NOVICOSMO – Summerschool

Rabac2

Welch ein schöner Ort den Sommer zu beenden. Das Meer ist noch warm. Die Luft riecht herrlich süß nach Mittelmeer. Die Physik ist spannend und abwechslungsreich. Die Cocktails sind gut. Die Menschen sind freundlich.

Das ist Rabac, Kroation im Osten von Istrien. Das ist NOVICOSMO – Summerschool 2009. Gemeinsam mit ca. 70 anderen Jungastrophysiker und -astrophysikerinnen verbringe ich zehn schöne Tage in der kleinen Küstenstadt, höre ausgewählte Vorträge von Spitzenforschern, tauche im klaren Wasser der Kvarner Buch, wandere über die Hügel, genieße die Meeresfürchte und lerne viele faszinierende Menschen aus aller Welt kennen.

NOVICOSMO

Rabac

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Betrachtungen – Kommentare – Aphorismen

Ad Christopher McCandless

Viel wurde bereits gesagt und geschrieben ueber das tragische Schicksal von Christopher McCandless. Das grossartige Buch von Jon Krakauer und vor allem die brilliante Verfilmung von Sean Penn haben dazu geführt, dass heute mehr Menschen  über das seltsame Leben und Sterben jenes jungen, mutigen Amerikaners Bescheid wissen denn je. Viele schütteln die Köpfe, andere glauben ihn zu verstehen, manche  identifizieren sich vielleicht sogar teilweise mit McCandless. Für mich ist seine Geschichte eine Warnung, eine Bestätigung und zugleich eine große Inspiration. Manches, was ich in den letzten eineinhalb Jahre gedacht, geschrieben und getan habe, hat indirekt mit dem Schicksal McCandless‘ zu tun. So trug dieses wohl wesentlich zur Genese meines neuesten Theaterstückes „Die Gefangenen“ bei. Trotz klarer Unterschiede und anderer Akzente wird die Hauptfigur darin vom selben Drang nach Freiheit und derselben Antipathie gegenüber der Seichtheit und Verlogenheit der sie umgebenden Mainstream-Gesellschaft geprägt und getrieben wie auch McCandless. Was mich an seinem Charakter besonders faszinierte, war seine eiserne Entschlossenheit in der Ausführung seines Plans, seine Belesenheit, aber auch seine emotionale Kälte gegenüber seiner Familie, die er solange im Ungewissen über sein Schicksal ließ, bis seine Leiche ihr Antwort gab. Wenn es wirklich nur die Jahre zurückliegende Bigamie seines Vaters war, die McCandless dazu veranlasste seine Eltern und seine Schwester zwei Jahre lang mit schmerzlicher Ungewissheit zu strafen, so entlarvt ihn dies als einen unversöhnlichen Menschen mit streng konservativem Moralkodex. Auch andere Fakten seines Lebens weisen darauf hin. Er scheute die Gesellschaft wohl nicht, weil sie ihm zu konservativ war, sondern wohl vor allem darum, weil sie ihm zu wenig „rein“ und zu verlogen war.

Was seine Belesenheit angeht, so war dies ein Hauptgrund meiner anfänglichen Faszination für diesen Menschen. Scheinbar hielt sich McCandless an eine ähnliche literarische Diät, wie ich es in seinem Alter tat, und strich Stellen in seinen Büchern an, die auch ich anstreichen würde, und teilweise auch angestrichen habe. Tolstoi, Pasternak, London, Thoreau… Es hätten auch Sartre, Dostojewskij und Poe sein können; oder Nietzsche, Wilde und J.D. Salinger. Gewiss hätte dem jungen Chris auch  Schopenhauer gefallen. Dieser vielleicht mehr als alle anderen. Am meisten erinnert sein Denken und Leben jedoch an Thoreau, der nicht nur sprach sondern auch selber in die Wildnis ging und sein eigenes Leben zum Experiment machte. Was war Fairbanks Bus 142 denn anderes als eine Variation von der Hütte am Waldon See, nur extremer, radikaler und viel gefährlicher.

Wie wohl die meisten hörte ich zum ersten Mal von McCandless durch Penns Verfilmung von dessen Geschichte. Für mich war es der beste Film des Jahres. Ich sah ihn zweimal innerhalb von wenigen Tagen und mit sehr unterschiedlichen Emotionen. Beim ersten Mal ging ich heim in einem Gefühl der überschwänglichen Euphorie. Ich war trunken vor Freude am Dasein, wünschte mir nichts mehr als Freiheit, Unabhängigkeit und das Glück des Weilens in wilder Natur, welches ich schon auf manch langer Wanderung genießen durfte. In jener Nacht schrieb ich ein interessantes Stück Text, das mich seither immer wieder einmal amüsierte. Beim zweiten Sehen des Films waren meine Gefühle durchwachsener und bei weitem nicht so klar. Ich sah einen ganz anderen Film und begann über einige unbehagliche Widersprüche nachzudenken, die dem Film inhärent sind. Bewusst, wie mir scheint. Es ist als wollten die Macher – wahrscheinlich Penn – dem Publikum eine Frage stellen. Es ist eine Frage, die man mit nach Hause nimmt und lange mit sich herumträgt. Am Ende findet wohl ein jeder seine Antwort. Im Grunde ist die Frage die: Ist es wahr, dass nur geteiltes Glück wahres Glück ist? Auf einer Seite seiner Ausgabe von Doktor Schiwago hatte McCandless ein paar Wochen vor seinem Tod den Satz gerschrieben „Happiness is only true when shared“. Es ist dies jedoch ein radikaler Bruch mit seiner früherer Philosophie und all den Dingen, der gegenüber den Menschen äußerte, denen er auf seiner Reise begegnete. In einen Brief an seinen Freund Ronald Franz – oder wie immer dieser in Wirklichkeit heißen mag- , schrieb McCandless:

The joy of life comes from our encounters with new experiences, and hence there is no greater joy than to have an endlessly changing horizon, for each day to have a new and different sun. […] You are wrong if you think Joy emanates only or principally from human relationships. God has placed it all around us. It is in everything and anything we might experience. We just have to have the courage to turn against our habitual lifestyle and engage in unconventional living.

Es herrscht ein klarer Widerspruch zwischen dieser Aussage – welche im übrigen auch von einem Philosophen wie Thoreau hätte stammen können – und dem oben zitierten Satz über „wahres“ Glücklichsein. Mit der Art wie der Film aufgebaut ist – besonders mit der Betitelung des letzten Kapitels mit „Gaining wisdom“ – scheint uns Sean Penn seine eigene Interpretation nahe legen zu wollen, nämlich die, dass McCandless am Ende seiner Reise und am Ende der kurzen Reise seines Lebens die Wahrheit oder Weisheit findet, dass nur geteiltes Glück wahres  Glück sei. Happiness is only true when shared. Man bemerke dieses kompromisslose „only“ und vergleiche es mit dem „only“ in obiger Antithese, welche auch andere Quellen des Glückes erlaubt: „You are wrong if you think Joy emanates only or principally from human relationships.“

Klarer könnte der Widerspruch kaum sein. Wir haben ein Paar von These und Antithese, das keine Synthese erlaubt, denn das eine ist eine Negation des anderen und Tertium non datur. Man muss sich entscheiden. Das letzte Jahr über habe ich in größeren Abständen immer wieder über diese Frage und vor allem über die Entwicklung, die McCandless von der einen zur anderen Ansicht führte, nachgedacht und versucht in meiner Lektüre, sowie in meiner eigener Erfahrung in Alltag und Reise eine Antwort zu finden. Mein Interesse für McCandless führte mich schließlich zu Henry David Thoreau und dieser führte mich zurück zu McCandless und Jon Krakauers Buch über dessen Leben, das sich in interessanten Detail von der Darstellung im Film unterscheidet.

Ich habe eine Antwort. Und diese lautet, dass der schön und romantisch klingende Satz „Happiness is only true when shared“ völliger Unsinn ist. McCandless selbst bestätigt dies mit seinem Leben, mit den tausend intensiven Glücksmomenten, die er erlebte und wovon er stets Kunde tat. In allen Schilderung wurde er auf seiner Reise als überaus glücklicher Mensch beschrieben, der die Welt um ihn – besonders die wilde Welt – liebte und es genoss sie zu durchwandern. Er fand sein Glück vor allem in der Einsamkeit. Doch wirklich „einsam“ fühlte er sich nur, wenn er unter Menschen war.  Wem will man mehr trauen? Dem was McCandless sein Leben lang gelebt und gepredigt hat? Oder dem, was er geschwächt im Hungerzustand nach großem Schrecken und langen Monaten in der Kälte bei schlechtem Wetter an einer Stelle einmal in ein Buch gekritztelt hat? Gilt es denn nichts, das er davor tausendmal das Gegenteil sagte. Musste dieser eine Satz deshalb gleich als die Erlangung von Erkenntnis tituliert werden? Unsinn. Man bemerke, dass dies nur eine von vielen Notizen war, die McCandless in jenen Tagen in seine Bücher schrieb. Und es war bei weitem nicht seine letzte. Das letzte, was er schrieb, das letzte, was er lächelnd und mit einer Geste des Abschieds sowie des Triumphs vor seiner Kamera präsentierte, war ein Text der unter anderem den Satz beinhaltet: „I have had a happy life“. Und ich glaube die glücklichsten Stunden  waren die, die er mit niemanden teilte. Es waren die, in denen er alleine auf einem Berggipfel in Alaska stand und den Wind im Gesicht spürte. Es waren jene, als er im Kayak den Colorado River entlang fuhr, jene da er in Mexiko endlich den Ozean erreichte, jene da er im Zentrum eines Gewitters stand. Und jene Momente mit einem anderen Menschen zu teilen, hätte jene Momente vielleicht verdorben.

Doch wiese sollte man sie hierbei auf McCandless berufen. Ebensogut könnte man von Lord Byron sprechen, von Thoreau, Nietzsche, Emerson und so vielen anderen. Die Weltliteratur ist voll von wunderbaren Schilderung des Glückes und der Freude, die ein Mensch in dieser Welt empfinden kann. Niemand will dabei leugnen, dass in zwischenmenschliche Beziehungen die Quellen großen Glücks und großer Freude sein können. Doch zu glauben, dies wäre die einzige Quelle ist pure Blindheit. Es gibt mehr als einen Stern am Firmament. Es gibt tausende Quellen der Freude. Man koste sie alle und verweile bei denen, die am süßesten sind. Doch dies ist eine Frage des Geschmacks. Auch ich selbst habe meine eigenen Erfahrungen, die mir mit Bestimmtheit bestätigen: „You are wrong if you think Joy emanates only or principally from human relationships.“

Nichts soll in diesen Erörterung den Eindruck erwecken, dass ich McCandless in irgendeiner Art und Weise als Vorbild betrachte und allzu sehr preisen möchte. Wie Buch und Film und seine Briefe mir sagen, war er ein bewundernswerter, mutiger Mensch, der jedoch viel Ansichten vertrat, die ich klar ablehnen muss. Sein striktes puritanisches Moralverständnis, seine Kälte gegenüber jenen, die dieses missachteten, seine Frömmigkeit…

Man muss auch erwähnen, dass McCandless kein Einzelfall ist. Es gibt viele Menschen, die ihm ähnlich sind und ebenfalls „Into the Wild“ aufbrachen. Manche kehrten wieder, andere nicht. Krakauer erwähnt einige, die nicht wiederkehrten und sieht sich selber als jemand, der in seiner Jugend ähnlich wie McCandless lebte. Und zurecht stellt er fest, dass es wohl nur eine Reihe unglücklicher Zufälle war, die zu seinem Tode führte. Viel hätte nicht gefehlt und McCandless wäre lebendig aus der Wildnis zurückgekehrt. Wir wissen, dass er vor hatte ein Buch zu schreiben. Wir können vermuten, dass es sehr gut geworden wäre. Doch bekannt geworden, wäre es wohl kaum. Man sollte ehrlich sein. Der einzige Grund, warum sich die Welt für die Abenteuer von McCandless interessiert, ist sein Tod, ist seine verweste Leicht im entlegenen Bus. Wäre er nicht gestorben, würde auf der Titelseite von Krakauers Buch nichts von einem verwesten Körper stehen, die Geschichte hätte nie die Welt erobert. Und es gibt viele Geschcihten von Menschen, die wie McCandless in die Wildnis gehen, die versuchen ein „anderes“ Leben zu führen, die ihr Dasein zum Experiment und zum Kunstwerk erheben. Doch niemand interessiert sich für sie.

Cercato ho sempre solitaria vita

Le rive il sanno, e le campagne, e i boschi,

Per fuggir quest‘ ingegni storti e loschi,

Che la strada del ciel‘ hanno smarrita

—————————Petrarka

Das ist alles, was ich über Christopher McCandless sagen wollte.

Henry David Thoreau

So wie im letzten Sommer Lord Byron mein staendiger Begleiter war und mit mir durch Jura, Rhonetal und Chartreuse wanderte, so hatte ich auch auf dieser Reise meinen stillen Kameraden, den ich mit jedem Tage besser kennen lernte. Und obwohl ich in den ersten Wochen dieser Reise kaum die Zeit zum Lesen fand – zu reich war die Umgebung, zu dicht der Reigen der Erlebnisse – so boten sich spaeter doch so manche stille Stunden an, um in die Welt – und die Waelder – meines Buches zu tauchen und eine andere Welt aufzusuchen. So war ich also nicht nur hier. Waehrend ich den Mekong hinauf fuhr oder still an der Kueste Kambodschas meinen Fruchtsaft trank, waehrend ich in Vang Vieng das Treiben der Getriebenen beobachtete oder auf den Inseln Si Phan Dons in meiner Haengematte lag, ich las und lernte einen Menschen kennen. Ich reiste mit ihm durch die Waelder von Maine, folgte im Winter den Spuren eines Fuches am zugefrorenen See nahe Concord, Massachusetts und lebte zwei Jahre lang in jener Huette am Waldrand, nah und fern von nirgendwo. Ich lernte ihn kennen, jenen Gelegenheitsquietisten und Hobbyanarchisten, jenen Freund aller Waelder und Feind der Konventionen. Er, der grosse Reisende, der nie aus Neuengland herausgekommen ist und trotzdem die ganze Welt zu kennen schien. Ich las die Schriften von Henry David Thoreau.

Er starb zu frueh um seinen Ruhm noch zu erleben. Heute zaehlt er zu den wichtigsten literarischen Grossen Neuenglands. Sein Platz im Olymp der amerikansichen Literatur, gleich neben Emerson, Melville, Withman und Poe ist ihm gewiss. Und die Nachwelt nahm auf ihn Bezug. Tolstoi holte sich wichtige Impulse. Und wer weiss, ohne Thoreaus politischer Schrift der „Civil Disobidience“ waere das Leben Gandhis und das Schicksal Indiens vielleicht ein anderes gewesen. Denn Gandhi uebernahm sein Prinzip des friedlichen Protests von niemand anderem als Thoreau, dem Vordenker jeglicher Form zivilen Ungehorsams.

