Robinson: „Das Ministerium für die Zukunft“

Kim Stanley Robinsons Roman „Das Ministerium für die Zukunft“ ist mit Abstand das beste belletristische Werk über den Klimawandel, das ich bisher gelesen habe. Schon lange rätseln Autor:innen aus aller Welt, wie die fiktionale Literatur mit dieser bisher schwersten Herausforderung der Menschheit umgehen soll. Dieser Roman liefert eine Antwort. Schonungslos, packend, schockierend, erschütternd und doch auch nie die Hoffnung verlierend führt er uns durch das mögliche Weltgeschehen der nächsten vierzig Jahre. Man lernt viel in diesem Buch und staunt dabei auch über die fundierte Kenntnis des Autor über alle relevanten wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Zusammenhänge. Ich wüssten nicht, welches belletristische Werk derzeit relevanter wäre als dieses. Bei all dem ist es auch stilistisch schön geschrieben. Besonders die vielen versteckten Shakespeare-Zitate machen Freude.

Ein wunderbar gelungenes Buch. Dieses Gesamtbild können auch die kleinen Fehler, wie die „fürs bloße Auge sichtbare Galaxie im Sternbild Cassiopeia“ (Eine solche gibt es nicht.) oder der Verweis auf die Ballonfahrt in Jules Vernes „In achtzig Tagen um die Welt“ (Diese kommt nur in der Verfilmung vor.) nicht trüben. Nicht wenige der über 700 Seiten haben mich zu Tränen gerührt.

Machen wir weiter! Aber nicht wie bisher.

Gemeinderatsantrag zur Namensgebung der Kufsteiner Brücken

Im Gemeinderat am 7.2. 2024 durfte ich im Namen der Parteifreien und der Kufsteiner Grünen folgenden von mir verfassten Antrag stellen:

 „Historisch bedeutsame Frauennamen im Kufsteiner Stadtbild“

Der Gemeinderat möge beschließen:

Um historisch bedeutsamen Frauen in der Geschichte Kufsteins eine stärkere Repräsentation im öffentlichen Raum zu geben, werden folgende zehn Brücken im Gemeindegebiet der Stadt Kufstein gemäß untenstehender Auflistung umbenannt. Eine an der jeweiligen Brücke angebrachte Tafel soll in weiterer Folge an die entsprechende Person erinnern.

  • „Klemmerbrücke“ –> „Sieghilde Pirlo-Hödl Brücke“ – in Erinnerung an die bekannte Bildende Künstlerin (1905-1978)
  • „Wagingerbrücke“ –> „Therese Zöttl Brücke“ – in Erinnerung an die Verlegersgattin und Kufsteiner Foto-Ikone (1865-1923)
  • „Fußgängerbrücke Innpromenade“ –> „ Friederikenbrücke“ – in Erinnerung an die Legende von der Asche Friederikens (gest. 1839)
  • „Brücke über die Wildbichlerstraße“ –> „Theroigne de Mericourt-Brücke“ – in Erinnerung an die auf der Festung Kufstein gefangen gehaltene „Amazone der Französischen Revolution (1762-1817)
  • „Stadtbrücke über den Inn“ –> „Margaretenbrücke“ – in Erinnerung an Margarete von Tirol (1318-1369), aufgrund deren Vermählung die Stadt Kufstein im Jahre 1342 erstmals ein Teil von Tirol wurde
  • „Kienbachbrücke“ –> „Kreszenz Huber-Brücke“ – in Erinnerung an die bekannte Kaisertalbotin und Kräutersammlerin (1822-1902)
  • „Stadtzufahrtsbrücke“ –> „Blanka Teleki-Brücke“ – in Erinnerung an die ungarische Frauenrechtlerin, die jahrelang auf der Festung Kufstein gefangen war (1806-1862)
  • „Innsteg“ –> „Berta Geist-Brücke“ – in Erinnerung an die Geschäftsfrau Berta Geist (gest. 1941) als letzte Repräsentantin des jüdischen Lebens in Kufstein vor dem 2. Weltkrieg
  • „Brücke über die Weißache“ –> „Marie Eder-Brücke“ – in Erinnerung an die aus Kufstein stammende Opernsängerin (1824-1908)
  • „Fußgänger- und Radwegbrücke Kufstein West“ –> „Franziska Kinz Brücke“ – in Erinnerung an die einst weltbekannte Schauspielerin und Tierschützerin aus Kufstein (1897-1980)

