Im Juli 2024 wurde nach der in Kufstein geborenen Schauspielerin Franziska Kinz mit einstimmigen Gemeinderatsbeschluss eine Brücke benannt. Manche Kritiker:innen dieser Maßnahme wiesen in Folge darauf hin, dass Kinz zur Zeit der NS-Diktatur in Propaganda-Filmen mitwirkte. Dies ist zweifelsohne der Fall. Ihre Bühnen- und Filmkarriere reichte von den 1920er bis in die 1960er Jahre und beinhaltet daher auch die Jahre des Nazi-Regimes. Natürlich wäre es falsch, eine Brücke nach jemandem zu benennen, der eine ideologische Nähe zu einem totalitären Regime aufweist oder von einem solchen gar profitiert hat. Wir haben in der Erstellung der Auswahl jener elf Frauen, nach denen in Kufstein im Juli 2024 Brücken benannt wurden, sehr auf diesen Umstand geachtet. So wurde zum Beispiel keine Brücke nach der in den 1930er und 1940er Jahren weltbekannten Kufsteiner Opernsängerin Helene Hirn benannt, weil in ihrem Fall eine solche ideologische Nähe nicht ausgeschlossenen werden kann. Bei Franziska Kinz ist der Sachverhalt jedoch anders, wie wir im Folgenden darlegen möchten.
Man könnte nun natürlich argumentieren, dass das Schauspiel eben ihr Beruf war, so wie andere Brot buken oder Ziegeln brannten. Sie machte Theater und sie machte Filme – vor, während und nach dem Regime. Auch hat Kinz jene problematischen Filme weder produziert noch deren Drehbücher geschrieben. Es ist gibt, soweit bekannt, keine einzige überlieferte Aussage von Franziska Kinz, in welcher sie sich – abseits ihrer Filmrollen – für die Ideale des NS-Regimes ausgesprochen hätte. Dennoch: dieser Umstand allein würde in unseren Augen noch nicht reichen, um sie hinreichend zu entlasten. Doch es gibt noch weitere Gründe, die vermuten lassen, das Kinz insgeheim keine Freundin des NS-Regmies war. Aussagekräftig ist vor allem ihre Beziehung zu Carlo Mierendorff.
Carlo Mierendorff (1897-1943) war einst einer der führenden sozialdemokratischen Politiker Deutschlands und ein erbitterter Gegner des Nationalsozialismus. Schon früh prangerte er in flammenden Reden den geistlosen Antisemitismus und die ideologische Verbohrtheit der Nazis an. In Dresden verliebte er sich in die damals dort am Theater tätige Franziska Kinz. Eine innige Beziehung nahm ihren Lauf. Wie man aus der Biographie von Richard Albrecht (https://www.amazon.de/militante-Sozialdemokrat-Mierendorff-1897-1943-Biographie/dp/3801211282) lernt, planten die beiden ein gemeinsames Leben. Die Machtergreifung Hitlers verhinderte dies. 1933 schon wurde Carlo Mierendorff von den Nazis verhaftet. Die nächsten fünf Jahre über verbrachte er in mehreren Konzentrationslagern (erst Lichtenburg, dann Buchenwald). Der Kontakt zu Franziska Kinz riss nie ab. Sie durfte ihn mehrmals im KZ besuchen. Sie gab ihm Hoffnung. Er schreib ihr Briefe, widmete ihr sogar ein in Gefangenschaft verfasstes Theaterstück.
Und nun kommen wir zu dem entscheidenden Punkt in dieser spannenden Geschichte: Bis heute ist es rätselhaft, warum Carlo Mierendorff im Jahr 1938 plötzlich freigelassen wurde. Während andere Regimegegner bis Kriegsende im KZ blieben oder dort starben, kam Mierendorff frei. Laut dem Biographen Richard Albrecht gibt es einige Indizien dafür, dass Franziska Kinz nicht unbeteiligt an seiner Freilassung war. Sie könnte ihren Einfluss und ihre Bekanntheit genutzt haben, um den einstigen Geliebten freizupressen. „dank Intervention von Franziska Kinz nunmehr Ehrenhaft und soll bald freikommen“ heißt es in einem Brief vom 17.8.1938 (siehe S. 176 in der Biographie von Richard Albrecht). Jedenfalls kam Mierendorff frei und blieb einige Jahre unter intensiver Beobachtung der Gestapo. Anfang der 1940er Jahre gelang es ihm aber, seinen Widerstand gegen den Nationalsozialismus wieder aufzunehmen und im Untergrund am Fall des Regimes zu arbeiten. Leider starb er bei einem Bombenangriff der Alliierten auf Leipzig im Jahre 1943.
Zusammenfassend ist festzustellen:
Es ist nicht bekannt, dass sich Kinz abseits ihrer Filmrollen je wohlwollend gegenüber dem Regime geäußert hätte
Sie war mehrere Jahre lang die Geliebte von Carlo Mierendorff, eines erbitterten Gegners des Regimes.
Es ist anzunehmen, dass sie an dessen Freilassung nicht unbeteiligt war und somit seinen späteren Widerstand gegen das Regime ermöglichte.
Ihr wurde ein im KZ verfasstes Theaterstück gewidmet.
In unseren Augen sind dies ausreichende Gründe, um sie in dieser Hinsicht hinreichend zu entlasten. Auch ihr späteres karitatives Wirken – vor allem im Tierschutz – soll natürlich erwähnt werden. Des Weiteren gilt zu bemerken, dass in der Entscheidung, eine andere Brücke nach Berta Geist zu benennen – der letzten vor dem zweiten Weltkrieg noch in Kufstein lebenden Frau jüdischen Glaubens – ein klares Zeichen gegen Diktatur und Antisemitismus gesetzt wurde.
Beinahe wöchentlich wird inzwischen berichtet, wie der Lehrkräftemangel – vor allem in den MINT-Fächern – Österreichs Schulen vor immer größere Herausforderungen stellt. Vielleicht vermag ja dieser kurze Erfahrungsbericht eines Quereinsteigers, den ein oder anderen in der Wissenschaft tätigen Menschen dazu zu motivieren, es zumindest zeitweise mit dem Schulunterricht zu versuchen. Man erweist damit nicht nur der Gesellschaft einen großen Dienst – sondern auch sich selbst.