Philosophie und Dichtung sind in seinem Werk verwoben. Er verkoerpert vieles und doch ist seine Meinung klar. Man koennte ihn mit der Philosophie Rousseaus in Verbindung bringen, vielleicht auch mit den europaeischen Denkern der Lebensphilosophie vergleichen. Gewiss ist der Einfluss Emersons nicht unerheblich, der ihm Freund und Lehrmeister war. Dennoch ist Thoreau einzigartig. Seine entschlosse Abwendung von jeglicher festgefahrener Konvention, sein Streben nach Einfachkeit und Origninalitaet, seine fast religioese Verehrung der Natur und des Lebens, sein stiller Protest und sein ewiges Junggesellentum – es lohnt sich seinen Gedanken zu folgen. Und wie immer machte es mir Spass meine eigene Weltanschauung mit jener der Autoren meiner Lektuere zu vergleichen, Parallelen herauszuarbeiten und Unterschiede klar zu legen. Zu Thoreau sage ich oft einfach nur Ja. Er haette sich auch mit Byron gut verstanden, den er – denke ich – nicht kannte. Er kannte und zitierte viele Werke, die ihm wohl sehr wichtig waren. Oft erkannte ich in seinen Schriften so manche Stelle aus dem Lun Yu des Konfuzius wieder. Oft zitierte er auch die Veden, Vergil oder einfach nur Homer. In der Bibel fand er weniger, das in den Rahmen seiner Schriften passte. Thoreau ist kein Erzaehler, der Geschichten und Charaktere er’findet“. Alles, was er schrieb, ist ein Bericht. Ein Bericht seines Lebens, seiner Reisen und vor allem seiner Zeit am Waldon-See, wo er zwei Jahre lang mit der Einsamkeit experimentierte und vom Land alleine lebte. Thoreau hat nicht nur von alternativen Lebenswegen geschrieben und philosphiert. Er hat sie ausprobiert. Und er ist ein Meister der Beobachtung, besonders der Naturbeobachtung. Das Spiel der Jahreszeiten, der Zauber eines zugefrorenen Sees, die Waerme des Feuers, die Stimmen im Wind und die Lieder im Regen – keine hat dies je besser beschrieben als Thoreau. Man lobe aber auch seinen feinen Sarkasmus und versteckten Spott fuer die Gesellschaft der Mainstream Kultur.

Jetzt bin ich mit ihm fertig, habe mein Buechlein „Waldon and other writings“ von vorne bis hinten gelesen und auf vielen Seiten viele Saetze mit Kugelschreiberstrichen dicht versehen um sie bei Bedarf wieder zu finden. Nur ein grosser Autor von vielen. Nur eine weise Stimme aus der Vergangenheit mehr. Und doch koennen solche leisen Stimmen auch in der Welt von heute noch so viel bewegen.

Why should we be in such desperate haste to succeed and in such desperate enterprises? If a man does not keep pace with his companions, perhaps it is because he hears a different drummer. Let him step to the music which he hears, however measured or far away. Only that day dawns to which we are awake. There is more day to dawn. The sun is but a morning star.

Mir stellt sich vor allem eine Frage: So wie Thoreau von der Natur spricht, von seinen Pflanzen, Tieren und zugefrorenen Seen, wie er all dem mit Worten Leben einhaucht, wie er damit den Phaenomenen des Lebens die Macht gibt im Geiste des Menschen Emotionen zu wecken, kann man dies denn nicht auch mit den Sternen tun, – mit schwarzen Loechern und Neutronensternen, mit Quarks, Neutrinos und Bosonen? Kann man nicht auch von diesen Dingen in Worten sprechen, die poetisch sind? Und so vielleicht mehr Licht ins Dunkel bringen, als mit reiner Mathematik, mehr Menschen sehen lassen, was in ihrem Wellenlaengenbereich ansonsten noch verborgen bleibt? Vielleicht. Man braeuchte einen Thoreau der Naturwissenschaften.

Und wieder geht ein Jahr zu Ende …

Für mich ist dann die Zeit des Jahresendes angebrochen, wenn ich mich im Sommer müde der Gedanken und Pflichten des übrigen Lebens auf eine Reise begebe, eine Reise, die mich Abstand gewinnen lässt von der Welt, in der ich sonst lebe und von dem Menschen, der ich sonst bin. Man entrückt sich durch die Flucht in die Ferne seiner selbst um nach der Rückkehr gleich einem Phönix aus der Asche der Vergangenheit zu steigen und sich voll Elan und Tatendrang in die Herausforderungen einer neuen Zeit zu stürzen. Ich bin müde. Ein langes, wunderbares Jahr liegt hinter mir. Es ist viel geschehen, viel gelungen, viel geschafft. Doch nun heißt es Abstand nehmen. Fort mit der Physik. Hinweg mit der Philosophie. Adé Theater. All das lass ich einmal mehr nun hier zurück und fliehe. Eine Reise beginnt.

siehe http://www.allposters.com/-st/Bill-Wassman-Posters_c57275_.htm

Ich freue mich auf die Tempel von Angkor und den Sonnenuntergang über dem Tonlé Sap. Die schöne und traurige Geschichte einer faszinierenden Region erwartet mich. Uralte buddhistische Heiligtümer, glanzvolle Statuen, der Zauber einer fremden Kultur… Ich hoffe auf schöne Naturerlebnisse: der breite Mekong-Strom, die Berge im Norden von Laos, die Urwälder. Aber auch die dunklen Seiten einer bewegten Geschichte gilt es zu ergründen: Massengräber, das Foltergefängnis von Tuol Sleng… Drei Länder  erwarten mich: Kambodscha, Laos und der Norden Thailands. Alle drei sind hauptsächlich geprägt vom Hinayana Buddhismus und ich bin schon gespannt wie unterschiedlich jene Kulturen, so fern der westlichen Monotheismen, auf mich wirken.

Letztes Jahr hat mich Lord Byron mit seinen Schriften auf meinen Wanderungen begleitet. Diesmal nehme ich einen weiteren Denker mit, dem ich mich in vierlerlei Hinsicht sehr verbunden fühle. Mit mir in den Fernen Osten reisen einige Schriften von Henry David Thoreau. Ich bin schon gespannt, was er mir dort zu erzählen hat.

Es wird Zeit. Die letzten Vorbereitungen werden getroffen. Morgen bin ich auf dem Weg.

Hier kann man meinen Reiseverlauf in groben Zügen mitverfolgen:

Der ferne Osten 2009

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Betrachtungen – Kommentare – Aphorismen

Im Herbst 2010 kommt mein neues Stück auf die Bühne

Im April 2009 war es mal wieder so weit und ich schrieb ein Theaterstück. Nach einer der erfolgreichen Aufführungen von „Der Held“ war Hubert Petter, Obmann der Volksbühne Alpenland Thiersee, mit der Bitte an mich herangetreten, er würde gerne eines meiner Stücke inszenieren. Ich freute mich damals sehr, glaubte aber nicht, dass „Der Anschein“, „Der Stein des Sisyphos“ oder „Nebel“ für diesen Rahmen geeignet wären. Ein paar Wochen lang ließ ich meine Gedanken kreisen ohne auf irgendeine fruchtbare Idee zu stoßen. Und dann, Ende April, war es  so weit. Es war kurz vor Mitternacht und ich wollte mich eben schlafen lagen. Ich stand vor meinem Bett und ließ meinen Blick über die vielen Bücher in den Regalen über meiner Schlafstätte gleiten. Hinter jedem Titel ein Mensch und eine Geschichte. So viele Welten, die ich bereist hatte. Und dann geschieht es. Verschiedene Gestalten, verschiedene Aspekte unterschiedlicher Geschichten treten plötzlich aus der Masse heraus und vereinen sich zu einer neuen, zuvor noch nicht dagewesenen Kombination. Eine neue Welt entsteht. Es ist erst ein kleiner Ansatz und doch ist alles schon da. Denn der Rest ergibt sich von selbst.

Schlafen war nun kein Thema mehr. Es galt sofort alles aufzuschreiben, das da kam. Es galt die Fenster weit offen zu halten, solange der Wind noch wehte. Immer mehr Ideen und Facetten tauchten auf. Ein Glied fügte sich ins nächste und am frühen Morgen war das Drama mehr oder weniger komplett.

Da sich bisherige Leser recht angetan zeigten ist  es nun so gut wie sicher: Mein neues Stück „Gefangen“ wird im Herbst 2010 von der Volksbühne Alpenland Thiersee unter der Regie von Hubert Petter uraufgeführt werden. Ich bin schon sehr gespannt und freue mich darauf. Allen, die daran beteiligt sein werden, und besonders dir, lieber Hubert, wünsche ich viel Freude und Erfolg.

Tat twam asi

Hier ein paar Infos zum Stück:

Gefangen

Der Ort ist Tirol. Die Zeit ist heute. Obwohl es auf den ersten Blick anders erscheinen mag, ist “Die Gefangenen” weit mehr als ein einfaches Dialektstück. Denn in die enge Stube des Bauernhofes der Familie Brenner weht ein Wind der fernen Welt, welcher große Fragen mit sich bringt. Tragen wir nicht alle Masken? Masken, die unserem sozialen Status und den Verhältnissen, in denen wir leben, entsprechen? Spielen wir nicht alle Rollen? Rollen, die determiniert sind durch Geschlecht, Religion, Herkunft, Alter und Sprache? Wann kommt man denn schon dazu, man selbst zu sein? Sind wir nicht alle Schauspieler, die auf der Bühne gefangen sind, eingesperrt in die engen Mauern gesellschaftlicher Erwartungen?

Doch es gibt Menschen, die sich nicht einsperren lassen, Menschen, die den unsagbar großen Mut zeigen, einfach nur sie selbst sein zu wollen und es satt sind irgendwelchen Rollenbildern zu entsprechen. Für ihre Individualität nehmen sie den Hass und den Hohn der anderen in Kauf. Zumindest solange, bis nur noch ein einziger Weg erträglich scheint: die Flucht. Dies ist der Weg der Evi Brenner, der tragischen Heldin dieses Stückes.

Doch all dies ist längst Vergangenheit. “Gefangen” erzählt nicht von Evis Flucht, sondern von ihrer Rückkehr. Wie anknüpfen an ein Leben, das nicht mehr das ihrige ist. Wie ertragen, dass keiner erkennen will, dass sie nicht mehr jene ist, die einst vor allem floh?  Ein Stück der großen Fragen und tiefen Emotionen.

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Alpenlandbühne Thiersee

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Ein gelungenes Comeback

Ein gelungenes Comeback – Egal was und wie viel Michael Jackson in seinem Leben noch gelungen wäre, nichts davon hätte seinen Ruhm derartig gesteigert, seinem Ruf derartig gut getan und ihn dermaßen zurück ins Zentrum der medialen Aufmerksamkeit gerückt, wie sein plötzlicher Tod. Nur so konnte er die Fans von einst zurückgewinnen und darüberhinaus mehr Menschen erreichen als je zuvor. Viele, die noch nie mit seinen Liedern in Kontakt geraten waren, kamen in den letzten Tagen nicht darum herum mit Jacksons Werk und Wirken konfrontiert zu werden. Zum Beispiel ich. Noch vor zehn Tagen hätte ich keines seiner Lieder nennen, geschweige denn mich an irgendeine Botschaft oder Melodie erinnern können. In den letzten Tagen war es aber kaum zu vermeiden seine Lieder zu hören. Und das, was ich hörte, gefiel mir sehr gut. Ich war überrascht über die klaren Botschaften von Humanismus, von Frieden und Nächstenliebe, die in vielen seiner Lieder wie dem „Earth-Song“ und „Heal the world“ deutlich zum Ausdruck kommen. Ist es nicht schön, dass Lieder mit solchen Botschaften zu Jacksons Bestzeiten von Millionen Menschen weltweit gehört und gespielt wurden, und nunmehr erneut rund um die Welt gehört und gespielt werden? Ein Lied vermag eben mehr als bloße Worte. Kein Philosoph kann darauf hoffen mit seinen Texten je so viele Menschen in seinen Bann zu ziehen, wie ein Sänger wie dieser mit seinen Liedern. Ähnliches können vielleicht nur manche Geschichten (ein paar wenige). Wichtig ist, dass es Botschaften gibt und hier ist jemand gestorben, der sehr wohl eine Botschaft hatte. Und mit seinem Tod singt er diese nun lauter als je zuvor. (Daran kann auch die recht unappetitlich übertriebene religiöse Frömmigkeit seiner Trauerfeier nichts mehr ändern – zum Glück findet sich in seinen Liedern davon nur wenig.) Die Welt braucht Botschaften wie dieser Mensch sie gab.

We Could Fly So High

Let Our Spirits Never Die

In My Heart

I Feel You Are All My Brothers

Create A World With No Fear

Together We’ll Cry Happy Tears

See The Nations Turn Their Swords

Into Plowshares

Heal The World

Make It A Better Place

For You And For Me

And The Entire Human Race

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Allgemein

Der Zweck der Schule

Nicht nur der neue Aufschwung extremistischer und fundamentalistischer Positionen, besonders unter jungen Leuten, macht deutlich, dass Bildung und Erziehung oft versagen. Was an Schulen gelehrt werden sollte, ist nämlich nicht nur das Funktionieren am späteren Arbeitsplatz, nicht nur die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Person im beruflichen Leben. Bildung ist nicht nur Ausbildung. Bildung ist viel mehr. Und das wichtigste, das man an Schulen lernen sollte, ist weder Deutsch, noch Englisch, Mathematik oder Physik und ganz bestimmt nicht Wirtschaftskunde. Was man an Schulen lernen sollte, sind vor allem diese Dinge: kritisches Denken, vorurteilsbefreites Handeln, Objektivität, Selbstreflexion und die Fähigkeit sich bei unterlegenen Argumenten auch eines Besseren belehren zu lassen. Wenn Schule dies vermitteln könnte, wenn Schule uns befähigen könnte, dass wir Urteile kritisch prüfen, dass wir unsere eigenen Vorurteile entlarven, dass wir bei allem und jedem versuchen die objektive Seite zu sehen und uns erst dann eine Meinung bilden, dass wir bereit sind Fehler einzugestehen und Kritik zu vertragen, kurz, wenn Schule uns zu reifen, mündigen Menschen erziehen könnte, dann wäre schon viel getan um kommendes Übel zu vermeiden. Leider kann die Schule dies nur selten. Und sie verlernt es leider immer mehr.