Begründung:

Derzeit gibt es in der Stadt Kufstein laut Grundbuch rund achtzig Straßen und Plätze, die nach Männern benannt sind. Dem gegenüber stehen lediglich drei Straßen, deren Namensgeberinnen weiblich sind. Es sind dies die Luise Fankhauser-Straße, die Aloisia Bodner Straße und der Adele Stürzl-Weg.

Um dieser historischen Ungerechtigkeit, die den Zeitgeist früherer Jahrzehnte und Jahrhunderte in die Gegenwart trägt, entgegenzuwirken, sollte jede Maßnahme willkommen sein, die mehr weibliche Präsenz ins Stadtbild bringt. In der Historie Kufsteins gibt es noch viele herausragende Frauen, die sich eine Erwähnung verdient hätten.

Da es nun aber nicht praktikabel ist, bestehende Straßenbezeichnungen zu ändern und es weiters auch nicht ausreicht, abzuwarten, bis neue Straßen und Wege entstehen, steht man hierbei scheinbar vor einer unlösbaren Aufgabe. Wie mehr Frauennamen ins Stadtbild bringen, wenn bestehende Bezeichnungen erhalten bleiben müssen und kaum neue Straße entstehen?

Zu diesem Problem gibt es eine hervorragende Lösung, die neulich von einem Mitarbeiter der Stadt Kufstein vorgeschlagen wurde. Die Antwort lautet: unsere Brücken.

Die Stadtgemeinde Kufstein verfügt über 10 Hauptbrücken und 35 Nebenbrücken – insgesamt 45 Brücken also. Diese führen über Bäche, über Straßen, ein paar natürlich auch über den Inn. Und alle haben sie hinreichend nichtssagende Namen wie „Fußgängerbrücke Innpromenade“, „Stadtzufahrtsbrücke“, „Innsteg“, „Fußgänger- und Radwegbrücke Kufstein West“ oder auch „Stadtbrücke über den Inn“.

Was spricht also dagegen, einigen dieser Brücke schillernde, klingende Namen zu geben, die an bedeutende Frauen in unser Vergangenheit erinnern? Begleitend zu dieser Umbenennung  von Brücken, wäre es als Zusatzprojekt zielführend, ebendort jeweils eine Bildtafel anzubringen, die in Bildern und Worten an die jeweiligen Frauen erinnert.

Keine Änderung kann es natürlich an den Namen jener Brücken geben, die unter Verwaltung des Bundes oder Landes stehen (z.B. Wendlinger Brücke, Wildbichler Brücke).

Schlaf gut, liebe Burg!

Heute, bei traumhaften Wetter, erleben wir den allerletzten Tag des dritten Jahres unser Kufsteiner Lichtfestivals. Und an seinem Ende will ich sagen: Schlaf gut, liebe Burg! Es war mir eine große Freude und eine Ehre, dir drei Winter lang eine Stimme schenken zu dürfen, dich aufzuwecken, dir eine Persönlichkeit zu verleihen und dich zu vielen Menschen aus nah und fern sprechen zu lassen. Manch schöne Geschichte haben wir gemeinsam erzählt und manch eine Träne fließen lassen, bei Regen, Wind, Schneefall und Mondenschein. Wie bereits angekündigt, ziehe ich mich nun aus dem Projekt Lichtfestival zurück und will mich künstlerisch wieder anderen Dingen zuwenden. Ich bin aber schon gespannt, auf welche Weise unsere Burg das nächste Mal mit Licht zum Leben erweckt wird – und was sie uns wohl erzählen wird. Meine Worte werden es nicht mehr sein. Was bleibt, sind viele schöne Erinnerungen. Vielen Dank an alle, die dieses Projekt, dessen Bilder um die Welt gingen, möglich gemacht haben.

