Ein Diskussionsbeitrag

Es freut mich sehr, dass mein Antrag zum gesellschaftlich-kulturellen Aufarbeitungsprozess in Sachen Heldenorgel so reges Interesse auf sich gezogen hat. Ganz unabhängig davon, wie die Sache ausgeht, ist ein Ziel damit schon erreicht: Die Orgel ist im Gespräch. Ihre Geschichte wird beleuchtet. Man diskutiert darüber, führt spannende Debatten – sei es am Stammtisch oder auf Facebook. All dies ist gewissermaßen schon Teil des erwünschten Aufarbeitungsprozesses. Diese Diskussion tut unserer Stadt sehr gut, da sie viel Unausgesprochenes ans Licht bringt. Ich habe auch den Eindruck, dass sie bei vielen neues Interesse für Kommunalpolitik entfacht und vielleicht einen kleinen Beitrag dazu leistet, bei den nächsten Wahlen eine höhere Beteiligung zu erzielen. Wunderbar.

Da aus vielen Kommentaren leider hervorgeht, dass manche den ursprünglichen Antrag gar nicht kennen, möchte an dieser Stelle noch ein paar Erläuterungen anbringen:

Mein Antrag hat drei Teile: Infotafeln – Umbenennung – Schlusslied. Ich würde es bereits als Erfolg werten, wenn wir in einem oder zwei dieser drei Punkte eine Veränderung erreichen könnten. Manche behaupten hier, mir gehe es allein um die Umbenennung. Das stimmt einfach nicht. Man sollte auch nicht die von mir vorgebrachten Argumente für die einzelnen Punkte in einen Topf zu werfen. So habe ich z.B. den Nationalsozialismus nur in Bezug auf Punkt 1 (Infotafeln) erwähnt. Bei Umbenennung und Schlusslied spielt er keine Rolle. Irrig ist auch die Annahme, es würde um den Begriff „Held“ an sich gehen, da dieser bereits problematisch wäre. Das hab ich nie gesagt. Problematisch ist die bei der Einweihung im Mai 1931 gesetzte Rahmung dieses Begriffes, die rein gar nichts mit Frieden und zivilen Heldentum zu tun hat, sondern eng mit einer ethno-nationalistischen Weltsicht verbunden ist.

Man sollte auch noch einmal betonen, dass ich nicht der Erfinder jener Argumente bin, die ich im Antrag vorbringe. Fast alle wurden in ähnlicher Formulierung schon von akademischer Seite in den letzten Jahren publiziert. Hier möchte einmal mehr auf die 2019 erschienen Schrift „Disposition“ von Lucas Norer verweisen. Da diese unter einer Creative Commons Lizenz steht, erlaube ich mir die pdf unten anzuhängen und sie all jenen ans Herz zu legen, die sich eingehender mit der Geschichte der Orgel beschäftigen wollen. Da das Interesse für das Thema sehr groß ist, hoffe ich auch, dass beim geplanten Vortrag von Dr. Franz Gratl zu Thema „Der Name der Orgel“ am 17. 10. im Kultur Quartier viel Publikum zu erwarten ist. Ich freue mich auf die anschließende Diskussion. Dr. Gratl ist auch Autor von Band 6 der „Edition Kufstein“ im Rahmen des Projektes „Kufstein schreibt Stadtgeschichte“. Dieses wird am 30. November präsentiert und natürlich wird die Orgel – vielleicht aber auch die gegenwärtige Diskussion – darin eine Rolle spielen.

Jedenfalls zielt es ins Leere, wenn man mir mangelndes historisches Bewusstsein vorwirft, wo ich mich doch auf Historiker und Musikwissenschaftler berufe und diese klar zitiere. Als Physiker und Philosoph maße ich mir selbst kein historisches Urteil an, sondern vertraue den Experten, die ich in meinem Antrag angeführt habe. Schon Sophokles sagte: Don’t shoot the messenger.

Ansprechen möchte ich auch die Zeitungsumfrage, die in diesem und anderen Kommentar-Threads schon öfters verlinkt wurde. Diese verwundert mich gar nicht. Um ehrlich zu sein, hätte ich noch vor einem Jahr selbst für eine Beibehaltung des Namen „Heldenorgel“ gestimmt, da mir dieser eigentlich immer sehr gut gefiel. Ich kann also gut verstehen, dass viele Menschen diese Option wählen. Vor einem Jahr hätte ich auch noch dazugehört.

Aber dann wurde ich gebeten, mich der Sache anzunehmen. Ich habe gelesen, recherchiert, Gespräche geführt. Sehr frappierend war die Lektüre jener Reden, die zur Einweihung der Orgel 1931 geschwungen wurden und die man in der Nr. 101 der „Innsbrucker Nachrichten“ aus dem Jahr 1931 nachlesen kann.  Es war ein langer Prozess: Aber je mehr ich darüber in Erfahrung brachte, desto klarer wurde mir, dass hier etwas geschehen sollte.

