Neulich im Museum

Neulich, als ich durch die beeindruckenden Schauräume des Museo de la Ciencias in Valencia flanierte, dachte ich daran, wie gut es den vielen Klimawandelleugner:innen doch tun würde, einmal wieder ein halbwegs passables Wissenschaftsmuseum zu besuchen.

Dazu muss man gar nicht weit fahren. Auch das Deutsche Museum in München, das Haus der Natur in Salzburg, das Naturhistorische Museum in Wien, ja sogar Stift Melk, haben hervorragende Exponate und Schautafeln, die die Physik des anthropogenen Klimawandels anschaulich und nachvollziehbar erklären und deren mehr als ernstzunehmendes Bedrohungspotential mit eindrucksvollen Vergleichen untermauern.

Dort würden diese Leute erkennen, dass jene Darstellung, die sie immer wieder der angeblich „linken Lügenpresse“ zuschreiben, auch von vielen namhaften Museen – und von der universitären Lehre sowieso – geteilt wird und schlichtweg einhelliger Konsens aller qualifizierten Institutionen ist.

Aber leider – Museen besuchen diese Leute nur selten. Sie basteln sich aus Netzfunden unqualifizierter Provenienz versatzstückhaft ihre eigene Realität; lesen aus Statistiken heraus, was gar nichts drin steht; bedienen sich wiederholt des Argumenti ad hominem ohne dieses als logischer Fehlschluss zu erkennen; springen ohne logische Folgerichtigkeit von einem Thema zum anderen und suggerieren ernsthaft, dass zig Qualitätsmedien, wissenschaftliche Journale, Museen, Universitäten und Regierungen sich einhellig miteinander verschworen hätten, um der Welt eine fiktive Bedrohung vorzugaukeln.

Dabei reicht schon ein klein wenig naturwissenschaftliche Bildung und Recherche, um zu erkennen, dass dem nicht so ist. Aber Recherche dient manchen anscheinend nur dazu, die eigenen Vorurteile zu untermauern anstatt sie in Frage zu stellen. Der damit einhergehende Confirmation Bias macht blind für alles, was die eigene vorgefasste Meinung bedrohen könnte. Dazu finden sich in den Kommentarzeilen vieler meiner Beiträge anschauliche Beispiele.

Ich empfehle, es mit Humor zu nehmen, gerade deshalb weil die Lage ernst ist. Die Leugner:innen des anthropogenen Klimawandels sind glücklicherweise eine Minderheit geworden. Man sollte sich von ihnen nicht die Laune verderben lassen, sondern sie als alltägliche Unterhaltung empfinden – so wie ein mäßig gutes Meme, das in etwas anderer Art und Weise immer wieder denselben Nonsens erzählt, gelegentlich aber auch mal so richtig lustig ist.

Salman Rushdie: Victory City

Gefragt, welcher Ort mich auf meiner viermonatigen Reise durch Indien in den Jahren 2014/15 am meisten beeindruckte, habe ich öfters die Ruinenstadt Hampi im südlichen Bundesstaat von Karnataka genannt. Dort liegen die Ruinen der Hauptstadt des einstigen hinduistischen Großreichs von Vijayanagara, welches von etwa 1343 bis 1565 bestand und schließlich von einer Allianz verfeindeter Sultanate zerschlagen wurde. Man weiß nur sehr wenig über dieses Reich – das meiste von frühen portugiesischen Händlern, die es damals von Goa aus schon besuchten und der übrigen Welt davon Kunde taten. Ich weiß noch gut, wie mich damals vor zehn Jahren bei meiner Recherche die Geschichte von Vijayanagara faszinierte – und wie ich tagelang durch die Ruinen von Hampi am Tungabadhra-Fluss streifte und zutiefst beeindruckt war von dieser Stätte, ihren Ruinen, ihren unerschrockenen Hanuman-Languren und ihrer Geschichtsträchtigkeit.

