25 Manakamana

Die Fahrt im lokalen Bus von Dumre nach Cheres war abenteuerlich. Ich saß auf einer hühnergefüllten Kiste im Mittelgang des Busses, wahrend einmal mehr laute Musik erscholl und Nepalis über mich hinweg kletterten. Zum Glück dauerte die Fahrt nicht lange. Schon vor der Ankunft in Cheres sah ich den vertrauten Anblick einer Gondelbahn, die sich die grünen Hänge emporstreckt.
Wenig später saß ich ein einer der Gondeln der österreichischen Firma Doppelmayr und fühlte mich fast wie zuhause beim Skifahren. Sogar die Sicherheitsvorschriften sind in deutscher Sprache zu lesen. Die Preistabelle der Talstation gibt auch über die Beförderungskosten von Ziegen Auskunft. Für diese gibt es allerdings nur ein Oneway Tickett.
Die Bergstation der Gondel ist das 1000 Meter höher gelegene Dorf Manakamana. Der hiesige Tempel ist ein wichtiger Pilgerort für alle Hindus. Vor allem junge Paare aus dem ganzen Subkontinent kommen hierher. Sie bitten Parvati um männlichen Nachwuchs und opfern dafür Hühner und Ziegen.
Beim Tempel herrschte reges Treiben. Eine sehr lange Schlange von Gläubigen wartete darauf, eingelassen zu werden. Ringsum verkaufen Händler kitschige Devotionalien und  Kindetspielzeug von Plastikschmuck bis Dartscheiben.  Auf der Rückseite des Tempels ist der Boden sehr blutig. Hier wird geopfert. Ich sah dabei zu, wie zwei vor Angst schreiende Jungziegen und ein Huhn enthauptet wurden. Äußert befremdlich war, dass die Gläubigen während der Opferung alles andere als andächtig schienen. Während der zuständige Opfermeister – ein Junge unter zwanzig – den schreienden Ziegen die Kehle durchsägte und mit Mühe den Kopf abhackte, lachten die Leute über eben erzählte Späße. Kinder widmeten sich ihren Smartphones. Währenddessen starb qualvoll ein Tier.

In der Abenddämmerung konnte man hinter dem Tempel in der Ferne die weißen Himalayagipfel sehen.

image

24 Bandipur II

Ich erhob mich früh und erklomm noch bevor der Tag begann,  einen nahen Hügel, dessen Gipfel ein Tempel ziert. Dort erlebte ich einen wunderbaren Sonnenaufgang mit freier Sicht auf die ganze Himalayakette. Gegenüber versank der Mond hinter silbrigen Hügeln. Von meinem Berg aus überblickte ich alle Himmelsrichtungen.  Lange saß ich und las ich an diesem Ort. Dann stieg ich ab und gönnte mir ein gutes Frühstück.

Ziel des heutigen Tages war es die nahe Siddha Höhle, angeblich die größte Höhle Nepals, aufzusuchen und zu erkunden. Dazu musste ich die Kante des Plateaus, auf dem Bandipur liegt, überqueren und auf steinernen Stufen den steilen Abhang hinab steigen. An summenden Grillen, hüpfenden Heuschrecken und blühenden Blumen vorüber, stieg ich tiefer und erreichte die Höhle. Diese erwies sich um viele Größenordnungen imposanter und interessanter als die Feldermaushöhle von Pokhara. Ich sah riesige, über vierzig Meter hohe Kavernen, schöne Felsformationen und hunderte durch die Luft schwirrende  Fledermäuse. Über eine halbe Stunde lang folgte ich einem sympathischen Nepali über Leitern und seilgesicherte Kletterpassagen von einer unterirdischen Kammer zur nächsten. An mehreren Stellen der Höhle ehrten Bronzedreizacke und Statuetten den Gott Shiva. Ein spannender Aspekt an dieser Höhle ist auch, dass sie erst vor siebenundzwanzig Jahren entdeckt wurde.
Nach anstrengendem Marsch zurück hinauf nach Bandipur gönnte ich mir einen ruhigen Nachmittag im Dorf mit schönem, schattigen Tisch in einem Café und wunderbarer Aussicht über die Hügel.

