„KNIFE“ von Salman Rushdie

Es tut so gut, Salman Rushdie zu lesen – und sich dabei gemeinsam mit ihm zu freuen, dass er noch lebt, dass über fünfzehn Stichwunden nicht vermocht haben ihn zu töten, dass er sich seinen Humor, seinen Charme bewahrt hat und dass er weiterhin Hunger darauf hat, gute und wichtige Bücher zu schreiben. Immer noch ist „Midnight’s Children“ der meiner Meinung nach beste Roman, den ich je gelesen habe. Immer noch verschlinge ich jedes neue Rushdie-Buch, sobald es erscheint. Sein neustes Werk „Knife“ nimmt aber einen besonderen Stellenwert in seinem Oeuvre – ja in der Weltliteratur überhaupt – ein. Wurde jemals von einem Opfer eines Attentats so scharf, bissig und witzig, so reflektiert und analytisch über die eigene Erfahrung des Fallens, des Beinahe-Sterbens, des Heilens und des mentales Wegs zurück ins Leben geschrieben? Wohl kaum. Der fiktive Dialog mit seinem Attentäter ist erschütternd und erhebend zugleich. Darüber hinaus ist das Buch – wie bei Rushdie oft – voll mit reizvollen Ausflügen in die internationale Literatur und Pop-Kultur, von Averroës bis Baudelaire, von Günter Grass zum Mandalorian.


Salman Rushdie ist wieder da! Ihm geht es gut! Und er denkt nicht einmal daran, sein „zweites Leben“ nach dem Attentat einfach nur zu genießen. Nein, mehr denn je stacheln ihn die Probleme der Gegenwart an, dem Wahnsinn unserer Zeit (Trump, Putin, Gaza-Krieg, Populismus, Fundamentalismus etc.) und den damit eingergehenden Lügenmärchen ein positives Narrativ von Menschlichkeit, Säkularismus und Aufklärung entgegenzusetzen. Man freut sich schon ungemein auf das nächste Werk aus seiner Feder. Bitte, gebt diesem Mensch doch endlich seinen längst verdienten Nobelpreis.

11 Kufsteiner Brücken bekommen neue Namen

Es freut mich außerordentlich, dass untenstehender Antrag vom Kufsteiner Gemeinderat am 3.7. 2024 einstimmig befürwortet wurde und 11 Brücken in unserer Stadt künftig die folgenden Namen tragen:

Bemerkung: Alle Inhalte zum Leben der elf Frauen, nach denen diese Brücken nun benannt sind, sind indirekte Zitate der Standardwerke zur Kufsteiner Stadtgeschichte: das Stadtalbum „Vom Stadtl, zur Stadt“, die Edition Kufstein, „Kufstein: Bayerns Glanz – Perle Tirols“ und anderer Werke, deren Autoren (Schwarz, Pirchner, Hormayr, Treichl, Biasi) allesamt hervorragende Arbeit geleistet haben. Was Margarete von Tirol betrifft, so sind als zusätzliche Quellen das Standardwerk des deutsch-österreichischen Wilhelm Baum im Styria Verlag und das Werk von Jan Winkelmann „Die Mark Brandenburg …“ zu nennen.

Der Antrag:

In der Stadt Kufstein gibt es laut Grundbuch rund achtzig Straßen und Plätze, die nach Männern benannt sind. Dem gegenüber stehen lediglich drei Straßen, deren Namensgeberinnen weiblich sind. Es sind dies die Luise Fankhauser-Straße, die Aloisia Bodner Straße und der Adele Stürzl-Weg. Um dieser historischen Ungerechtigkeit, die den Zeitgeist früherer Jahrzehnte und Jahrhunderte in die Gegenwart trägt, entgegenzuwirken, sollte jede Maßnahme willkommen sein, die mehr weibliche Präsenz ins Stadtbild bringt. In der Historie Kufsteins gibt es noch viele herausragende Frauen, die sich eine Erwähnung verdient hätten.
Da es nun aber nicht praktikabel ist, bestehende Straßenbezeichnungen zu ändern und es weiters auch nicht ausreicht, abzuwarten, bis neue Straßen und Wege entstehen, steht man hierbei scheinbar vor einer unlösbaren Aufgabe. Wie mehr Frauennamen ins Stadtbild bringen, wenn bestehende Bezeichnungen erhalten bleiben müssen und kaum neue Straße entstehen? Zu diesem Problem gibt es eine hervorragende Lösung, die neulich von einem Mitarbeiter der Stadt Kufstein vorgeschlagen wurde. Die Antwort lautet: unsere Brücken.
Die Stadtgemeinde Kufstein verfügt über 10 Hauptbrücken und 35 Nebenbrücken – insgesamt 45 Brücken also. Diese führen über Bäche, über Straßen, ein paar natürlich auch über den Inn. Und alle haben sie hinreichend nichtssagende Namen wie „Fußgängerbrücke Innpromenade“, „Stadtzufahrtsbrücke“, „Innsteg“, „Fußgänger- und Radwegbrücke Kufstein West“ oder auch „Stadtbrücke über den Inn“.
Was spricht also dagegen, einigen dieser Brücke schillernde, klingende Namen zu geben, die an bedeutende Frauen in unser Vergangenheit erinnern? Begleitend zu dieser Umbenennung von Brücken, wäre es als Zusatzprojekt zielführend, ebendort jeweils eine Bildtafel anzubringen, die in Bildern und Worten an die jeweiligen Frauen erinnert.