Es ist noch nicht lange her, da hatte ich eine gut bezahlte PostDoc Stelle an einer österreichischen Universität. Ich fühlte mich wohl in meinem Forschungsgebiet, in dem ich seit meiner Zeit als Doktorand ein halbes Dutzend Publikationen in renommierten Fachzeitschriften untergebracht hatte. Ich leitete Proseminare und Praktika, hielt Vorlesungen, reiste auf Konferenzen von Kalifornien bis Japan, wühlte in den Daten eines Weltraumteleskops und ließ große Computer-Cluster meine Simulationen durchrechnen. Die Weichen waren gestellt, um mich früher oder später zu habilitieren und mich dauerhaft in der akademischen Welt einzurichten. Doch dann wählte ich einen anderen Weg. Ich begann an einer Schule Physik zu unterrichten, später auch Philosophie und Theater. Schließlich ließ ich mein Forscherdasein vollends ruhen und erkor die Schule zu meinem dominanten Tätigkeitsgebiet. Trotz schlechterer Bezahlung und höherem Arbeitsaufwand. Warum?
Ein Grund unter mehreren mag wohl sein, dass der Lehrkräftemangel damals schon ein Thema war, welches mich zum Nachdenken brachte. Die Wissenschaft ist wichtig. Hier fühlte ich mich wohl. Und doch wollte ich auch darauf vertrauen können, dass an unseren Schulen ausreichend qualifizierte Lehrkräfte vorhanden sind, um in den Herzen der Forscher:innen von morgen die Begeisterung für die Naturwissenschaften zu wecken. Der Gedanke daran, dass z.B. manch junge Curie oder manch junger Bohr vielleicht nie den Weg in die Physik fänden, da unmotivierte oder gar fachfremde Lehrkräfte ihnen diese Disziplin verleideten, betrübte mich. Ein paar Auftritte bei Science Slams und einige populärwissenschaftliche Vorträge hatten mir gezeigt, dass ich nicht untalentiert darin war, komplexe Zusammenhänge anschaulich und mit der nötigen Passion zu erklären. Konnte ich der Wissenschaft in Summe vielleicht mehr dienen, wenn ich – anstatt selber weiter an irgendwelchen Energiespektren von Doppelsternen zu forschen – eine Schar von jungen Menschen dazu motivierte, selbst eine universitäre Laufbahn einzuschlagen? Zumindest versuchen wollte ich es.
Heute kann ich sagen: Ich bin sehr froh darum, diesen Weg gewählt zu haben. Inzwischen habe ich fünf Jahrgänge faszinierender junger Menschen jeweils vier Jahre lang bis zu ihrem Schulabschluss begleitet. Dass mein Unterricht zwar nicht für alle, aber für viele inspirierend und bereichernd war, haben mir zahlreiche Rückmeldungen immer wieder bestätigt. Aber auch ich selbst wurde und werde durch die Arbeit mit diesen jungen Menschen immer wieder inspiriert und bereichert. Ich zeigte ihnen durchs Teleskop den Sternenhimmel, nahm sie mit auf Vorträge von Nobelpreisträgern, organisierte Projektwochen zum Klimawandel, begeisterte sie für Astro- und Teilchenphysik. Ich stand stolz daneben, als sie für ihre von mir betreuten vorwissenschaftlichen Arbeiten Preise abräumten. Mit vielen ehemaligen Schülerinnen und Schülern bin ich noch in Kontakt. Nicht wenige haben den Weg in die Wissenschaft gefunden. Das Lehrerdasein ist nicht immer leicht. Aber es ist schön, erhebend und lebensbereichernd. Die tägliche Konfrontation mit heranwachsenden Geistern hält jung und fordert dazu auf, die Welt aus immer neuen Perspektiven zu betrachten. Ich habe es nie bereut, diesen Weg gewählt zu haben und ich möchte dazu aufrufen, dass auch andere Wissenschaftler:innen einen Schritt in diese Richtung tun.
Denn was wäre denn die Alternative? Wollen wir wirklich in einer Welt leben, in der die Qualität des naturwissenschaftlichen Unterrichts an Schulen aufgrund massiven Mangels engagierter Lehrkräfte weiterhin sinkt? Es wäre dies eine Welt, in der immer weniger Menschen Verständnis für kritisches, wissenschaftliches Denken aufbrächten, da ihnen die dazu nötigen Konzepte nie vermittelt wurden. In so einer Welt würden die Lügenmärchen von Verschwörungstheorien und Esoterik noch viel leichter um sich greifen, da den Menschen die Abwehrmechanismen dafür fehlen. Letztlich würden wohl jene gesellschaftlichen Kräfte obsiegen, die das Vertrauen in Universitäten und wissenschaftliche Institutionen unterminieren und ihnen längerfristig die Freiheit der Forschung unmöglich machen sowie die dazu nötigen Geldmittel verwehren. In anderen Worten: Wenn sich die Wissenschaft nicht stärker darum bemüht, nicht nur Forscher:innen sondern auch Lehrkräfte heranzubilden, so fällt dieses Versäumnis letztlich auf sie selbst zurück.
Die Wissenschaft ist ein Lampe, mit der wir ins Dunkel des noch Unverstandenen hineinleuchten. Das Handhaben dieser Lampe ist eine wichtige Aufgabe. Zu manchen Zeiten aber ist es wichtiger, sich darum zu kümmern, dass die Lampe nicht flackert oder gar erlischt. Dafür sorgt guter naturwissenschaftlicher Unterricht an unseren Schulen.
Neulich, als ich durch die beeindruckenden Schauräume des Museo de la Ciencias in Valencia flanierte, dachte ich daran, wie gut es den vielen Klimawandelleugner:innen doch tun würde, einmal wieder ein halbwegs passables Wissenschaftsmuseum zu besuchen.
Dazu muss man gar nicht weit fahren. Auch das Deutsche Museum in München, das Haus der Natur in Salzburg, das Naturhistorische Museum in Wien, ja sogar Stift Melk, haben hervorragende Exponate und Schautafeln, die die Physik des anthropogenen Klimawandels anschaulich und nachvollziehbar erklären und deren mehr als ernstzunehmendes Bedrohungspotential mit eindrucksvollen Vergleichen untermauern.
Dort würden diese Leute erkennen, dass jene Darstellung, die sie immer wieder der angeblich „linken Lügenpresse“ zuschreiben, auch von vielen namhaften Museen – und von der universitären Lehre sowieso – geteilt wird und schlichtweg einhelliger Konsens aller qualifizierten Institutionen ist.
Aber leider – Museen besuchen diese Leute nur selten. Sie basteln sich aus Netzfunden unqualifizierter Provenienz versatzstückhaft ihre eigene Realität; lesen aus Statistiken heraus, was gar nichts drin steht; bedienen sich wiederholt des Argumenti ad hominem ohne dieses als logischer Fehlschluss zu erkennen; springen ohne logische Folgerichtigkeit von einem Thema zum anderen und suggerieren ernsthaft, dass zig Qualitätsmedien, wissenschaftliche Journale, Museen, Universitäten und Regierungen sich einhellig miteinander verschworen hätten, um der Welt eine fiktive Bedrohung vorzugaukeln.