Abends aß ich gemeinsam mit anderen Reisenden und diskutierte Leben im Weltraum. Ein Ire ist schon elf Monate lang hier und unterrichtet Englisch an einer lokalen Schule. Ein Hawaianer deckt hier Dächer. Im übrigen erzählt man mir, dass im nahen Wald ein Tiger umgeht und erst kürzlich ein paar Ziegen gerissen hat. Ich hätte ihm auf meiner Höhlenwanderung ohne weiteres begegnen können.
Nach dem Essen setzten wir uns noch zu musizierenden Nepalis in einen Tempel und lauschten traditioneller Musik. Ein schöner Ausklang eines schönen Tages.
image

23 Bandipur

Nach einem letzten Frühstück in Pokhara nahm ich mir ein Taxi zum 
Busbahnhof. Es gibt in Nepal eigene Touristenbusse. Diese sind teurer und fahren nur zu bestimmen Zeiten. Außerdem bekommt man darin wenig Lokalkolorit zu spüren. Mit den herkömmlichen Regionalbussen zu fahren ist viel intetessanter.
Ein nepalesischer Bus ist nie voll. Das heißt: egal wie viele Leute schon drin sind, es geht immer noch mehr. Da sitzt man dann, oft weit hinten, im bunten Treiben. Aus einem Lautsprecher tönen nepalesische Schnulzensongs.  Besonders spannend ist es, sich beim Aussteigen den Weg ins Freie zu kämpfen. Über all die im Mittelgang sitzenden Leute drüber zu klettern, ist gar nicht so einfach. Neben mir saß eine Nepali mit Kleinkind. Sie spricht kein Wort Englisch. Der Klingelton ihres Samsung Smartphones ist Schuberts Forelle. Ihre gelbe Geldbörse ziert der dämlich grinsende Spongebop. Wie klein doch unsere Welt geworden ist.

Gegen Mittag erreichte ich Bandipur, ein kleines, ungemein symphatisches Dorf in den Bergen. Alles ist hier sehr ursprünglich. Es gibt einige interessante Tempel zu sehen, ein paar Höhlen, Hügel mit wunderbarer Rundumsicht und freundliche Einwohner. Der Abend schenkte mir einen schönen Sonnenuntergang mit Sicht auf den Himalaya und hinab ins grüne Tal des Marsyangdi Khola. Schön auf diesen grünen Hügeln zu stehen und, Musik in den Ohren, hinab in die Weite zu blicken.

Gemeinsam mit der Familie meiner Herberge und den drei anderen Gästen folgte ein nettes Abendmahl mit traditionellen nepalesischen Gerichten.
image

20 – 22 Kali Gandaki

Schön war’s, drei Tage lang in netter Gesellschaft die beinahe unberührte Natur dieses Flusses entlang zu gleiten, von Stromschnellen geschüttelt zu werden und sich ab zu auch ohne Raft im Wasser treiben zu lassen. Am Ufer sahen wir Wasserfälle, Affen, die von Baum zu Baum sprangen, riesenhafte Schmetterlinge und andere Naturschönheiten. An manchen Orten überspannten schmale Hängebrücken die Schlucht.
Natürlich ist man nicht immer auf dem Wasser. Abbau und Aufbau unseres Zeltlagers, Essen und nächtliches am Feuer Sitzen nahmen ebenso viel Zeit ein. Am anderen Ufer unseres Camps der ersten Nacht fand die rituelle Verbrennung eines Verstorbenen des nahen Dorfes statt. Ich saß auf den Steinen und blickte hinüber. Dann kam der fast volle Mond und brachte ein paar Sterne mit. Die Nächte waren hell genug, um den Fluss silbrig schimmern zu sehen.

Wir waren insgesamt 25 Leute auf drei Rafts und drei Kayaks, darunter 18 Touristen und eine kultige  siebenköpfige nepalesische Crew mitsamt Koch. Der Chef des Teams hieß Santos und sieht aus wie Dschingis Khan. Sein Vize Rambo vollführte einige Kayakkunstsstücke. Der Koch zauberte dreimal täglich sehr  bekömmliche Kost herbei.
Unter den achtzehn Touristen herrschte klare israelische Übermacht. Hebräischkenntnisse wären recht hilfreich gewesen. Neben 10 Israelis, sechs Briten und mir hatten wir noch einen Niederländer an Bord. Eine nette Runde. In etwa einer Stunde trifft man sich ein letztes Mal um sich gemeinsam die schon fertige DVD unserer Rafting Tour anzusehen.