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Des Menschen heimliche Vorliebe zur Unwahrheit

A: Neulich auf der anderen Straßenseite: Er und Sie gehen eine kurzes, steiles Wegstück hinauf. Sie humpelt ein wenig, da ihre Füße schmerzen. Und sie sagt, wenn er jetzt jemand anderes wäre, jemand, den sie nicht so gut kennte, dann würde sie nicht humpeln, dann würde sie ihre Schmerzen vor ihm verbergen und lächelnd mit ihm vorwärts schreiten. Aber dies ist ein Vorwurf, kein Dank, dass man gemeinsam sein kann, wer man ist. Diese Worte, die eigentlich auch Lob sein könnten, sind gesprochen im Ton einer Anschuldigung. „Wer bist du, dass ich mich vor dir nicht mehr verstellen muss? Du unterstehst dich, dass ich mir vor dir nicht mehr maskiere? Aber ich will Masken tragen! Ich will mich verstellen, will dir etwas vorspielen, das ich nicht bin. Ich will lügen! Wie kannst du so uninteressant sein, dass ich nicht einmal mehr der Drang verspüre, dich zu belügen?“ Dies war der Sinn ihrer Worte.

Oahu, Hawaii

Reisezeit: November 2001

Reiseort: Oahu, Hawaii

Reiselänge: 7 Tage

Reiseart: Hotelaufenthalt in Honolulu mit Ausflügen auf Oahu

H1

 

Vorwort

Als ich fünfzehn Jahre alt war, stieg ich alleine in ein Flugzeug und flog nach Hawaii. Es ist schön diesen Satz in meiner Biographie stehen zu haben und sein Wert wird umso größer, desto mehr Jahre zwischen dem Heute und dieser meiner frühen Reise liegen. Am Tag, da ich dies schreibe, ist es fast acht Jahre her, dass ich die Inselwelt Hawaiis besuchte. Ich fand in den letzten Wochen Gelegenheit, die alten Bilder und Videoaufzeichnungen, die mir noch von jener Reise geblieben sind, zusammenzusuchen und zu betrachten. Aus dreistündigem rohem Filmmaterial von teils recht verwackeltem Inhalt schnitzte ich mir einen kurzen Hawaii-Erinnerungs-Film zurecht. Dabei wurden viele Erinnerungen geweckt. Mit gemischten Gefühlen blicke ich nun also zurück auf jene Reise und versuche auch in Worten darzulegen, woran ich mich erinnern kann. Dieser Text soll keine chronologische Auflistung der Orte sein, die ich dort besucht und besichtigt habe. Vielmehr möchte ich prägende, persönlichkeitsbildende Momente in den Vordergrund stellen und meiner Schilderung auf diese Weise ein wenig Leben einhauchen. Ich möchte erzählen, wie Natur und Kultur jener polynesisch, US-amerikanisch und japanisch geprägten Inselwelt im Pazifik auf mich gewirkt haben. Leider war es mir damals noch nicht möglich diese sich von außen anbietenden Eindrücke in ihrer vollen Tiefe und Eigentlichkeit zu erfahren. Zum einen hemmte mich die doch recht starre, programmartige Struktur jener Reise, zum anderen freilich meine Jugend. Obwohl sich in meinen Aufzeichnungen aus der damaligen Zeit schon zahlreiche tiefschürfende Reflexionen und Betrachtungen finden, so fehlte es mir damals noch an der Fähigkeit der ganzheitlichen Zusammenschau der einzelnen Lebensaspekte, die nötig gewesen wäre um all das aufzunehmen, was mein Umfeld mir bot. Reisen ist schließlich eine Kunst die gelernt sein will und damals war ich blutiger Anfänger. Dennoch hat meine Zeit in Hawaii in mir unvergessliche Eindrücke hinterlassen, von welchen ich nun erzählen möchte.

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Anreise

Es war Mitte November 2001. Ich befand mich nun schon circa drei Monate in den Vereinigten Staaten. Der 11. September hatte die Welt erschüttert und ich durfte hautnah miterleben, wie dieses Ereignis in Amerika rezipiert wurde. Der Highschool- und Farmalltag bestimmten mein Leben und meine Gedanken. Ich lernte Chemie, las amerikanische Literatur, ritt über die Prärie, jagte Hasen und schlachtete Hühner. So neu all dies anfangs für mich auch gewesen war, so schnell wurde es doch zur Routine, zum gemächlichen Strom meines Alltags in Amerika. Doch dieser sollte nun Mitte November jäh unterbrochen werden von einer großen Reise an einen exotischen Ort. Schon lange hatte ich mich darauf gefreut. Und endlich war es soweit.

Matt brachte mich zum Dallas/Fort-Worth Airport, wo ich ihm vor drei Monaten zum ersten Mal begegnet war. Nach dem Einchecken genoss ich es einmal wieder so richtig auf mich allein gestellt zu sein. Bei Espresso und Croissant – daran erinnere ich mich seltsamerweise genau – freute ich mich auf vielversprechende sieben Tage in der Ferne und wartete auf den Abflug. Der siebenstündige Hinflug erstreckte sich vom frühen Vormittag bis zum späten Nachmittag. Es herrschte also Tageslicht und ich konnte während der ersten beiden Flugstunden von meinem Fensterplatz aus die Aussicht hinab auf den Westen der Vereinigten Staaten genießen. Ohne meinen mitgebrachten Lesestoff je anzurühren, widmete ich meine Aufmerksamkeit dem Fenster. Mein Blick reichte durch das Glas hindurch an den Flugzeugtragflächen vorbei hinab auf das weite Land. Wie immer genoss ich es zu fliegen. Ich sah unter mir die riesigen rostroten Ebenen von New Mexico und Arizona. Gelegentlich waren Ortschaften und Straßen auszumachen. Vor allem aber gab es sehr viel leeres, unberührtes Land. Würde ich irgendwann in meinem Leben auch jene Regionen dort unter mir bereisen? Bald flog ich über Kalifornien und plötzlich war das Land zu Ende. Unter mir herrschte nur noch das endlose Blau des Pazifiks, des größten und tiefsten Ozeans der Erde. Und in seiner Mitte lag mein Ziel, die Vulkaninselgruppe von Hawaii, seit 1959 der 50. Bundestaat der USA.

Stunden später landete ich am Flughafen von Honolulu, der Hauptstadt, welche auf der Insel Oahu gelegen ist. Es ist dies nicht die größte der Hawaiiinseln, doch sozial und wirtschaftlich mit Abstand die bedeutendste.

Es ist für mich jedesmal ein spannender Moment, wenn ich an einem fremden Ort mit einem Flugzeug lande und beim Verlassen der Maschine die Luft des Umfelds zum ersten Mal tief einatme. Ist die Luft schwer und drückend? Riecht sie vorwiegend nach Abgasen? Auf Oahu war die Luft damals recht leicht und roch süßlich. Über der ganzen Insel schien ein gewisses natürliches Parfum zu liegen, das man sonst nicht kannte. Leider gewöhnte ich mich schnell daran und nahm es bald nicht mehr wahr.

H3

Mitten im Pazifik

Eine Weile langt irrte ich ein wenig ziellos am Flughafen von Honolulu umher. Dann fand ich Pauline Pipkins und ihren Mann Jo, welche die Organisatoren und Betreuer dieser Reise waren, die in den ganzen Staaten für Austauschschüler angeboten wurde. In jenem November waren wir insgesamt zu fünft und lernten uns damals am Flughafen rasch kennen. Da waren Kai, Christian und Ulrike aus Deutschland, Maria Ana aus Kolumbien und ich selbst. Allesamt verbrachten wir fünf oder zehn Monate in Amerika und waren weit über die Staaten verstreut. Wenn ich mich recht erinnere, lebte Kai im Staat New York und Maria Ana in Ohio. Bei den anderen weiß ich es nicht mehr. Natürlich hatte man einander viel zu erzählen.

Dieser erste Tag brachte neben ein paar Impressionen von Honolulu auf der Fahrt zum Hotel und einem netten Kennenlern-Essen in der Stadt auch noch ein paar schöne Stunden zur freien Verfügung. Am späten Abend machten wir zu fünft die Touristenviertel von Honolulu unsicher. Ich probierte gleich die ungewöhnlich große Zeitverschiebung aus und rief per Telefon das 11 Stunden spätere Österreich an. Dort war nun längst morgen. Gemeinsam mit den anderen suchte ich dann spät nachts auch noch das Meer auf. Der berühmte Strand von Waikiki enthüllte sich als dünner Sandstreifen zwischen Wasser und der Hochhausphalanx der Hotels. Dennoch war es schön. Im Norden konnte man die Halbinsel von Diamond Head mit ihrem faltigen Hügeln sehen, hinter denen sich ein alter Vulkankrater versteckt. Ich glaube mich zu erinnern, dass der Mond damals am Himmel stand. Da es mir damals recht bedeutsam schien, ließ ich von Kai meine erste Berührung mit dem Pazifik filmen. Schon damals mochte ich diese kleinen Momente des intensiven Erlebens meines Umfelds, denen manch andere nicht viel Bedeutung beimessen. Immerhin: der größte Ozean der Erde, im Umkreis von Tausenden von Kilometern fast nichts als Wasser. Und ich befand mich mitten drin. Das reichte mir für einen Augenblick des Staunens, welcher festgehalten werden sollte. Ich berührte den Pazifik und machte mir dabei die Schuhe nass.

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Pearl Harbor

Unser Hotel befand sich ziemlich nahe am Strand. Schnell war man in den Touristenvierteln, schnell war man auch beim Busbahnhof. Von dort brachte uns am nächsten Morgen ein Bus zum nahegelegenen Erinnerungspark von Pearl Harbour. Ein Großteil des Hafens ist natürlich immer noch in Betrieb. Es lagen einige moderne Kriegsschiffe vor Anker. Unterhalb der Wasseroberfläche konnte man das Wrack eines beim Angriff von 1941 versenkten Schiffes sehen. Im eher idyllischen Erinnerungspark standen zahlreiche Gedenktafeln für die im zweiten Weltkrieg gefallenen Soldaten. Informationstafeln beschrieben die Ereignisse des Dezembers 1941, als eine Schar japanischer Flugzeuge von der andern Seite der Insel her über das Land völlig unerwartet über den Hafen hergefallen waren und ihn mit ihren Bomben dem Erdboden gleichgemacht hatten. Die Art und Weise wie die Geschichte hier dargestellt wurde, erschien mir keineswegs objektiv, sondern zutiefst parteiisch und patriotisch verklärt. Dennoch: Es war ein recht bewegender Moment hier an diesem berühmten Ort mit kriegsentscheidender Bedeutung zu stehen. Einige aus jener Zeit verbliebene Veteranen standen im Erinnerungspark herum. In ihren Händen trugen sie alte Fotos, die sie sechzig Jahre jünger und in Uniform zeigten. Man konnte sich mit ihnen fotografieren lassen, mit ihnen reden und sie über die Ereignisse von damals fragen. Sie erzählten lang und gern.

China Town

Am frühen Nachmittag machten wir einen Abstecher in Honolulus China Town. Die asiatische Präsenz ist auf Oahu kaum zu übersehen. Manche Hinweisschilder und Werbetafeln sind sogar ausschließlich auf Chinesisch oder Japanisch verfasst. Tatsächlich ist es so, dass der größte Bevölkerungsanteil der Hawaii-Inseln inzwischen von den Asiaten eingenommen wird. Nur noch circa sechs Prozent der heutigen Hawaiianer stammen von der ursprünglichen polynesischen Bevölkerung ab. Über 40% sind Asiaten. Ich hatte das Gefühl, dass auf der Insel eine Art Kulturkampf herrsche und zwar zwischen Amerika, dem Kontinent im Osten, und Asien, dem Kontinent im Westen. Die indigene polynesische Kultur war dabei bis auf ein paar künstliche Refugien längst zertrampelt worden und schien nur noch für den Tourismus relevant zu sein.

Paradise Cove

Ein Beispiel für diese touristischen Reste Polynesien wurde uns am Abend geboten. Wir fuhren in das idyllisch in einer kleinen Bucht gelegenen Paradise Cove. Es gab dort einen schönen Strand, exotische Flora, echte kulinarische Spezialitäten Hawaiis und eine stundenlange Show im Fackelschein mit Feuerschluckern, Hula-Tänzerinnen, Ukulele-Spielern und allem, was sonst noch so dazugehört um den Klischees Genüge zu tun. Ich erinnere mich noch von dort aus einen wunderbaren Sonnenuntergang beobachtet zu haben. Gemeinsam mit den anderen spazierte ich ein Stück am teils auch ein wenig felsigen Ufer entlang und sah der pazifischen Brandung zu. Das Essen war sehr gut. Natürlich servierte man uns das traditionellste aller traditionellen hawaiianischen Speisen, das Lu‘au, das anderswo kaum zubereitet werden kann. Und zwar darum, weil man dazu Vulkansteine braucht. Man nehme ein Schwein, fülle es mit heißen Vulkansteinen und vergrabe es in der Erde. Nach ein paar Tagen grabe man es wieder aus und esse davon. Mir schmeckte es. Dazu gab es mehrere köstliche Saucen und das violette Brot, das es auf Hawaii überall gibt. Auch die Kartoffeln waren violett. Nach dem Essen bot man uns bis in die Nacht hinein noch eine schöne Show. Man spielte Lieder, sang dazu, erzählte in recht dramatischem Pathos von der Geschichte Hawaiis und erklärte uns die spirituelle Bedeutung des Hula. Ein schöner Tag ging zu Ende.

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Ein Tag in Honolulu

Der Großteil des nächsten Tages stand uns zur freien Verfügung. Ich erinnere mich, dass ich ziemlich lange auf eigene Faust durch Honolulu streifte und mich diversen Eindrücken hingab. In einem kleinen Shop kaufte ich mir einen schwarzen Strohhut, den ich sehr mochte und den ich fast vier Jahre später bei meiner Maturareise am Strand von Tunesien wieder verlieren sollte.

Sehr schön fand ich auch die Galleria, ein großes Kaufhaus mitten im Honolulu. Auf einer Seite sind die Außenwände nichts anderes als ein großes Aquarium. Während man einkauft, sieht man Rochen und Haie neben sich vorbeischwimmen und dahinter sieht man Straßen, Autos und Passanten. Eine interessante architektonische Idee, die eine schöne Illusion erzeugt.

Den Nachmittag verbrachte ich gemeinsam mit den anderen am Strand. Wir gruben einander im Sand ein, badeten in den hier doch sehr bescheidenen Wellen und liehen uns schließlich Surfbretter aus. Auf der vergeblichen Suche nach ein paar geeigneten Wellen paddelte ich fast eine Stunde lang mit meinem Brett im Meer herum, aber außer Rückenschmerzen erntete ich nichts dabei. Wo waren denn die großen Wellen des Pazifiks, die man von den Filmen her kannte?

