35 Östliches Terai

Auch ein Tag, den man fast gänzlich in vollen Bussen verbringt, kann kurzweilig und unterhaltsam sein.
In Janakpur verließ ich gegen halb sieben mein Hotel. Es galt, einen Bus zu finden, der in Richtung Osten nach Kakarbhitta fuhr. Diesen wollte ich dann etwas früher, in Birtamot, verlassen, um von dort einen Jeep nach Ilam zu erwischen. Direktbus gab es keinen.
Umso überraschter war ich, als ich auf dem Weg zum Bus Park von Janakpur auf eine Schulklasse aus Ghorka stieß, die gerade mit eigenem Bus eine Tour durchs Land machte und deren nächstes  Ziel Ilam war. Die netten Schüler hätten mich am liebsten gleich mitgenommen, doch der Lehrer hatte etwas dagegen. Also zurück zu Plan A.
Am staubigen Buspark herrschte das übliche Chaos. Keine englische Beschilderung, kein Informationsschalter. Und stets, wenn man ratlos vor dem Chaos steht, kommt ein freundlicher Nepali mit gutem Englisch des Weges und hilft einem zum rechten Bus. Schon wenige Minuten später ging es los. Meine lange Fahrt durchs östliche Terai nahm ihren Lauf.

Sieben Stunden waren es bis nach Birtamot. Neben den Impressionen des ländlichen Lebens, die vor meinem Fenster vorüber huschten, unterhielten mich vor allem meine stets gesprächsfreudigen Sitzbachbarn. Zuerst ein Junge aus der Gegend, der fürs nahende Diwalifest zu seinen Eltern aufs Land fuhr, dann ein Lehrer, der Nepali unterrichtet und von der Schönheit seiner Sprache schwärmte. Ich zeigte ihm meine englische Version des Ramayana und er beklagte, dass im Akt der Übersetzung jegliche Poesie verloren ginge. Aus dem epischen Lied wird plumper Prosatext. Ich merkte an, dass dies wohl bei fast allen  Lyrikübersetzungen der Fall sei. Von westlicher Literatur wisse er leider viel zu wenig, klagte der Nepali-Lehrer. Auf der Schule würden davon nur zwei Werke ausführlich behandelt: Ilias und Odyssee. Homer setze er persönlich Audio dieselbe Stufe wie Valmiki. Neben der Literatur drehten sich unsere Gespräche vor allem über Politik und inwiefern ein Mehrparteiensystem durch zuviele Parteien seiner Sinnhaftigkeit beraubt würde. Wir erzählten uns einiges über Nepal und Österreich. Der Nepali-Lehrer beklagte die Unehrlichkeit der hiesigen Politiker und die Leichtgläubigkeit des Volkes.

Mein nächster Sitznachbar war ein Politiker der National Congress Party. Er war jung, engagiert und unterrichtete nebenbei Social Studies an einer Schule. Von ihm lernte ich einiges über die Ohnmacht der nepalesischen Regierung gegenüber den zwei riesigen Nachbarländern China und Indien. Nepal sei unfähig nur irgendetwas zu beschließen, was den zwei Riesen missfiele. Denn diese würden stets mit Importstopps drohen, was Nepal schwer träfe und in Kürze zu Grunde richten würde. Wegen mangelnder Eigenproduktion sei man vom Import vor allem indischer Waren abhängig.
Der Bus überquerte den Staudamm des immens breiten Sapt Kosi, der hier um einiges breiter ist, als der Ganges bei Varanasi. Vor drei Jahren, erklärte mir der Politiker, habe es an den Deichen seitlich des Flusses eine verheerende  Überschwemmung gegeben. Hunderte seien umgekommen. Einst fruchtbares Ackerland war immer noch mit Sand bedeckt. Ich sah es selbst vor meinem Fenster. Angeblich wäre der Dammbruch durch Ablassen von mehr Wasser leicht zu verhindern gewesen. Aber man musste wie in vielen Entscheidungen erst die Inder fragen  und die hätten Nein gesagt. Bei aller Abneigung gegenüber Indien hatte mein Sitznachbar aber enormen Respekt gegenüber Mahendra Modi und lobte diesen in höchsten Tönen. Allerdings werde auch Modi binnen weniger Jahre zusammenbrechen – so die Prognose.