19 Höhlen

Nach langem Schlaf und gutem Frühstück nahm ich mir ein Taxi zur nahen Fledermaushöhle. Ich überzeugte den Mann im Kassenhäuschen, dass ich keinen Guide bräuchte und kroch mit Taschenlampe bewaffnet in die Dunkelheit. Die tausend von der Decke hängenden Hufeisenfledermäuse, von denen mein Reiseführer spricht, konnte ich nirgends entdecken. Sehrwohl aber sah ich mehrere Flügelwesen im Schein meiner Lampe durch das Gewölbe flattern. Höhlen sind immer wieder schön. Eine jede weckt Erinnerungen an alle andern Höhlen, die man schon besucht hat, vor allem dann, wenn man das Licht ausmacht und alles still und dunkel ist. Nur die fallenden Wassertropfen tönen durch die Finsternis. Ist es wirklich erst sieben Monate her, dass ich im südlichen New Mexico durch die Carlsbad Caverns kroch? Und in dreieinhalb Monaten werde ich jene schönen Höhlen im nördlichen Laos wiedersehen, noch dazu in so wunderbarer Begleitung.
Highlight der Fledermaushöhle von Pokhara waren für mich weniger die Fledermäuse, als der abenteuerlich  schmale Spalt durch den man sich zurück ins Freie zwängen darf – eine anspruchsvolle Kletterpartie. Vor dem Ausgang saßen Kinder und amüsierten sich laut lachend über jeden, der keuchend aus der Öffnung robbte.

Von der Höhle, die einige Kilometer nördlich der Stadt liegt, beschloss ich zu Fuß den Rückweg anzutreten. Auf dem Weg warteten einige Attraktionen. Zuerst besuchte ich das Gurkha-Museum. Auf drei Stockwerken wird hier über die Geschichte dieser ruhmreichen Elitesoldaten erzählt. Seit dem Beginn des neunzehnten Jahrhunderts kämpfen die Gurkhas unter britischer Flagge, sei es 1857 gegen die Rebellion in Indien, in den Weltkriegen oder im Afghanistan des 21. Jahrhunderts. Das Museum erzählt leicht kriegsverherrlichend von vielen tapferen Gurkhas, die etwa einen Hügel ganz allein genommen haben oder nur mit einem Messer dreißig Taliban erledigten. Dafür regnete es dann Medaillen und Lob von der Queen. Jedenfalls sind die Nepalis mächtig stolz auf ihre Gurkhas. Falls es doch Bodentruppen gegen isil unter britischer Beteiligung geben sollte, müssen die Gurkhas wohl bald wieder ans Werk.

Gleich neben dem Museum befindet sich ein kleiner Park, durch den das schäumend weiße Wasser des tief in einer verborgenen Schlucht versteckten Setiflusses sprudelt. Ein Mönch machte sich einen Spaß daraus alle Besucher mit dem heiligen Wasser zu bespritzen.
Weiter südlich besuchte ich einen kleinen Tempel auf einem Hügel. Da er Durga geweiht war, um deren Taten sich das Dasainfest dreht, sah man hier viel frisches Ziegenblut auf den Altären. Vor vielen Wohnhäusern sah ich übrigens auch abgetrennte Ziegenhörner auf Zäunen hängen und am Boden liegen.

Vorbei an schönen Häusern der traditionellen Newari-Architektur, schlenderte ich weiter durch Pokharas Altstadt. Ich fand noch einen weiteren Tempel. Mitten auf der Straße als Verkehrsinsel dienend lehnten Motorräder und Mülleimer an seinen zweihundert Jahre alten Wänden. Die Schnitzereien an den Dachstreben sind faszinierend. Es ist ein merkwürdiger Kontrast, dass man im sonst so prüden Nepal (und auch Indien), wo Frauen voll bekleidet baden und öffentliche Küsse verpöntes Ärgernis sind, auf so vielen alten Tempeln die freizügigsten Motive findet. So auch hier. Auf etwa sechszehn Dachstreben sind unterhalb den  Abbildungen von Göttern auf einer weiteren Ebene Männer, Frauen und Tiere in anscheinend jedweder Kombination in verschiedenen Koitusstellungen abgebildet. So sieht hier die religiöse Schnitzerei vergangener Jahrhunderte aus.

Die nächsten drei Tage gibt es höchstwahrscheinlich keinen neuen Blogeintrag von mir. Hier hat zwar jeder Imbisstand ein eigenes WLAN Netz, beim Raften auf dem heiligen Kali Gandaki rechne ich aber kaum mit Konnektivität zur Außenwelt.
image

