Neulich im Gemeinderat

Video Link

Antrag gemäß §41 TGO an den Gemeinderat der Stadt Kufstein

Antragstellende:
Die Parteifreien
Kufsteiner Grüne

 „Ukrainische Partnerstadt“

Der Gemeinderat möge beschließen:

Gemäß der Resolution „Hilfe für ukrainische Gemeinden“ des Österreichischen Gemeindebundes vom 28. Juni 2022 und über Vermittlung der Initiative „Cities 4 Cities, united 4 Ukraine“ verpflichtet sich die die Stadtgemeinde Kufstein dazu, alle nötigen Schritte einzuleiten, um eine Paten- oder Partnerschaft mit einer geeigneten ukrainischen Stadt einzugehen. Der Städtepartnerschaftsbeauftragte soll dazu unter den über 100 ukrainischen Gemeinden, deren Kontakte, Bedürfnisse und Detailinformationen auf der Plattform „Cities 4 Cities“ gelistet sind, anhand Größe, geographischer Lage und anderer Kriterien eine geeignete Gemeinde vorschlagen, mit den dortigen Vertreter:innen in Kontakt treten und noch vor Ende Oktober eruieren, wie Kufstein am besten Hilfe leisten kann und welche Mittel dafür im Budget des Jahres 2024 vorzusehen sind.

Begründung:

Auch wenn die täglichen Meldungen uns zuweilen abstumpfen lassen und der fortdauernde Wahnsinn schon wie Routine erscheint, sollten wir nie vergessen, wie skandalös und verwerflich der völkerrechtswidrige Angriffskrieg ist, den das russische Regime gegen die Ukraine führt. Es ist gut und richtig, Solidarität zu zeigen. Dass vor dem Kufsteiner Rathaus die Ukrainische Flagge weht, ist ein wichtiges Symbol. Dass unsere Heldenorgel schon mehrmals die Ukrainische Hymne spielte ist ein ebenso bedeutendes Zeichen. Aber wir können mehr tun.

Der Österreichische Gemeindebund rief vor Kurzem in einer Resolution zur Knüpfung von Partnerschaften mit ukrainischen Gemeinden auf. Mittels der Initiative „Cities 4 Cities, United 4 Ukraine“ ist es ein Leichtes, Kontakte mit ukrainischen Orten geeigneter Größe zu knüpfen. Über 100 verschiedene Gemeinde stehen dort zur Auswahl, z.B. die ostukrainische Gemeinde Rohan, nahe Charkiw gelegen, die unmittelbar Bombardement und Besatzung ausgesetzt war oder die westukrainische Stadt Bereschany, die indirekt stark unter dem Krieg leidet, viele Binnenflüchtende beherbergt und deren Bürgermeister 17 Jahre in Österreich gelebt hat. Beispiele wie diese gibt es noch viele. Es wäre ein Leichtes, hier eine Stadt zu finden, die ähnlich groß wie Kufstein ist und der man gezielt unter die Arme greifen kann.

Wir möchten daran erinnern, dass Kufstein selbst eine Stadt ist, die, als sie nach dem 2. Weltkrieg am Boden lag, von anderswo Hilfe erfahren hat, nämlich aus unserer heutigen Partnerstadt Frauenfeld. Auch uns wurde geholfen. Nun ist es an uns zu helfen.

Wir möchten aber auch daran erinnern, dass Kufstein vor allem der Westukraine historisch sehr verbunden ist. Am Friedhof in Zell ruhen einstige Kaiserjäger, die im 1. Weltkrieg in eben jener Region ihr Leben ließen. Der Tiroler Kameradschaftsbund betreut z.B. auch westukrainische Soldatenfriedhöfe, wo nicht wenige Tiroler und wohl auch Kufsteiner begraben liegen. Uns verbindet vieles.