Eine Inszenierung entsteht …

Die fünf Tage vom 24. bis zum 28. Dezember 2023 werden mir als ganz besonderes Erlebnis in Erinnerung bleiben. Fünf bis sieben Stunden täglich brachte ich dabei zu, je einen der fünf Akte Hamlets zu kürzen, zu bearbeiten und für unser Kufsteiner Publikum genießbar zu machen. Ich verglich die Originaltexte mit unterschiedliche Übersetzungen ins Deutsche, studierte manche Aufnahme von Produktionen in England und anderswo, recherchierte Hintergründe und die Bedeutungen alter Redewendung.

Wie ein Stück, das ungekürzt und in verträglichem Tempo gespielt über fünf Stunden dauern würde, auf die Hälfte dieser Zeit herunterkürzen? Welche Übersetzung soll man wählen? An welchen Stellen darf man etwas freier übertragen? Auf welche Aspekte der unglaublich komplexen Handlung soll man den Fokus setzen? Wie soll man eine vierhundert Jahre alte Sprache für modernes Publikum verständlich und zugleich auch spannend gestalten, ohne dabei auf den Charme und Klang der Shakespeare’schen Poesie zu sehr verzichten zu müssen? Wie passt das Stück auf die Bühne unseres Kultur Quartiers?

Nach „Viel Lärm um Nichts“ (2008), „Ein Sommernachtstraum“ (2019) und „Richard III“ (2020) ist dies mein viertes Shakespeare-Stück, das ich in Kufstein inszeniere. Ich habe „Hamlet“ wohl schon in acht verschiedenen Produktionen auf Deutsch und Englisch gesehen, das Stück immer wieder mal gelesen, mich mit reichlich Sekundärliteratur vertraut gemacht – und doch: Es war erstaunlich, wie viel Neues man entdeckt, wenn man den ganzen überlieferten Text (sei’s Folio, sei’s Quarto) Zeile für Zeile durchgeht, überprüft, vergleicht und dann entscheidet, was sich wann und wie genau in unserer Kufsteiner Fassung wiederfinden soll. Zurecht wird dieses Stück fast immer zuallererst genannt, wenn man die bedeutendsten Theaterstücke der Weltliteratur listen will. „Hamlet“ ist einzigartig, ist wunderbar, ist unnachahmlich – und je mehr man sich damit beschäftigt, desto höher schätzt man den Shakespeare’schen Genius, der in diesem Stück in reinster Form zu Tage darin. Auch die Passion für das Theater, die dieser Künstler in sich trug, wird darin offenbar. Das „Stück im Stück“ – die Szene mit dem fahrenden Theatervolk – beinhaltet sogar eine heute noch gültige Anleitung guten Theaters, die sich mit vielen Ansätzen der Gegenwart deckt: „Natürlich“ spielen, nicht übertreiben, wahrhaftig sein in einer Welt der Fantasie.

Jetzt bin ich durch. Die Rohform steht. Über 30.000 Wörter wurden auf knapp über die Hälfte heruntergestrichen. Szenenfolgen wurden leicht geändert, Geschlechter vertauscht, Rollen gestrichen, nicht mehr verstehbare Anspielungen durch Anspielungen auf Zeitgenössisches ersetzt. Und bei allen Änderungen folgte ich doch stets dem gefühlten Credo, dass mein Eingriff nur so weit gehen darf, als der Autor damit einverstanden wäre. Gewiss lässt sich Shakespeare nicht mehr fragen, doch alles, was ich von ihm weiß, lässt mich doch hoffen, dass er wohl seine Freude hätte, mit dem, was ich aus seinem Stück gemacht.

Wenn die erste Probe beginnt, ist die Hälfte aller Arbeit schon getan. Die vergangenen fünf Tage waren mir jedenfalls eine ungeheure Freude und ein einzigartiges, intensives Erlebnis. Und morgen werd ich Skifahren gehen. Der Rest ist Schweigen.