Es wundert mich also überhaupt nicht, dass eine Mehrheit jener Menschen, die diesen Rechercheprozess nicht selbst mitgemacht haben, der Meinung sind, die Orgel solle ihre Namen behalten. Ohne fundierte Recherche ist die Problematik eben schwer zu sehen. Aber bei vielen Fragen kommt es eben nicht auf das Bauchgefühl an, sondern darauf, in die Meinung von Experten (und hier meine ich nicht mich, sondern Gratl, Norer, et al.) zu vertrauen.

Ich bin der Meinung, dass viele Menschen, die für den Verbleib beim ursprünglichen Namen gestimmt haben, anders denken würden, wenn sie sich die Zeit nehmen würden, dieselben Quellen zu studieren und Gespräche zu führen, wie ich es getan habe. Deshalb bin ich auch ein großer Fan von ausgelosten Bürgerräten, in denen die Menschen sich zuerst fundiert informieren und hernach zu Entscheidung gelangen. Eine einfache Abstimmung, in der oft ohne die nötige Vorinformation aus dem Bauch heraus entschieden wird, eignet sich im vorliegenden Fall jedenfalls nicht. Man vertraut ja auch auf einen Piloten, wenn man in ein Flugzeug steigen. Kann man nicht auf Historiker und Musikwissenschaftler vertrauen, wenn es um den Namen einer Orgel geht? Bei einer Umfrage wie dieser, kommt übrigens noch hinzu, dass bekannte politikwissenschaftliche bzw. psychologische Phänomene wie die sogenannte Status-quo Verzerrung zu tragen kommen.

Jedenfalls freut es mich sehr, dass ich in den letzten Tagen auch viel Zustimmung für meinen Vorschlag erhalten hatte. Bei dem aggressiven Ton, der auf Facebook herrscht, verstehe ich aber gut, dass viele mir ihre Zustimmung direkt zukommen lassen, als sie hier zu posten. Ich danke aber auch jenen, die klar gegen meine Vorschläge sind, dies hier aber in sachlich Ton vorbringen.

Jenen, die hier versuchen mich zu beleidigen oder zu diffamieren, möchte ich ein bisschen Gelassenheit empfehlen. Man kann auch sachlich und höflich miteinander diskutierten, ohne einer Meinung zu sein. Attackieren Sie Argumente, nicht Menschen. Das sogenannte „Argumentum ad hominem“ – also der versucht ein Argument zu entkräften, indem man die Person, die es vorgebracht hat, diskreditiert – gilt nicht umsonst als Scheinargument. (https://de.wikipedia.org/wiki/Argumentum_ad_hominem). Es spielt doch überhaupt keine Rolle, ob Sie meine Theaterstücke oder mich nun mögen oder nicht. Das hat rein gar nichts mit dem Thema zu tun. Es erstaunt mich auch, was manche Leute über mich zu wissen glauben. Etwa, dass ich nie Soldat gewesen wäre (Stimmt nicht.) oder, dass ich nie als Physiker wissenschaftlich tätig gewesen wäre (Sieben Jahre lang.). Aber selbst, wenn etwas davon wahr wäre, hätte das doch überhaupt nichts mit der Validität meiner Argumente zu tun. Dennoch: Diese Aussagen offenbaren zumindest, dass es um die Recherchefähigkeit jener Leute, die mir dergleichen unterstellen, nicht allzu gut steht. Wenn sie es nicht zu Wege bringen, meinen öffentlichen einsehbaren Lebenslauf durchzulesen, so kann man wohl zurecht auch an ihren Ausführungen in Sachen Orgel zweifeln.

In einem Punkt haben alle Kritiker:innen natürlich recht: Es gibt wichtigere Themen (z.B. den Klimawandel). Aber: Die Existenz wichtigerer Themen ist kein Argument dagegen, sich auch den nicht ganz so wichtigen zu widmen – besonders dann nicht, wenn kein anderes Thema deshalb später behandelt wird. Wer glaubt, irgendetwas würde in der Kufsteiner Gemeindepolitik langsamer vonstattengehen, nur weil man nebenbei über die Orgel redet, der irrt. Das Thema wurde an mich herangetragen, ich habe mir die Faktenlage angesehen und es entsprechend vorgebracht. Das würde ich auch bei anderen Themen, weil ich es als meine Aufgabe als Gemeinderat und Kulturreferent dieser Stadt ansehe, nicht nur still in Ausschüssen und Räten zu sitzen, sondern aktiv daran mitzuarbeiten, dass sich die Perle Tirols am grünen Inn eines blühenden, bunten kulturellen Lebens erfreut, das mutig auf Vergangenheit und Zukunft blickt. Dazu leiste ich gern meinen Beitrag – und das werde ich auch noch die nächsten fünfeinhalb Jahre tun.

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