Nach einer kurzen Pause mit günstigem Daal bhat ging die Fahrt weiter. Bald stieg auch der Politiker aus und ich konnte kurz meine Beine ausstrecken. Dann kamen neue Fahrgäste. Nach sieben Stunden erreichten wir endlich Birtamot. Hier erwischte ich schon bald einen Minibus mit Ziel Ilam. Doch die Abfahrt verzögerte sich. Busse fahren hier meist nicht zu bestimmten Zeiten ab, sondern dann, wenn sie voll sind. Durch das offene Fenster wurden mir andauernd Chips, Ananas, Bananen, Wasser, Nüsse und andere Sachen angeboten. Endlich fuhren wir los. Wie schnell sich das Klima änderte, je höher wir in die Hügel der Mahabharrata Kette hinauffuhren. Dichter Nebel hüllte uns ein. Es folgte ein feuerroter Sonnenuntergang. Erst eine Stunde nach Einbruch der Dunkelheit erreichten wir Ilam. Eine freundliche Dame aus dem Minibus half mir zum gesuchten GreenView guesthouse. Schnell kam der Schlaf.

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34 Janakpur

Die Busfahrt gestaltete sich äußerst kurzweilig und überraschend angenehm. Dank der bequemen Sitze mit weit zurückstellbarer Lehne habe ich wohl mehr geschlafen als nicht geschlafen. Neben mir saß ein freundlicher Nepali namens Depack, der – wie so viele hier- ein paar Jahre lang in Saudi-Arabien gearbeitet hatte. Er war eine große Hilfe. Als einziger Ausländer im Bus war ich oft nicht ganz im Bilde, was vor sich ging und warum der Bus nun schon wieder hielt. Depack erklärte mir, ob es sich nun um eine „urine break“ oder „dinner break“ oder „police control“ oder „gas station “ handelte. Die ersten zwei Stunden der Fahrt lief auf dem Bildschirm vor der ersten Reihe eine nepalesischer Film, dessen Ton penetrant aus dem Lautsprecher neben mir schallte. Ich verstand kein Wort, hatte aber meinen Spaß damit. Der Film (eine Art Gangsterschnulze mit Tanzeinlagen) war teilweise so schlecht, bzw. so anderen Ansprüchen unterliegend wie die mir vertraute Filmkultur, dass ich zu Depacks Verwunderug öfters laut auflachte. Was da an Schnitt und Perspektivenwechsel geboten wurde, war wirklich grandios. Und dann erst die Kampfszenen. Anscheinend gilt es hier als besonders cool (oder sogar sexy), wenn die Heldin der Geschichte (eine Undercover-Polizisten, die sich in einen Gangster verliebt) so richtig rotzig auf den Boden spuckt. Das macht sie jedenfalls ständig und alle Gangster schwelgen in staunender Anerkennung. Nach der ersten Hälfte des Films kehrte sich dessen Effekt auf mich um und ich fand überraschend schnell Schlaf.
Gegen zehn Uhr Abends erreichten wir eine Art Raststätte, an der uns ein köstliches und günstiges Dal Bhat mit reichlich Nachschlag serviert wurde, das beste Dal Bhat, das ich in Nepal bisher hatte (auch wenn ich es immer noch mit Gabel und Löffel anstatt mit den Fingern esse) .
Depack war überrascht, wie viel ich von der Ramayana und Sitas erdige Geburt aus einer Ackerfurche in Janakpur wusste. Ich erklärte ihm, dass ich eben das Buch lese uns dieses durchaus spannend finde.

Viele großteils im Schlaf verlebte Stunden später erreichten wir Janakpur.   Es war kurz vor Sonnenaufgang. Die Fahrt hatte also weniger als elf Stunden gedauert. Ich wimmelte ein paar Rikshas ab, befragte Kompass und Karte und spazierte ins Zentrum.

Schon der erste Blick auf den Janaki Mandir bestätigte mir, dass sich die Reise gelohnt hatte. Ein wunderbares Bauwerk, angeblich auf eben jenem Acker erbaut, in dessen Furche König Janak ein Mädchen fand, es als Tochter annahm und ihr – kreativ war er ja nicht – den Namen Sita (=Ackerfurche) gab. Ein weiterer (im Vergleich eher hässlicher) Tempel markiert die Stelle, an der Jahre später Rama Sita zur Frau nahm.