Wie könnte unsere Hilfe für eine ukrainische Partnerstadt konkret aussehen? Wir könnten etwa helfen, vor Ort für ukrainische Binnenflüchtende, die aus dem Osten in den Westen des Landes fliehen mussten, eine Schule oder Unterkünfte mit aufzubauen. Wir könnten logistisch dabei helfen, die Stromversorgung auch den nächsten Winter über aufrecht zu erhalten. Wir könnten Kriegswitwen, Kriegswitwer und Kriegswaisen nach Kufstein einladen und ihnen ein paar Monate Erholung schenken, in etwa so wie es damals auch Frauenfeld gemacht, als Kinder aus Kufstein für die Sommermonate in die Schweiz eingeladen wurden. Es gibt sehr viel, was wir tun können. Logistisch, materiell, finanziell und karikativ.

In Anbetracht all dieser Möglichkeiten sollten wir uns historisch und moralisch ermutigt fühlen, hier Initiative zu ergreifen und anderen Gemeinden und Städten beispielhaft voranzugehen. Nicht nur Staaten können in Zeiten wie diesen Initiativen setzen und Europa gestalten. Auch Städte wie die unsere können dies tun. Helfen wir! Suchen wir uns eine geeignete Stadt in der Ukraine aus und lernen wir sie kennen: Ihre politischen Vertreter:innen, ihre Kunst- und Kulturvereine, ihre Traditionen, ihre Sportvereine. Schließen wir eine Freundschaft und sorgen wir dafür, dass sie über die Jahrzehnte erhalten bleibt.

Karel Čapek: „Der Krieg mit den Molchen“

Es ist bedauerlich, dass Karel Čapeks wunderbarer Roman „Der Krieg mit den Molchen“ außerhalb Tschechiens nicht noch bekannter ist. Dieses Buch sollte jedenfalls in einem Atemzug genannt werden mit Orwells „1984“ oder Huxleys „Brave New World“, bleibt es doch als furchteinflößende Dystopie ebenso wie jene ständig aktuell und vermag den Blick auf die Gegenwart stets aufs Neue zu bereichern. Ursprünglich verfasst in den dreißiger Jahren war diese wunderbare Satire wohl vor allem als antimilitaristische, antifaschistische Warnung gedacht – doch sie ist so viel mehr als das. Den zeitgenössischen Lesenden bietet diese kuriose Geschichte vom Krieg mit den Molchen auch reizvolle Perspektiven auf brisante Fragen wie die Mensch-Tier Beziehung oder den Klimawandel. Wie würden wir uns verhalten, wenn wir unter den „intelligenten“ Lebensformen dieser Welt nicht mehr die einzigen wären, die sich gesprochenen Sprachen, Werkzeugen und Waffen bedienen könnten. Was würde es bedeuten, wenn selbstverschuldet die Meeresspiegel steigen und die ganze Menschheit bedrohten? Neben all dem ist „Der Krieg mit den Molchen“ auch eine beißende Attacke auf politische Heuchelei und patriotische Verklärung. Auch an treffender Medienkritik ist einiges darin zu finden. Bei all dem ist dieses Buch unglaublich unterhaltsam. Meisterhaft balanciert der Autor auf dem schmalen Grat zwischen Lachen und Weinen, zwischen Komik und Ernst, zwischen Scherz und Anklage. Selten so ein gutes Buch gelesen.

Karel Čapek, der in einem anderen Werk übrigens auch den modernen Begriff „Roboter“ geprägt hat, gehört neben Kafka, Kundera und Havel zu den absoluten „Must Reads“ der tschechischen Literatur. Ein spannendes Detail zu Čapeks Lebensgeschichte ist auch, dass ihn die Gestapo, die ihn zuvor schon als „Staatsfeind Nr. 2“ (nach dem damaligen Präsidenten) erklärt hatte, nicht finden konnte, als sie ihn nach der Invasion 1939 ins Konzentrationslager werfen wollten. Es war ihnen nicht bekannt, dass er schon ein paar Monate zuvor an einer Lungenentzündung gestorben war.