Budget-Rede 2023

In meiner Rede im Budget-Gemeinderat vom Dezember 2023 versuchte ich neben Kritik an der Argumenten der Opposition auch ein bisschen Philosophie einfließen zu lassen. Auch ein Jahresrückblick auf meine jüngsten Aktivitäten als Kulturreferent ist darin enthalten.

Klimastreik 2023

Schön war es, gemeinsam mit meiner Frau einmal mehr am Klimastreik in Kufstein teilzunehmen. Vielen Dank an die engagierten Organisator:innen.

Und hier ist mein Text, den ich auf der Bühne im Stadtpark vorgetragen. Einige Menschen haben mich danach gefragt. Hier können sie ihn sehen, kopieren, wiederverwenden – wie es ihnen beliebt.

Warum wir hier stehen
Warum wir nicht schweigen
Warum wir uns rühren
Und laut demonstrieren
Das hat viele Gründe
Die es gilt zu benennen
Die es gilt zu verstehen
Und damit zu sehen
Dass vieles sich verändern ließe
Wenn nur mehr von uns es wollen würden.

Wir sind hier …
Weil zu viele gerne glauben, dass alles bleiben kann, wie es ist, wo dieses Verharren im Bewährten doch Zukunft zerfrisst.

Wir sind hier …
Weil zu viele nicht verstehen, dass dies mehr als eine Krise ist, die der Wind rasch weht, weil dahinter schon die nächste steht.

Wir sind hier …
Weil zu viele die Wissenschaft für ein Märchen halten und gleichzeitig an Märchen glauben, die unzähligen ihr Leben rauben.

Wir sind hier …
Weil zu viele nicht begreifen, dass wir nicht Herren dieser Erde sind, sondern ihre Kreaturen, die wie alle anderen Tiere Teil des Baums des Leben sind.

Wird sind hier …
Weil die Eigenfrequenzen von Kohlendioxidmolekülen in genau jenem Infrarotbereich liegen, den unsere Erde emittiert, und sich so aufgrund von Absorption und isotroper Emission ihre Wärme nicht mehr im All verliert, sondern immer wieder kommt. Mit jedem part per million mehr, heizt sich die Welt ein Stück mehr auf, verschieben sich die Klimazonen, häufen sich die Wetterlagen der Extreme und ständig schreit die Welt neu auf … und immer noch sind viele blind und sehen all die Zeichen nicht.

Wir sind hier …
Weil wir Leben retten wollen, menschliches und nicht-menschliches.

Wir sind hier …
Weil wir Fluten, Dürren, Hungersnöte, Hitzewellen, Epidemien und die Folgen davon: Artensterben, Gletscherschmelze, klimabedingte Fluchtbewegungen nicht wollen.

Wir sind hier …
Weil immer noch viel zu wenig geschieht. Weil viel zu viele all dies ins Lächerliche ziehen und uns schmähen, anstatt aufrecht und wach an unserer Seite zu stehen.

Wir sind hier …
Weil wir müssen. Weil wir wissen, dass wenn niemand etwas tut, bald niemand mehr etwas tun kann. Und das wollen wir verhindern. Für uns. Für die Menschheit. Für alle Lebewesen dieser Welt. Meinetwegen auch für die Gletscher.

Seien wir wach, wo andere schlafen. Blicken wir den Fakten ins Gesicht, anstatt wohlbekömmlichen Lügen zu glauben, die uns einreden wollen, dass alles so weitergehen kann wie bisher. Denn so ist es nicht. Wir haben die Wissenschaft, wir haben die Vernunft, wir haben die Nachwelt auf unserer Seite. Und bald schon kann aus dem Gegenwind ein Rückenwind werden. Machen wir weiter. Bleiben wir laut. Die Zukunft wird es uns danken. Und ich danke euch.