Hier in Janakpur bin ich der einzige westliche Tourist weit und breit. Es gibt auch kaum englischsprachige Beschilderungen – ganz anders als in Kathmandu oder Pokhara. Die ganze Stadt ist auf den indischen Pilgertourismus ausgerichtet. Hindus aus dem ganzen Subkontinent kommen hierher, um Sita anzubeten. Diese hat scheinbar auch irgendwann den Sprung von der Sterblichen zur Göttin gemacht. (Wichtiges Element der Ramayana ist ja eben, dass sowohl Sita wie auch Rama sterblich sind). Es ist ein bizarres Schauspiel, so viele gläubige Hindus vor den Tempeln und den teils sehr kitschigen Abbildungen und Puppen Sitas und Ramas andächtig beten und auf die Knie fallen zu sehen, bizarr vor allem deshalb, weil ich die Geschichte, auf der all dies fußt, eben lese. Darin ist Sita noch menschlich und klischeehaftes Musterbeispiel weiblicher Unterwürfigkeit gegenüber der Männerwelt. Aber darum geht es gar nicht. Ich lese die Ramayana so, wie ich auch andere Fantasy-Epen lese. Sie ist sehr spannend und poetisch ansprechend. Ich mag dieses Werk. Aber all diese Menschen vor den Puppen der Charaktere auf die Knie fallen zu sehen, kommt mir ebenso absurd vor, als würden wir Tempel zu Ehren von Gandalf, Roland of Gilead oder Harry Potter errichten. (Aber vielleicht ist das nur eine Frage der Zeit 😄)
Schön an Janakpur sind auch die vielen relativ sauberen Wasserbecken, in denen sich Hindus rituell reinigen. Am Nachmittag spazierte ein Stück weit nach Süden in Richtung Grenze. Der hiesige Flughafen ist nicht mehr als Feld und geteerte Landebahn. Kein einziges Gebäude steht hier. Ein verblasstes Schild am Wegesrand trägt den Schriftzug: „Smile, u r in Janakpur, the birthplace of godess Sita!“ Die dominante Volksgruppe in dieser Region sind nicht Newars (die Nepali sprechen) sondern Mithilas. Diese haben auch eine eigene Sprache. Schön war’s durch die staubigen Dörfer zu schlendern. Wasserbüffel baden in Tümpeln. Ein Rikshafahrer transportiert in einer Art Käfig Schulkinder nach Hause. Bunt gekleidete Frauen tragen Körbe auf ihren Köpfen. Ein alter Mithila fragt nach meinem Woher und Wohin.
Morgen steht mir eine etwa sechsstündige Busfahrt bevor, diesmal am Tag. Es geht weit nach Osten. Und dann ein Stück weit nach Norden ins schöne Ilam.
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33 Everest

Mountain Flight, zweiter Anlauf. Die nächtliche Taxifahrt zum Flughafen und das Warten vor dem Eingangstor des kleinen Domestic Terminals waren eine nette Wiederholung der Erlebnisse vor vier Tagen. Größter Unterschied: der Himmel war klar, kein Donnergrollen, Sichelmond und Orion prangten hell und strahlend am dunklen Himmelszelt. Gänzlich andere Vorzeichen für meinen Flug zu den Bergen.

Gelandet. Die Aussicht war spektakulär. Während die Täler unter einem Wolkenmeer verborgen lagen, sah man von unserem kleinen, sechzehn Passagieren Platz bietenden Flugzeug aus die ganze Himalayakette. Die freundliche Stewardess erklärte einem jeden die eben sichtbaren Gipfel. Abwechselnd durfte man auch kurz ins Cockpit kommen und von dort die Aussicht genießen. Der Mount Everest und die umliegenden Achttausender
waren klar erkennbar. Weiß glitzerte der Schnee in der Morgensonne. Schön waren die so vielen so unterschiedlich geformten Gipfel. Der Gauri Shankar ist der schönste von allen – zumindest von Südosten betrachtet.
Das ist es also, das Dach d
, die höchste Erhebung auf dem Planeten Erde. Der Olympus Mons des Mars mag zwar dreimal höher sein, schöner ist mit Abstand der Himalaya. Der Flug hat sich gelohnt.

Nach der Landung im inzwischen so vertrauten Kathmandu war mir nach einem Spaziergang zumute. Binnen einer Stunde legte ich die (nicht besonders schöne) Strecke vom Flughafen nach Thamel zurück.

Mittag und frühen Nachmittag verbrachte ich ein letztes Mal auf dem zentralen Durbarplatz und in den umliegenden Vierteln. Lange saß ich Schatten verschiedener Tempel und las (einmal sogar bei einem Rama geweihten Tempel) in der Ramayana. Der böse König der Dämonen Ravana hatte eben die schöne (doch recht zickige) Sita entführt und der Affe Hanuman betrat die Bühne des Geschehens.

Und nun sitze ich schon fast zwei Stunden am chaotischen Busbahnhof von Kathmandu und warte. Die Ankunft bzw. Abfahrt meines „Deluxe“ Busses nach Janakpur verschiebt sich stets weiter nach hinten. Die meisten Informationen hier sind in ausschließlich in nepalesischer Schrift gehalten. Die Fahrtzeit des Buses soll zwischen elf und sechzehn Stunden schwanken. Das wird noch eine lange Nacht. So oder so, morgen Vormittag bin ich (hoffentlich) in Janakpur.