Sehr zu empfehlen.

Vom Glück des Fernwanderns

Weitere Infos und Tickets

Mehr als ein halbes Jahr meines Lebens habe ich schon fernwandernd auf dem E4 verbracht. Es ist dies ein etwa 10.000 Kilometer langer Wanderweg, der von Spanien bis Griechenland und auf halber Strecke auch mitten durch Kufstein führt. Inwiefern das Wandern ein ursprüngliches Glücksgefühl birgt – davon kann ich einiges zu erzählen. Lauschen Sie den Geschichten vom Wegesrand. Hören Sie von Stürmen auf schroffen Graten, von sternenklaren Nächten in menschenleerer Wildnis, von kuriosen Begegnungen in beschaulichen Dörfern und vom Glück der alljährlichen Rückkehr auf jenen Weg, der schon so lange des Wanderers Freund ist.

Mehr zum E4

Ein paar Worte zum weltweiten Klimastreik am 3.3.2023

Anlässlich des für heute ausgerufenen weltweiten Klimastreiks möchte ich wieder einmal auf die klare physikalische Datenlage verweisen, die dem allen zu Grunde liegt.
Die beiden Graphen zeigen eine sehr starke Korrelation des Anstiegs der globalen Temperatur und des Anstiegs der Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre. Zur Abwechslung stammen beide Graphen einmal nicht direkt aus einer im Netz auffindbaren Publikation, sondern wurden von mir im renommierten „Haus der Natur“ in Salzburg abfotografiert. Vielleicht gibt es ja da draußen Leute, die zwar leider keinen wissenschaftlichen Publikationen aber immerhin noch Museen Glauben schenken.

Dass der Anstieg der CO2-Konzentration überwiegend vom Menschen ausgeht, sollte einleuchten. All die Kohlekraftwerke, die fossilbetriebenen Fahrzeuge, die Landwirtschaft und mehr blasen genau dieses CO2 (nebst anderen Treibhausgasen) in die Atmosphäre, das hier im Graphen steigt und steigt. Kann man sich nun aber sicher sein, dass das eine (CO2-Konzentration) tatsächlich das andere (Temperaturanstieg) bewirkt? Man kann. Denn die Physik dahinter ist sonnenklar. Man weiß genau durch welche Mechanismen (Stichwort Treibhauseffekt) das steigende CO2 die Temperaturen in die Höhe treibt. Der kausale Folgepfeil der diese beiden Graphen miteinander verbindet, kann bis auf kleinste Detail chemisch und molekularphysikalisch beschrieben werden.

Wer heutzutage immer noch glaubt, dass der Klimawandel nicht menschengemacht (anthropogen) ist, leugnet ganz einfach die Fakten und verabschiedet sich auch von logischer Folgerichtigkeit. Viele heucheln vielleicht auch Unwissen, um sich aus der Verantwortung zu stehlen.

Im Jahre 2023 sehen die Prognosen für die Zukunft jedenfalls trübe aus. Wenn die Emissionen nicht bald drastisch zurückgehen, drohen in diesem Jahrhundert noch vom Klimawandel verursachte, gewaltige globale Umwälzungen, inklusive noch nie dagewesener Fluchtbewegungen, die das Leben der jungen Generation von heute und ihrer Nachkommen deutlich erschweren und gefährden werden.

Die Regierungen dieser Welt tun viel zu wenig, um die nahende(n) Katastrophe(n) abzuwenden. Auch die österreichische. Deshalb ist es gut und richtig, heute auf die Straße zu gehen und für stärkeren Klimaschutz zu demonstrieren. Angesichts der momentan so weit verbreiteten Diffamierungen von Klimaaktivist:innen verdienen die Organisator:innen dieses Streiks größten Respekt.

Sehen Sie sich die Graphen und marschieren Sie mit. Man steht damit auf der richtigen Seite der Geschichte.