Von Forschung zu Schule: ein Plädoyer für den Quereinstieg

Beinahe wöchentlich wird inzwischen berichtet, wie der Lehrkräftemangel – vor allem in den MINT-Fächern – Österreichs Schulen vor immer größere Herausforderungen stellt. Vielleicht vermag ja dieser kurze Erfahrungsbericht eines Quereinsteigers, den ein oder anderen in der Wissenschaft tätigen Menschen dazu zu motivieren, es zumindest zeitweise mit dem Schulunterricht zu versuchen. Man erweist damit nicht nur der Gesellschaft einen großen Dienst – sondern auch sich selbst.

Es ist noch nicht lange her, da hatte ich eine gut bezahlte PostDoc Stelle an einer österreichischen Universität. Ich fühlte mich wohl in meinem Forschungsgebiet, in dem ich seit meiner Zeit als Doktorand ein halbes Dutzend Publikationen in renommierten Fachzeitschriften untergebracht hatte. Ich leitete Proseminare und Praktika, hielt Vorlesungen, reiste auf Konferenzen von Kalifornien bis Japan, wühlte in den Daten eines Weltraumteleskops und ließ große Computer-Cluster meine Simulationen durchrechnen. Die Weichen waren gestellt, um mich früher oder später zu habilitieren und mich dauerhaft in der akademischen Welt einzurichten. Doch dann wählte ich einen anderen Weg. Ich begann an einer Schule Physik zu unterrichten, später auch Philosophie und Theater. Schließlich ließ ich mein Forscherdasein vollends ruhen und erkor die Schule zu meinem dominanten Tätigkeitsgebiet. Trotz schlechterer Bezahlung und höherem Arbeitsaufwand. Warum?

Ein Grund unter mehreren mag wohl sein, dass der Lehrkräftemangel damals schon ein Thema war, welches mich zum Nachdenken brachte. Die Wissenschaft ist wichtig. Hier fühlte ich mich wohl. Und doch wollte ich auch darauf vertrauen können, dass an unseren Schulen ausreichend qualifizierte Lehrkräfte vorhanden sind, um in den Herzen der Forscher:innen von morgen die Begeisterung für die Naturwissenschaften zu wecken. Der Gedanke daran, dass z.B. manch junge Curie oder manch junger Bohr vielleicht nie den Weg in die Physik fänden, da unmotivierte oder gar fachfremde Lehrkräfte ihnen diese Disziplin verleideten, betrübte mich. Ein paar Auftritte bei Science Slams und einige populärwissenschaftliche Vorträge hatten mir gezeigt, dass ich nicht untalentiert darin war, komplexe Zusammenhänge anschaulich und mit der nötigen Passion zu erklären. Konnte ich der Wissenschaft in Summe vielleicht mehr dienen, wenn ich – anstatt selber weiter an irgendwelchen Energiespektren von Doppelsternen zu forschen – eine Schar von jungen Menschen dazu motivierte, selbst eine universitäre Laufbahn einzuschlagen? Zumindest versuchen wollte ich es.

Heute kann ich sagen: Ich bin sehr froh darum, diesen Weg gewählt zu haben. Inzwischen habe ich fünf Jahrgänge faszinierender junger Menschen jeweils vier Jahre lang bis zu ihrem Schulabschluss begleitet. Dass mein Unterricht zwar nicht für alle, aber für viele inspirierend und bereichernd war, haben mir zahlreiche Rückmeldungen immer wieder bestätigt. Aber auch ich selbst wurde und werde durch die Arbeit mit diesen jungen Menschen immer wieder inspiriert und bereichert. Ich zeigte ihnen durchs Teleskop den Sternenhimmel, nahm sie mit auf Vorträge von Nobelpreisträgern, organisierte Projektwochen zum Klimawandel, begeisterte sie für Astro- und Teilchenphysik. Ich stand stolz daneben, als sie für ihre von mir betreuten vorwissenschaftlichen Arbeiten Preise abräumten. Mit vielen ehemaligen Schülerinnen und Schülern bin ich noch in Kontakt. Nicht wenige haben den Weg in die Wissenschaft gefunden. Das Lehrerdasein ist nicht immer leicht. Aber es ist schön, erhebend und lebensbereichernd. Die tägliche Konfrontation mit heranwachsenden Geistern hält jung und fordert dazu auf, die Welt aus immer neuen Perspektiven zu betrachten. Ich habe es nie bereut, diesen Weg gewählt zu haben und ich möchte dazu aufrufen, dass auch andere Wissenschaftler:innen einen Schritt in diese Richtung tun.