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32 Kathmandu III

Kurz vor fünf Uhr früh verließ ich mein Hotelzimmer und schlich mit Taschenlampe bewaffnet die dunklen Straßen von Nagarkot entlang. Mein Weg führte mich nach Süden zum etwa eine Marschstunde entfernt liegenden Aussichtsturm, der einen wunderbaren Blick auf den Sonnenaufgang versprach. In der allmählich lichter werdenden Nacht passierte ich viele heulende Hunde und am Ortsende das bewachte Tor einer Kaserne der nepalesischen Armee. Es ist ein durchaus seltsamer Anblick, so ein mit Hakenkreuzen verziertes Kasernentor samt Stacheldraht.
Nach einer halben Stunde fand ich auf der Straße zwei nette Israelis, die denselben Weg hatten. Wir tauschten einige interessante Infos aus.
Kurz vor Sonnenaufgang erreichten wir den Turm. Da das unterste Leitersegment fehlte, war die Besteigung etwas kapriziös. Die Aussicht war dafür wunderbar. Leider sah ich nur die halbe Himalayakette, da Wolken im Westen die Sicht versperrten. Die Sonne kam. Mehr Wolken zogen auf. Dennoch: der morgendliche Spaziergang hatte sich gelohnt. Nebel und Sonnenstrahlen sorgten auf dem Rückweg für besonders schönes Ambiente.
Zurück in Nagarkot nahm ich schon bald den Bus nach Kathmandu. Es galt, die Weiterreise nach Janakpur zu organisieren. Außerdem gab es in der Hauptstadt noch einige sehenswerte Attraktionenen.

Nachdem ich alles erledigt hatte, besuchte ich den Königspalast, der heute ein streng bewachtes Museum ist. Kameras und Handys müssen am Eingang abgegeben werden. Überall patrouillieren bewaffnete Wachposten. Der Palast selbst ist sehr sehenswert. Interessant ist vor allem auch der Aspekt, dass er bis in jüngster Vergangenheit noch „in Betrieb“ war. In den prunkvollen Räumen findet man unter anderem viele Fotografien von Staatsbesuchen der jüngsten Vergangenheit. König Birendra schüttelt darauf die Hände vieler einstiger  Staatsoberhäupter. Aus österreichischer Sicht fällt das nette Portrait mit Thomas Klestil auf. Eingehend betrachtete ich auch König Birendras Bücherschrank. Neben dem Gesamtwerk von Joseph Conrad (ach, Lord Jim) findet man hier auch viel Agatha Christie. Auch Victor Hugo, Shakespeare und Dumas sind vertreten. Im Regal gegenüber dem königlichen Schreibtisch (der wohl so ist, wie ihn Birendra 2001verlassen hat) fällt vor allem ein Bildband über die Steiermark auf.
Traurig ist, wie viele Tiger, Krokodile und Nashörner für die Innenausstattung des Palastes ihr Leben lassen mussten. Riesige ausgestopfte Tiger und Tigerteppiche zieren fast jeden Raum. Hinter dem Hauptgebäude weisen Wegweiser mit der Aufschrift „Massacre place “ zum Schiksalsort der nepalesischen Politik. Zehn Menschen ließen hier in der Nacht vom 1. Juni 2001 im Kugelhagel ihr Leben, darunter der König, die Königin und weitere Familienmitglieder. Über den genauen Tathergang kursieren viele Ger
üchte. Die plausibelste Variante sieht den Kronprinzen als Täter. Nach seinem anscheinend alkoholinduzierten Amoklauf soll er die Waffe gegen sich selbst gerichtet haben. Er überlebte die Nacht, fiel ins Koma und starb zwei Tage später. Während er im Koma lag wurde er – trotz seines Zustandes und des Umstands, dass er eben die ganze Königsfamilie niedergemetzelt hatte – noch schnell zum König gekrönt. (Er war ja schließlich der älteste Sohn. )

Nach diesem beeindruckenden Museumsbesuch verbrachte ich den Rest des Tages im grünen Garden of Dreams. Der kleine (mit österreichischen Geldern restaurierte) Park erinnert ein bisschen an Schloss Schönbrunn. Das angrenzende Kaiser Café hat guten Kaffee und eine hervorragende Sachertorte.
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31 Nagarkot

Ich schlenderte am frühen Morgen ein letztes Mal durch die schöne Altstadt von Bhaktapur und aß ein gutes Frühstück. Hernach stieg ich in einen Bus, der mich binnen einer Stunde ins weiter nordöstlich gelegene Nagarkot brachte.
Der auf ca. 2200 Metern Höhe gelegene Ort hat vor allem eine Attraktion: seine atemberaubende Aussicht auf beinahe die ganze Himalayakette, vom Dhaulagiri weit im Westen, bis zum Kanchenjunga im Osten. Und einer der vielen Gipfel, die ich von meinem Zimmer aus sehen kann, ist der Everest. Ich muss nur noch herausfinden welcher. Die Charakerisierung von Ed Douglas „Everest ist wie ein hässlicher fetter Mann in einem Raum voll schöner Frauen“ trifft wohl erst aus der Nähe zu.