An den Gesichtern anderer Reisender konnte man ablesen, dass auch sie dieser Ort nicht kalt ließ. Wie schön zu wissen, dass auch Salman Rushdie seit Langem für die Geschichte Vijayanagaras entbrannte. Gerade noch rechtzeitig vor dem beklagenswerten Attentat auf sein Leben stellte er seinen neusten Roman „Victory City“ fertig, welcher im Grunde nichts anderes ist als eine semi-fiktive Chronik jenes Reiches – von seiner Gründung bis zu seiner Vernichtung. All die genannten Könige und politischen Umbrüche sind historisch. Fiktiv ist die Gestalt der Gründungs(halb)göttin Pampa Kampana, die mit Zauberkräften und Langlebigkeit gesegnet die Jahrhunderte überdauert und die Geschichte ihrer Stadt von Anfang bis Ende begleitet. Vor diesem Hintergrund entspannt Rushdie seinen üblichen Themen, die er nicht müde wird wieder und wieder in seinen Werken einzuflechten. Er warnt vor religiöser Intoleranz, beklagt, wie leicht es ist, eine offene Gesellschaft zu zerschlagen. Er fordert die Gleichheit der Geschlechter und zeigt auf, wie sehr strukturelle Ungleichheiten alle Ebenen der Gesellschaft durchziehen. Sein Stil des magischen Realismus entfaltet wieder einmal wunderbare Blüten.  Obwohl „Victory City“ an Umfang und Wortgewalt keinesfalls mit Rushdies Frühwerk (vor allem Midnight’s Children) mithalten kann, so zeigt es doch auf, dass seine Stimme immer noch laut und klar ist – und dass man ihn gerade jetzt wieder lesen und neu entdecken sollte.

Und vielleicht sollte man dann auch nach Karnataka reisen und Hampi besuchen. Nach der Lektüre von „Victory City“ wird es man es wieder neu und ganz anders erleben und im Schatten seiner roten Felsen, die so viel erlebt haben, bestimmt erhebende Momente erleben. Ich jedenfalls will da irgendwann in meinem Leben unbedingt noch einmal hin.

Allgemein

Neulich im Gemeinderat

Video Link

Antrag gemäß §41 TGO an den Gemeinderat der Stadt Kufstein

Antragstellende:
Die Parteifreien
Kufsteiner Grüne

 „Ukrainische Partnerstadt“

Der Gemeinderat möge beschließen:

Gemäß der Resolution „Hilfe für ukrainische Gemeinden“ des Österreichischen Gemeindebundes vom 28. Juni 2022 und über Vermittlung der Initiative „Cities 4 Cities, united 4 Ukraine“ verpflichtet sich die die Stadtgemeinde Kufstein dazu, alle nötigen Schritte einzuleiten, um eine Paten- oder Partnerschaft mit einer geeigneten ukrainischen Stadt einzugehen. Der Städtepartnerschaftsbeauftragte soll dazu unter den über 100 ukrainischen Gemeinden, deren Kontakte, Bedürfnisse und Detailinformationen auf der Plattform „Cities 4 Cities“ gelistet sind, anhand Größe, geographischer Lage und anderer Kriterien eine geeignete Gemeinde vorschlagen, mit den dortigen Vertreter:innen in Kontakt treten und noch vor Ende Oktober eruieren, wie Kufstein am besten Hilfe leisten kann und welche Mittel dafür im Budget des Jahres 2024 vorzusehen sind.

Begründung:

Auch wenn die täglichen Meldungen uns zuweilen abstumpfen lassen und der fortdauernde Wahnsinn schon wie Routine erscheint, sollten wir nie vergessen, wie skandalös und verwerflich der völkerrechtswidrige Angriffskrieg ist, den das russische Regime gegen die Ukraine führt. Es ist gut und richtig, Solidarität zu zeigen. Dass vor dem Kufsteiner Rathaus die Ukrainische Flagge weht, ist ein wichtiges Symbol. Dass unsere Heldenorgel schon mehrmals die Ukrainische Hymne spielte ist ein ebenso bedeutendes Zeichen. Aber wir können mehr tun.

Der Österreichische Gemeindebund rief vor Kurzem in einer Resolution zur Knüpfung von Partnerschaften mit ukrainischen Gemeinden auf. Mittels der Initiative „Cities 4 Cities, United 4 Ukraine“ ist es ein Leichtes, Kontakte mit ukrainischen Orten geeigneter Größe zu knüpfen. Über 100 verschiedene Gemeinde stehen dort zur Auswahl, z.B. die ostukrainische Gemeinde Rohan, nahe Charkiw gelegen, die unmittelbar Bombardement und Besatzung ausgesetzt war oder die westukrainische Stadt Bereschany, die indirekt stark unter dem Krieg leidet, viele Binnenflüchtende beherbergt und deren Bürgermeister 17 Jahre in Österreich gelebt hat. Beispiele wie diese gibt es noch viele. Es wäre ein Leichtes, hier eine Stadt zu finden, die ähnlich groß wie Kufstein ist und der man gezielt unter die Arme greifen kann.