Schiffsfahrt vor Waikiki Beach

Am Abend erwartete uns wieder ein schöner Ausflug. Mit einem Schiff fuhren wir in der Abendsonne hinaus aufs Meer. Während unter Deck ein abwechslungsreiches Showprogramm und gutes Essen geboten wurde, konnte man auch draußen an der Reling lehnen und auf Honolulu hinüberblicken, das im Licht der untergehenden Sonne langsam seine Farben änderte. Allmählich verschwanden die grünen Hügel in der Ferne bis nur noch die elektrischen Lichter der Stadt die Nacht erhellten. Ich weiß noch, wie mich die Lust ergriff, das Steuer zu übernehmen und unser Schiff nach Süden zu lenken, weit hinaus in die Leere des Pazifiks, wohin über viele Jahrhunderte hinweg nur mutige Seefahrer und polynesische Stämme vorgedrungen waren. Was mir an Oahu fehlte, war die Ursprünglichkeit. Vieles war genauso wie anderswo. Dieselben Straßenschilder, Reklametafeln, Hochhäuser und Shops. Doch irgendwo musste es doch anders sein, irgendwo war die Ursprünglichkeit sicher weniger verblichen als hier. Gerne hätte ich Maui, Kaua‘i oder die Hauptinsel Hawai‘i gesehen, mit seinen aktiven Vulkanen, mit dem Mauna Kea und seinen Teleskopanlagen – ich hatte mich damals ja schon längst der Astronomie verschrieben. Aber leider blieb mir all dies verwehrt. Irgendwann … – aber nicht auf dieser Reise. Spät nachts fuhr unser Schiff wieder in den Hafen ein und wir zogen uns in das Hotel zurück.

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Polynesian Culture Center

Ein wenig mehr Ursprünglichkeit sollte der vierte Tag meiner Reise bringen. Er begann mit einer langen Busfahrt, die uns fast um die halbe Insel führte. Endlich konnte man die Landschaft genießen. Vom Fenster aus sah ich die grünen Berge Oahus mit ihren faltigen Flanken und abgerundeten Gipfeln. Nahebei war immer das Meer, das sich im Laufe der Fahrt an verschiedenste Küstenformen schmiegte. Wir fuhren entlang steiler Hügel, sanfter Strände und passierten auch einige größere Siedlungen. Von einem Rastplatz aus hatte man eine wunderbare Aussicht auf die grünen Hügel und das blaue Meer. Am Horizont konnte man sogar eine der kleineren Inseln sehen. Man war mittendrin in der Natur und sog die süße Luft Polynesiens tief in sich hinein. Ich war fast traurig, als die Fahrt schließlich weiterging. Lieber wäre ich gewandert, anstatt erneut in einen Bus zu steigen. Lieber hätte ich einen dieser wunderbaren Hügel besteigen wollen um zu sehen, welche Aussicht mir sein Gipfel bot. Doch leider ging es nicht.

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Im Zuge der weiteren Fahrt erfuhr ich von unserem polynesischen Reiseleiter, warum mir manche der Hügelketten und grünen Täler so seltsam vertraut vorkamen. Der Grund war klar. Ich hatte sie schon einmal gesehen. Viele Filme waren hier zum Teil gedreht worden, darunter viele, die mir wohl bekannt waren, z.B. „Jurassic Park“ und andere.

Schließlich erreichten wir das Ziel unserer Fahrt und für mich war dies gewiss das Highlight der ganzen Reise. Wir verbrachten den Rest des Tages im Polynesian Culture Center, einer weitläufigen Anlage, in welcher äußerst detailgetreu die Dörfer der verschiedenen polynesischen Völker nachgebaut waren. Man schlenderte über schmale Pfade und kleine Brücken im Wald umher und gelangte so zu den einzelnen Schauplätzen, wo man die Bauweise der verschiedenen Inselvölker betrachten konnte, wo echte Repräsentanten der jeweiligen Kulturen über ihre alten Bräuche informierten, traditionelle Tänze vorführten und diverse kulinarische Spezialtäten verteilten.

Das schönste war die Weitläufigkeit der Anlage. Kein Massengewimmel, keine Touristenscharen wie anderswo. Teilweise traf man alleine auf die Polynesier, kam mit ihnen ins Gespräch, lernte die Unterschiede der einzelnen Inselwelten kennen und konnte von diversen Speisen kosten. Hier führte man Tanzrituale vor, dort demonstrierte man das Palmenklettern, anderswo fand man sich fast alleine umringt von den hohen gespenstisch anmutenden Stroh- und Holzbauten der Polynesier. Es war schön. So wanderte ich an diesem Tag also von Hawaii über die Marquesas-Inseln nach Tahiti und weiter über Fidschi und Tonga hinab ins weit entfernte Aotearoa, dem heutigen Neuseeland, das auch zur Inselwelt der Polynesier gehört. Es war interessant zu erleben, über welche gewaltigen Entfernungen sich diese alte Kultur verbreiten konnte. Von Hawaii bis Neuseeland sind es immerhin über siebentausend Kilometer. Und die Besiedelung all dieser Orte gelang mit jenen kleinen Booten, die man uns im Kulturzentrum auch zeigte. Angeboten wurde sogar eine Fahrt in einem derselben, die mich auf den Wasserwegen, die die einzelnen Dörfer voneinander trennten, abermals durch die ganze Anlage führte. Es war schön.

Als der Abend allmählich näher rückte, bot man uns noch ein fulminantes Schauspiel. Der Reihe nach fuhren Polynesier der einzelnen Stämme auf Floßen in den Zentralbereich der Anlage und tanzten zu ihren alten Liedern. Danach gab es in etwa dasselbe Programm wie in Paradise Cove: ein Lu‘au und eine spektakuläre Feuer- und Tanzshow.

Das Polynesian Culture Center war wohl einer der wenigen Orte auf Oahu, wo man schöne Souvenirs kaufen konnte, auf denen nicht „Made in China“ stand. Hier wurde echte, ursprüngliche Ware direkt von den einzelnen Inselwelten angeboten. Ich erwarb eine hölzerne Maske, die von den Maori in Neuseeland gefertigt worden war. Heute, acht Jahre später, hängt sie immer noch an meiner Zimmertür.

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Hanauma Bay

Über den fünften Tag möchte ich schweigen. Es ereignete sich nicht viel. Ein weiter Ausflug zum Strand, ein weiterer Surfversuch, ein weiterer Wunsch nach größeren Wellen, ein Abendessen im Planet Hollywood und ein nächtlicher Ausflug zum Markt, wo ich mir bei einer netten, jungen Chinesin ein Hawaii-Hemd kaufte. Das war Tag fünf.

Am sechsten Tage aber sollte noch ein weiterer wunderbarer Höhepunkt der Reise folgen. Wir fuhren zur malerisch gelegenen Hanauma Bay, einer malerisch gelegenen Bucht, die eigentlich ein erloschener Vulkankrater ist. Schon vom schroffen Kliff herab, kann man erahnen, dass dort unter der Oberfläche des türkisblauen Wassers eine Vielfalt von Leben schlummert. Nachdem wir in die sandige mit Palmen verzierte Bucht hinabgestiegen waren, liehen wir uns Flossen, Taucherbrille und Schnorchel aus und stürzten uns ins Wasser. Ich tauchte sicher fast eine Stunde lang zwischen dem Unterwassergestein der Bucht herum und erspähte diverse exotische Tierarten: kleine Rochen, den für Hawaii typischen Dogfish und viele mehr, deren Namen ich nicht kenne. Manchmal tauchte ein ganzer Schwarm im klaren Wasser auf und suchte schnell wieder das Weite. Viele Minuten lang verfolgte ich einen kleinen Rochen auf seinem langen Weg vom einen Ende der Bucht zum anderen. Es war wirklich sehr schön. Als ich endlich wieder ans Ufer kam, so tat ich dies nicht, weil ich der Wasserwelt überdrüssig geworden wäre, sondern deshalb, weil ich am ganzen Körper vor Kälte zitterte. Es war November und das Meer war nicht allzu warm. Schnell wärmte ich mich in der Sonne. Ich hatte vor, mich noch einmal in die Wasserwelt zu begeben, doch leider zwang die Zeit zum Aufbruch. Zurück in Honolulu spazierte ich alleine zum Strand und genoss noch meinen letzten Sonnenuntergang auf Hawaii. Morgen würde der Tag der Abreise kommen. Unseren letzten gemeinsamen Abend ließen wir bis spät nachts im Hard Rock Cafe von Honolulu ausklingen.

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Sandy Beach

Zwar war der Tag der Abreise angebrochen, doch war der Abflug erst für Abend geplant. Es blieb noch genug Zeit für ein weiteres kleines Abenteuer. Während die Girls noch einkaufen wollten, befolgte ich gemeinsam mit Kai und Christian den Rat eines hiesigen Wellenfreundes. Wir nahmen den Bus und fuhren nach Sandy Beach, ein Ort, der nicht weit entfernt auf der anderen Seite des Diamond Head gelegen ist. Und endlich – dort waren sie, die wilden großen Pazifikwellen, die man von den Filmen her kannte. Es sah wirklich halsbrecherisch aus und das war es auch. Hinweisschilder warnten vor Wirbelsäulenverletzungen.  Vergnügt stürzten wir uns in die Naturgewalten, sprangen in drei bis vier Meter hohe Wogen hinein und ließen uns von ihnen wieder ans Ufer tragen – oder besser gesagt – ans Ufer schmettern. Es war dies ein schöner Ausklang dieser Reise.

Zurück in Honolulu leistete ich mir noch ein gutes Mittagessen in einem chinesischen Restaurant, stattete dem Strand einen letzten Besuch ab, packte meinen Koffer und sagte der Insel Adé.

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Rückflug

Der Rückflug ging über Nacht. Meine Reisegefährten nahmen andere Flüge. Ich war der einzige, der nach Texas musste. Spät nachts hob ich von Hawaii ab und ließ mich von der Maschine erneut über den halben Pazifik und die halbe USA tragen. Am Morgen würde ich zurück in Texas sein. Während des Fluges kam ich mit meinem Sitznachbarn ins Gespräch, der mir gerne seine Lebensgeschichte erzählte und auch sehr an meiner Herkunft interessiert war. Es war durchaus spannend. Er war Hawaiianer und gleichzeitig amerikanischer Kriegsveteran deutscher Abstammung. Als junger Mann und deutscher Staatsbürger hatte er bei Kriegsausbruch 1939 auf Hawaii gelebt und die Weisung bekommen nach Deutschland zurückzukehren, um dort seinem Vaterland zu dienen. „Raus, they said to me, Raus!“, erklärte er mit Resten deutschen Vokabulars. Da der Mann nicht blöd war, blieb er natürlich im vermeintlichen Paradies von Hawaii und verzichtete darauf sich in Europa dahin schlachten zu lassen.  Er wurde amerikanischer Staatsbürger und kämpfte dann ab 1942 an Seite des neuen Heimatlandes gegen die Japaner. Danach folgte noch ein langes, schönes Leben. Wie er mir erzählte, war er eben auf den Weg nach Florida. Als Veteran genoss er das Privileg, innerhalb der USA umsonst Flugreisen unternehmen zu können und dies wollte er so gut es geht auskosten. Leider vergaß ich den Vornamen dieser netten Reisebekanntschaft.

Am Morgen holte mich Matt am Flughafen ab und wir fuhren zurück zur Farm nach Sulphur Springs. Es gab viel zu tun. Thanksgiving stand vor der Tür und der Truthahn musste noch geschlachtet werden.

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Allgemein

Tunesien

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Meine Reisen

Reisezeit: Juni/Juli 2004

Reiseort: Tunesien: Port El Kantaoui – El Djem – Matmata – Douz – Tozeur – Chebika – Midès – Kairouan – Sousse – Tunis – Karthago – Sidi-Bou-Saïd

Reiselänge: 2 Wochen

Reiseart: Maturareise – Residenz im All-inclusive Hotel Sol Selima nahe Port El Kantaoui mit Bustouren und Kurzausflügen durchs ganze Land

Reiseliteratur: Arthur Schopenhauer: Aphorismen der Lebensweisheit; Ludwig van Beethoven: Fidelio; Samuel Beckett: Warten auf Godot; Erich Kästner: Gedichte; Dai Sijie: Balzac und die kleine chinesische Schneiderin

Denken sie zurück an ihre Maturareise oder Abiturfahrt, so wird diese den meisten jungen Menschen der heutigen Generation wohl in erster Linie als eine mehr oder weniger ununterbrochene Party in Erinnerung sein, als eine Zeit der Ausschweifungen geprägt von übermäßigem Alkoholkonsum, leerer Konversation, gelegentlicher Besinnungslosigkeit, lauter Musik und den faulen Früchten fragwürdiger Geselligkeit.

Denke ich zurück an meine Maturareise, so denke ich an die herrliche Stille der Wüste, an das Lied des Muezzin in den alten Straßen von Sousse, an die große Moschee von Kairouan, an verlassene Bergoasen im Atlasgebirge, an riesige Salzseen, an Ruinen, an Mosaiken, an Schopenhauer und Godot. Es war eine der schönsten Reisen meines Lebens, in der ich von vielen Dingen geprägt wurde. Während meiner Zeit in Tunesien schrieb ich viele Gedichte, fasste die ersten Pläne zu „Auf See“, sah wunderbare Bauten der Vergangenheit und erlebte zum ersten Mal den Zauber der Wüste. Ich habe damals sehr viel gelesen und bin von vielen Worten sehr bereichert worden. Schopenhauers „Aphorismen zur Lebensweisheit“ haben mich geprägt wie kaum ein anderes Buch. Kästners Gedichte vermochten mich zu rühren. Die geniale Absurdität von Becketts „Warten auf Godot“ faszinierte mich. Als ich es damals am Strand unter der heißen Sonne las, ahnte ich natürlich noch nicht, dass dies einst meine erste Inszenierung werden sollte.

Es war eine sehr produktive, inspirative, ereignisreiche Reise – eher unüblich für eine Maturareise. Als einer der aktivsten Organisatoren unserer Maturaballs übernahm ich im Herbst 2003 auch die Aufgabe mit dem Reisebüro die Reise auszuhandeln. Als ich vor dem versammelten Abschlussjahrgang die verschiedenen Urlaubsziele präsentierte, da gelang es mir irgendwie meinen Kameraden das All-inclusive Hotel in Tunesien schmackhafter zu machen als irgendeine Dauerparty wie Summersplash oder ähnliche sinnleere Burgen, in deren Prospekten man sich nicht einmal mehr die Mühe macht anzugeben, wo (bzw. in welchem Land) sich besagter Ort eigentlich befindet. Davor graute mir. Glücklicherweise fand ich genügend Gleichgesinnte. Das geschichtsträchtige, kulturreiche, wunderschöne Land Tunesien wurde zu unserem Reiseziel erwählt und ich konnte mich darauf freuen. Das Zusammengehörigkeitsgefühl war groß genug, sodass sich fast alle der Mehrheit anschlossen. Als eine Gruppe von über dreißig Maturanten flogen wir im Sommer 2004 nach Afrika.

Natürlich wurde auch gefeiert. Nach acht Jahren Gymnasium hatte man schließlich allen Grund dazu. Man tat sich gütlich am Feigenschnaps Boukha, am köstlichen Dattellikör Thibarine, an Wodka-Orange und den Freuden der Diskothek. Ich erinnere mich an schöne gesellige Abende, an nettes Beisammensein und an das nächtliche, nicht immer freiwillige Springen in den Pool bei voller Bekleidung. Doch am Tage wartete ein Land darauf, von mir entdeckt zu werden. In diesem Bericht möchte ich nicht näher auf die Zeit innerhalb der Mauern unseres All-inclusive-Clubs eingehen. Was sollte man davon auch großes berichten können? Vielmehr möchte ich die einzelnen Ausflüge ins Landesinnere schildern, die vielen Orte beschreiben, dich ich gesehen habe und von wunderschönen Momenten erzählen.