Dabei reicht schon ein klein wenig naturwissenschaftliche Bildung und Recherche, um zu erkennen, dass dem nicht so ist. Aber Recherche dient manchen anscheinend nur dazu, die eigenen Vorurteile zu untermauern anstatt sie in Frage zu stellen. Der damit einhergehende Confirmation Bias macht blind für alles, was die eigene vorgefasste Meinung bedrohen könnte. Dazu finden sich in den Kommentarzeilen vieler meiner Beiträge anschauliche Beispiele.
Ich empfehle, es mit Humor zu nehmen, gerade deshalb weil die Lage ernst ist. Die Leugner:innen des anthropogenen Klimawandels sind glücklicherweise eine Minderheit geworden. Man sollte sich von ihnen nicht die Laune verderben lassen, sondern sie als alltägliche Unterhaltung empfinden – so wie ein mäßig gutes Meme, das in etwas anderer Art und Weise immer wieder denselben Nonsens erzählt, gelegentlich aber auch mal so richtig lustig ist.
Auf dem Facebook-Account eines Familienmitglieds erschien am gestrigen Tage ein geteilter Beitrag, in welchem die Waffenlieferungen an die Ukraine verurteilt werden – und zwar ohne, dass betreffendes Familienmitglied diesen Beitrag je selbst geteilt hätte, da solche Inhalte ganz entschieden nicht seiner Meinung entsprechen.
Die plausibelste Erklärung ist wohl, dass irgendwelche mit Russland sympathisierenden Hacker oder Propaganda-Bots sich in Facebook-Konten mit leicht zu knackenden Passwörtern einloggen und dort gezielt Inhalte platzieren, die dem russischen Kriegserfolg dienlich sind. Es ist schon sehr spannend und auch beängstigend, welche Mechanismen da am Werk sind. Immer wieder kommt es vor – und das wird wohl auch unterhalb dieses Beitrags geschehen – dass ukrainefeindliche Kommentare von Konten gepostet werden, die zwar einheimisch klingen, aber bei näherer Hinsicht Fake sind. Dass sich die russische Propagandamaschinerie aktiv in die letzten beiden US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkämpfe eingemischt hat, ist hinlänglich bewiesen. Dass sie überdies versucht, europakritische Parteien (Rassemblement National, AfD, FPÖ, etc.) zu unterstützten und den europäischen Zusammenhalt zu unterminieren, leuchtet ein. Und nun wird eben gezielt versucht, die öffentliche Meinung gegen die Unterstützung der Ukraine zu richten. Man kann nur hoffen, dass möglichst viele Menschen dieses falsche Spiel durchschauen und mehr auf objektiven Qualitätsjournalismus als auf dubiose Online-Konten und Portale vertrauen.
Diese kläglichen Propagandaversuche sind wohl auch Ausdruck der Verzweiflung eines Regimes, das sich in eine Sackgasse manövriert hat, aus der es nicht mehr herauskommt. Auch das in den letzten Tagen so verbreitete Gerücht, dass jene Nationen, die nun Waffen liefern, selber Kriegsparteien würden, ist schlichtweg falsch. Eine von außen überfallene Nation wie die Ukraine hat nach Artikel 51 der UN-Charta ein Recht auf Selbstverteidigung, bei dessen Wahrnehmung Hilfe von außen legitim und völkerrechtlich vertretbar ist. Aber ganz unabhängig davon, welcher Grenzverlauf am Ende dieses Kriegs herauskommen wird, hat Russland jetzt schon verloren. Die enge wirtschaftliche Verknüpfung nach Europa ist dahin. Nie wieder werden die Gewinne durch den Gasexport das Vorkriegsniveau erreichen. Die Bevölkerungszahlen sinken dramatisch. Hunderttausende Künstler:innen, Journalist:innen, Wissenschaftler:innen und Geschäftsleute haben längst das Land verlassen. Die enge wissenschaftliche Zusammenarbeit mit russischen Universitäten ist dahin. Auch auf Tourist:innen aus westlichen Ländern wird Russland wohl auf lange Jahre verzichten müssen. Russland schadet nicht nur der Ukraine, sondern vor allem sich selbst, seiner Bevölkerung, seinem Ansehen in der Welt und nicht zuletzt seiner Kultur. Als großer Freund der russischen Literatur, als eifriger Leser und Verehrer von Tolstoi, Puschkin, Gogol, Tschechow, vor allem aber Dostojewski blutet mir das Herz in Anbetracht dieses massiven Zugrunderichtens des russischen Ansehens in der Welt. Auch diesen Autoren würde das Herz bluten, vor allem Tolstoi. Doch das Land, das einst Solschenizyn einsperrte und dann vertrieb, fährt weiter fort, Andersdenkende einzusperren, zu dämonisieren und zu diskreditieren. So fern von Europa war Russland noch nie. Schuld hat nicht Europa. Schuld hat nicht das russische Volk. Schuld hat ein Diktator. Wo ist der Chaplin von heute, der es wagt, sich einmal richtig lustig über ihn zu machen?
Das Video zeigt eine humoristische, weihnachtlich angehauchte Lesung ausgewählter Hassbotschaften, die mich im Kalenderjahr 2022 erreicht haben. Sei es mein Engagement pro Covid-Impfung, meine Warnungen vor dem Klimawandel, die Verwendung gender-neutraler Sprache, meine Initiative zur Aufarbeitung der Kufsteiner Heldenorgel oder ganz generell mein kommunalpolitisches Engagement – all dies hat bei einigen unserer Zeitgenoss:innen zu heftigen Reaktionen geführt. Hier ein Best-of der kuriosesten Nachrichten, die mich dieses Jahr erreicht haben.Viel Spaß 🙂
Im folgenden Beitrag möchte ich den Text des Kufsteiner Stadtrats Walter Thaler im Stadtmagazin vom Oktober 2022 analysieren, welcher ein hervorragendes und lehrreiches Beispiel gezielter Polemik auf kommunalpolitischer Ebene darstellt.
Der Text beginnt damit, dass meiner Person Worte in den Mund gelegt werden, die ich niemals gesagt und niemals geschrieben habe – und dies nicht als Paraphrase, sondern in Form der direkten Rede. Die Aussage, dass Kameraden nicht mehr zeitgemäß wären, wurde niemals von mir geäußert. Mir eine solche Wortmeldung in direkter Rede zuzuschreiben, grenzt an den Strafbestand der „Üblen Nachrede“ und wäre eigentlich klagbar. Ich habe lediglich ein paar Gründe genannt, warum ein Lied mit starkem soldatischen Kontext, das das Wort „Kamerad“ im Titel trägt, nicht mehr jeden einzelnen Tag von einem Instrument gespielt werden soll. Daraus folgt aber nicht im geringsten die unsinnige Behauptung, dass Kameraden an sich nicht mehr zeitgemäß wären. Natürlich sind sie das. Statt auf meine Argumente einzugehen, legt man mir hier Dinge in den Mund, die ich nie gesagt habe, um mich moralisch zu diskreditieren. Diese Vorgehensweise ist unredlich, unfair und unwürdig.
