Thomas Mann: Der Zauberberg

Schön sind die Tage, an denen man die letzten Seiten eines knapp 1000-Seiten starken Juwels der Literatur mit den Augen verschlingt und hernach bei einem guten Glas Wein im Geiste Abschied von der ganzen Schar der Charaktere nimmt, die da im Strudel der Geschichte aufeinandertreffen. Immer wieder fand ich in vergangenen Jahren Anspielungen auf dieses Werk – sei es in deutschen Gegenwartsromanen, sei es in japanischen Anime-Filmen – „Der Zauberberg“ von Thomas Mann hat in den letzten hundert Jahren viele Menschen stark beeindruckt. Reich-Raniciki sagte gar, er kenne keinen besseren deutschen Roman als diesen (und die „Wahlverwandtschaften“). Es war höchste Zeit für mich, den Zauberberg zu erklimmen. So nahm ich ihn also mit auf meine diesjährige Weitwanderung, las die ersten fünfhundert Seiten auf dem Weg und den Rest in schnellem Tempo in der Heimat. Mann, der „raunende Beschwörer des Imperfekts“, begeistert durch und durch. Ob in der feinfühligen Schilderung unvergesslicher Charaktere (Settembrini – Bravo!, Naphta – Furchterregend!, Peeperkorn – eine Wucht!) oder in der gekonnten Darstellung von Dekor und Natur. Man sieht die Schweizer Alpen, die Bäche, Wasserfälle, den Schnee und das Sanatorium förmlich vor sich. Hans Castorps „Schneetraum“ und auch die Beschreibung der gehörten Grammophonmusik sind besonders eindrucksvoll. Letztlich frappiert aber das Ende, jener Donnerschlag des ersten Weltkriegs, jene Schilderung des Wahnsinns, die alles Übrige in einen absurden Abgrund reißt. Und da ist noch so viel mehr in diesem Roman und zwischen seinen Zeilen. Ein Buch, um die Zeit zu verlieren, um einzutauchen in eine längst verschwundene Welt. Doch die Menschen sind dieselben geblieben. Sie sind immer noch da. Auch das Heute hat seine Castorps und Ziemßens, seine Naphtas und Settembrinis, seine Behrens und Krokowskis, seine Stöhrs und Chauchats. Bei manchen muss man „Leider“ sagen, bei anderen „Zum Glück.“ So vermag man in jedem guten Roman – so alt er auch sei – ein wenig weiter vorzudringen, zum Begreifen des Rätsels der menschlichen Natur. Und so, im Getümmel, in dem Regen, der Dämmerung, kommt uns Hans Castorp nun aus den Augen. Der Erzähler schreibt „Finis Operis“ und der Leser starrt stier in die Wolken.

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