Port El Kantaoui

Unser Hotel lag am Golf von Hammamet etwa zehn Kilometer nördlich von Sousse und zwei Kilometer nördlich der kleinen Hafenstadt Port El Kantaoui. Untergebracht waren wir in verschiedenen Bungalows mitten in der immergrünen Anlage nicht weit von Strand und Pool. Nach ein paar anfänglichen Feierlichkeiten und Feigenschnapsverkostungen wanderten wir am späten Nachmittag des zweiten Tages in einer kleinen Gruppe den Strand entlang nach Süden Richtung Port El Kantaoui.

Port El Kantoui ist ein kleiner Ferienort, der sich im maurischen Stil um einen Yachthafen erstreckt. Nach fast einer Stunde Wanderung waren wir da. Obwohl der Ort ziemlich touristisch ist, behält er sich einen gewissen Reiz, besonders am Abend wenn die Sonne untergeht und all die Masten der Schiffe lange Schatten werfen, während die weißen Gebäude rötlich schimmern. Schön ist auch das alte Stadttor, das für die Touristen leider so schmuck verziert wurde, dass es fast schon wieder kitschig wirkt.

Im Hafen wurden wir gleich mit dem Charme und den Scherzen der heimischen Händler vertraut gemacht. Es ist wohl ein alter touristischer Running Gag die europäischen Männer zu fragen, für wie viele Kamele sie ihre weiblichen Begleiterinnen hergeben würden. Nach einigem Feilschen hätten Florian und ich für Katrin ganze fünfzehn Kamele bekommen. Wir ließen den Deal dann aber lieber sausen.

Inzwischen war die Nacht gekommen. Nach einem guten Essen im Yachthafen und einem Bummel durch die Ortschaft wollten wir uns wieder auf den Heimweg machen. Daran hinderte uns aber ein bärtiger Einheimischer der uns unbedingt auf sein Boot zerren wollte. In Befürchtung einer kostspieligen Touristenfalle weigerten wir uns zuerst, doch als der Mann nicht aufgab, folgten wir ihm schließlich. Dieses Erlebnis ist ein gutes Beispiel, dass man nicht zu misstrauisch sein soll. Hin und wieder lohnt es sich auf das Gute im Menschen zu vertrauen. Denn was folgte, war wunderschön.

Zusammen mit etwa zwanzig anderen Touristen fuhren wir auf dem Schiff des Tunesiers weit in den Golf von Hammamet hinaus. Im Westen konnte man hinter der Küste nun den Schimmer der verschwundenen Sonne sehen. Es war eine schöne Fahrt. Wir wurden verpflegt mit leckeren Fruchtspießen und hörten wilde einheimische Musik. Die Mannschaft war sehr freundlich. Mitten auf dem Meer hielten wir dann. Wer Lust hatte, durfte sich ein nächtliches Bad gönnen. Der Schiffsjunge konnte gut englisch und lud mich auf ein besonderes Abenteuer ein. Während alle anderen wieder an Bord waren, blieben wir im Wasser und hielten uns an den zwei Leitern am Heck fest. Die Motoren starteten wieder und das Schiff nahm Fahrt auf. Immer schneller glitt ich durch das nächtliche Meer. Mit der einen Hand hielt ich mich am Schiff fest. Mit der anderen hinderte ich meine Badehose davor in den Fluten verloren zu gehen. Der Kapitän wusste, dass wir noch im Wasser waren und fuhr extra schnell. Es war ein schönes Gefühl einfach so mit hoher Geschwindigkeit durchs Wasser zu gleiten. Am Horizont ging eben der Mond auf und warf ein silbernes Band über das Meer bis hin zu mir. Es war schön.

All das kostete uns nur einen Spottpreis von 10 Dinar pro Person (ca 5 Euro). Das Schiff brachte uns eine Stunde später sicher nach Port El Kantaoui zurück, wo wir dann, eine Flasche Dattellikör in der Hand, den nächtlichen Strand zurück zu unseren Bungalows wanderten.

Bisher habe ich gedacht, dass ich erst ein paar Monate später auf meiner Fahrt durch Italien und Griechenland die ersten Ideen zu Auf See hatte. Doch nun, da ich die Erinnerung an damals aufarbeite, finde ich in meinem schwarzen Reisetagebuch, welches mich durch all meine Reisen begleitete, die folgende Notiz:

26.6.2004 Vergiss nicht den Kapitän. Du hast heute schöne Sterne gesehen, auf einem Boot, an dessen Heck du dich klammern durftest um durch die Wellen zu gleiten im Mittelmeer. Port el Kantaoui, dort bist du heute gewesen. Du bist am Strand gewandert und hast Sand gesehen. Godot hast du erwartet.

Ich habe dies irgendwann in dieser Nacht geschrieben, als wir zurück ins Hotel gekommen sind. War es etwa damals, auf dieser Fahrt durch den Golf von Hammamet, als ich zum ersten Mal an Eric den Poeten und seine Gespräche mit dem Kapitän dachte? Möglich wär’s. Vergiss nicht den Kapitän, ermahnte mich mein Damals. Ich habe ihn nicht vergessen.

Der Süden

Noch in der ersten Woche unseres Aufenthalts brach ich mit sieben Gleichgesinnten zu einer großen Tour durch den heißen Süden des Landes auf. Während einer zweitägigen Busreise erkundeten wir die Wüste und andere Wunder.

Gleich die erste Attraktion dieser Fahrt war eine der gewaltigsten. Inmitten einer kargen Ebene zwischen Olivenhainen erreichten wir schon bald das monumentale Amphitheater von El Djem. Die Römer hatten es hier im ersten Jahrhundert nach Christus erreicht. Seither hielt es dem Kommen und Gehen der Völker, der Hitze der Wüste und den Touristen stand. Wo einst Gladiatoren ihr Blut vergossen, spielten nun abends Orchester klassische Musik bei Kerzenlicht. El Djem ist wahrlich eines der imposantesten Bauwerke, das ich je betreten durfte. Am besten lasse ich hier wieder mein kleines schwarzes Reisetagebuch sprechen, wo sich folgender Eintrag dazu findet:

Kannst du sie hören die Schreie der Sklaven, tot seit Jahrtausenden. Kannst du ihre Schatten sehen? Über fahle Mauerreste flattern sie. Das Echo der Meute ist noch nicht verhallt. Hörst du sie toben? Mord fordernd, begierig Blut zu sehen. Frisch gewischter einst mit Leichen übersäter Untergrund. Blut floss hier. Dramen, unzählige, fanden hier ihr Ende. Hinter Säulen: Intrigen. Böse Worte. Von Gier entartete Gedanken. Überall. Ort, du hast Aura. Ort, ich mag dich.

Zwei Monate später sollte ich das Kolosseum in Rom besichtigen und eine Enttäuschung erleben. Es wundert mich, dass jenes zur Verkehrsinsel verkommene Gebäude inmitten der Großstadt nun sogar unter die Neuen Sieben Weltwunder gewählt wurde. Das Amphitheater von El Djem ist nur ein wenig kleiner. Auf jeden Fall ist es imposanter, dort mitten im Nirgendwo. Es zeigt, wie weit die Arme des römischen Reiches einst reichten. Ein Jahr später stieß ich viele tausend Kilometer weiter nördlich, inmitten der Moore Nordenglands auf eine alte Römerstraße. Einst hat all das zusammengehört. Dann kam Chaos in die Welt. Ich bin durch und durch Kosmopolit, doch als Römer wär ich damals vielleicht sogar Patriot gewesen.

Und es ging weiter. Durch weite, leere Ebenen und vereinzelte Olivenhaine brachte uns unser Bus immer weiter nach Süden. Die Fahrt war zugleich auch ein Sprachkurs, da unser freundlicher Reiseleiter eine jede Information zuerst auf Englisch, dann auf Französisch und schließlich auf Deutsch über die Lautsprecher über unseren Köpfen verkündete. Wenn man alles dreimal hört, merkt man es sich umso besser. Die Tunesier sind übrigens sowieso Sprachgenies. Arabisch ist Muttersprache, Französisch kann man aufgrund der Kolonialgeschichte sowieso, Englisch lernt man schon in der Grundschule. In der Mittelschule gibt’s dann zusätzlich Italienisch, Deutsch oder Spanisch. Fast jeder junge Tunesier, dem man auf der Straße begegnet ist viersprachig. Man kann sich problemlos unterhalten. Ganz anders als in Polen, wo ich ein Jahr zuvor nur wenige Kilometer hinter der deutschen Grenze am Bahnhof von Stettin keinen einzigen Menschen gefunden habe, der Deutsch, Englisch oder Französisch sprach.

Vorbei an Sfax und der Oasenstadt Gabès ließen wir Zentraltunesien allmählich hinter uns. Die Landschaft wurde immer leerer. Endgültig kehrten wir der Küste den Rücken und stießen ins Landesinnere vor. Über eine schmale Asphaltstraße erreichten wir das unwirtliche, von Dornbüschen gesprenkelte Hügelland von Dahar. Hier lebt das Volk der Berber. Sie sind die ursprünglichen Herrscher des Maghreb. Schon vor über 5000 Jahren besiedelten sie den Norden Afrikas. Doch die Zeit meinte es nicht gut mit ihnen. Ich kenne kaum ein Land, das von so vielen Kulturen geprägt wurde wie Tunesien. Alle haben dort ihre Spuren hinterlassen. Berber, Phönizier, Römer, Vandalen, Araber, Spanier, Osmanen und Franzosen. Eine Invasion folgte der anderen. Eine Herrschaft der nächsten. Mit der Zeit wurde das Volk der Berber immer weiter zurückgedrängt in die unfruchtbaren Gegenden der Hügel von Dahar am Rande der Wüste. Immer noch sprechen sie ihre uralte Sprache und leben die Traditionen von einst. Sie behausen Höhlen und treiben ihre Schaf- und Dromedarherden über das Land. Dabei sind sie leider zu einer Touristenattraktion geworden.

Wir erreichten die Ortschaft Matmata, mitten im Berberland. Eine Zeitlang bestaunten wir die braun, schwarz gesprenkelte Hügellandschaft, die sich nach allen Seiten hin erstreckte und spürten die Hitze der nahen Wüste. Dann durften wir eine Berberhöhle besichtigen. Es war ein unbehagliches Gefühl einfach so in eine fremde Behausung einzudringen und sich dort von Raum zu Raum führen zu lassen, während sich die Bewohner in irgendwelche Nischen verkriechen und den Touristen missmutig zusehen. Trotz der Hitze draußen, war es in den Höhlen angenehm kühl. Durch einen Schacht gelangte man zu einem Innenhof, von wo man über kleine Stufen die recht bequemen Wohnräume betreten durfte. Betten und Bänke waren darin aus Lehmziegeln gemauert. In den Stein gehauene Nischen dienten als Regale. Wie es wohl wäre, hier zu leben? Viele Berber verdienen sich heute ihren Lebensunterhalt damit, dass sie Tag um Tag Horden von Touristen durch ihre Behausungen traben lassen. Irgendwie traurig.

Zu Mittag kehrten wir in einem Restaurant unweit Matmata ein und verzehrten köstlichen Couscous mit Kamelfleisch. Manchen von uns kam der Innenhof der Gaststätte irgendwie eigenartig und doch seltsam vertraut vor. Das hat man doch schon mal wo gesehen… Bald war klar, wo wir uns befanden. Hier waren vor Jahren die Innenszenen der Skywalker-Ranch aus dem ersten Star-Wars Film gedreht worden. Wir befanden uns mitten im Krieg der Sterne.

Und es ging weiter. Von Matmata aus kämpfte sich unser Bus über eine schlecht ausgebaute Straße, die teils zur Sandpiste wurde, weiter nach Südwesten. Wir ließen die Hügel hinter uns erreichten erstmals die Wüste. Hier herrschen das ganze Jahr über raue Bedingungen. Im Sommer ist die Hitze mit manchmal mehr als 50 Grad im Schatten äußerst extrem. Im Winter gibt es dafür Temperaturen bis unter Null Grad. Regen ist selten. Davor gibt es gelegentlich Sandstürme. Einmal bewahrheitet sich hier die alte Botschaft, die man in den fruchtbaren Wäldern Europas schwer glauben kann. Wasser ist Leben. Nur wo Wasser verfügbar ist, kann man überleben. Nur an den spärlichen Oasen konnten sich im Süden Tunesiens kleine Ortschaften bilden. Sonst ist die Landschaft leer. Man fährt durch eine schier unendliche Weite mit Sanddünen und Salzseen. Nomaden durchziehen das Gebiet mit ihren Dromedaren. Es gibt auch Tiere. Hin und wieder konnte man vom Busfenster aus Gazellen sehen, oder zumindest ihre Knochen, die die Schakale übrig gelassen haben.

Am späten Nachmittag erreichten wir das Oasendorf Douz. Viel ist nicht da. Nur ein paar Gebäude. Die Hitze war erdrückend, doch irgendwie genoss ich dieses menschenfeindliche Klima. Wir durften uns in die Tracht der Araber hüllen. Vermummte Frauen versahen unsere Häupter mit Tüchern, die uns vor dem heißen Wüstensand schützen sollen. In der Oase bestiegen wir schließlich unsere Kamele und ritten los. In gemächlicher Langsamkeit trugen uns die Wüstenschiffe direkt nach Süden, hin zu einer großen Düne. Bald hatte man nur noch goldenen Sand vor sich, den der Wind uns in die Gesichter wehte, wo er unangenehm brannte. Es war ein erhebendes Gefühl auf einen Kamel zu sitzen und durch die Wüste zu reiten. Besonders dann, wenn man bedachte, was vor einem lag. Ich befand mich hier nur am Rande der Wüste, gerademal hinter der ersten Wanderdüne des großen östlichen Ergs der Sahara. Vor mir gab es nichts. In Richtung Süden ging die Wüste weiter. Ein gewaltiges Sandmeer, viele tausend Kilometer weit. Heiß und unberechenbar. Trotzdem hatte man sie bereist und erkundet. Es gab Menschen, die sich in diese Gegenden vorgewagt hatten. Es gab sogar Menschen die hier lebten und als Nomaden von Oase zu Oase zogen. Auch manche Tiere trotzten den Bedingungen. Dünengazellen, Wüstenfüchse, Sandvipern, Warane. Die Wüste ist gar nicht so tot, wie sie scheint. Diese Wüste lebt. Und sie wächst und wuchert. Jährlich verschluckt sie immer mehr fruchtbares Land. Die Einheimischen leiden darunter.

Fast eine Stunde lang wurden wir von unseren Kamelführern durch die Dünenlandschaft begleitet. Mitten im Nirgendwo stiegen wir kurz ab und staunten wie anstrengend es ist, auf dem feinen Sand zu gehen. Schon nach wenigen Schritten wurde man müde. Unerbittlich strahlt die Sonne. Die Kehle brennt.

