, dass jene, die am lautesten schreien, oft doch nur eine kleine Minderheit sind. Das gilt auch für jene, die munter Verschwörungstheorien verbreiten, die sich in zynischen, manchmal sehr böswilligen Kommentaren üben oder die in Corona-Demos peinlich-seltsame Schilder hochhalten. Sie sind nicht die Mehrheit! Bei weitem nicht.Die aktuelle Ausgabe der ZEIT (N° 37) wartet im Politik- und Wirtschaftsteil mit einigen Statistiken auf, die etwa folgendes ganz klar belegen: Das Vertrauen in die Politik (bundesweit und kommunal) ist in Deutschland seit Februar deutlich gestiegen. Die Zufriedenheit mit der Demokratie aber auch das generelle Vertrauen in andere Menschen liegt im Jahre 2020 weit höher als in den zehn bis fünfzehn Jahren davor. Der gesellschaftliche Zusammenhalt steigt. Eine ZDF-Umfrage vom 28. August (ebenfalls zitiert in der ZEIT) zeigt weiterhin, dass 60 Prozent der Befragten die geltenden Corona-Beschränkungen für richtig halten, sich 28% der Befragten härtere Maßnahmen wünschen und nur 10% die geltenden Maßnahmen als übertrieben erachten. All dies gilt zumindest für Deutschland. Ich sehe aber keinen Grund, warum es in Österreich anders sein sollte. Die Unterschiede halten sich gewiss in Grenzen.Wer nur auf Social-Media verkehrt und keinen Qualitäts-Journalismus verträgt, der hat gewiss einen ganz anderen Eindruck, für den scheint der Wind in die entgegengesetzte Richtung zu wehen. Doch dieser Schein trügt. Humanismus und Aufklärung, die Akzeptanz von wissenschaftlicher Redlichkeit und evidenz-basiertem Wissen, Anstand und Rücksichtnahme sind zum Glück doch noch wesentlich stärker verbreitet als Zynismus, Nihilismus und magisches Wünsch-dir-Was Denken.

Absage „The Birds“

Nach „The Flower Girl“, „A Midsummer Night’s Dream“ und „Blood Wedding“ wäre es das bisher aufwendigste und beste Stück in unserem „Kufstein English Theatre“ geworden. 40 Schülerinnen und Schüler haben ein Jahr lang geprobt – live und via Videochat. Es wurden Kostüme gebastelt, Übertitel erstellt, Lieder komponiert – und irre Textmengen gelernt. Coronabedingt wurden die Aufführungen schon von Juni auf Anfang November verschoben. Nun – aufgrund der neuerlichen Verschärfungen – müssen auch diese Termine abgeagt werden. Aller Vorraussicht nach wird diese Inszenierung nie ihr verdientes Publikum erleben. The birds will never fly. So traurig und frustrierend dies für alle Beteiligten ist, so darf man nicht vergessen, dass auch der Weg schon ein Ziel war, dass viele junge Darsteller*innen dabei lernten, aus ihrer comfort zone herauszutreten und die Bühne zu erobern. Die Schuld an der Absage darf man auch nicht irgendwelchen Maßnahmen oder Entscheidungsträger*inne*n in die Schuhe schieben. Kausalursache ist allein das Virus. Und dieses hat schon viel schwerwiegendere Opfer gefordert als nur ein Theaterstück. Aristophanes – legendärster Kommödiendichter der antiken Welt – we will meet again…

„You Children of Man! whose life is a span,⁠
Protracted with sorrow from day to day,
Naked and featherless, feeble and querulous,
Sickly, calamitous, creatures of clay!
Attend to the words of the Sovereign Birds,
Immortal, illustrious, lords of the air,
Who survey from high, with a merciful eye,
Your struggles of misery, labour, and care.
Whence you may learn and clearly discern
Such truths as attract your inquisitive turn;
Which is busied of late, with a mighty debate,
A profound speculation about the creation,
And organical life, and chaotical strife,⁠
With various notions of heavenly motions,
And rivers and oceans, and valleys and mountains,
And sources of fountains, and meteors on high,
And stars in the sky. We propose by-and-by
If you’ll listen and hear to make it all clear.