What do we want? Climate-Justice.
When do we want it? Now!

Don’t be a fossil fool!

Skolstrejk för Klimatet!

Allgemein

Václav Havel: „Die Macht der Ohnmächtigen“

Die 1978 erschienene Schrift „Die Macht der Ohnmächtigen“ von Václav Havel gehört zu den faszinierendsten politischen Büchern, die je las. Seine umfassende Analyse des Lebens in einem „post-totalitärem“ System ist keinesfalls mit dem Fall des Eisernen Vorhangs und  dem damit einher gehenden demokratischen Wandel obsolet geworden. Ganz im Gegenteil. Auch Havel selbst war längst klar, dass seine Kritik sich ebenso auf die in rigidem Kapitalismus erstarrten Systeme manch parlamentarischer Demokratien anwenden lässt; denn auch in diesen ist das von ihm so gekonnt beschriebene „Leben in Uneigentlichkeit “ – um einen Heidegger’schen Terminus zu entlehnen – an allen Ecken und Enden des täglichen Lebens zu konstatieren. Wonach wir aber streben sollten – und wonach Havel und andere Dissidenten der Charta 77 damals offenbar strebten – ist „living within the truth“, was man auch schlichtweg als „Authentizität“ bezeichnen kann. Post-totalitäre Systeme wie die Ostblockstaaten vor der Wende, aber auch manch kapitalistische Systeme würden diese laut Havel nicht zulassen.

Was „Die Macht der Ohmmächtigen“ so ungemein lesenswert macht, ist, dass die Schrift nicht im Theoretischen verharrt, sondern klare Beispiele hautnah am Leben bietet. Die Geschichte des Gemüsehändlers, der sich nicht traut den leeren politischen Slogan eines erstarrten Systems aus seiner Auslage zu entfernen; die Gedanken des Bierbrauers, dessen Verbesserungsvorschläge an den Mauern von Hierarchie und Bürokratie scheitern; aber auch Havels eigenes Ringen, sich als Theatermacher nicht dem System zu beugen, bieten faszinierende Einblicke in eine Welt, die nicht mehr ist und doch in anderen Formen in vielen Gesellschaften weiterlebt.

In vielerlei Hinsicht erinnert „Die Macht der Ohnmächtigen“ an Henry David Thoreaus wegbereitenden Essay „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“. Auch wenn es viele Unterschiede gibt, lohnt es sich wohl, beide Schriften in rascher Folge zu lesen und zu vergleichen. Auch der Einfluss Heideggers auf das Denken von Václav Havel macht sich immer wieder bemerkbar. Sein nach vielen Jahren des Theaterschaffens ausgefeilter und an Metaphern reicher Schreibstil machen die Lektüre von „Die Macht der Ohnmächtigen“ zum kurzweiligen und erhellenden Genuss. Ein Beispiel wäre die Stelle „There are times when we must sink to the bottom of our misery to see the truth, just as we must descend to the bottom of a well to see the stars in broad daylight.“ Anscheinend unterlag Havel hier dem weit verbreiteten Irrtum, dass man tatsächlich am Tage vom Grund tiefer Brunnen aus die Sterne sehen könnte. Das ist physikalisch gesehen natürlich vollkommener Unsinn. Schön ist die Metapher trotzdem.

Eine frappierende Einsicht, die sich am Ende des Buches auch zeigt, ist die völlige Unberechenbarkeit politischen Wandels. Havel hielt es zu jener Zeit, als er „Die Macht der Ohnmächtigen“ schrieb, wohl für ziemlich unwahrscheinlich, dass kaum mehr als zehn Jahre später eine politische Revolution mehrere Nationen von Grund auf verändern und ihn selbst schließlich zum Staatspräsidenten machen könnte. All das erschien Ende der Siebziger noch völlig aussichtslos, vielleicht ebenso aussichtslos wie der politische Dissens in manchem Land der heutigen Zeit (z.B. im Iran), der womöglich gar nicht so aussichtslos ist und plötzlich zu unerwartetem Wandel führen könnte – einem Wandel, der mehr Freiheit, mehr Selbstbestimmung, mehr Gerechtigkeit und vor allem mehr Authentizität mit sich bringt.