Wir möchten daran erinnern, dass Kufstein selbst eine Stadt ist, die, als sie nach dem 2. Weltkrieg am Boden lag, von anderswo Hilfe erfahren hat, nämlich aus unserer heutigen Partnerstadt Frauenfeld. Auch uns wurde geholfen. Nun ist es an uns zu helfen.

Wir möchten aber auch daran erinnern, dass Kufstein vor allem der Westukraine historisch sehr verbunden ist. Am Friedhof in Zell ruhen einstige Kaiserjäger, die im 1. Weltkrieg in eben jener Region ihr Leben ließen. Der Tiroler Kameradschaftsbund betreut z.B. auch westukrainische Soldatenfriedhöfe, wo nicht wenige Tiroler und wohl auch Kufsteiner begraben liegen. Uns verbindet vieles.

Wie könnte unsere Hilfe für eine ukrainische Partnerstadt konkret aussehen? Wir könnten etwa helfen, vor Ort für ukrainische Binnenflüchtende, die aus dem Osten in den Westen des Landes fliehen mussten, eine Schule oder Unterkünfte mit aufzubauen. Wir könnten logistisch dabei helfen, die Stromversorgung auch den nächsten Winter über aufrecht zu erhalten. Wir könnten Kriegswitwen, Kriegswitwer und Kriegswaisen nach Kufstein einladen und ihnen ein paar Monate Erholung schenken, in etwa so wie es damals auch Frauenfeld gemacht, als Kinder aus Kufstein für die Sommermonate in die Schweiz eingeladen wurden. Es gibt sehr viel, was wir tun können. Logistisch, materiell, finanziell und karikativ.

In Anbetracht all dieser Möglichkeiten sollten wir uns historisch und moralisch ermutigt fühlen, hier Initiative zu ergreifen und anderen Gemeinden und Städten beispielhaft voranzugehen. Nicht nur Staaten können in Zeiten wie diesen Initiativen setzen und Europa gestalten. Auch Städte wie die unsere können dies tun. Helfen wir! Suchen wir uns eine geeignete Stadt in der Ukraine aus und lernen wir sie kennen: Ihre politischen Vertreter:innen, ihre Kunst- und Kulturvereine, ihre Traditionen, ihre Sportvereine. Schließen wir eine Freundschaft und sorgen wir dafür, dass sie über die Jahrzehnte erhalten bleibt.

Karel Čapek: „Der Krieg mit den Molchen“

Es ist bedauerlich, dass Karel Čapeks wunderbarer Roman „Der Krieg mit den Molchen“ außerhalb Tschechiens nicht noch bekannter ist. Dieses Buch sollte jedenfalls in einem Atemzug genannt werden mit Orwells „1984“ oder Huxleys „Brave New World“, bleibt es doch als furchteinflößende Dystopie ebenso wie jene ständig aktuell und vermag den Blick auf die Gegenwart stets aufs Neue zu bereichern. Ursprünglich verfasst in den dreißiger Jahren war diese wunderbare Satire wohl vor allem als antimilitaristische, antifaschistische Warnung gedacht – doch sie ist so viel mehr als das. Den zeitgenössischen Lesenden bietet diese kuriose Geschichte vom Krieg mit den Molchen auch reizvolle Perspektiven auf brisante Fragen wie die Mensch-Tier Beziehung oder den Klimawandel. Wie würden wir uns verhalten, wenn wir unter den „intelligenten“ Lebensformen dieser Welt nicht mehr die einzigen wären, die sich gesprochenen Sprachen, Werkzeugen und Waffen bedienen könnten. Was würde es bedeuten, wenn selbstverschuldet die Meeresspiegel steigen und die ganze Menschheit bedrohten? Neben all dem ist „Der Krieg mit den Molchen“ auch eine beißende Attacke auf politische Heuchelei und patriotische Verklärung. Auch an treffender Medienkritik ist einiges darin zu finden. Bei all dem ist dieses Buch unglaublich unterhaltsam. Meisterhaft balanciert der Autor auf dem schmalen Grat zwischen Lachen und Weinen, zwischen Komik und Ernst, zwischen Scherz und Anklage. Selten so ein gutes Buch gelesen.