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Im Irrtum verharren

Ich kenne viele Menschen, die im öffentlichen Raum – vor allem aber in den sozialen Medien – die letzten Monate über nicht müde geworden sind, die Corona-Krise zu verharmlosen. Sie haben behauptet, die Gefahr sei längst gebannt, die Schutzmaßnahmen seien völlig überzogen, die Krise würde zum Zwecke der Freiheitsberaubung von den Regierenden künstlich am Leben gehalten. Sie haben sich über ernstzunehmende Warnungen von Wissenschaftler*innen lächerlich gemacht, Entscheidungsträger*innen verunglimpft, behauptet, die Zahl der positiven Tests habe rein gar nichts zu sagen und korreliere nicht im Geringsten mit tatsächlichen Erkrankungen. Mumpitz dieser Art flutete das Netz und die Straßen.Nun sind wir an einem Punkt angelangt, da die Zahl der Hospitalisierungen steil ansteigt und auch die Zahl der an Covid19 erkrankten Intensivpatient*inn*en so stark wächst, dass die ersten Krankenhäuser keinen Platz mehr für sie haben. Es gibt immer mehr Menschen, die an Covid19 so sehr leiden, dass sie es zu Hause nicht mehr aushalten, bzw. daran zu sterben drohen. Angesichts dessen drängt sich eine klare Schlussfolgerung auf: Jene Menschen, die in den vergangenen Monaten die Lage verharmlost haben, hatten schlicht und einfach Unrecht. Vielleicht haben manche von ihnen die Größe, dies auch zuzugeben, zu sagen: „Hopla. Tut mir leid. Da hab ich mich wohl geirrt.“ Es wäre dies eine schöne Geste, die zeigt, dass Anstand und Redlichkeit in unserer Gesellschaft noch einen höheren Stellenwert haben, als es oft der Fall zu sein scheint.Da fällt mir doch glatt ein passendes Brecht-Zitat dazu ein: „Wer A sagt, der muss nicht B sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch war.“ Also los, Leute! Springt über euren Schatten!

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Heinrich Böll – Gruppenbild mit Dame

Spannend, lehrreich und sehr unterhaltsam war die Lektüre von Heinrich Bölls „Gruppenbild mit Dame“ – jenes Buch, das wohl den Ausschlag dafür gab, dass Böll im Jahre 1972 den Nobelpreis bekam. Wie die vielen so unterschiedlichen Menschen rund um die Hauptfigur durch die Geschichte taumeln, wie sich das Leben aller vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Machtergreifung und der Wirren des Zweiten Weltkriegs grundlegend verändert, auf den Kopf stellt oder gar im Tod verliert – das ist schon faszinierend mitanzusehen. Hinzu kommt der unkonventionelle Stil. Wie der kettenrauchende Verfasser selbst allmählich Teil der Geschichte wird, schließlich gar von der Geschichte aufgesaugt wird, sie verändert und schließlich selbst zur zweiten Hauptfigur heranwächst – das hat schon seinen Reiz. Die lustigsten und aufschlussreichsten Stellen dieses Buches sind wohl jene, die in Klammer stehen: (??, der Verf. ). Die Mischung aus Humor und Ernst ist gut getroffen. An manchen Stellen werden viele Lesende laut auflachen, an anderen haben Tränen ihre Berechtigung. L. 1. und W., sowie die ein oder andere T. sind angebracht – wie der Verfasser sagen würde (Insider). Beim Schein der Herbstsonne auf der laubbedeckten Erde zwischen den Felsen am Hechtseeufer ließen sich die letzten dreißig Seiten heute besonders gut lesen.