Allgemein

Ein paar Worte zu Russland

Auf dem Facebook-Account eines Familienmitglieds erschien am gestrigen Tage ein geteilter Beitrag, in welchem die Waffenlieferungen an die Ukraine verurteilt werden – und zwar ohne, dass betreffendes Familienmitglied diesen Beitrag je selbst geteilt hätte, da solche Inhalte ganz entschieden nicht seiner Meinung entsprechen.

Die plausibelste Erklärung ist wohl, dass irgendwelche mit Russland sympathisierenden Hacker oder Propaganda-Bots sich in Facebook-Konten mit leicht zu knackenden Passwörtern einloggen und dort gezielt Inhalte platzieren, die dem russischen Kriegserfolg dienlich sind. Es ist schon sehr spannend und auch beängstigend, welche Mechanismen da am Werk sind. Immer wieder kommt es vor – und das wird wohl auch unterhalb dieses Beitrags geschehen – dass ukrainefeindliche Kommentare von Konten gepostet werden, die zwar einheimisch klingen, aber bei näherer Hinsicht Fake sind. Dass sich die russische Propagandamaschinerie aktiv in die letzten beiden US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkämpfe eingemischt hat, ist hinlänglich bewiesen. Dass sie überdies versucht, europakritische Parteien (Rassemblement National, AfD, FPÖ, etc.) zu unterstützten und den europäischen Zusammenhalt zu unterminieren, leuchtet ein. Und nun wird eben gezielt versucht, die öffentliche Meinung gegen die Unterstützung der Ukraine zu richten. Man kann nur hoffen, dass möglichst viele Menschen dieses falsche Spiel durchschauen und mehr auf objektiven Qualitätsjournalismus als auf dubiose Online-Konten und Portale vertrauen.

Diese kläglichen Propagandaversuche sind wohl auch Ausdruck der Verzweiflung eines Regimes, das sich in eine Sackgasse manövriert hat, aus der es nicht mehr herauskommt. Auch das in den letzten Tagen so verbreitete Gerücht, dass jene Nationen, die nun Waffen liefern, selber Kriegsparteien würden, ist schlichtweg falsch. Eine von außen überfallene Nation wie die Ukraine hat nach Artikel 51 der UN-Charta ein Recht auf Selbstverteidigung, bei dessen Wahrnehmung Hilfe von außen legitim und völkerrechtlich vertretbar ist. Aber ganz unabhängig davon, welcher Grenzverlauf am Ende dieses Kriegs herauskommen wird, hat Russland jetzt schon verloren. Die enge wirtschaftliche Verknüpfung nach Europa ist dahin. Nie wieder werden die Gewinne durch den Gasexport das Vorkriegsniveau erreichen. Die Bevölkerungszahlen sinken dramatisch. Hunderttausende Künstler:innen, Journalist:innen, Wissenschaftler:innen und Geschäftsleute haben längst das Land verlassen. Die enge wissenschaftliche Zusammenarbeit mit russischen Universitäten ist dahin. Auch auf Tourist:innen aus westlichen Ländern wird Russland wohl auf lange Jahre verzichten müssen. Russland schadet nicht nur der Ukraine, sondern vor allem sich selbst, seiner Bevölkerung, seinem Ansehen in der Welt und nicht zuletzt seiner Kultur. Als großer Freund der russischen Literatur, als eifriger Leser und Verehrer von Tolstoi, Puschkin, Gogol, Tschechow, vor allem aber Dostojewski blutet mir das Herz in Anbetracht dieses massiven Zugrunderichtens des russischen Ansehens in der Welt. Auch diesen Autoren würde das Herz bluten, vor allem Tolstoi. Doch das Land, das einst Solschenizyn einsperrte und dann vertrieb, fährt weiter fort, Andersdenkende einzusperren, zu dämonisieren und zu diskreditieren. So fern von Europa war Russland noch nie. Schuld hat nicht Europa. Schuld hat nicht das russische Volk. Schuld hat ein Diktator. Wo ist der Chaplin von heute, der es wagt, sich einmal richtig lustig über ihn zu machen?