Ähnlich absurd und unwahr ist die Behauptung, ich würde Feuerwehren, Musikkapellen, Traditionsvereine oder gar Pflegepersonal in irgendeiner Art und Weise gering schätzen oder sie gar als unzeitgemäß ansehen. Das ist doch Unsinn. Zahlreiche Traditionsvereine Kufsteins, bei deren Versammlungen ich immer wieder zu Gast bin, wissen nur zu gut, wie sehr ich sie persönlich schätze und wie wichtig ich ihren ständigen, ehrenamtlichen Einsatz für Kufstein erachte. Feuerwehren, Sicherheitskräfte, Pflegekräfte – sie alle haben für unsere Gesellschaft einen unschätzbaren Wert und ich applaudiere allen, die Teil dieser Stützen unserer Gesellschaft sind. Es gehört schon viel geistige Verrenkung dazu, aus dem Vorschlag, die Geschichte eines Musikinstrumentes aufzuarbeiten, ableiten zu wollen, dass ganze Berufsklassen nicht zeitgemäß wären. Mir so etwas zu unterstellen, ist haarsträubend.
Die Andeutung, dass „unser Steuergeld“ dafür verwendet würde, um Teilnehmer einer Diskussion (pro und kontra Aufarbeitung) zu bezahlen, ist vor allem deshalb interessant, weil dem Verfasser obiger Zeilen zur Zeit ihrer Abfassung längst bekannt gewesen sein muss, dass keiner der vier Diskutanten ein Honorar verlangt. Wider besseren Wissen wird hier also etwas unterstellt, das man als bewusste Täuschung der Leser:innen interpretieren könnte.
Im weiteren Verlauf des Textes beklagt der Verfasser offenbar, dass besagte Diskussionsteilnehmer von mir ausgewählt wurden. Dabei wurde Walter Thaler im Vorfeld angeboten, selbst einen Sprecher oder eine Sprecherin für seine Position zu nominieren. Er hätte also die Möglichkeit gehabt, selbst jemanden auszuwählen, hat dies aber nicht getan. Im Übrigen hielt er es nicht einmal für angebracht, auf besagte Einladungsnachricht meinerseits eine Antwort zu geben.
In der zweiten Spalte wird nun noch der Versuch unternommen, eine Quelle zu diskreditieren, indem darauf verwiesen wird, dass die Festung Kufstein darin fälscherlicherweise als „Geroldseck“ bezeichnet wird. Hätte sich der Verfasser nur ein bisschen mit der Geschichte Kufsteins auseinandergesetzt, so müsste er wissen, dass diese Bezeichnung zu Beginn des 20. Jahrhunderts weit verbreitet und unter anderem in den „Innsbrucker Nachrichten“, um die es hier geht, gang und gäbe war. Im Stadtmagazin vom April/Mai 2022 hat unsere Stadtarchivarin Milena Prommegger einen sehr informativen Artikel darüber geschrieben. Auch diesen hat der Verfasser offenbar nicht gelesen. Jedenfalls sagt es nichts über die Verlässlichkeit einer Quelle der damaligen Zeit aus, wenn dieser damals übliche Ausdruck darin Verwendung findet.
Im letzten Absatz argumentiert der Verfasser nun, dass Diskussionsrunden oder Arbeitskreise zu diesem Thema nicht sinnvoll wären und verweigert sich der Teilnahme daran. Dabei sollte einer funktionierenden Diskussionskultur innerhalb einer Demokratie doch ein hoher Stellenwert beigemessen werden. „Beim Red’n kemmen d’Leit z’sam“ heißt es schon im Volksmund. In einer parlamentarischen Demokratie spielt eben das Miteinander Sprechen (parler) eine bedeutende Rolle. Dies zu verweigern oder ins Lächerliche zu ziehen, erachte ich als zutiefst undemokratisch. Wer nicht miteinander redet, verharrt bei vorgefassten Meinungen und hat einfach keine Lust oder Angst davor, sich ernsthaft mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen. Dies aber gehört zum Aufgabenbereich gewählter Volksvertreter:innen.
Abschließend möchte ich noch festhalten, wie wichtig es ist, einander wertzuschätzen – auch wenn man bei einzelnen Themen anderer Meinung sein sollte. Polemische Texte wie der hier analysierte sind leider fernab jeglicher Wertschätzung. Dennoch hoffe ich, dass wir uns auch weiterhin in die Augen schauen, die Hände schütteln, bei einem Bier miteinander anstoßen und gemeinsam Gutes für Kufstein erwirken können – so wie auch schon in den letzten sechs Jahren.
Es freut mich sehr, dass mein Antrag zum gesellschaftlich-kulturellen Aufarbeitungsprozess in Sachen Heldenorgel so reges Interesse auf sich gezogen hat. Ganz unabhängig davon, wie die Sache ausgeht, ist ein Ziel damit schon erreicht: Die Orgel ist im Gespräch. Ihre Geschichte wird beleuchtet. Man diskutiert darüber, führt spannende Debatten – sei es am Stammtisch oder auf Facebook. All dies ist gewissermaßen schon Teil des erwünschten Aufarbeitungsprozesses. Diese Diskussion tut unserer Stadt sehr gut, da sie viel Unausgesprochenes ans Licht bringt. Ich habe auch den Eindruck, dass sie bei vielen neues Interesse für Kommunalpolitik entfacht und vielleicht einen kleinen Beitrag dazu leistet, bei den nächsten Wahlen eine höhere Beteiligung zu erzielen. Wunderbar.
Da aus vielen Kommentaren leider hervorgeht, dass manche den ursprünglichen Antrag gar nicht kennen, möchte an dieser Stelle noch ein paar Erläuterungen anbringen:
Mein Antrag hat drei Teile: Infotafeln – Umbenennung – Schlusslied. Ich würde es bereits als Erfolg werten, wenn wir in einem oder zwei dieser drei Punkte eine Veränderung erreichen könnten. Manche behaupten hier, mir gehe es allein um die Umbenennung. Das stimmt einfach nicht. Man sollte auch nicht die von mir vorgebrachten Argumente für die einzelnen Punkte in einen Topf zu werfen. So habe ich z.B. den Nationalsozialismus nur in Bezug auf Punkt 1 (Infotafeln) erwähnt. Bei Umbenennung und Schlusslied spielt er keine Rolle. Irrig ist auch die Annahme, es würde um den Begriff „Held“ an sich gehen, da dieser bereits problematisch wäre. Das hab ich nie gesagt. Problematisch ist die bei der Einweihung im Mai 1931 gesetzte Rahmung dieses Begriffes, die rein gar nichts mit Frieden und zivilen Heldentum zu tun hat, sondern eng mit einer ethno-nationalistischen Weltsicht verbunden ist.