Ich verbrachte den Tag mit einer schönen Wanderung durch Wälder, Reisfelder und kleine Dörfer rund um Nagarkot. Die Fernsicht ist überwältigend. Hügel. Täler. Flüsse. Der Himalaya. Vor allem der Langtang Lirung scheint zum Greifen nah. Man setzt sich auf einen Felsen hoch über der Welt und bestaunt eine Welt, die noch viel höher ist. Grillen zirpen.

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30 Bhaktapur

Aus dem noch regennassen Kathmandu gelangte ich binnen einer Stunde problemlos ins schöne Bhaktapur. An allen Straßen, die in die Altstadt führen, sind Tickethäuschen platziert, die dem Touristen ganze 1500 Rupien abnehmen. Doch das Geld ist gut investiert. Es dient dem Erhalt der einzigartigen Altstadt von Bhaktapur, Weltkulturerbe und architektonisches Juwel. Ich nahm mir ein ruhiges Hotel nur eine Gehminute vom großen Nyatapola Tempel (dem höchsten
Nepals) entfernt. Dann brach ich auf, die Altstadt zu erkunden. Man findet hier ganz ähnliche Dinge, wie in Patan und Kathmandu: einen Konigspalast,
viele imposante Tempel, Säulen, Tore, Wasserbecken und Statuen. Viele
Nandis und Garugas. Doch irgendwie ist alles wieder anders, alles neu zusammengewürfelt und mit anderen Akzenten versehen. Bhaktapur hat neben seinem Durbar square noch drei weitere imposante Plätze. Schön sind auch die vielen großen Wasserspeicher dieser Stadt, aus denen oft steinerne Kobras hervor lugen. Inzwischen war die Sonne zurückgekehrt. Auf einem
zweistündigen Rundgang durch beschauliche Gassen, abseits der
Touristenströme, bekam ich viel vom lokalen Leben zu spüren. Erstaunlich
wie viel Schulen es hier gibt. Und fast
jedes zweite Webeschild wirbt für irgendwelche Universitätslehrgänge
bzw. Auslandsstudienaufenthalte samt
Stipendien. Dieses Land hat so viel Bildungshunger, dass man einfach staunen muss.

Nachdem ich viel von Bhaktapur gesehen hatte, nahm ich den Bus zum Tempel von Changu Narayan und erreichte somit das siebte und letzte UNESCO Weltkulturerbe des Kathmandutales. Die übrigen sechs (Swyambunath, Bhodnath, Pashupatinath, sowie die Altstadt von Kathmandu, Patan und Bhaktapur); hatte ich bereits besucht. Mit Lumbini ist die Liste komplett. Ohne es beabsichtigt zu haben, ist mir kein einziges Weltkulturerbe Nepals entgangen.
Changu Narayan ist ein schöner, ruhiger Tempelkomplex auf einem Hügelkamm nördlich von Bhaktapur. Der dominante Gott ist hier Vishnu, auf welchen viele Symbole hindeuten. Die Garudastatue vor dem Tempel stammt aus dem fünften Jahrhundert, ebenso wie die Inschrift einer hier gefundenen Steintafel.
Schöner als der Tempel selbst war für mich der Rückweg nach Bhaktapur. Bei wunderschöner Aussicht auf Flüsse und Täler im Spätnachmittagslicht durchwanderte ich Dörfer und Wälder. Überall grüßen einen freundliche Einheimische (vor allem die Kinder) und fragen interessiert nach dem Woher
und Wohin. Die Sonne ging eben unter als ich nach eineinhalb Stunden
Fußmarsch wieder am Durbar Platz von Bhaktapur stand. Ich gönnte mir zur Stärkung eine lokale Spezialität. Bhaktapur ist berühmt für sein cremiges Naturyoghurt (the royal curd), das wirklich hervorragend schmeckt. In einem winzigen Laden, wo es nichts anderes gibt als Naturyoghurt, aß ich ganze drei Tonschüsseln und nahm mir vor morgen früh noch einmal vorbeizuschauen.

Abends las ich im Internet, dass der ungewöhnliche Wintereinbruch der vergangenen Tage seine Opfer gefordert hatte. Am Annapurnatrek nahe dem Thorung La Pass sind angeblich bis zu sechzehn Touristen verunglückt. Mehr noch werden vermisst. Auf meiner Reise habe ich einige Leute getroffen, die eben jetzt in der Nähe dieser heiklen Stelle im nördlichen Annapurna sind. Mit ein bisschen Regen bin ich wohl recht glimpflich davongekommen. Inzwischen ist es wieder warm und schön.
Abends saß ich noch auf einer Dachterasse inmitten der Altstadt, aß ein hervorragendes Chowmein und genoss es hinüber zum hohen Nyatapola Tempel und hinab zu den Musikern, die sich vor dem mächtigen Bhairabnath Tempel platziert hatten, zu blicken. Nach dem Essen stieg ich noch einmal die steilen Stufen zum Nyatapola Tempel empor. Unter mir spielten im Feuerschein die Musiker. Über mir leuchteten die Sterne. Unvergessliche Momente.
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29 Bodhnath

Blitze und Donnergrollen erfüllten den Himmel über Kathmandu, als ich kurz vor fünf Uhr morgens in ein Taxi stieg. Der Sicherheitsgurt war defekt. Bei Starkregen und beschlagener Windschutzscheibe raste der Fahrer durch die Nacht.