Hate-Mail Lesung 2022

Das Video zeigt eine humoristische, weihnachtlich angehauchte Lesung ausgewählter Hassbotschaften, die mich im Kalenderjahr 2022 erreicht haben. Sei es mein Engagement pro Covid-Impfung, meine Warnungen vor dem Klimawandel, die Verwendung gender-neutraler Sprache, meine Initiative zur Aufarbeitung der Kufsteiner Heldenorgel oder ganz generell mein kommunalpolitisches Engagement – all dies hat bei einigen unserer Zeitgenoss:innen zu heftigen Reaktionen geführt. Hier ein Best-of der kuriosesten Nachrichten, die mich dieses Jahr erreicht haben.Viel Spaß 🙂

Neuwidmung der Heldenorgel

(Hier der Link zur Videoaufzeichnung der Gemeinderatssitzung der Gemeinde Kufstein November 2022)

Mit Beschluss vom 16.11.2022 distanziert sich der Gemeinderat Kufstein ausdrücklich von jeglichem ethno-nationalistischen, chauvinistischen oder kriegsverherrlichenden Gedankengut, das bei der Erbauung und ursprünglichen Widmung der Heldenorgel eine Rolle gespielt hat. Die Frage, für welche Helden dieses Instrument heutzutage spielt, wird mit folgender Neuwidmung beantwortet, welche auf einer Tafel am Gebäude des Orgelspieltisches im Festungsneuhof wiedergegeben werden soll:

Das Spiel dieser Orgel gelte den Heldinnen und Helden vergangener, gegenwärtiger sowie zukünftiger Zeiten.
Diese Orgel spielt für alle, die dulden, leiden, frieren, hungern oder sterben,
Damit andere nicht dulden, leiden, frieren, hungern oder sterben müssen.
Diese Orgel spielt für jene, die Heldinnen und Helden werden,
Damit andere nicht Opfer sind.

Die Langversion selbiger Neuwidmung soll auf der Homepage der Stadt Kufstein dargestellt und mittels QR-Code auf oben genannter Tafel darauf verwiesen werden:

Neuwidmung der Kufsteiner Heldenorgel

Das Spiel dieser Orgel gelte den Heldinnen und Helden vergangener, gegenwärtiger und künftiger Zeiten.

Sie spielt für den Feuerwehrmann, der sich in die Flammen stürzt, um dich zu finden,
Und für die Bergretterin, die in sternenklarer Nacht frierend unter der Lawine nach dir sucht.
Sie spielt für den Lehrer, der dir inmitten der Zensur noch Wahrheit lehrt,
Und für die Ärztin, die den fallenden Bomben zum Trotz deine Wunden verbindet.

Diese Orgel spielt für unsere Väter und Großväter, die für das Wohl ihrer Kinder manch Opfer erbrachten,
für unsere Mütter und Großmütter, die allen Schwierigkeiten trotzten, um immer für uns da zu sein.
Sie spielt für all jene, die auch in Zeiten ohne Licht und Hoffnung nie den Mut verloren
Und uns zu neuen Taten, neuen Träumen, neuen Anfängen inspirierten.

Diese Orgel spielt für jene, die mit Waffe oder Feder für Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit streiten.
Sie spielt auch für jene, die sich mutig der Waffe verweigern und damit Diktaturen trotzen.
Sie spielt für alle, die Sicherheit schaffen und dabei ihre eigene Sicherheit aufs Spiel setzen,
Und  für jene, die Lügen entlarven und Wissen verbreiten – vor allem dort, wo es verboten ist.