Man sollte auch noch einmal betonen, dass ich nicht der Erfinder jener Argumente bin, die ich im Antrag vorbringe. Fast alle wurden in ähnlicher Formulierung schon von akademischer Seite in den letzten Jahren publiziert. Hier möchte einmal mehr auf die 2019 erschienen Schrift „Disposition“ von Lucas Norer verweisen. Da diese unter einer Creative Commons Lizenz steht, erlaube ich mir die pdf unten anzuhängen und sie all jenen ans Herz zu legen, die sich eingehender mit der Geschichte der Orgel beschäftigen wollen. Da das Interesse für das Thema sehr groß ist, hoffe ich auch, dass beim geplanten Vortrag von Dr. Franz Gratl zu Thema „Der Name der Orgel“ am 17. 10. im Kultur Quartier viel Publikum zu erwarten ist. Ich freue mich auf die anschließende Diskussion. Dr. Gratl ist auch Autor von Band 6 der „Edition Kufstein“ im Rahmen des Projektes „Kufstein schreibt Stadtgeschichte“. Dieses wird am 30. November präsentiert und natürlich wird die Orgel – vielleicht aber auch die gegenwärtige Diskussion – darin eine Rolle spielen.
Jedenfalls zielt es ins Leere, wenn man mir mangelndes historisches Bewusstsein vorwirft, wo ich mich doch auf Historiker und Musikwissenschaftler berufe und diese klar zitiere. Als Physiker und Philosoph maße ich mir selbst kein historisches Urteil an, sondern vertraue den Experten, die ich in meinem Antrag angeführt habe. Schon Sophokles sagte: Don’t shoot the messenger.
Ansprechen möchte ich auch die Zeitungsumfrage, die in diesem und anderen Kommentar-Threads schon öfters verlinkt wurde. Diese verwundert mich gar nicht. Um ehrlich zu sein, hätte ich noch vor einem Jahr selbst für eine Beibehaltung des Namen „Heldenorgel“ gestimmt, da mir dieser eigentlich immer sehr gut gefiel. Ich kann also gut verstehen, dass viele Menschen diese Option wählen. Vor einem Jahr hätte ich auch noch dazugehört.
Aber dann wurde ich gebeten, mich der Sache anzunehmen. Ich habe gelesen, recherchiert, Gespräche geführt. Sehr frappierend war die Lektüre jener Reden, die zur Einweihung der Orgel 1931 geschwungen wurden und die man in der Nr. 101 der „Innsbrucker Nachrichten“ aus dem Jahr 1931 nachlesen kann. Es war ein langer Prozess: Aber je mehr ich darüber in Erfahrung brachte, desto klarer wurde mir, dass hier etwas geschehen sollte.
Es wundert mich also überhaupt nicht, dass eine Mehrheit jener Menschen, die diesen Rechercheprozess nicht selbst mitgemacht haben, der Meinung sind, die Orgel solle ihre Namen behalten. Ohne fundierte Recherche ist die Problematik eben schwer zu sehen. Aber bei vielen Fragen kommt es eben nicht auf das Bauchgefühl an, sondern darauf, in die Meinung von Experten (und hier meine ich nicht mich, sondern Gratl, Norer, et al.) zu vertrauen.
Ich bin der Meinung, dass viele Menschen, die für den Verbleib beim ursprünglichen Namen gestimmt haben, anders denken würden, wenn sie sich die Zeit nehmen würden, dieselben Quellen zu studieren und Gespräche zu führen, wie ich es getan habe. Deshalb bin ich auch ein großer Fan von ausgelosten Bürgerräten, in denen die Menschen sich zuerst fundiert informieren und hernach zu Entscheidung gelangen. Eine einfache Abstimmung, in der oft ohne die nötige Vorinformation aus dem Bauch heraus entschieden wird, eignet sich im vorliegenden Fall jedenfalls nicht. Man vertraut ja auch auf einen Piloten, wenn man in ein Flugzeug steigen. Kann man nicht auf Historiker und Musikwissenschaftler vertrauen, wenn es um den Namen einer Orgel geht? Bei einer Umfrage wie dieser, kommt übrigens noch hinzu, dass bekannte politikwissenschaftliche bzw. psychologische Phänomene wie die sogenannte Status-quo Verzerrung zu tragen kommen.
Jedenfalls freut es mich sehr, dass ich in den letzten Tagen auch viel Zustimmung für meinen Vorschlag erhalten hatte. Bei dem aggressiven Ton, der auf Facebook herrscht, verstehe ich aber gut, dass viele mir ihre Zustimmung direkt zukommen lassen, als sie hier zu posten. Ich danke aber auch jenen, die klar gegen meine Vorschläge sind, dies hier aber in sachlich Ton vorbringen.
Jenen, die hier versuchen mich zu beleidigen oder zu diffamieren, möchte ich ein bisschen Gelassenheit empfehlen. Man kann auch sachlich und höflich miteinander diskutierten, ohne einer Meinung zu sein. Attackieren Sie Argumente, nicht Menschen. Das sogenannte „Argumentum ad hominem“ – also der versucht ein Argument zu entkräften, indem man die Person, die es vorgebracht hat, diskreditiert – gilt nicht umsonst als Scheinargument. (https://de.wikipedia.org/wiki/Argumentum_ad_hominem). Es spielt doch überhaupt keine Rolle, ob Sie meine Theaterstücke oder mich nun mögen oder nicht. Das hat rein gar nichts mit dem Thema zu tun. Es erstaunt mich auch, was manche Leute über mich zu wissen glauben. Etwa, dass ich nie Soldat gewesen wäre (Stimmt nicht.) oder, dass ich nie als Physiker wissenschaftlich tätig gewesen wäre (Sieben Jahre lang.). Aber selbst, wenn etwas davon wahr wäre, hätte das doch überhaupt nichts mit der Validität meiner Argumente zu tun. Dennoch: Diese Aussagen offenbaren zumindest, dass es um die Recherchefähigkeit jener Leute, die mir dergleichen unterstellen, nicht allzu gut steht. Wenn sie es nicht zu Wege bringen, meinen öffentlichen einsehbaren Lebenslauf durchzulesen, so kann man wohl zurecht auch an ihren Ausführungen in Sachen Orgel zweifeln.