Denn was wäre denn die Alternative? Wollen wir wirklich in einer Welt leben, in der die Qualität des naturwissenschaftlichen Unterrichts an Schulen aufgrund massiven Mangels engagierter Lehrkräfte weiterhin sinkt? Es wäre dies eine Welt, in der immer weniger Menschen Verständnis für kritisches, wissenschaftliches Denken aufbrächten, da ihnen die dazu nötigen Konzepte nie vermittelt wurden. In so einer Welt würden die Lügenmärchen von Verschwörungstheorien und Esoterik noch viel leichter um sich greifen, da den Menschen die Abwehrmechanismen dafür fehlen. Letztlich würden wohl jene gesellschaftlichen Kräfte obsiegen, die das Vertrauen in Universitäten und wissenschaftliche Institutionen unterminieren und ihnen längerfristig die Freiheit der Forschung unmöglich machen sowie die dazu nötigen Geldmittel verwehren. In anderen Worten: Wenn sich die Wissenschaft nicht stärker darum bemüht, nicht nur Forscher:innen sondern auch Lehrkräfte heranzubilden, so fällt dieses Versäumnis letztlich auf sie selbst zurück.

Die Wissenschaft ist ein Lampe, mit der wir ins Dunkel des noch Unverstandenen hineinleuchten. Das Handhaben dieser Lampe ist eine wichtige Aufgabe. Zu manchen Zeiten aber ist es wichtiger, sich darum zu kümmern, dass die Lampe nicht flackert oder gar erlischt. Dafür sorgt guter naturwissenschaftlicher Unterricht an unseren Schulen.

Neulich im Museum

Neulich, als ich durch die beeindruckenden Schauräume des Museo de la Ciencias in Valencia flanierte, dachte ich daran, wie gut es den vielen Klimawandelleugner:innen doch tun würde, einmal wieder ein halbwegs passables Wissenschaftsmuseum zu besuchen.

Dazu muss man gar nicht weit fahren. Auch das Deutsche Museum in München, das Haus der Natur in Salzburg, das Naturhistorische Museum in Wien, ja sogar Stift Melk, haben hervorragende Exponate und Schautafeln, die die Physik des anthropogenen Klimawandels anschaulich und nachvollziehbar erklären und deren mehr als ernstzunehmendes Bedrohungspotential mit eindrucksvollen Vergleichen untermauern.

Dort würden diese Leute erkennen, dass jene Darstellung, die sie immer wieder der angeblich „linken Lügenpresse“ zuschreiben, auch von vielen namhaften Museen – und von der universitären Lehre sowieso – geteilt wird und schlichtweg einhelliger Konsens aller qualifizierten Institutionen ist.

Aber leider – Museen besuchen diese Leute nur selten. Sie basteln sich aus Netzfunden unqualifizierter Provenienz versatzstückhaft ihre eigene Realität; lesen aus Statistiken heraus, was gar nichts drin steht; bedienen sich wiederholt des Argumenti ad hominem ohne dieses als logischer Fehlschluss zu erkennen; springen ohne logische Folgerichtigkeit von einem Thema zum anderen und suggerieren ernsthaft, dass zig Qualitätsmedien, wissenschaftliche Journale, Museen, Universitäten und Regierungen sich einhellig miteinander verschworen hätten, um der Welt eine fiktive Bedrohung vorzugaukeln.