Am winzigen Flughafen von Kathmandu war banges Warten angesagt. Ich brachte in Erfahrung, dass der „Mountain Flight“ zum Everest und zurück gestern gestrichen worden war. Heute sah das Wetter weitaus schlechter aus. Aber letztlich ist es egal, wie es in Kathmandu aussieht. Wichtig ist, dass man aus der Luft die Berge sieht. Anscheinend war dem heute nicht so. Kurz nach sieben herrschte Klarheit. Kein Mountain Flight. Ein Umbuchen auf einen anderen Termin war kein Problem. In vier Tagen will ich noch einmal mein Glück versuchen.

Ich verließ den Flughafen zu Fuß (seltsam einen Flughafen zu Fuß zu verlassen) und erreichte nach wenigen Minuten den heiligsten Ort Nepals – zumindest für Hindus. Der Tempelkomplex von Pashupatinath ist eine Art nepalesisches Miniatur-Varanasi. Zentrum ist auch hier ein total verschmutzter – aber heiliger – Fluss (der Bagmati), in dessen Wasser man sich badet bzw. kurz vor ihrer Verbrennung die Toten taucht. Einer brannte gerade, als ich zugegeben war. Nach dem Blutbad an der Königsfamilie im Jahre 2001 war auch diese hier verbrannt worden. In den goldenen Haupttempel dürfen nur Hindus. Vom Tor aus kann man aber das Hinterteil einer riesigen, goldenen Nandi-Skulptur, sowie Shivas Dreizack erkennen. Der Andrang der Pilger war an diesem Tag sehr groß. Noch zahlreicher allerdings waren die Rhesusaffen, die frech auf den Brücken und Dächern herumturnten. Im Umfeld des Tempels gibt es viel zu sehen. Hunderte kleinere Tempel – ein jeder mit Nandi und Bhairav – warten darauf entdeckt zu werden. Immer wieder eröffnen sich schöne Aussichten auf Fluss und Haupttempel. Orangefarbene Sadus mit abenteuerlicher Haar- und Barttracht warten auf den Touristen, der sie fotografiert und dafür bezahlt. Immer wieder kreischen Affenchöre und übertönen den Singsang vom Tempel. Der in Intervallen wiederkehrende Regen zwang mich immer wieder unter dem nächsten Baum oder Tempeldach Schutz zu suchen und minutenlang die Atmosphäre zu genießen.
Über einen Hügel gelangt man zu weiteren Shivaschreinen und schließlich wieder hinab zum Fluss.

Ein freundlicher Nepalese wies mir den Weg zum nahen Bodhnath Stupa – Weltkulturerbe und Höhepunkt des Tages. Größer könnte der Gegensatz zur eben geschilderten hinduistischen Heiligstätte kaum sein. Die Bodhnathstupa ist neben Svayambunath und Lumbini eine der wichtigsten buddhistischen Stätten des Landes und obendrein die größte Stupa Asiens (und wohl auch der Welt? ). Insbesondere der tibetische Exilbuddhismus hat in den umliegenden Klöstern eine neue Heimat gefunden. Die Stupa ist riesig, das Ambiente fast noch eindrucksvoller als in Swayambunath – sogar im strömenden Regen.
Ich aß in einem kleinen Restaurant zu Mittag. Von meinem Fenster im Obergeschoss sah ich genau in eines von Buddhas Augenpaare auf der Stupa. Dazu hervorragendes vegetarisches nepalesisches Essen. Nach einer neuerlichen Umrundung der Stupa erkundete ich noch ein paar tibetische Klöster, doch der unnachgiebige Regen scheuchte mich schon bald in den nächsten Bus zurück nach Kathmandu. Die Straßen der Altstadt sind inzwischen zu Flüssen aus Schlamm geworden.