Ich war begeistert. Die Wüste hatte mich gefangen. Schön ist Sahara. Wie schön musste es sein, hier einen Sonnenuntergang zu erleben? Wie klar würden hier wohl die Sterne sein? Leider sollte ich diese Erfahrung nicht machen. Wir mussten zurück zu unserem Bus. Gegen Abend erreichten wir ein komfortables Wüstenhotel mit vier Sternen. Wir kühlten uns im Pool und saßen noch lange bei Getränk und Gespräch in den Liegestühlen. Die Sterne waren durch das Licht des Hotels leider nur sehr blass zu sehen. Egal. Ich hatte an diesem Tag wunderbare Dinge gesehen und freute mich schon auf das Morgen, welches neue Wunder mit sich bringen sollte.

Der Tag begann früh. Denn dort, wo wir hin wollten, durften wir den Sonnenaufgang nicht verpassen. Betrachtet man eine Karte von Tunesien, so sieht man ihn gleich, den riesigen Chott El Djerid. Unter allen Salzseen der tunesischen Wüste ist er mit einer Breite von ca. 100 km weitaus der größte. Mitten hindurch haben die Tunesier einen Damm gebaut, auf welchem eine Straße verläuft und die beiden Ortschaften Kebili und Tozeur miteinander verbindet. Am frühen Morgen fegte unser Bus mitten durch das Salzmeer, welches sich nicht blau sondern in verschiedenen Rottönen zeigt. Mitten drin blieben wir stehen und erwarteten das Aufgehen der Sonne – ein unvergessliches Erlebnis. Verdächtig schimmert es am Horizont. Hier kann man Fata Morganen sehen.

Am nordwestlichen Ufer des Chott El Djerid liegt die Stadt Tozeur mit ihrer beeindruckenden Lehmziegelarchitektur. Mitten im Nirgendwo zeigt der Mensch in den Gebäuden von Tozeur ein wunderbares geometrisches Spiel. Nach einer kleinen Stadtrundfahrt besichtigen wir die immergrüne Oase, zuerst in Pferdekutschen, dann zu Fuß. Es gibt nichts besseres als eine frische Dattel im Schatten eines Haines von Dattelpalmen zu essen und dazu einen würzigen Minztee zu trinken.

Einstweilen verzichteten wir nun auf unseren Bus. In Vierergruppen bestiegen wir Jeeps und ließen uns von einem nur arabisch sprechenden Mann mit zerfurchtem Gesicht durch die Wüste chauffieren. Auf Sandpisten fuhren wir durch leere Wüstenlandschaften nach Nordwesten und passierten den Chott El Rharsa. Zuerst hielten wir es für eine Fata Morgana, doch dann glaubten wir schließen, dass sich vor uns am Horizont tatsächlich die Ausläufer eines Gebirges ankündigten. Es war das Ende des südöstlichsten Rückens des Atlas, des großen Gebirges im nördlichen Maghreb. Von hierweg bist Marokko gab es wieder Berge. Und in den Bergen, da gab es Oasen. Diese waren unser Ziel.

Wir erreichten den Ort Chebika. Nach einer kleinen Wanderung oberhalb des Dorfes erreichten wir eine malerische Schlucht mit Wasserfall, Palmenhainen und vielen Quellen. Gemessen an mitteleuropäischen Gewässern ist dieser Rinnsal nichts besonders, doch hier mitten in der Wüste handelt es sich schon bei der kleinsten Quelle um ein lebensspendendes Heiligtum. Wie überall, wo Touristen weilen, gab es auch hier draußen Händler, die ihre Waren priesen. Ich kaufte mir noch ein paar Datteln, nach denen ich allmählich süchtig wurde.

Unser grimmiger Fahrer, der mir im Grunde sehr sympathisch war und der einfach kein Trinkgeld akzeptieren wollte, brachte uns noch weiter in die Berge hinein. Wir erreichten die Bergoase Midés, ein bizarrer Ort zwischen zwei tiefen Flusstälern direkt an der algerischen Grenze. Zum Glück hatten wir ein wenig Zeit hier zu weilen und zu wandern. Ich erkundete ein paar Höhlen, stieg hinab ins östliche Flussbett und inspizierte ein paar leerstehende Gebäude. Es gab nur noch wenige Menschen, die hier lebten. Ein alte Mann saß vor seiner Lehmhütte und rauchte. Er sprach recht gut französisch und lud mich auf eine Tasse Tee ein. Natürlich nahm ich an. Nachdem er sich sehr freundlich bei mir erkundigt hatte, woher ich kam, stellte ich ihm die Frage, warum es denn so leer geworden sei, in Midés. Der alte Mann begann von einer inondation, einer Überschwemmung zu sprechen, die hier vor ein paar Jahrzehnten die meisten vertrieben hatte. Eine Überschwemmung? Da steht man in der trockensten Landschaft, die man sich vorstellen kann auf einem staubigen Felsen zwischen zwei sechzig Meter tiefen Schluchten, auf deren Grund ein kleiner Rinnsal fließt. Und hier hat es eine Überschwemmung gegeben? Unvorstellbar. Aber sicher wahr. Der Schlamm hat seine Spuren an den Häusern hinterlassen. Gerne hätte ich noch länger mit dem alten Mann gesprochen, doch unser Fahrer rief zur Eile. Wir stiegen wieder in den Jeep und rasten mit furchterregender Geschwindigkeit zurück durch die Wüste nach Tozeur. Auch beim Abschied weigerte sich der Fahrer Trinkgeld anzunehmen.

Nach diesem aufregenden Vormittag war es schön sich wieder in den gemütlichen, klimatisierten Bus zu begeben und sich von den nichtendenwollenden Worten unseres Reiseführes in drei verschiedenen Sprachen, die man alle verstand, berieseln zu lassen.

Inspiriert vom Charme der Wüste schrieb ich zu eben dieser Zeit das folgende in mein Reisetagebuch:

Wasser, Quelle, Feuchte, Elixier allen Lebens. Die Wüste ist tot mit all ihren Steinen, all ihrem Sand, tot und tonlos. Doch, wo das Wasser sie berührt, wo aus dem Boden, aus den Bergen strömt der alte Zaubertrank, dort gedeiht Leben. Ein Bach fließt in die Wüste, ihren Rand mit Grüne säumend. Er vertrocknet, erreicht nie das Meer. Er versagt und trotzdem macht er Leben möglich. Oasen, Inseln in der Wüste, hohe Palmen, dampfende Pracht, früchtetragende Schattenspender. Wasser, dich will ich preisen. Ich kostete die Früchte der Wüste. Die Datteln sind süß.

Es folgte eine lange Fahrt zurück in den Norden. Kilometer für Kilometer wurde die Landschaft wieder freundlicher und fruchtbarer. Bald tauchten schon wieder die ersten Olivenbäume auf. Nach einem üppigen Mittagessen in Gafsa näherten wir uns allmählich dem letzten großen Ziel unserer Reise. Am späten Nachmittag erreichten wir Kairouan, Stadt der Sonne und des Sandes, einstige Hauptstadt des Aghlabidenreiches, Kreuzungspunkt uralter Karawanenwege und viertnheiligste Stätte des Islams, gleich nach Mekka, Medina und Jerusalem. Aus der ganzen Welt kamen Pilger hierher um in der großen Moschee von Kairouan zu beten. Diese ist ein Glanzstück arabischer Baukunst mit vielen Gustostücken: ein Minarett aus dem 11. Jahrhundert, unterirdische Zisternen, das Gewölbe des großen Gebetssaals und vieles mehr. Leider blieb nur wenig Zeit und wir konnten nur einen kurzen Blick auf das Heiligtum erhaschen. Mihrab und Minbar sind dort ohnehin nur den Gläubigen zugänglich, was angesichts der Respektlosigkeit vieler Touristen sehr zu befürworten ist.

Am Abend des zweiten Tages unserer großen Tour durch den Süden Tunesiens erreichten wir wieder den Golf von Hammamet und unser schönes Hotel, wo wir uns die nächsten Tage über erholten und uns ein letztes Mal mit all jenen Menschen vergnügten, mit denen wir acht Jahre Schule geteilt hatten.

Clubimpressionen, Schopenhauer und Europahymne

Ich lag in diesen Tagen oft und lange am Strand, las Schopenhauers „Aphorismen zur Lebensweisheit“ und dachte daran, wie es mir in den kommenden Herbst- und Wintermonaten in den Klauen des allgemeinen Wehrdienstes wohl ergehen würde. Kurz vor Abreise hatte ich von einem europaweiten Preisausschreiben erfahren, das von irgendeinem CDU-Politiker ins Leben gerufen wurde. Man rief dazu auf einen neuen Text zur Melodie von Beethovens Neunter zu schreiben, welcher die Europäischen Werte vermittle und sich nicht allzu schwer in die wichtigsten Sprachen der EU übersetzen lasse. Keine leichte Aufgabe. Als begeisterter Europäer machte ich mich unter der Sonne Afrikas eifrig ans Schreiben und fabrizierte folgende Strophen:

Freiheitsflamme, Heim dem Frieden; Einigkeit war unsre Wahl

Freuet euch, es ist entschieden, endlich endet alte Qual

Schwere Zeiten sind vergangen, neues Glück steht nun bevor

Eintracht können wir erlangen, der Gedanke wächst empor

O du Reich der neuen Zeiten, für den Frieden bist du da

Diese Pracht soll sich verbreiten, lebe fort mein Europa

Wider Tyrannei und Kriege schlägt dein freies Wahrheitsherz

Toleranz führt dich zum Siege und bewahrt vor Gram und Schmerz

Friede, Wahrheit, Freiheit, Klarheit; Schönheit Liebe, Offenheit

Einigkeit, Gefühl und Gleichheit; Anerkennung, Menschlichkeit

Dies und mehr sind deine Werte, die du wahrst mit ganzer Macht

Du bist auf der richt’gen Fährte, die dich führt zu ganzer Pracht

Voller Blut ist die Geschichte, die wir tobend dir gemacht

Rasch wurd’ aller Glanz zunichte, neuer Hass ist schnell entfacht

Dachten Krieg würd’ uns viel nützen, hatten Frieden nicht im Sinn

Diesen woll’n wir heut beschützen, wagen einen Neubeginn

Unser Bund bewahrt vor Kriegen, lässt die Raserei vergehn

Endlich können wir nun fliegen, freudig in die Zukunft sehn

Treffpunkt bist du der Kulturen, hast viel Kunst hervorgebracht

Weise, große Denknaturen sind in dir zum Licht erwacht

Die Gedanken alter Meister haben dir dein Herz verliehn

Durch die Taten guter Geister bist du nun vollends gediehn

In dem Zeichen alter Zeiten stehn wir nun vor neuem Raum

Blicken auf in lichte Weiten, leben einen alten Traum

Ignoranz ist dir zuwider: Einigkeit in deinem Zelt

Alle Menschen werden Brüder, Vorbild du der ganzen Welt

Blaues Banner, Ring der Sterne, wehe fort in künft’ger Zeit

Wahr die Freiheit dir im Kerne und belehr die Menschenheit

Kreis der Völker, Bund der Staaten: Für den Frieden bis du da

Schauplatz neuer großer Taten, heil dir o mein Europa

Diesen Text, den ich nun, nachdem ich ihn Jahre lang gesehen habe, leicht lächerlich finde, habe ich damals auch eingereicht, aber nie etwas von dem Ausschreiben gehört. Es wurde meines Wissens auch niemals irgendein Siegertext öffentlich bekannt gegeben.

Irgendwann in jenen Tagen verlor ich meinen schwarzen Strohhut, den ich mich vor über zwei Jahren auf Hawaii gekauft hatte. Der Wind am Strand hat ihn wohl verweht, während ich auf meiner Luftmatratze im Meer herum trieb. Aber ich sollte bald neue Souvenirs finden.

Es war eine sehr ruhige, entspannende Zeit. Viel Lektüre, wenig Ablenkung, viele Gedanken und Ideen. Ich sinnierte über dies und das und fabrizierte sehr eigenartige Texte, wie zum Beispiel die folgenden:

Vom Unterschiede der Gewässer

Ich schwimme im Meer und so da schwimmend spüre ich um mich die Präsenz der Weltgewässer, der Ozeane. Mit mir, im selben Teich, schwimmen Quallen, unzählige Fische, Plankton und Wale. Das Meer lebt. Ich fühle seine Lebendigkeit. Seine gewaltigen Räume, ewig unerforscht, ziehen mich zu sich hinab. Ich will schwimmen, weiter, weiter, bis ich die Küste nicht mehr sehe. Ich will nicht mehr die Menschen hören, will reisen im dem See, dessen Farbe Leben ist und dessen Geschmack das Salz.

Ich schwimme hinaus in ewige Weiten unter blauem Himmel, stets der dünnen Linie zu, die eine Enormität von der nächsten trennt. Doch Schwimmen macht müde. Ich brauche ein Schiff.

Ich schwimme im Pool und Totes umgibt mich. Begrenzt ist des Wassers Raum, die Substanz von falschem Blau, chlorig bleich und ohne Charme. Kein Leben gibt es hier im Pool, keine Wale die nachts singen, nur Menschenkinder, die laut schreien ohne Schönheit noch zu kennen. Beton, nicht endlose Ewigkeit umgibt mich hier. Wo ist die Natur zu suchen? Das Meer mag ich lieber.

Ein paar Formulierungen hieraus finden sich wohl in „Auf See“ wieder. Interessant ist auch der folgende Text:

Vom Sand

Sand, du gleitest meine Hand hinab. Was warst du wohl? Und was wirst du noch werden? Korn, du einzelnes: Vor Jahrmillionen throntest du womöglich noch am höchsten Gipfel eines Bergmassivs, heute hab ich dich in meiner Hand. Kinder bauen Burgen aus dir und deinesgleichen. Sand, ich spreche nur mit dir. Du bist heiß in der Sonne, doch kühl unten drin. Du brennst auf der Haut und bist König der Wüsten. Wer kann euch zählen ihr zahllosen Körner, rund um die Welt? Ich nicht. Nicht einmal die eine Hand voll, dich ich halte. Ihr seid zu klein. Ich bin zu groß. Ihr seid zu zahlreich, ich viel zu allein. Doch wer würde euch schon zählen wollen und warum? Niemand ist gezwungen euch anzublicken, euch zu fassen und zu schichten. Niemand kann euch je vernichten, denn vernichtet seid ihr schon.

Meine Motive waren naheliegenderweise Meer, Pool und Strand. Mit folgendem Text wollte ich wohl irgendetwas über das Animationsprogramm des Clubs sagen, auch wenn der Sinn recht dunkel ist:

Kinder-Dasein

Kind, gibt Acht. Bricht kurz die Musik ab, so duck dich rasch, verzieh dich nach unten, so schnell es nur geht. Bist du zu langsam so haben sie dich, die riesigen Spötter und vor die Bühne des Lebens wirst du geworfen. So ducke dich also, weiche stets zurück und sei nicht mutig. Dies ist nicht meine Meinung.