Karel Čapek, der in einem anderen Werk übrigens auch den modernen Begriff „Roboter“ geprägt hat, gehört neben Kafka, Kundera und Havel zu den absoluten „Must Reads“ der tschechischen Literatur. Ein spannendes Detail zu Čapeks Lebensgeschichte ist auch, dass ihn die Gestapo, die ihn zuvor schon als „Staatsfeind Nr. 2“ (nach dem damaligen Präsidenten) erklärt hatte, nicht finden konnte, als sie ihn nach der Invasion 1939 ins Konzentrationslager werfen wollten. Es war ihnen nicht bekannt, dass er schon ein paar Monate zuvor an einer Lungenentzündung gestorben war.

Sehr zu empfehlen.

Vom Glück des Fernwanderns

Weitere Infos und Tickets

Mehr als ein halbes Jahr meines Lebens habe ich schon fernwandernd auf dem E4 verbracht. Es ist dies ein etwa 10.000 Kilometer langer Wanderweg, der von Spanien bis Griechenland und auf halber Strecke auch mitten durch Kufstein führt. Inwiefern das Wandern ein ursprüngliches Glücksgefühl birgt – davon kann ich einiges zu erzählen. Lauschen Sie den Geschichten vom Wegesrand. Hören Sie von Stürmen auf schroffen Graten, von sternenklaren Nächten in menschenleerer Wildnis, von kuriosen Begegnungen in beschaulichen Dörfern und vom Glück der alljährlichen Rückkehr auf jenen Weg, der schon so lange des Wanderers Freund ist.

Mehr zum E4

Ein paar Worte zum weltweiten Klimastreik am 3.3.2023

Anlässlich des für heute ausgerufenen weltweiten Klimastreiks möchte ich wieder einmal auf die klare physikalische Datenlage verweisen, die dem allen zu Grunde liegt.
Die beiden Graphen zeigen eine sehr starke Korrelation des Anstiegs der globalen Temperatur und des Anstiegs der Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre. Zur Abwechslung stammen beide Graphen einmal nicht direkt aus einer im Netz auffindbaren Publikation, sondern wurden von mir im renommierten „Haus der Natur“ in Salzburg abfotografiert. Vielleicht gibt es ja da draußen Leute, die zwar leider keinen wissenschaftlichen Publikationen aber immerhin noch Museen Glauben schenken.

Dass der Anstieg der CO2-Konzentration überwiegend vom Menschen ausgeht, sollte einleuchten. All die Kohlekraftwerke, die fossilbetriebenen Fahrzeuge, die Landwirtschaft und mehr blasen genau dieses CO2 (nebst anderen Treibhausgasen) in die Atmosphäre, das hier im Graphen steigt und steigt. Kann man sich nun aber sicher sein, dass das eine (CO2-Konzentration) tatsächlich das andere (Temperaturanstieg) bewirkt? Man kann. Denn die Physik dahinter ist sonnenklar. Man weiß genau durch welche Mechanismen (Stichwort Treibhauseffekt) das steigende CO2 die Temperaturen in die Höhe treibt. Der kausale Folgepfeil der diese beiden Graphen miteinander verbindet, kann bis auf kleinste Detail chemisch und molekularphysikalisch beschrieben werden.

Wer heutzutage immer noch glaubt, dass der Klimawandel nicht menschengemacht (anthropogen) ist, leugnet ganz einfach die Fakten und verabschiedet sich auch von logischer Folgerichtigkeit. Viele heucheln vielleicht auch Unwissen, um sich aus der Verantwortung zu stehlen.

Im Jahre 2023 sehen die Prognosen für die Zukunft jedenfalls trübe aus. Wenn die Emissionen nicht bald drastisch zurückgehen, drohen in diesem Jahrhundert noch vom Klimawandel verursachte, gewaltige globale Umwälzungen, inklusive noch nie dagewesener Fluchtbewegungen, die das Leben der jungen Generation von heute und ihrer Nachkommen deutlich erschweren und gefährden werden.

Die Regierungen dieser Welt tun viel zu wenig, um die nahende(n) Katastrophe(n) abzuwenden. Auch die österreichische. Deshalb ist es gut und richtig, heute auf die Straße zu gehen und für stärkeren Klimaschutz zu demonstrieren. Angesichts der momentan so weit verbreiteten Diffamierungen von Klimaaktivist:innen verdienen die Organisator:innen dieses Streiks größten Respekt.

Sehen Sie sich die Graphen und marschieren Sie mit. Man steht damit auf der richtigen Seite der Geschichte.

What do we want? Climate-Justice.
When do we want it? Now!

Don’t be a fossil fool!