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28 Patan

Problemlos und schnell gelangte ich morgens per Minivan ins nahe Patan, einst mit Kathmandu rivalisierende Stadt um die Vorherrschaft im Tal, heute eher Vorort. Die Pracht der Altstadt zeugt von vergangener Macht – wahrlich ein architektonischer Hochgenuss. Welche Flut wunderbar proportionierter Tempel mit kunstvollen Verzierungen. Dazu der einstige Königspalast mit seinem sehr gelungen
Museum (finanziert von Nepal und Österreich). Inzwischen bin ich recht geschult darin, mit wenigen Blicken zu erkennen, wem ein Tempel gewidmet ist. Ob Shiva, Vishnu, Lakshmi oder Parvati, ob Durga, Bairava, Indra, Hanuman oder gar Chandra – ich kenn mich aus (Ganesha ist natürlich trivial,  sein Reittier ist eine Maus).
Spannend war in Patan unter anderem, dass auf mehreren Tempeln jene Dachbalken, auf denen üblicherweise erotisch-pornographische Schnitzereien zu finden sind, stattderer Folterszenen zeigen. Das Museum zeigte mir einmal mehr, wie sehr sich spätere Formen des Buddhismus (insbesondere im vajrayana) mit hinduistischen Elementen vermengten. Beide Religionen klauen einander ein paar Götter weg. Seltsame Symbiosen tun sich auf. Auch über Tantrismus in Hinduismus und Buddhismus weiß das Museum von Patan viel zu erzählen. Ein Highlight sind auch die im Wiener Völkerkundemuseum entdeckten und nun in Patan ausgestellten Schwarzweißfotografien eines Österreichers, der Ende des neunzehnten Jahrhunderts Nepal
besuchte und in seinen Bildern verewigte. Er hätte sich wohl nicht träumen lassen, das seine Fotografien  einst in jenem Gebäude ausgestellt würden, das er damals so eifrig fotografierte.

In seiner Gesamtheit ist der Durbarplatz von Patan wohl noch ein wenig eindrucksvoller als jener von Kathmandu. Aber auch die Tempel, Schreine und versteckten Innenhöfe im übrigen Patan verdienen Beachtung.

Im Innenhof des Museums sah ich etwa hundert Schüler, die in einer Art Kundgebung mit vielen selbstgebastelten Schildern auf die Gefahr von Erdbeben hinwiesen. Schon mehrmals fiel mir auf, dass bei den hiesigen Schuluniformen auch Mädchen Krawatte tragen.

Nachmittags kam der Regen und ich nahm den nächsten Bus zurück nach Kathmandu. Die sonst so staubigen Straßen der Altstadt waren nun voller
Schlamm. Ein jedes vorbeirauschende Motorrad sorgte für braunes Gespritz. Diese Stadt würde von asphaltierten oder gepflasterten Straßen in Kombination mit der ein oder anderen Fußgängerzone immens profitieren.

Es folgte ein gemütlicher Abend im nicht ganz authentischen Irish Pub von Thamel. Morgen früh flieg ich zum höchsten Punkt der Welt.

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27 Kathmandu II

Schon lange hatte ich mich darauf gefreut, die große Swayambhunath-Stupa zu besuchen. Ich weiß noch, als ich vor vielen Jahren im Fernsehen zum ersten Mal diese strengen, fast hypnotischen Augen Buddhas sah, die von der Stupa aus in alle vier Himmelsrichtungen blicken. Und ich dachte mit: Da muss ich hin. Jahre später verwendete ich diesen Ort in einem meiner Theaterstücke und ließ meine Evi Brenner in „Gefangen“ vom „Om mani padme hum“ des Swayambhunath Tempel erzählen – einen Ort, den ich nur aus Bildern und Beschreibungen kannte.
Und nun sah ich ihn schon aus der Ferne. Ich überquerte den unglaublich schmutzigen Vishnumati Fluss und erreichte den steilen Stufengang, auf dem Händler Souvenirs verkaufen und Rhesusaffen Schabernack treiben.
Oben angekommen war ich alles andere als enttäuscht. Die Swayambhunath Stupa ist noch beeindruckender, als ich sie mir vorgestellt hatte. Die Gebetsfahnen flattern im Wind, die Mühlen drehen sich im Schwung der Besucher. Dazwischen thronen Bodhisattvas. Weiß strahlt der Sockel der Stupa, golden die dreizehnteilige Spitze. Und die drei Augen Buddhas blicken viermal  in die Welt hinaus. Hinzu kommt das ständig hörbare Mantra vom schönen Lotosjuwel, das aus Lautsprechern und aus den Mündern der Gläubigen klingt und für die passende Untermalung sorgt. Den Ohrwurm werde ich wohl eine Weile nicht mehr los. Om mani padme hum.
Rund um die große Haupt-Stupa warten noch einige interessante Tempel, Statuen, Stupas, Glocken und Trommeln auf ihre Erkundung. Überall sieht man Affen frech herumthurnen; auf Dächern, Buddhas, Bodhisattvas. Der Hügel von Swayambhunath bietet auch schöne Aussicht auf die westlichen Hügel und das staubige Kathmandu im Osten.