Diese Orgel spielt für die Journalistin, die an den gefährlichsten Orten ihre Reportagen dreht,
Für den Whistleblower, der alles verliert, um dunkle Machenschaft ans Licht zu bringen,
Für die unbekannte Soldatin, die ihr Leben gab, um Völkermorde zu verhindern,
Und für den Offizier, der desertierte, als man ihm befahl, Verbrechen zu begehen.

Diese Orgel spielt für den Jungen, der in den reißenden Strom springt, um ein Kleinkind zu retten,
Und für das Mädchen, das allen Drohungen trotzt und unermüdlich vor der unbequemen Wahrheit warnt.
Diese Orgel spielt für den politischen Gefangenen, der sich dem Regime mit Hungerstreik widersetzt,
Und für die Künstlerin, die vor Ort versucht, die Schlacht mit Friedensliedern zu verhindern.

Diese Orgel spielt für die Demonstrantin, die barhäuptig ihr Leben für Freiheit riskiert
Und für all jene, die sich sehenden Auges in Gefahr begeben, um anderen Gutes zu tun.
Diese Orgel spielt auch für so viele, die in diesen Zeilen zwar ungenannt bleiben,
Und doch vom selben Geist, vom selben Mut, vom selben Glanz beflügelt sind.

Diese Orgel spielt für alle, die dulden, leiden, frieren, hungern oder sterben,
Damit andere nicht dulden, leiden, frieren, hungern oder sterben müssen.
Diese Orgel spielt für jene, die Heldinnen und Helden werden,
Damit andere nicht Opfer sind.

Des Weiteren wurde beschlossen:

Das Lied vom „Guten Kameraden“ kann selbstverständlich zu passenden Anlässen (20. Februar, 8. Mai, Gefallenengedenken, u.a.) gespielt werden. Als tägliches Musikstück steht es mit seinem starken militärischen Kontext aber klar im Widerspruch zur unter Punkt 2) vorgeschlagenen Widmung, welche ja auch Heldinnen und Helden umfasst, die entweder keinen militärischen Bezug haben oder deren Heldentum sich gerade durch ihre Abgrenzung zu Militär und Soldatentum zeigt. Für das Kalenderjahr 2023 soll daher wie vielfach vorgeschlagen die Europahymne am Ende der Mittagskonzerte gespielt werden. In den Folgejahren soll dann wiederum ein anderes Lied ausgewählt werden, damit jedes Jahr unter einem besonderen Motto steht. Dabei werden die Organisten gebeten, im Herbst jedes Jahres drei bis fünf Vorschläge zu machen. Die Kufsteiner Bevölkerung soll dann darüber abstimmen können, welches Lied im jeweiligen Jahr gespielt wird.

In Absprache mit der Festung Kufstein GmbH wird der Leiter der Musikabteilung der Tiroler Landesmuseen, Dr. Franz Gratl mit Absprache des Kufsteiner Heimatvereins beauftragt, die Inhalte der bestehenden Infotafeln zur Orgel im Bürgerturm überarbeiten und zu ergänzen. Auch der Online-Auftritt der Orgel soll auf den entsprechenden Seiten der Festung Kufstein entsprechend angepasst werden. Die Bedeckung für die inhaltliche Gestaltung und Fertigung der beiden Tafeln in der Höhe von max. € 1.300,00 erfolgt dabei aus dem HH-Konto: 1/329000-757000 – „Zuschüsse für Kulturveranstaltungen auf der Festung Kufstein“. Gleichzeitig soll noch eine zusätzliche Tafel über die Friedensglocke in der Partnerstadt Rovereto aufgestellt werden. Rovereto stellt im Gegenzug auch eine Tafel über die Kufsteiner Orgel auf. Die Bedeckung hierfür in Höhe von max.
€ 1.700,00 erfolgt aus dem HH-Konto: 1/063000-729020 „Aufwand für Städtepartnerschaften“.