Dabei reicht schon ein klein wenig naturwissenschaftliche Bildung und Recherche, um zu erkennen, dass dem nicht so ist. Aber Recherche dient manchen anscheinend nur dazu, die eigenen Vorurteile zu untermauern anstatt sie in Frage zu stellen. Der damit einhergehende Confirmation Bias macht blind für alles, was die eigene vorgefasste Meinung bedrohen könnte. Dazu finden sich in den Kommentarzeilen vieler meiner Beiträge anschauliche Beispiele.

Ich empfehle, es mit Humor zu nehmen, gerade deshalb weil die Lage ernst ist. Die Leugner:innen des anthropogenen Klimawandels sind glücklicherweise eine Minderheit geworden. Man sollte sich von ihnen nicht die Laune verderben lassen, sondern sie als alltägliche Unterhaltung empfinden – so wie ein mäßig gutes Meme, das in etwas anderer Art und Weise immer wieder denselben Nonsens erzählt, gelegentlich aber auch mal so richtig lustig ist.

Salman Rushdie: Victory City

Gefragt, welcher Ort mich auf meiner viermonatigen Reise durch Indien in den Jahren 2014/15 am meisten beeindruckte, habe ich öfters die Ruinenstadt Hampi im südlichen Bundesstaat von Karnataka genannt. Dort liegen die Ruinen der Hauptstadt des einstigen hinduistischen Großreichs von Vijayanagara, welches von etwa 1343 bis 1565 bestand und schließlich von einer Allianz verfeindeter Sultanate zerschlagen wurde. Man weiß nur sehr wenig über dieses Reich – das meiste von frühen portugiesischen Händlern, die es damals von Goa aus schon besuchten und der übrigen Welt davon Kunde taten. Ich weiß noch gut, wie mich damals vor zehn Jahren bei meiner Recherche die Geschichte von Vijayanagara faszinierte – und wie ich tagelang durch die Ruinen von Hampi am Tungabadhra-Fluss streifte und zutiefst beeindruckt war von dieser Stätte, ihren Ruinen, ihren unerschrockenen Hanuman-Languren und ihrer Geschichtsträchtigkeit.

An den Gesichtern anderer Reisender konnte man ablesen, dass auch sie dieser Ort nicht kalt ließ. Wie schön zu wissen, dass auch Salman Rushdie seit Langem für die Geschichte Vijayanagaras entbrannte. Gerade noch rechtzeitig vor dem beklagenswerten Attentat auf sein Leben stellte er seinen neusten Roman „Victory City“ fertig, welcher im Grunde nichts anderes ist als eine semi-fiktive Chronik jenes Reiches – von seiner Gründung bis zu seiner Vernichtung. All die genannten Könige und politischen Umbrüche sind historisch. Fiktiv ist die Gestalt der Gründungs(halb)göttin Pampa Kampana, die mit Zauberkräften und Langlebigkeit gesegnet die Jahrhunderte überdauert und die Geschichte ihrer Stadt von Anfang bis Ende begleitet. Vor diesem Hintergrund entspannt Rushdie seinen üblichen Themen, die er nicht müde wird wieder und wieder in seinen Werken einzuflechten. Er warnt vor religiöser Intoleranz, beklagt, wie leicht es ist, eine offene Gesellschaft zu zerschlagen. Er fordert die Gleichheit der Geschlechter und zeigt auf, wie sehr strukturelle Ungleichheiten alle Ebenen der Gesellschaft durchziehen. Sein Stil des magischen Realismus entfaltet wieder einmal wunderbare Blüten.  Obwohl „Victory City“ an Umfang und Wortgewalt keinesfalls mit Rushdies Frühwerk (vor allem Midnight’s Children) mithalten kann, so zeigt es doch auf, dass seine Stimme immer noch laut und klar ist – und dass man ihn gerade jetzt wieder lesen und neu entdecken sollte.

Und vielleicht sollte man dann auch nach Karnataka reisen und Hampi besuchen. Nach der Lektüre von „Victory City“ wird es man es wieder neu und ganz anders erleben und im Schatten seiner roten Felsen, die so viel erlebt haben, bestimmt erhebende Momente erleben. Ich jedenfalls will da irgendwann in meinem Leben unbedingt noch einmal hin.

Allgemein