Ich blickte mich um und was ich sah, das wurde beschrieben. Folgende Impression entstand in einer Vollmondnacht um 2:50 morgens:

Palmenblatt

Ich sah da einen Palmenbaum, der mit einem spitzen Blätterstiel des Nachts des

Himmels Einheit trennte. Es war ein grüner Blätterstiel, ein Pfeil, ein Degen, eine Dorne, die dort hoch in Lüften hing und einfach so die Nacht durchbohrte. Eine Nadel in der Dunkelheit, ein Strichlein in der Finsternis war dieses ach so grüne Blatt. Doch nimmt man es alleinig nur betrachtend und verzichtet nun auf Baum und Bar und Horizont, so muss man sich die Frage stellen, ob dieses eine grüne Blatt wahrhaftig nur den einen Flecken Schwarz verdeckt und nicht in Wirklichkeit das Streifchen

Grüne hinterm nächtlichen Vorhang steckt und nur ein Riss in dessen Stoffe ist.

Die Gestirne faszinierten mich in jenen Tagen. Ich beobachtete sie lang und gern. Hier zum Beispiel eine Betrachtung des Mondes:

Der Mond

Den Mond sah ich heute und er war schön. Erst rot, dann gelb, dann wieder weiß, doch stetig voll eroberte er sich seinen Platz am Himmel der Nacht. Es war schon dunkel, als er kam, zuerst ein Feuersturm am Horizont, eine rote Träne, die dem Meer entstieg, eine Wunde, die die Ferne ins Blut des Satelliten taucht. So grüßte mich der Mond an diesem alten Abend. Ich stand am Strand, die Schuhe voller Sand und wie er so sich ferne zeigte, da ging ich ihm sogleich entgegen entlang der Küste weitem Lauf. Doch wirklich nahe kam ich nicht, denn der Mond, er floh vor mir. Er kroch das Firmament hinauf allmählich blass und bleicher werdend. Schon war er ein gelbes Auge in der Nacht und dann ein weißer Kreis, ein weiser Greis. Noch immer ist er da, hat seinen höchsten Punkt noch nicht erreicht. Zwischen Bäumen sehe ich ihn nun. Schau ich weg ist er verschwunden.

Einer meiner liebsten Ort des Clubs war ein schattiges, kleines Cafe im maurischen Stil. Dort konnte man stundenlang sitzen, Wasserpfeife rauchen und Minztee trinken. Wurde es mir dort zu langweilig, so wagte ich mich wieder hinaus in das Meer. Am Pool war ich selten. Die Diskothek mied ich nach Möglichkeit.

Aber Tunesien hatte noch viel zu bieten. Erst einen Bruchteil des Landes kannte ich. Gegen Ende der ersten Woche tat ich mich wieder mit meinen kulturinteressierten Kameraden zusammen und wir fuhren mit dem Taxi nach Sousse.

Sousse

Sousse ist mit über 125 000 Einwohnern die wichtigste Hafenstadt Zentraltunesiens und besitzt eine malerische Altstadt. Das Zentrum der Stadt fällt von einer Hügelkuppe aus zum Meer hin teilweise recht steil ab. Aufgrund dieser Hügellage besteht die Medina (Altstadt) von Sousse aus einem Labyrinth von kleinen Gassen und Treppen in denen man sich wunderbar verlaufen kann. Ständig sieht man zwischen den Gebäuden das blaue Meer zu sich herauf scheinen. Und all das ist umringt von einer alten, massiven Stadtmauer aus der Zeit der Aghlabiden im 9. Jahrhundert. Die Stadt bot viele Attraktionen.

Unser erstes Ziel lag allerdings nicht innerhalb der Mauern der Altstadt. Wir hatten den Tag unseres Besuches gut gewählt, denn jeden Sonntag herrscht auf einem großen freien Gelände südlich des Zentrums Kamelmarkt. Dort gibt es nicht nur Kamele sonder allerlei Waren zu kaufen. Aus ganz Tunesien kommen regelmäßig Händler angereist und preisen lautstark ihre Güter. Alles gibt es hier zu kaufen. Früchte, Gewürze, Baumaterialen, Stoffe, Teppiche, Vieh, Waschbecken, etc. Man ist umringt von regem Treiben und merkt gleich, dass dies keine Fassade für Touristen ist. Hier sind vorwiegend Einheimische unterwegs und feilschen wild gestikulierend um niedrige Preise. Ich machte die Erfahrung, dass man am besten feilscht, wenn man eigentlich gar nichts kaufen möchte. Schließlich wird der Preis dann so niedrig, dass man es doch tut. Ein alter Mann trat auf mich zu. Bevor ich noch etwas sagen konnte, hatte er mir schon ein weißes Kopftuch mit Schnur umgebunden und hielt mir einen Spiegel vor. Stand mir eigentlich recht gut, doch ich hatte nicht die Absicht zu kaufen. Die freie Hand des Händlers zeigte den Preis. Da ich beständig den Kopf schüttelte, senkte sich ein Finger nach dem anderen, bis wir schließlich auf zwei Dinar herab gekommen waren. Zwei Dinar? Das war kaum mehr als ein Euro. Ich willigte ein und habe es nie bereut. Mein weißes Tuch ist immer noch in meinem Besitz und hat mir seither sehr gute Dienste geleistet. Auf langen Wanderungen ist es ein weit flexiblerer und besserer Schattenspender als eine jede andere Kopfbedeckung. Man kann es auch als Stirnband benutzen, oder sich um den Hals binden. Auf vielen Wegen hat es mich seither gekühlt und mir Schatten gespendet. Auf vielen Wegen wird es mir auch künftig diese Dienste erweisen. Ich mag mein Kopftuch und ich habe es damals auch den ganzen Tag über in Sousse getragen. Kombiniert mit meiner etwas skurrilen Barttracht und Sonnenbrille hatte dies allerdings den Effekt, dass manche Einheimische in Gelächter ausbrachen. Die Kinder auf der Straße riefen mich Ali Baba. Und eine meiner Begleiterinnen, die neben mir ging wurde Ali Mama genannt.

Über eine Stunde lang begutachteten wir die verschiedenen Waren auf dem Markt. Manch einer kaufte sich als Souvenir für daheim ein paar Gewürze. Ich besorgte mir noch frische Datteln und einen wunderschönen, grünen Gebetsteppich, der heute noch an meiner Zimmerwand hängt.

Nachdem wir den Markt verlassen hatten, näherten wir uns der Altstadt. Am höchsten Punkt liegt die Kasbah mit ihrem Leuchtturm. Sie bietet eine wunderbare Aussicht und beherbergt außerdem ein archäologisches Museum, das römische, phönizische und arabische Überbleibsel aus der Vergangenheit zeigt. Kasbah ist übrigens auch der Name des Clubs in Liverpool, wo die Beatles ihre ersten große Erfolge feierten.

Obwohl wir noch gar nicht ins Herz der Altstadt vorgedrungen waren, hatten meine Begleiter bereits genug von der Besichtigung und nahmen sich das nächste Taxi zurück zum Hotel. Ich wollte aber noch mehr sehen und bin heute sehr dankbar für diese Entscheidung.

Durch enge verwinkelte Gassen, irrte ich den Hügel hinab Richtung Meer. Bald erreichte ich die Souks (=Basar). Es war genauso wie im Reiseführer beschrieben: „Unter Tonnengewölben oder Holzgittern in schattigen Gassen sind die Läden nach Ware oder Handwerk gruppiert: Teppichhändler, Schmuckläden, daneben Weber, Sattler, Korbflechter, Kesselmacher, Schneider und Kupferschmiede. Die vielfältigen Geräusche und die oft betäubenden Düfte aus den Gewürz- und Parfümläden vermitteln orientalische Atmosphäre.“ Wahrlich, das taten sie. Geht man einem solchen Gewürzstand vorüber, so wird man fast erschlagen vom intensiven Duft der in Säcken gelagerten Ware. Lange flanierte ich durch die zeitlose Basaratmosphäre. Ein Kleidungshändler schaffte es mich in seinen Laden zu locken und mir einen strahlend weißen Maurenmantel anzuziehen, der seiner Meinung nach gut mit meiner Kopfbekleidung harmonierte. Sah nicht schlecht aus, aber wo sollte ich so etwas je anziehen? In der Wüste würde solche Kleidung mir sicher gute Dienste leisten, doch dorthin würde ich so schnell nicht mehr kommen. Ich sah wahrhaftig sehr arabisch aus. Der Händler war auch sehr freundlich. Aber ich brauchte den Mantel einfach nicht und versuchte ihm dies verständlich zu machen. Im Zuge meiner Weigerung fiel der Preis von 40 Dinar bis auf 10 Dinar herunter. Der Händler, der mich anfangs noch eine Tasse Tee eingeladen hatte, wurde immer böser. Fast hätte ich ihm den Mantel schon aus Mitleid abgekauft, aber natürlich war alles nur Show. Schließlich schaffte ich es doch mich ihm zu entwinden und verließ mit einem Grinsen im Gesicht die Souks.

Bald näherte ich mich dem Ribat, einer Art Burg im Herzen der Stadt gleich gegenüber der großen Moschee. Es heißt der Ribat von Sousse sei das älteste islamische Bauwerk in Nordafrika. Dass es tatsächlich eines der ersten war, ist ziemlich wahrscheinlich. In militärischer Strenge lebten hier im achten Jahrhundert einst die ersten Vorboten des neuen Glaubens und verbreiteten diesen über ganz Nordafrika hinweg bis nach Spanien, wo ihnen erst Karl der Große an den Pyrenäen Einhalt gebieten konnte.

Lange wanderte ich in diesem alten Gebäude umher, besichtigte die Zellen der Rittermönche, die Wirtschaftsräume, den Gebetssaal und schließlich die hohen Türme von denen man einen fantastischen Blick über die ganze Stadt hatte. Dann geschah etwas Wunderbares.

Gegenüber dem Ribat befindet sich die große Moschee und eben als ich dort am Turm stand und die Aussicht genoss, setzte dort am Minarett der Muezzin sein trauriges Lied an. Lautsprecher verbreiteten seine Stimme über der ganzen Stadt, sodass sie von allen Seiten zu kommen schien. Und ich stand gegenüber, fast auf Augenhöhe. Ich konnte den Mann singen sehen, hörte ihn von allen Seiten und sah wie sich die Tore der großen Moschee öffneten und von allen Seiten die Gläubigen herbeiströmten und sich zum Gebet sammelten. Der Wind wehte und Vögel flatterten davon. Es war wunderschön und sehr emotional. Gierig sog ich diese Atmosphäre auf. Lange sang der Muezzin. Lange stand ich dort am Turm des Ribat und schrieb die folgenden Zeilen in mein kleines schwarzes Reisetagebuch:

Alte Mauern, große Geschichte: dramenreich. Ich stehe am Turm einer Ribat-Festung. Viele fielen auf den Stufen unter mir. Gemäuer, ich hör dich atmen. Von hier aus, von dir aus, schwappte eine Ideologie weiter in die Welt hinaus. Ich blicke in die Stadt, auf die Dächer und den Basar. Händler handeln ihren Vorvätern folgend. Wie traurig ist ihr Blick, wenn alle Kunst versagt und der Kunde nicht kaufen will. Wie froh aber sind sie um dessen Nachgiebigkeit. Es ist windig. Meine Feder droht davon zu fliegen, macht Flecken in der Worte Lauf. Auch auf dem Turm ist es windig, nicht in den Zellen darunter, deren einstige Beherrscher, Soldaten, Lehrer, Gläubige längst die Zeit verlassen haben. Im richtigen Moment, da kann man sie noch flüstern hören. Und wie die Säbelkrieger im Feuer ihres Glaubens hier einst aufmarschierten…. Im Gebetssaal lagen vielleicht Teppiche. Es schlägt die rechte Stunde und plötzlich, unerwartet und gewaltig, erhebt sich über allen Häusern der Lobgesang des Muezzins, Krähen aufscheuchend schön. Nein, Krähen sind dies keine. Irgendwelche anderen Vögel. Keine Krähen. Viel kleiner diese doch hier sind und scheuer. Sie fliehen vor dem Lob Allahs, doch die Gläubigen, die strömen herbei. Ich will mir einen Teppich kaufen, doch das hab ich schon getan. Heute bin ich Ali Baba, die Legende aus 1001 Nacht. Ich muss fort. Ich gehe meine Räuber suchen und hoffe sie nicht mehr zu finden. Sesam öffne dich vor mir. Oder eben nicht.

Durch das Tor des Meeres, das Bab El Bahar verließ ich die Altstadt von Sousse und nahm mir ein Taxi zurück ins Hotel. Die Fahrt dauerte zwanzig Minuten und kostete mich fünf Dinar (= 2,5 Euro)

Ein letztes Beisammensein – Strandimpressionen

Die erste Woche Tunesien war vorüber. Für manche bedeutete dies die Heimreise. Nur acht von uns hatten zwei Wochen gebucht. (Der Preisunterschied war nicht allzu groß: Eine Woche €499, Zwei Wochen €699). Das Hotel war so freundlich uns im Restaurant einen großen Tisch zu reservieren, wo wir nach acht Jahren Schule noch ein letztes Mal feierten. Viele Gesichter von damals habe ich seither nicht wieder gesehen.

Es folgte eine ruhigere, besinnlichere Woche, die aber noch viel zu bieten hatte. Ich hatte erst den Süden des Landes gesehen. Auch der Norden musste noch erkundet werden. Zuvor allerdings genoss ich einige ruhige Tage im Club. Mit ein paar anderen ließ ich mich eines Abends auf ein schönes Abenteuer ein. Am Strand verkehrten hin und wieder Einheimische und boten einen abendlichen Ritt auf Pferden den Strand entlang nach Norden an. Das lockte mich. Texas lag schon weit zurück. Über zwei Jahre war es her, dass ich zum letzten Mal auf einem Pferd gesessen und über die Prärie geritten bin. Nun jagte ich die Bucht von Hammamet nach Norden, vorbei an Hotelanlangen, an Fischerhütten und den Einöden dazwischen. Man spürte den Wind im Gesicht und sah der Sonne über dem Land beim Untergehen zu. Schön. In meinem Tagebuch steht: Auf Pferden reitend die Küste entlang. Anglergeflüster und Wellengesang. Ich dachte einen schönen Stern zu sehen, doch es war ein Flugzeug.

Der Norden

Zu viert unternahmen wird eine zweite Busreise. Diesmal ging es in den Norden. Unsere Ziele waren die Hauptstadt Tunis, das Künstlerdorf Sidi-Bou-Saïd und natürlich Karthago, legendäre Heimat des Hannibal. Schon auf der Fahrt war es erstaunlich zu sehen, wie die Landschaft immer grüner wurde. Der Norden Tunesiens ist in der Tat sehr fruchtbar. Im Winter schneit es in manchen Gegenden sogar gelegentlich. Es gibt Wälder mit Wildschweinen, Pfifferlingen und Steinpilzen.