Auf dem Weg zurück in die Stadt gönnte ich mir einen Besuch im naturhistorischen und im National-Museum. Ersteres wartet mit einer großen Sammlung ausgestopfter Tiere und intetessanter Nashorn- und Elefantenembryonen auf. Eine lokale Schulklasse besuchte zeitgleich mit mir die Ausstellung. Nach dem ersten Museum wollte ich mich kurz auf eine Bank setzen, doch ein Affe machte mir mit Drohgebärden schnell klar, dass das seine Bank war. Vorbei an einer Militärkaserne, wo ich Rekruten exerzieren sah (ach … vor zehn Jahren war ich auch so einer), erreichte ich das Nationalmuseum. Auch dort gab es viele spannende Exponate: Gemälde, Statuen, ein Walskelett (so weit weg vom Meer), eine Mandalasammlung und noch viel mehr.

Nach dem Museum widmete ich mich Durbar Square, dem schönen Herz von Kathmandus Altstadt. Man könnte lang und viel über dieses bunte Gefüge von alten Tempeln (vor allem hinduistischer Natur), Palästen, Innenhöfen und Statuen schreiben. Ich habe Stunden dort verbracht und das bunte Treiben betrachtet. Einst hatten die nepalesischen Könige hier residiert. Ein Museum erzählt ihre Geschichte. Die verwerfliche Neigung dieser Herrscher sich in Großwildjägermarnier vor erschossen Tigern und Nashörnern portraitieren und fotografieren zu lassen, verhindert jegliche Sympathie. Das mysteriöse Massaker an der Königsfamilie von 2001 wird im Museum nicht erwähnt. Dem ausgestopften Lieblingssingvogel des Kronprinzen ist ein ganzer Raum gewidmet.
Einen der schönen, mit erotischen Schnitzereien versehenen Türme des Palastes darf man erklimmen. Von oben hat man schöne Aussicht auf Kathmandu und Swayambhunath. Interessant war auch, dass neben Vishnu, Shiva und Parvati auch Hanuman recht viel Verehrung zuteil wird. Der affenköpfige Freund Ramas ist in Nepal anscheinend sehr beliebt.

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26 Kathmandu

Im Morgengrauen besuchte ich noch einmal den  Manakamanatempel. Die Menschenschlange vor dem Eingang war schon sehr lang. Die ersten waren wohl schon lange vor dem ersten Tageslicht erschienen, um Parvati ihre Wünsche darzubringen. Die meisten Pilger warten wohl viele Stunden, zuerst in der Schlange vor der Gondelbahn, dann in der Schlange vor dem Tempel. Viele Ziegen machten sich auf, die letzten Schritte zu tun.

Die Fahrt hinab ins Tal war schön. Die Gondeln tauchten durch ein Nebelmeer. Fast erwartete ich im Nebel plötzlich Schnee und heimische
n Nadelwald erscheinen zu sehen.

Ich stieg in den erstbesten Bus, der nach Kathmandu fuhr. Die dreistündige Fahrt war ausgesprochen kurzweilig, sprach ich doch die meiste Zeit mit den Nepalis um mich herum. Es war eine sehr bunte Truppe. Der eine hatte sieben Jahre lang in Saudi-Arabien gelebt. Nun war er froh wieder hier zu sein. Ein anderer hatte eben erst im August seinen PhD in Engineering erhalten und zwar an der New York State University. Die nepalesische Heimat besuche er zum ersten Mal in fünf Jahren. Derzeit lebe er mit seiner Frau (auch ein PhD) in Galveston, Texas! Wir hatten uns einiges zu erzählen. Ein dritter Nepali ist lokaler Filmregisseur und produziere nepalesische Tanzfilme. Allen gemein war, dass sieredlich daran interessiert waren, wie es mir in Nepal bisher ergangen sei und ob ich irgendwelche
Unannehmlichkeiten erfahren hatte. Auch Tipps für die Weiterreise gab man mir. Als wir letztendlich Kathmandu erreichten half man mir noch ins gewünschte Viertel. Schon bald saß ich erholt auf dem Balkon eines gemütlichen Hote

ls.

Kathmandu ist schön. Das bunte Treiben in den engen Altstadtstraßen erinnert an Alt-Delhi, ist aber viel leichter zu verkraften. Überall stößt man auf kunstvolle Tempel und antike Kostbarkeiten, die einfach so am Straßenrand den Betrachter erfreuen. Das reale Leben ist dabei eng mit dem Altertum verknüpft: eine Frau nutzt die Arme einer eintausendfünfhundert Jahre alten Buddhastatue um Unterwäsche zu trocknen.
Die großen Highlights von Kathmandu, den Durbar-Platz und den Swayambhunath-Tempel, habe ich noch nicht gesehen. Doch schon jetzt kann ich sagen, dass dies ein spannender, durch und durch sehenswerter Ort ist.

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