In einem Punkt haben alle Kritiker:innen natürlich recht: Es gibt wichtigere Themen (z.B. den Klimawandel). Aber: Die Existenz wichtigerer Themen ist kein Argument dagegen, sich auch den nicht ganz so wichtigen zu widmen – besonders dann nicht, wenn kein anderes Thema deshalb später behandelt wird. Wer glaubt, irgendetwas würde in der Kufsteiner Gemeindepolitik langsamer vonstattengehen, nur weil man nebenbei über die Orgel redet, der irrt. Das Thema wurde an mich herangetragen, ich habe mir die Faktenlage angesehen und es entsprechend vorgebracht. Das würde ich auch bei anderen Themen, weil ich es als meine Aufgabe als Gemeinderat und Kulturreferent dieser Stadt ansehe, nicht nur still in Ausschüssen und Räten zu sitzen, sondern aktiv daran mitzuarbeiten, dass sich die Perle Tirols am grünen Inn eines blühenden, bunten kulturellen Lebens erfreut, das mutig auf Vergangenheit und Zukunft blickt. Dazu leiste ich gern meinen Beitrag – und das werde ich auch noch die nächsten fünfeinhalb Jahre tun.
Antrag gemäß §41 TGO an den Gemeinderat der Stadt Kufstein
Antragsteller: Klaus Reitberger
„ORGEL-RELAUNCH“
Der Gemeinderat möge beschließen:
Unter wissenschaftlicher Beratung ist ein gesellschaftlich-kultureller Aufarbeitungsprozess einzuleiten, dessen erklärtes Ziel 1) eine überarbeitete Darstellung der Geschichte der Kufsteiner Freiluftorgel auf Infotafeln und Internetseiten, 2) eine Umbenennung des Instrumentes sowie 3) die Auswahl eines anderen, am Ende des täglichen Mittagskonzertes gespielten Musikstückes, ist. Punkt 2) und 3) sollen dabei auf basisdemokratischem Wege mit möglichst breiter Beteiligung der Kufsteiner Bevölkerung geschehen.
Begründung:
Im Stadtalbum „Kufstein im 20. Jahrhundert“ stellt der Musikwissenschaftler und Leiter der Musiksammlung des Tiroler Landesmuseums Dr. Franz Gratl auf S. 175 fest, dass
„angesichts der problematischen Geschichte wohl ein ‚ideologischer Relaunch‘ des Instruments und eine gründliche, kritische und tabulose Dokumentation seiner Geschichte im Festungshof dringend geboten [wären].“[1]
In der Publikation „Disposition“ des Jahres 2019, die sich speziell mit der Kufsteiner Freiluftorgel beschäftigt und u.a. auch Texte von Franz Gratl und Michael Gerhard Kaufmann enthält, schreibt der preisgekrönte Kunstwissenschaftler und Künstler Lucas Norer:
„Das Spiel der Heldenorgel fußt auf einem Gedankengut, das ein totalitäres, völkisches und militantes Hörerlebnis intendierte. Sind das nicht Gründe genug in einer demokratisch-pluralistischen Gesellschaft hellhörig zu werden? Die Heldenorgel benötigt dringend eine gesellschaftlich-kulturelle Aufarbeitung.“[2]
Ausgehend von diesen beiden Stellungnahmen, hab ich mich selbst eingehend mit der Thematik beschäftigt und folgende Argumente für die im Antrag erwähnten Maßnahmen gefunden:
Gründe für die überarbeitete Darstellung der Geschichte der Kufsteiner Freiluftorgel:
Kufsteins Leistungen in Sachen Vergangenheitsbewältigung sind in meinen Augen vorbildhaft. Mit der Publikationsreihe „Kufstein im 20. Jahrhundert“ sowie diversen Vorträgen von Seiten des Heimatvereins bzw. den wertvollen Arbeiten des Film- und Videoclubs wird und wurde hier viel geleistet. Umso frappierender ist der blinde Fleck, den die Kufsteiner Freiluftorgel in all dem einnimmt:
Auf den Informationstafeln im Bürgerturm, aber auch auf den dazugehörigen Internetseiten der Stadt und Festung Kufstein, wird die Geschichte des Instruments vereinfacht und verfälscht dargestellt. So steht etwa im Bürgerturm geschrieben, dass die Orgel ursprünglich zum Gedenken der Opfer des 1. Weltkrieges errichtet worden wäre. Den wichtigen Zusatz, dass es dabei nur um Soldaten ging – genauer gesagt, nur um deutsche bzw. deutschsprachige Soldaten, und etwa nicht um alle anderen für die Donaumonarchie gefallenen Soldaten nichtdeutscher Volksgruppen – wird verschwiegen. Über die spätere Vereinnahmung der Orgel durch die Nationalsozialisten findet man kein Wort.
Noch problematischer ist die Infotafel über den Orgel-Initiator Max Depolo. Weder werden seine kriegsverherrlichenden, deutschnationalen und antiitalienischen Gedichte, noch seine spätere Mitgliedschaft in der NSDAP erwähnt.
Überhaupt wird die spätere Vereinnahmung der Orgel durch den Nationalsozialismus nirgends thematisiert. Der Umstand etwa, dass dieses Instrument zum Geburtstag Adolf Hitlers deutschlandweit im Reichsrundfunk zu hören war[3], sollte nicht einfach unerwähnt bleiben. Unbequeme Wahrheiten wie diese sollte man nicht ängstlich verschweigen, sondern mutig thematisieren und in den rechten Kontext rücken.
Jemand der vor diesen Infotafeln steht und ein bisschen der Recherche fähig ist, wird diese Auslassungen merkwürdig finden und der Stadt Kufstein hier mangelnde Fähigkeit zur Vergangenheitsbewältigung vorwerfen können. Zurecht. Eine Überarbeitung dieser beiden Infotafeln, eine Ergänzung durch eine Infotafel zur späteren Vereinnahmung der Orgel durch den Nationalsozialismus (etwa basierend auf dem entsprechenden Text in der Publikation „Disposition“) wäre auch in meinen Augen dringend geboten.
Auch für Punkt zwei und drei dieses Antrags – die Umbenennung des Instrument und die Wahl eines neuen Liedes – lassen sich durchaus gute Argumente finden. Nennen wir jeweils drei.