18 Tika

Früh am Morgen ließ ich mich von einem Taxi hinauf zum ca.1400 hohen Hügel Sarangkot nördlich des Sees bringen. Es ist dies ein beliebter Aussichtspunkt, um das majestätische Erwachen der Annapurnakette im Sonnenaufgang zu sehen. Ich hatte Glück. Die Wolken verbargen nur vereinzelte Bereiche. Die Annapurnagipfel und der Machhapuchhare waren gut sichtbar. Zuerst lag alles noch im Schatten. Dann konnte man sehen wie je nach Höhe nach und nach die Gipfel ins Licht getaucht wurden und der Schnee darauf zu leuchten begann. Es ist ein erhendes Gefühl auf diese Weise mehr als sechstausend Meter über sich die Berge erwachen zu sehen.
Noch erhebender wäre es freilich, wenn man dieses atemberaubende Schauspiel in kleinerem Kreise betrachten könnte – nicht inmitten von zweihundert pausenlos fotografierenden Menschen. Die große Mehrheit unter den Touristen scheint hier ganz klar aus China zu kommen. Das zeigte einmal mehr die Menge am Hügel. Und als die Sonne kam, kreischten alle laut auf und riefen Hallo. Seufz. Ein bisschen mehr Ehrfurcht und Stille im Angesicht dieser Wunder der Plattentektonik wäre doch angebracht.

Der Rest des Tages verlief sehr ruhig. Ich las viel, saß lange am Ufer und betrachtete den See. In Pokhara war es ruhiger als sonst. Viele Geschäfte hatten aufgrund des Feiertages geschlossen. Heute ist der Tag des Dasain, an dem ein jeder seine Tika bekommt. Ein Familienältester oder hinduistischer Priester malt allen eine rote Markierung (die Tika) auf die Stirn. Diese ist keineswegs nur ein kleiner Punkt, wie man es oft in Indien sieht, sondern nimmt bei manchen fast die ganze Stirn ein. Auch Blüten und Reiskörner sind mit der leuchtend roten Paste vermengt.
Viele Nepalis holen sich hier ihre Tika in einem Tempel auf der kleinen Insel im See von Pokhara. Gemeinsam mit den Einheimischen ließ ich mich übersetzten. Zwar wusste ich schon, dass buddhistische und hinduistische Heiligtümer immer im Uhrzeigersinn zu umrunden sind. Dass aber der Fährmann zuerst die ganze Insel im Uhrzeigersinn umrunden muss, bevor er anlegen darf, war mir neu. Auf der winzigen Insel gibt es einen schönen Tempel, schattenspendende Bäume und einen kleinen Shop, der Souvenirs und Opfergaben im Angebot hat. Drei  Sadus saßen auf dem asphaltierten Boden und nahmen Spenden entgegen. Ich sah zu, wie die Nepalis, meist ganze Familien in den Tempel gingen, eine Kleinigkeit spendeten, mit Tika auf der Stirn wieder zum Vorschein kamen und einander eifrig mit Smartphones und Tablets abfotografieren. Im Ganzen erinnerte das Prozedere doch sehr an die christliche Kommunion, nur dass das dezent antropophage Verzehren des Leibs Christi durch ein Bemalen der Stirn ersetzt wird. Diese Markierung wird dann den ganzen Tag lang getragen. Mancherorts kann man sich auch als Tourist die Stirn beschmieren lassen, aber irgendwie lockte mich dies wenig.
image

17 Ziegen

Nach gutem Frühstück verließ ich die Lakeside von Pokhara in Richtung Süden und folgte dem Ufer des Phewa Tal bis zum eher unscheinbaren Staudamm. Die nahe Bambusbrücke erlaubt Fußgängern das Wechseln der Seite. Ein Blick zurück über den See erlaubte sowohl Annapurna I und Machhapuchhare, wie auch deren Spiegelung im Wasser zu sehen. Leider sah man nur die Spitzen, blieb die Hauptmasse der weißen Riesenberge doch den ganzen Tag über hinter Wolken versteckt.
Mit der Überquerung der Brücke hatte ich den Rand der dichten Wälder, die das hügelige Südufer des Phewa Tal säumen, erreicht. Ein steiler Anstieg zur Weltfriedenspagode stand bevor. Dieser war nicht ganz ungefährlich, war es doch in diesem Wald im Lauf der vergangenen Jahre mehrmals zu Raubüberfällen auf Touristen gekommen. Ein freundlicher Einheimischer erzählte mir überdies von Muren mit tödlichem Ausgang, die auch einen Wegabschnitt zerstört hatten, von labyrinthischen Wegen, sowie von ganz bösen Blutegeln, die überall lauerten. Die Botschaft war klar. Er wollte, dass ich ihn als Guide anheure. Da er harmlos genug aussah und sich mit einer sehr kleinen Summe zufrieden gab, willigte ich ein. Und siehe da, er (Ich bin so schlecht im Namenmerken) führte mich viel rascher als erwartet zur Pagode. Auf dem Weg erzählte er mir von seinem Leben als Reisbauer, dem ungewöhnlich starken Monsun dieses Sommers und von den Raubüberfällen. Außerdem zeigte er mir ein paar Blutegel, die sich eben an seine nur Sandalen tragenden Füße heften wollten. Dank festem Schuhwerk blieb ich von diesen Tierchen verschont.
Wir erreichten also die Pagode. Mein guide erklärte mir, welchen Pfaden ich später weiter westlich folgen müsste. Es sei „very complicated „. Er wolle lieber mitgehen und mir den Weg zeigen. Dieses Angebot lehnte ich ab. Ich hatte Zeit genug, mich zu verirren. Außerdem waren mir See und Berge doch beständige Wegweiser. Von nun an ging es alleine weiter.