Ich kann mich nicht mehr entsinnen, was zuerst kam. Karthago oder Tunis. Ich gebe einfach einmal der Hauptstadt den Vorrang und will sehen, woran ich mich noch erinnern kann.

Als erste Attraktion von Tunis erwartete uns das Bardo-Museum, dessen Besuch ich nur empfehlen kann. Neben den interessanten archäologischen Funden, blieben mir vor allem die wunderbaren Mosaiken

in Erinnerung, die die Wände und Böden des früheren Herrscherpalastes zieren – ein architektonisches und künstlerisches Juwel. Ähnliches habe ich erst viele Jahre später in der Alcazar von Sevilla wieder gesehen. Neben den vielen alten Mosaiken gab es auch noch Sarkophage, Stelen, Statuen und vieles mehr aus vorgeschichtlicher, punischer und römischer Zeit. Eines der wichtigsten Stücke des Hauses ist aber ein eher kleines Mosaik, das aufgrund seines Motives von besonderem Wert ist. Es soll angeblich die einzige erhaltene Abbildung von Vergil sein, des großen Dichters der Aenaeis. Auf dem Mosaik sieht man ihn schreibend. Im Hintergrund zwei Musen.

Nach dem Museum ging es hinaus mitten in das enge, dicht besiedelte Zentrum von Tunis. Nun, da ich den Stadtplan vor mir habe, fällt mir vieles wieder ein. Vom Place de la Kasbah aus kämpften wir uns in kleinen Gruppen durch die Altstadt hindurch. Wir wanderten vorbei an der Mosquée de la Kasbah, dem Dar El Bey – Sitz des Ministerpräsidenten und an zahlreichen anderen Gebäuden. Schließlich erreichten wir die Souks. Diese sind in Tunis von recht praktischer Struktur. Es gibt zwei Hauptadern, die Rue de la Kasbah und die Rue Djemaa Ez Zitouna. Erstere bietet den Einheimischen alles, was sie brauchen. Letztere ist vorwiegend auf Touristen spezialisiert. Beide Straßen münden schließlich am Place de la Victoire, wo sich das imposante Stadttor, das Porte de France erhebt. Hier beginnt die schmucke Prachtstraße Avenue Habib Bourguiba, benannt nach dem Staatsgründer welcher sein Land 1957 in die Unabhängigkeit führte und es fast dreißig Jahre lang regierte. Hier war es auch, wo uns nach einigen Stunden des Flanierens unser Bus wieder abholte und an andere Orte brachte.

Wir kamen nach Karthago. Ruinen. Ruinen. Ruinen. Und in der Ferne das Meer. Viel war nicht geblieben, von der einst mächtigsten Stadt aller phönizischen Reiche. Die Römer hatten sie im Jahre 146 v. Chr. dem Erdboden gleich gemacht. Über den punischen Ruinen lagen römische Ruinen. Es gab auch arabische Bauten und in der Ferne eine imposante Kathedrale zu Ehren des französischen Kreuzritterkönigs Ludwig des Heiligen, welcher hier begraben liegt. Die Vielfalt der Kulturen, die dieses Land erlebt und geprägt haben, ist unbestreitbar. Es war ergreifend. Noch immer gräbt man hier und forscht nach neuen Erkenntnissen über die rätselhafte Kultur der Phönizier.

Witziges Detail am Rande: In Karthago bekamen wir Anweisung ja keine Fotos in Richtung Norden zu machen, denn dort befindet sich der Wohnsitz des Präsidenten Zine El Abedine Ben Ali, welcher in den letzten Jahren oft wegen der unterdrückten Pressefreiheit in seinem Land in den Medien war. Er mochte es nicht, wenn man eine Kamera auf seine Villa richtete und wer dies tat, musste dafür manchmal den Film oder Chip seiner Kamera hergeben. Ben Ali findet man übrigens auch in den meisten Hotelhallen und sonstigen öffentlichen Gebäuden groß und stolz abgebildet. Unvergesslich bleibt Roberts gewagter Kommentar neben Ben Alis Bild in unserem Hotel, das er laut gleich neben der deutschsprechenden Rezeptionistin äußerte: „Ach, das ist doch dieser Faschist.“

Unweit von Karthago liegt noch eine weitere Ruinenattraktion, die Gräber des Antoninus Pius (übrigens derselbe Antoninus nach welchem auch der nicht erhaltene Holzwall benannt ist, welcher sich in Schottland weit nördlich des Hadrianswalls von Küste zu Küste erstreckte). Diese Bäder müssen einst ein gewaltiges Gebäude gewesen sein. Außer Steinen und ein paar noch immer aufrechten Säulen ist nichts davon geblieben. Man bekommt ein tiefes Gefühl dafür vermittelt, wie vergänglich doch alle unsere Bauten sind. In meinen Tagebuch stehen folgende Sätze:

Karthago. Einst stand sie hier, die mächtige Stätte der Phöniken, errichtet für die Ewigkeit. Von hier blickte Dido in Verzweiflung zum Ozean hinüber, wo sie Aeneas in die Ferne segeln sah (Auch dein Angesicht sah ich heute, Vergil, du alter Dichterfürst). Der Geliebte kam zurück im Blute seiner Nachfahren und brachte das Verderben mit. Standst auch du hier, Hannibal, du legendärer Krieger? Galt hier dein letzter Blick der Heimat, bevor du in die Ferne zogst um Schlachten zu schlagen für Punien, dein Land und dessen Fortbestand? Du versagtest und Karthago fiel. Von Bauten für die Ewigkeit bleibt heute nur noch Sand. Die Römer kamen und schufen neue Wunderwerke, Amphitheatren, riesige imposante Thermenhäuser, Säulenhallen, Göttertempel, gebaut für alle Ewigkeit. Rom war unsterblich. Es einte die Welt. Wie hätte der reiche Römer in seinem Rom den Fall ahnen können? Die Zeit verging und von Giganten halte ich hier einen Stein in der Hand, Ruine der Ruinenstücke. Ja, hier war vor uns Zivilisation und nirgendwo zuvor spürte ich so stark die Macht der Zeit. Bauten für die Ewigkeit, Beispiele der Vergänglichkeit, bedeckt vom Sand der Zeit. Soviel anders ist es heute nicht. Die Frage ist nur: Wer wird uns ausgraben? Auch unsere Bauten werden fallen, unsagbar wie es klingt. Zu Staub wird alles mit der Zeit, auch wir und alles Materielle. Nur Geschichten können diesen Vorgang überleben.

Ich kletterte eine Weile lang zwischen in den Ruinen der Bäder herum, erklomm ein paar Sockeln und Säulen, befühlte alte Inschriften und nahm mir einen Stein mit, der wohl einst Teil des Badehauses war, mit seinem Warm- und Kaltwasserbereichen, seinen Dampfbädern und Bodenheizungen. Alles fort und verloren. Der Stein liegt heute noch in meinem Zimmer.

Am Nachmittag unserer Tour durch den Norden machten wir noch einen Abstecher zu dem Küstendorf Sidi Bou Saïd, das fast gänzlich im maurisch-andalusischen Stil erbaut wurde. Alles erstrahlt in hellblau und weiß. Wir besuchten den Ort, besichtigten den Palast eines britischen Barons und tranken eine gute Tasse Thé à la menthe. In meinem Reiseführer steht der seltsame Satz: „Der Besuch des malerischen Künstlerdorfes Sidi Bou Saïd ist obligatorisch.“ Warum ist mir eigentlich nicht ganz klar. Vielleicht wegen der schönen Aussicht hinab auf das Meer.

Somit war die Tour durch den Norden abgeschlossen. Es ging zurück ins Hotel.

Die letzten Tage

Es folgten noch ein paar lange heiße Tage am Strand, in denen ich auch noch die letzten Reste meiner Reiseliteratur verschlang, bis ich schließlich nichts mehr zu lesen hatte. Fünf Bücher waren für meine Maturareise einfach nicht genug gewesen. Lange Stunden saß ich in der Sonne und im Schatten, während Ebbe und Flut sich abwechselten. Ich dachte über meine Schulzeit nach, daran, dass diese nun endgültig vorbei war und dass nun bald schon acht schwierige Monate auf mich zukommen würden. Ich wollte lieber gleich studieren, doch all das war noch ganz weit weg und schien mir wie ein ferner Traum am Horizont.

In der vorletzten Nacht meiner Tunesienreise, blieb ich Abends einfach am Strand liegen und versuchte die ganze Nacht wach zu bleiben, die Sterne zu sehen, dem Meer zu lauschen und auf den Morgen zu warten. Dabei schrieb ich unterbrochen von langen Pausen diese wirren Worte und hielt meine Impressionen damit fest.

Am Strand

Brauner Sand, Bananenboote,

grünes Meer und Handtuchtote,

braungebrannte Liegenleichen

geben unlesbare Zeichen

T-shirts wehen, Sprachen klingen

Wohin soll uns das nur bringen?

Alte gehn im Nass spazieren

Kinderlein auf allen Vieren

Sonnenschirme spenden Schatten

Verbrannte Häute, Faulenzmatten

Der Strand-boy stapelt schon die Liegen

Die Beach-bar ist schon am versiegen

Es kommt des Abends Wellenschlagen

Urlauber ein Handtuch tragen

Bald ist Nacht: die Menschen weichen

die Toten und die Liegenleichen

Friedlich ist der Strand der Nacht

Erinnert mich an alte Pracht,

die ich nie gesehen habe doch gern hätte

nicht nur deren Totenstätte

Vereinzelt sind auch jetzt noch Menschen hier,

spielen Karten, trinken Bier,

reden über Nichtigkeiten

Ich aber sehe andre Weiten

Der Wind verweht vereinzelt Sand

Vögel landen unerkannt

Und fliegen weiter in die Ferne

Ich freue mich schon auf die Sterne

Jetzt ist es Nacht

Da sind die Sterne

Sie sind erwacht

Ich hab sie gerne

Das Meer ist auch im Dunkeln da

Manchmal fern und manchmal nah

Es rauscht so stetig fort und fort

Fische sind im Wasser dort

Doch ohne Trübe sind die Sterne nicht

Immer noch herrscht zu viel Licht

——————

Eben sah ich eine Qualle

Tot lag sie vor mir in der Falle

Zwischen meinen Beinen lag sie

Plötzlich da, zielstrebig angespült

Leblos, einsam, silbern schimmernd

Ich fasste sie an und es war feucht

Feurig nur im Geiste

Dort wo ich lag, da war es schön

Des Meeres längste Zungen vermochten

Noch die Spitzen meiner nackten Zehen

Zu umspülen, so lag ich halb auf

Einer Liege liegend dort am Strand

Nein, ich hatte Socken an

Egal

Blick hinauf: Das Sternenzelt

Blick nach vor: die ganze Welt

—————-

Wohin zu schauen konnt‘ ich wählen,

Wellen oder Sterne zählen.

Es war als blickte man in Zukunft

und Vergangenheit

Irgendwo da zwischendrin,

da sehe ich die Wirklichkeit.

Dort in der Weite,

wo zwei große Flächen Schwärze aufeinandertreffen,

dort muss sie sein.

Wissen kann man nur den Schein.

—————-

Tot bleibt die Qualle.

Vom Sand wird sie begraben

Quallen stellen keine Fragen

Sie wird ruhig schlafen können,

hat es ja lebenslang getan.

Blick ich seitlich seh ich Küste,

Wellenkronen in die Strände züngelnd.

Hinter mir ist Traurigkeit.

Viele Menschen, Lärm, Geschrei,

Gesellschaft eben.

Dorthin muss ich bald zurück.

——–

Tiefe Nacht ist es geworden.

Aufblickend seh ich Horden

Sterne, manche können fliegen

Einen solchen möchte ich zu fassen kriegen

Sind es Sternschnuppen, die ich hier fallen sehe?

Oder glühende Würmchen, die ich nicht verstehe?

Von der Bewegung abgesehen,

Schauen sie ganz den Sternen gleich,

Brüder in dem schwarzen Reich,

Das wir alle All noch nennen,

Weil wir es nicht besser kennen.

Sterne weichen, Morgen graut

Mein müder Blick zum Himmel schaut

Und auf die helle Lichterfront:

Der geliebte Horizont

Glanz verheißend glimmert er

Anfangs tut er sich dabei noch schwer

Doch mit stetig größrer Wonne

Kündigt er das Nah’n der Sonne

Und mit einem roten Schimmer

Kommt der Stern; so schön wie immer

Durchwandert er den schmalen Grat

Glänzt rot auf seinem alten Pfad

Und flutet schon mit Licht das Land

Golden schimmert jetzt der Sand

Doch mit der Sonne kommen die Touristen

Um auf Liegen früh zu nisten

Es kommen Handtücher daher gerannt

Vom grauen Licht der Welt verbrannt

Unter der Sonne bleich und starr

Es ist kein Frieden hier, du Narr

Wo Licht ist, da ist auch was los

Einzig in Obscuritas Schoß

Kann es ruhige Stunden geben

Kann ich frei von Zwängen leben

Doch irgendwo auf dieser Erde

Fernab dieser Menschenherde

Muss es echte Strände geben

Dorthin will ich baldigst streben

Dort im Zeichen meiner Einsamkeit

Inmitten von Gelassenheit

Nahe schon der Ewigkeit

Fernab der Gepflogenheit

Dort sind die Sterne gar noch klar

Und Dunkelheit ist wunderbar.

Irgendwann entstand auch der folgende Text:

Auf der Luftmatratze

Ich lass mich treiben,

denke ans Schreiben.

Treibe einfach vor mich hin

An den Menschen denkend, der ich bin.

Und irgendwie, doch macht das Sinn

Im Wasser zu treiben.

Gedichte zu schreiben.

Doch um lebendig zu bleiben.

Muss man mehr tun als treiben.

Denn wenn man nur im Wasser treibt

Und dabei stumm Gedichte schreibt

So wird man irgendwann versinken

Und im See der Zeit ertrinken

Will man nur im Wasser treiben

Und einfach nur Gedichte schreiben

Schwimmen muss man um zu bleiben

Selbst wenn man eine Luftmatratze hat.

Ich saß in einem Flugzeug und flog nach Hause. Die Schulzeit und Afrika lagen damit endgültig hinter mir. Noch hatte ich einen langen Sommer und eine weitere wunderschöne Reise vor mir. Bald schon sollte ich alleine durch die antiken Stätten von Italien und Griechenland pilgern. Darauf freute ich mich sehr. Nur vor dem Danach graute mir, denn am Horizont sah ich schon den fahlen Schein der Uniform, die ich bald tragen sollte. Sei es, wie es sei: Ich habe meine Maturareise sehr genossen. Ich habe sie genützt. Ich habe Abenteuer gehabt. Ich habe in dieser Zeit mehr erlebt und gelebt als manch anderer. Ich hatte Spaß, wurde inspiriert und erlebte eine Vielfalt der Kulturen in einer wunderschönen, bizarren Landschaft. Die Wüste ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Doch in mir wuchs und wucherte „Auf See“.

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