Argumente für die notwendige Umbenennung des Instrumentes
Völlig unabhängig von irgendwelchen geschichtlichen Verfänglichkeiten ist es ein logisch-semantischer Widerspruch, ein Instrument als „Heldenorgel“ zu bezeichnen und gleichzeitig sein Spiel als Gedenken an die Opfer aller Kriege und Gewalt – wie es auf Infotafeln und im Internet zu lesen ist – interpretieren zu wollen. Damit wird suggeriert, dass alle Opfer aller Kriege und aller Gewaltakte schon „Helden“ wären. Die eigentliche Bedeutung des Wortes Held geht dabei vollkommen verloren und wird gewissermaßen entwertet. Jedem Menschen, der Logik und Semantik hochhält, sollten hier die Haare zu Berge stehen.
Auch wenn die Orgel heute den Opfern aller Kriege gedenken soll, so schwingt in ihrem Namen dennoch die ursprüngliche Intention mit, eben nur „als Heldenmal des deutschen Volkes […] dem Andenken aller im Weltkrieg gefallenen deutschen Helden“[4] zu dienen, so wie es Orgelbaumeister Oscar Walcker 1931 im einem Zeitungsartikel ausdrückte. Von zivilen oder gar nicht-deutschen Opfern war damals nie die Rede und der Begriff „Held“ erinnert daran. Schon 1924 wollte Max Depolo die geplante Orgel als Kulturdenkmal des deutschen Volkes verstanden wissen, welches geschlossenes Volksempfinden, Deutschlands Größe, Macht und Stärke wiedererwecken sollte.[5] Bundespräsident Wilhelm Miklas stellte in seiner Rede zur Einweihung der Orgel am 3. Mai 1931 klar, dass sie dem Gedächtnis „aller im Weltkrieg gefallen Kriegshelden deutschen Stammes“[6] geweiht ist und daher den Namen Heldenorgel trägt. Ein klare Abgrenzung von dieser ursprünglich streng ethno-nationalistischen und militaristischen Ausrichtung der Orgel kann in meinen Augen nur durch eine Umbenennung erzielt werden. Der derzeitige Name des Instruments ist zu eng mit einer chauvinistischen, nationalistischen Ideologie und der ursprünglichen Intention der Orgel verbunden.
Als drittes Argument für eine Umbenennung der Orgel sei noch genannt, dass sich gegenwärtig große Teile der nicht-männlichen Bevölkerung beim generischen Maskulinum „Helden“ nicht mehr mitgemeint fühlen und auch darum eine inklusivere Benennung angebracht wäre.
Argumente für die notwendige Wahl eines anderen, am Ende des täglichen Mittagskonzertes gespielten Musikstückes
Das Lied vom „Guten Kameraden“ ist in erster Linie ein soldatisches Lied. Wenn man die Orgel aber als Mahnmal an die Opfer aller Kriege und aller Gewalt interpretieren will – also ausdrücklich auch an die zivilen Opfer – so steht dies im Widerspruch damit, dass das Instrument täglich sein Konzert mit einem soldatischen Lied endet.
Die dritte Strophe des Liedes erzählt davon, wie ein Soldat seinem von einer Kugel getroffenen Freund nicht die Hand reichen kann, weil er nachladen muss. Das Nachladen ist darin wichtiger als das Helfen des Freundes. Vaterlandstreue und Befehlsgehorsam werden hier klar zu höheren Werten als Freundschaft und Mitgefühl erklärt. Man fragt sich, ob dies die richtige Botschaft für unsere Zeit ist.
Man sollte auch bedenken, woher Menschen, die nach Kufstein kommen und die Orgel hören, das Lied vom „Guten Kameraden“ kennen, bzw. was sie damit verbinden. In der Populärkultur der Gegenwart ist dieses Lied durchaus präsent. Viele kennen es aus der deutschen Fernsehserie „Babylon Berlin“, welche eine der erfolgreichsten und teuersten Serien im deutschen Sprachraum ist. Laut Statistiken wurde sie via sky über 10 Millionen mal gesehen[7]. Dazu kommen circa. 8 Millionen Zuseher:innen im ARD[8]. Da diese Zahlen nur bis 2018 reichen, kann man inzwischen von über 20 Millionen Konsument:innen ausgehen. Diese Serie spielt in den Jahren 1929 und 1930, also genau zu jener Zeit, als in Kufstein die Orgel kurz vor der Realisierung stand. Teil der Handlung ist auch eine Fraktion von militanten Nationalisten, welche im Zuge der ersten Staffel mehrere politische Morde und sogar Bombenanschläge verüben. In mehreren Folgen ist man Zeuge von Zusammenkünften dieser Fraktion; dabei wird stets gemeinschaftlich das Lied vom „Guten Kameraden“ gesungen. An die 20 Millionen deutschsprachige Serienfreunde kennen das Lied, das die Kufsteiner Orgel täglich spielt, also aus dem Fernsehen als das Lieblingslied von Terroristen.
Zum Thema Bürgerbeteiligung und Basisdemokratie
Bei einem Thema wie diesem, das vielen Bürger:innen nahegeht, ist es wichtig, dass die Bevölkerung Teil des Entscheidungsprozesses ist. Eine konkrete Vorgehensweise könnte sein, dass alle Kufsteiner Bürger:innen Vorschläge zur Namensgebung der Orgel und zum täglichen Musikstück beim Stadtamt einbringen dürfen und hernach in einem auszuarbeitenden Abstimmungsprozess darüber entscheiden. Es soll auch unterstrichen werden, dass der Umbenennungsprozess der Orgel keinesfalls als traditionsfeindlich verstanden werden soll. Gewiss finden sich einige der lokalen Tradition verbundene Namensvorschläge, die frei von ideologischer Vorbelastung sind. So könnte die Wahl zum Beispiel auf den Begriff „Freiheitsorgel“ fallen, der einerseits als Würdigung der Tiroler Freiheitskämpfe von 1809, sowie auch als Verweis auf das Streben nach Freiheit von Diktatur und Fremdbestimmung verstanden werden kann. Zudem würde der Begriff „Freiheitsorgel“ gut zum Namen der „Friedensglocke“ in Kufsteins Partnerstadt Roverto passen. Die Alpenpassage von Süd nach Nord würde somit von Frieden zu Freiheit führen. Dies sei aber nur als Beispiel, als möglicher Vorschlag von vielen zu verstehen. Auch für die Wahl des Liedes gäbe es viele Möglichkeiten, manche mit stark traditionellem Bezug. Ob es nun aber das „Kufsteiner Lied“ von Karl Ganzer oder die Europahymne oder ganz etwas anderes sein soll – die Kufsteiner Bevölkerung soll darüber befinden. Nicht zur Wahl stehen soll freilich der ursprüngliche Name und das ursprüngliche Musikstück, da es gegen diese, wie oben ausgeführt, klare Argumente gibt.