Der Tod und das Mädchen

Drei Jahre nach Shakespeares „Richard III“ folgt im Mai 2023 meine erst zweite Inszenierung im Theatersaal des Kultur Quartiers – und meine insgesamt 20. Inszenierung eines abendfüllenden Theaterstückes.

Eine Frau und ihr Mann leben in einem Häuschen auf dem Land und versuchen gemeinsam, die traurige Vergangenheit ihres Landes hinter sich zu lassen. Sie haben die Diktatur überlebt, haben viel erdulden müssen und hoffen nun auf einen Neuanfang in der noch jungen Demokratie. Doch dann hat das Auto einen Platten. Der Mann steht allein an der Landstraße und hofft, dass ihn jemand mitnehmen und heimbringen möge. Endlich hält ein Wagen. Der Fahrer ist sehr freundlich, von Beruf Arzt. Man versteht sich sofort. Als aber die Frau seine Stimme hört – die Stimme des netten Doktors, der ihren Mann nach Hause bringt -, brechen dunkle Erinnerungen über sie herein. Obwohl ihre Augen damals fest verbunden waren, glaubt sie in ihm ihren einstigen Peiniger zu erkennen, der ihr vor fünfzehn Jahren in den Gefängnissen der Diktatur Schreckliches angetan hat. Doch ist er es wirklich? Die Frau scheint sich sicher zu sein. Ihr Mann zweifelt daran. Bevor der Arzt noch weiß, wie ihm geschieht, findet er sich gefesselt und geknebelt in der Macht einer Frau wieder, die ihm vorwirft, ein Monster zu sein. Sie will, dass er gesteht. Doch was, wenn er nichts zu gestehen hat?

Ein packender Thriller nimmt seinen Lauf. Im Spannungsfeld von Rache und Selbstjustiz, von Recht und Gerechtigkeit, von Schuld und Vergebung tun sich finstere Abgründe auf. Mit seinen überraschenden Wendungen und seinem psychologischen Tiefgang ist dieses Theaterstück des chilenischen Autors Ariel Dorfman bestimmt nichts für schwache Nerven.

Maria Elisabeth Reitberger steht in der weiblichen Hauptrolle dieses Stückes vor ihrer bisher größten Herausforderung als Schauspielerin. Mit ihren Darbietungen in „Der Krah“, „Rettungsboot an Unbekannt“ oder als Teufel im „Jedermann“ sowie ihrer Regiearbeit bei „Kosmetik des Bösen“ hat sie aber schon reichlich Erfahrung mit abgründigem Bühnengeschehen gesammelt.

Klaus Schneider spielt den freundlichen Arzt, hinter dessen Lächeln sich möglicherweise ein Monster verbirgt. Sein Talent für Nuancen und seinen Facettenreichtum stellte er schon in vielen grundverschiedenen Rollen unter Beweis. In Stücken wie „Cabaret“, „Richard III“, „Sommernachtstraum“, „La Cage aux Folles“ oder „Munde“ bewährte er sich bereits als Nazi, naiver Prinz, prahlerischer Handwerker, affektierter But(t)ler oder muslimischer Gastarbeiter – bunter geht’s kaum. Unvergessen ist aber auch seine Darbietung als „König Ödipus“ am Festungsneuhof.

Klaus Reitberger steht zum ersten Mal seit „Kosmetik des Bösen“ wieder in einer Hauptrolle auf der Bühne und führt gleichzeitig zum 20. Mal Regie bei einem abendfüllenden Theaterstück. „Der Tod und das Mädchen“ hat Potenzial, seine bisher intensivste und dunkelste Inszenierung zu werden – noch abgründiger gar als „Der Weibsteufel“ und „Die Thurnbacherin“.

Weitere Inszenierungen