Skolstrejk för Klimatet!

Allgemein

Václav Havel: „Die Macht der Ohnmächtigen“

Die 1978 erschienene Schrift „Die Macht der Ohnmächtigen“ von Václav Havel gehört zu den faszinierendsten politischen Büchern, die je las. Seine umfassende Analyse des Lebens in einem „post-totalitärem“ System ist keinesfalls mit dem Fall des Eisernen Vorhangs und  dem damit einher gehenden demokratischen Wandel obsolet geworden. Ganz im Gegenteil. Auch Havel selbst war längst klar, dass seine Kritik sich ebenso auf die in rigidem Kapitalismus erstarrten Systeme manch parlamentarischer Demokratien anwenden lässt; denn auch in diesen ist das von ihm so gekonnt beschriebene „Leben in Uneigentlichkeit “ – um einen Heidegger’schen Terminus zu entlehnen – an allen Ecken und Enden des täglichen Lebens zu konstatieren. Wonach wir aber streben sollten – und wonach Havel und andere Dissidenten der Charta 77 damals offenbar strebten – ist „living within the truth“, was man auch schlichtweg als „Authentizität“ bezeichnen kann. Post-totalitäre Systeme wie die Ostblockstaaten vor der Wende, aber auch manch kapitalistische Systeme würden diese laut Havel nicht zulassen.

Was „Die Macht der Ohmmächtigen“ so ungemein lesenswert macht, ist, dass die Schrift nicht im Theoretischen verharrt, sondern klare Beispiele hautnah am Leben bietet. Die Geschichte des Gemüsehändlers, der sich nicht traut den leeren politischen Slogan eines erstarrten Systems aus seiner Auslage zu entfernen; die Gedanken des Bierbrauers, dessen Verbesserungsvorschläge an den Mauern von Hierarchie und Bürokratie scheitern; aber auch Havels eigenes Ringen, sich als Theatermacher nicht dem System zu beugen, bieten faszinierende Einblicke in eine Welt, die nicht mehr ist und doch in anderen Formen in vielen Gesellschaften weiterlebt.

In vielerlei Hinsicht erinnert „Die Macht der Ohnmächtigen“ an Henry David Thoreaus wegbereitenden Essay „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“. Auch wenn es viele Unterschiede gibt, lohnt es sich wohl, beide Schriften in rascher Folge zu lesen und zu vergleichen. Auch der Einfluss Heideggers auf das Denken von Václav Havel macht sich immer wieder bemerkbar. Sein nach vielen Jahren des Theaterschaffens ausgefeilter und an Metaphern reicher Schreibstil machen die Lektüre von „Die Macht der Ohnmächtigen“ zum kurzweiligen und erhellenden Genuss. Ein Beispiel wäre die Stelle „There are times when we must sink to the bottom of our misery to see the truth, just as we must descend to the bottom of a well to see the stars in broad daylight.“ Anscheinend unterlag Havel hier dem weit verbreiteten Irrtum, dass man tatsächlich am Tage vom Grund tiefer Brunnen aus die Sterne sehen könnte. Das ist physikalisch gesehen natürlich vollkommener Unsinn. Schön ist die Metapher trotzdem.

Eine frappierende Einsicht, die sich am Ende des Buches auch zeigt, ist die völlige Unberechenbarkeit politischen Wandels. Havel hielt es zu jener Zeit, als er „Die Macht der Ohnmächtigen“ schrieb, wohl für ziemlich unwahrscheinlich, dass kaum mehr als zehn Jahre später eine politische Revolution mehrere Nationen von Grund auf verändern und ihn selbst schließlich zum Staatspräsidenten machen könnte. All das erschien Ende der Siebziger noch völlig aussichtslos, vielleicht ebenso aussichtslos wie der politische Dissens in manchem Land der heutigen Zeit (z.B. im Iran), der womöglich gar nicht so aussichtslos ist und plötzlich zu unerwartetem Wandel führen könnte – einem Wandel, der mehr Freiheit, mehr Selbstbestimmung, mehr Gerechtigkeit und vor allem mehr Authentizität mit sich bringt.

Allgemein

Ein paar Worte zu Russland

Auf dem Facebook-Account eines Familienmitglieds erschien am gestrigen Tage ein geteilter Beitrag, in welchem die Waffenlieferungen an die Ukraine verurteilt werden – und zwar ohne, dass betreffendes Familienmitglied diesen Beitrag je selbst geteilt hätte, da solche Inhalte ganz entschieden nicht seiner Meinung entsprechen.

