Maria Lazar: Leben verboten

Selten habe ich einen derart fesselnden, historisch überzeugenden und stilistisch ungemein ausgefeilten Roman gelesen. Es ist eine Schande, ja geradezu ein Skandal, dass die deutsche Erstausgabe erst im Jahre 2020 – fast neunzig Jahre nach seiner Abfassung – erscheint und dass die Autorin ein trauriges, an Geldsorgen reiches Leben führte und nie zum eigentlich verdienten Ruhm gelangte. Wären die frühen dreißiger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts in deutschen Landen nicht so gewesen, wie

sie waren, d.h. zunehmend totalitär, dem kritischen Denken und der expressionistischen Sprache abhold und zudem auch noch stark misogyn – Maria Lazar hätte ihren Platz in der Spitzenliga der österreichischen Literatur bekommen und wäre heute wohl eben so bekannt wie Ödön von Horvath, Arthur Schnitzler und andere.Doch leider war dem nicht so. Sie geriet in Vergessenheit. Glücklicherweise nimmt sich der Verlag „das vergessene buch“ solcher Schicksale an und bringt verschüttete Diamanten ans Licht.„Leben verboten“ ist der beste österreichische Roman der Zwischenkriegszeit, den ich kenne. Geradezu prophetisch beschreibt er den aufschäumenden Nationalismus und Antisemitismus in einem so fernen und doch so vertrauten Wien. Doch auch Berlin und selbst der Semmering gehören zu den Schauplätzen dieser einzigartigen Geschichte. Eindrucksvoll geschildert sind auch die eigentümlich nachtschwarzen Zugfahrten durch die trauliche Tschechei. Wir erleben den Niedergang des Berliner Geschäftsmanns von Ufermann. Nach dem Absturz eines Flugzeugs, in dem er durch Zufall nicht saß, wird er für tot erklärt. Er lässt sich treiben, vom Winde verwehen. Es verschlägt ihn nach Wien. Er trifft verarmte Aristokraten, Burschenschaftler, jüdische Professoren, Arbeitslose und andere Figure im Theater des traurigen letzten Aktes der Wiener Zwischenkriegsszenerie. Und obwohl der Roman bereits 1934 fertigstellt war, sieht Maria Lazar schon allzu deutlich die Katastrophe am Horizont.„Sie meinen, daß die geheimen Banden – zu Heeren werden könnten. Millionenheeren. – Und daß die Welt der Kolportage dann – zur Weltgeschichte wird. – Aber Millionen können doch nicht mit einem Mal nur Mörder sein. Wie denken Sie sich das denn, Herr Professor. Und sollen diese Millionen alle als Opfer ihrer Zeit geschlachtet werden? – Wieso als Opfer, als Opfer ihrer Zeit? Sie werden geschlachtet werden als Schuldige an ihrer Zeit. Als Schuldige, wie wir es heute vielleicht schon alle sind.“Da überkommt einen schon das Grauen … Jedenfalls hofft man, dass Maria Lazar durch die viel zu späte Erstausgabe ihres Romans nun nachträglich doch noch in den Kanon der österreichischen Literatur Eingang findet. Sie selbst, die sich – zu arm und zu krank um aus dem skandinavischen Exil je wieder heimzukehren – im Jahre 1948 das Leben nahm, hat freilich nichts mehr davon.

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