Etwa eine Stunde lang blieb ich bei der Weltfriedenspagode. Sie war etwas kleiner als ihr Gegenstück in Lumbini. Dafür war die Lage am Hügelkamm umso imposanter – und gewagter. Besagte Mure gab es wirklich. Der Berghang direkt unterhalb der Pagode zum See hin sah wüst aus. Viel fehlte nicht und es hätte vor einem Monat auch das Friedensbauwerk in die Tiefe gerissen. Wie lange sich die Pagode hier wohl noch halten kann? Etwa achtzig Weltfriedenspagoden haben die Japaner Mitte der Achtziger Jahre errichtet, die ersten in Nagasaki und Hiroshima, die späteren weltweit. Die beiden in Nepal habe ich nun gesehen. Die in Delhi ist mir entgangen. Sie sehen ohnehin alle fast gleich aus. Die größte Attraktion an der world peace pagoda von Pokhara ist die Aussicht, die man von dort hat. See, Himalaya und die Spiegelung von letzterem in ersterem.
Von der Pagode aus folgte ich weiter dem Hügelkamm. Der guide hatte Recht gehabt. Very „complicated.“ Ein chaotisches Gewirr an Wegen durchzieht Wälder und Reisfelder der Nordflanke dieser Hügel und verbindet die winzigen Dörfer. Bald fand ich mich allein auf einem teils zugewucherten, teils von Bächen überschwemmten, teils von Muren zerstörten Weg wieder, der allen Widrigkeiten zum Trotz in die richtige Richtung führte. Dies verriet der Blick hinab zum See. Nach Stunden im Gestrüpp erreichte ich immer noch blutegelfrei das Dorf Margi. Ein idyllischer Ort. Kinder spielten mit einer Bambusschaukel, eine Kuh graste friedlich. Von hier aus ging alles ganz leicht. Ich folgte einem Pfad quer durchs saftig grüne Marschland im Mündungsdelta des Zuflussstroms. Eine selbstbedienbare Fähre erlaubte es, den letzten schmalen flussartigen Abschnitt hinter sich zu lassen. Und schon stand sich auf der Straße, die das Nordufer des Sees entlang bis nach Pokhara führt. Auf diesem letzten Wegabschnitt machte ich in einem kleinen Dorf Rast. Wie überall waren die Anzeichen des Dasainfestes zu erkennen. Die großen Bambusschaukeln, die ich schon vor vielen Dörfern sah, werden eigens zur Festzeit aufgebaut. Es war nett, der Dorfjugend beim waghalsigen Spiel auf der Schaukel (das Ding ist riesig) zuzusehen. Obwohl die Jugend auch hier oft schon Smartphones besitzt, scheint die einfache Bambusschaukel ihre Anziehungskraft nicht verloren zu haben. Ein weiters Anzeichen fürs Dasain sind natürlich die allgegenwärtigen Ziegen, deren Opferung ein Höhepunkt des Festes ist. Schon seit Tagen sieht man, wie Ziegen von A nach B transportiert werden, auf den Dächern von Bussen, auf Motorrädern, etc. Am Dorfplatz, über dem Nebelkrähen und Greifvögel kreisten, saß ich unmittelbar neben einem fürs Fest bemalten alten Ziegenbock, der eben mit Appetit sein letztes Gras verschlang. In ganz Nepal verlieren am heutigen Tag hunderttausende Ziegen ihr Leben. Drittes Anzeichen fürs Dasain ist die Musik, vor allem die Trommeln, die aus den Tempeln erklingt. Viertes Anzeichen: Die Menschen wünschen einander tatsächlich „Happy Dasain!“
Ich spazierte gemächlich weiter und erreichte schon bald Pokhara.

image