Die plausibelste Erklärung ist wohl, dass irgendwelche mit Russland sympathisierenden Hacker oder Propaganda-Bots sich in Facebook-Konten mit leicht zu knackenden Passwörtern einloggen und dort gezielt Inhalte platzieren, die dem russischen Kriegserfolg dienlich sind. Es ist schon sehr spannend und auch beängstigend, welche Mechanismen da am Werk sind. Immer wieder kommt es vor – und das wird wohl auch unterhalb dieses Beitrags geschehen – dass ukrainefeindliche Kommentare von Konten gepostet werden, die zwar einheimisch klingen, aber bei näherer Hinsicht Fake sind. Dass sich die russische Propagandamaschinerie aktiv in die letzten beiden US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkämpfe eingemischt hat, ist hinlänglich bewiesen. Dass sie überdies versucht, europakritische Parteien (Rassemblement National, AfD, FPÖ, etc.) zu unterstützten und den europäischen Zusammenhalt zu unterminieren, leuchtet ein. Und nun wird eben gezielt versucht, die öffentliche Meinung gegen die Unterstützung der Ukraine zu richten. Man kann nur hoffen, dass möglichst viele Menschen dieses falsche Spiel durchschauen und mehr auf objektiven Qualitätsjournalismus als auf dubiose Online-Konten und Portale vertrauen.

Diese kläglichen Propagandaversuche sind wohl auch Ausdruck der Verzweiflung eines Regimes, das sich in eine Sackgasse manövriert hat, aus der es nicht mehr herauskommt. Auch das in den letzten Tagen so verbreitete Gerücht, dass jene Nationen, die nun Waffen liefern, selber Kriegsparteien würden, ist schlichtweg falsch. Eine von außen überfallene Nation wie die Ukraine hat nach Artikel 51 der UN-Charta ein Recht auf Selbstverteidigung, bei dessen Wahrnehmung Hilfe von außen legitim und völkerrechtlich vertretbar ist. Aber ganz unabhängig davon, welcher Grenzverlauf am Ende dieses Kriegs herauskommen wird, hat Russland jetzt schon verloren. Die enge wirtschaftliche Verknüpfung nach Europa ist dahin. Nie wieder werden die Gewinne durch den Gasexport das Vorkriegsniveau erreichen. Die Bevölkerungszahlen sinken dramatisch. Hunderttausende Künstler:innen, Journalist:innen, Wissenschaftler:innen und Geschäftsleute haben längst das Land verlassen. Die enge wissenschaftliche Zusammenarbeit mit russischen Universitäten ist dahin. Auch auf Tourist:innen aus westlichen Ländern wird Russland wohl auf lange Jahre verzichten müssen. Russland schadet nicht nur der Ukraine, sondern vor allem sich selbst, seiner Bevölkerung, seinem Ansehen in der Welt und nicht zuletzt seiner Kultur. Als großer Freund der russischen Literatur, als eifriger Leser und Verehrer von Tolstoi, Puschkin, Gogol, Tschechow, vor allem aber Dostojewski blutet mir das Herz in Anbetracht dieses massiven Zugrunderichtens des russischen Ansehens in der Welt. Auch diesen Autoren würde das Herz bluten, vor allem Tolstoi. Doch das Land, das einst Solschenizyn einsperrte und dann vertrieb, fährt weiter fort, Andersdenkende einzusperren, zu dämonisieren und zu diskreditieren. So fern von Europa war Russland noch nie. Schuld hat nicht Europa. Schuld hat nicht das russische Volk. Schuld hat ein Diktator. Wo ist der Chaplin von heute, der es wagt, sich einmal richtig lustig über ihn zu machen?

Hate-Mail Lesung 2022

Das Video zeigt eine humoristische, weihnachtlich angehauchte Lesung ausgewählter Hassbotschaften, die mich im Kalenderjahr 2022 erreicht haben. Sei es mein Engagement pro Covid-Impfung, meine Warnungen vor dem Klimawandel, die Verwendung gender-neutraler Sprache, meine Initiative zur Aufarbeitung der Kufsteiner Heldenorgel oder ganz generell mein kommunalpolitisches Engagement – all dies hat bei einigen unserer Zeitgenoss:innen zu heftigen Reaktionen geführt. Hier ein Best-of der kuriosesten Nachrichten, die mich dieses Jahr erreicht haben.Viel Spaß 🙂