Fazit:
Ich freue mich, in einer Stadt zu leben, in der täglich von der Festung ein wunderbares Instrument erklingt. Ich freue mich auch, in einer Stadt zu leben, der man kein fehlendes historisches Bewusstsein vorwerfen kann, in einer Stadt, die mutig auf Vergangenheit und Zukunft blickt. Die größte Freiluftorgel der Welt hätte sich jedenfalls eine ehrliche, auslassungsfreie Darstellung ihrer Geschichte und einen würdigeren Namen verdient. Auf dass sie noch Jahrhunderte lang klingen möge!
Dieser Antrag, sowie die pdf zur Publikation „Disposition“ wird umgehend der Presse und allen Gemeinderäten zugesandt.
Am Ende dieser langen, doch hoffentlich nicht langweiligen Begründung, soll in Anlehnung an Bertolt Brecht noch folgender Satz stehen, denn mit ihm ist eigentlich alles gesagt:
Unglücklich die Stadt, die Helden nötig hat.
Kufstein, 8.6.2022 Unterschrift des Antragstellers
[1] Gratl, F. (2021). Klangdenkmal, Kuriosum, Relikt – die Heldenorgel. In Stadtgemeinde Kufstein (Hrsg.), Vom Stadtl zur Stadt. Kufstein im 20. Jahrhundert. Ein Stadtalbum (S. 174f).
[2] Norer, L. (2019). Zur Disposition. In L. Norer (Hrsg.), Disposition (S. 31-36).
[3] vgl. Gratl F. (2019). Entstehung und Geschichte der Kufsteiner Heldenorgel. In L. Norer (Hrsg.), Disposition (S. 9-13).
Jeder und jede, die dieses Buch zur Hand nehmen, werden frappiert sein, wie viel strukturelle Ungleichkeit sie bisher gar nicht bemerkt haben. Ob im Alltagsleben, am Arbeitsplatz, in Designfragen, beim Arztbesuch, im öffentlichen Leben und sogar im Katastrophenfall – die Autorin deckt überall grobe Ungerechtigkeit und Ungleichbehandlung der Geschlechter auf. Fern von Geschwafel wird anhand von Fakten mit klarer Datenlage aufgezeigt, wie durchsetzt das herrschende System von gravierenden Missständen und über die Jahrhunderte kaum hinterfragte Vereinfachungen ist. Wer nun glaubt, dass der Pfeil des Fortschritts klar in die richtige Richtung weist, dem mögen die problematischen Auswüchse von einseitigen Datenlagen in immer mächtiger werdenden Algorithmen zu denken geben. „Big Data“ beruht auf Historie und ist daher leider vor allem „Male Data“. Ein Computerprogramm kann noch so neutral ist – basiert es auf Input mit männlicher Schlagseite, so sind auch die Ergebnisse von denselben Stereotypen durchzogen, wie die klassischen Verfehlungen des alten, weißen Mannes an der Spitze von Wirtschaft und Politik.
Jedenfalls ist dieses Buch sehr zu empfehlen. Manchen Leuten möge man es einfach auf den Schreibtisch werfen und laut „Lies das!“ rufen. Hoffentlich wirkt’s.
Wenn man als in Österreich lebender Mensch nur Zeit genug hat, um ein einziges Buch über den Klimawandel zu lesen, dann sollte man dieses wählen. Selten hat jemand die internationale und regionale Dimension dieser größten Krise unserer Zeit so gut auf Papier gebannt, wie Katharina Rogenhofer es in diesem spannenden, ergreifenden und sehr informativen Sachbuch tut.
Ich habe schon viele Werke zum Klimawandel gelesen. Manche versteigen sich in Details, andere verlieren sich im Vagen ohne je konkret zu werden. Manche wecken falsche Hoffnung und spielen den Ernst der Lage herunter, andere wiederum räumen der Hoffnung überhaupt keinen Platz ein und hinterlassen die Lesenden in untätiger Starre. Rogenhofer kann es besser. Mit ihrem persönlich Einsatz, mit ihrem beeindruckenden Engagement beim Klimavolksbegehren, macht sie vor, wie der einzelne Mensch einen großen Unterschied machen kann. Sie lässt keinen Zweifel am Ernst der Lage, sieht aber auch die positiven Trends, welche allmählich die viel zu späte Kehrtwende doch noch in den Bereich des Möglichen rücken.
Mit einer leicht verständlichen Sprache, die dennoch reich an passenden Metaphern und beeindruckenden Analogien ist, führen Rogenhofer und ihr Co-Autor Florian Schlederer in die Problematik des Klimawandels ein und beleuchten diesen von verschieden Seiten: wissenschaftlich, wirtschaftlich, sozial, politisch, auch familiär. Alle Lebensbereiche werden vom Klimawandel berührt. Alle vermögen wiederum auch, auf ihn einzuwirken. Jedes Zielpublikum nimmt aus diesem Buch die richtige Botschaft mit. Ohnehin schon für Klimaschutz engagierte Menschen fühlen sich bestätigt und werden mit neuer Motivation bestärkt. Jene, die an der Schwelle zum Engagement stehen, werden über ebenjene Schwelle getragen. Und jene, die noch nicht begriffen haben, wie ernst die Lage ist, erleben während der Lektüre hoffentlich einen Sinneswandel. Schön ist auch, wie die unterschiedlichen Generationen im Buch Beachtung finden und wie klar und stark der Gedanke zum Vorschein kommt, dass sie alle einen Beitrag zur Lösung der Krise leisten können.
Es bleibt zu hoffen, dass viele Menschen, auch viele Entscheidungsträger:innen dieses Buch lesen. Gerade die Kapitel, in denen die Berührungspunkte zwischen Aktivist:innen und noch oder nicht mehr aktiven Politiker:innen erzählt werden, habe eine besondere Spannung in sich. Vieles, das in den Medien berichtet wurde, macht nun, vor dem beleuchteten Hintergrund, den dieses Buch liefert, mehr Sinn.
Jedenfalls rate ich ausdrücklich zur Lektüre dieses Buches und hoffe, dass Katharina Rogenhofer noch genug Gelegenheit bekommt, ihr Engagement und ihr Wissen im Dienste der guten Sache einzubringen. Aber nicht nur sie. Viele Österreicher:innen mögen in ihrem Windschatten zu ihr und ihren Mitstreiter:innen aufschließen und bald selbst an vorderster Front daran erinnern, dass noch viel zu tun ist und noch viel zu wenig getan wurde.
Auf persönlicher Ebene freut es mich jedenfalls sehr, dass wir Katharina Rogenhofer im Herbst 2021 bei uns in Kufstein in der Reihe der Kufsteiner Nachtgespräche auf der Bühne des Kultur Quartiers hören durften. Einige im Publikum haben das Buch ja an diesem Abend auch nach Hause genommen.