Cervantes: Don Quijote

Im Jahr 2002 wurde eine Liste der besten belletristischen Werke aller Zeiten zusammengestellt. Über 100 Autoren aus 54 Ländern wurden damals gebeten, zehn Titel der ihrer Meinung nach „bedeutungsvollsten Bücher aller Zeiten“ zu nennen. Mit dabei unter anderem: Doris Lessing, Salman Rushdie, Nadine Gordimer, Wole Soyinka, Seamus Heaney, Carlos Fuentes, Norman Mailer, Siegfried Lenz, Hans Magnus Enzensberger, Christoph Hein, Herta Müller, Christa Wolf, Milan Kundera, Astrid Lindgren, etc.
Heraus kam eine lange Liste, an deren Spitze die am häufigsten genannten Werke thronen. Der einzige Autor, von dem sich gleich vier Werke auf der fertigen Liste wiederfinden, ist Fjodor Dostojewskij, dicht gefolgt von Shakespeare und Kafka mit jeweils drei Werken. Man findet aber auch etwa chinesische, indische oder nigerianische Werke von ungeahnter Schönheit. Seit Jahren nehme ich immer wieder diese Liste zu Hand, wenn ich auf der Suche nach dem nächsten Buch bin.

Den ersten Platz errang mit Abstand jenes Werk aus dem frühen siebzehnten Jahrhundert, von dem gleich mehrere Literaten sagten: „Wenn es einen Roman gibt, den man vor seinem Tod noch lesen sollte, dann diesen. Die Rede ist von „El ingenioso hidalgo don Quijote de la Mancha“ von Miguel de Cervantes Saavedra.
Nun habe also auch ich die 1275 Seiten der deutschen Übersetzung mit Genuss gelesen – und ich bin hinreichend begeistert. Zwar mag es doch ein paar wenige Werke geben, an denen ich mich noch mehr erfreute (Ich denke an Dostojewskijs „Dämonen“ oder Rushdies „Midnight’s Children“), so ist der Spitzenplatz dieses kultigen Schelmenromans doch gerechtfertigt – weniger wegen der Story selbst, als aufgrund der überragenden Erzähltechnik, die mit ungeahntem, für seine Zeit revolutionären Charm, Witz und Twist daher galoppiert.

Die Art wie die Geschichte aus sich heraussteigt, sich selbst transzendiert und auch die Lesenden miteinbezieht ist bezaubernd. Wie der erste Teile des Romans selbst in die Geschichte hineinwirkt, im dessen zweiten Teil innerhalb der Erzählung existiert, gelesen und rezipiert wird, ist so absurd, dass es einfach nur wunderbar ist. Der Humor, der in aberwitzigen Wortwechseln zwischen Sancho Panza und seinem Herrn schlummert, ist unnachahmlich.

Oft fühlte ich mich beim Lesen freilich auch an jenes spätere Werk Diderots erinnert, „Jacques le fataliste et son maître“, das vieles aufgreift und wohl stark von Cervantes inspiriert wurde. Was im „Quijote“ jedoch viel stärker zum Ausdruck kommt, ist die ständige Dichotomie von Illusion und Wirklichkeit, die sein und unser Leben durchzieht. Was ist Schein und was ist Sein? Manche tun sich in der Unterscheidung eben leichter als es andere tun. Ob sie recht darin haben ist eine andere Frage. Und oftmals mag der Schein die nötige Motivation für das Sein liefern. Es lebe die Fiktion.

Auf ewig erfreue sich die menschliche Leserschaft künftiger Zeiten deshalb am zeitlosen Ritter von der traurigen Gestalt, an seinem klapprigen Gaul Rosinante und am sprichwortreichen Sancho Panza in all seiner Pracht und Herrlichkeit. Möge die Suche nach dem schemenhaft flüchtigen Traumbild der Dulcinea von Tobosa immer weiter gehen. Möge der Kampf gegen die Windmühlen nie enden. Viva Don Qujote de la Mancha!

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