Der Gemeinderat möge beschließen:
Um historisch bedeutsamen Frauen in der Geschichte Kufsteins eine stärkere Repräsentation im öffentlichen Raum zu geben, werden folgende zehn Brücken im Gemeindegebiet der Stadt Kufstein gemäß untenstehender Auflistung umbenannt. Eine an der jeweiligen Brücke angebrachte Tafel soll in weiterer Folge an die entsprechende Person erinnern.

  1. „Klemmerbrücke“ –> Sieghilde Pirlo-Hödl Brücke
    – in Erinnerung an die bekannte Bildende Künstlerin (1905-1978)
  2. „Wagingerbrücke“ –> Therese Zöttl Brücke
    – in Erinnerung an die Verlegersgattin und Kufsteiner Foto-Ikone (1865-1923)
  3. „Fußgängerbrücke Innpromenade“ –> Friederikenbrücke
    – in Erinnerung an die Legende von der Asche Friederikens (gest. 1839)
  4. „Brücke über die Wildbichlerstraße“ –> Theroigne de Mericourt-Brücke
    – in Erinnerung an die auf der Festung Kufstein gefangen gehaltene „Amazone
    der Französischen Revolution (1762-1817)
  5. „Stadtbrücke über den Inn“ –> Margaretenbrücke
    – in Erinnerung an Margarete von Tirol (1318-1369), aufgrund deren Vermählung die Stadt Kufstein im Jahre 1342 erstmals ein Teil von Tirol wurde
  6. „Kienbachbrücke“ –> Kreszenz Huber-Brücke
    – in Erinnerung an die bekannte Kaisertalbotin und Kräutersammlerin (1822-
    1902)
  7. „Stadtzufahrtsbrücke“ –> Blanka Teleki-Brücke
    – in Erinnerung an die ungarische Frauenrechtlerin, die jahrelang auf der Festung Kufstein gefangen war (1806-1862)
  8. „Innsteg“ –> Berta Geist-Brücke
    – in Erinnerung an die Geschäftsfrau Berta Geist (gest. 1941) als letzte Repräsentantin des jüdischen Lebens in Kufstein vor dem 2. Weltkrieg
  9. „Brücke über die Weißache“ –> Marie Eder-Brücke
    – in Erinnerung an die aus Kufstein stammende Opernsängerin (1824-1908)
  10. „Fußgänger- und Radwegbrücke Kufstein West“ –> Franziska Kinz Brücke
    – in Erinnerung an die einst weltbekannte Schauspielerin und Tierschützerin
    aus Kufstein (1897-1980)
  11. „Geh- und Radwegbrücke Kaiserbach (Nebenbrücke Nr. 25)“ –> Dora Winkler-Hermann-Brücke – in Erinnerung an die evangelische Theologin, die viele Jahre in Kufstein tätig war (1910-1983).

Über die Schauspielerin Franziska Kinz

Im Juli 2024 wurde nach der in Kufstein geborenen Schauspielerin Franziska Kinz mit einstimmigen Gemeinderatsbeschluss eine Brücke benannt. Manche Kritiker:innen dieser Maßnahme wiesen in Folge darauf hin, dass Kinz zur Zeit der NS-Diktatur in Propaganda-Filmen mitwirkte. Dies ist zweifelsohne der Fall. Ihre Bühnen- und Filmkarriere reichte von den 1920er bis in die 1960er Jahre und beinhaltet daher auch die Jahre des Nazi-Regimes.
Natürlich wäre es falsch, eine Brücke nach jemandem zu benennen, der eine ideologische Nähe zu einem totalitären Regime aufweist oder von einem solchen gar profitiert hat. Wir haben in der Erstellung der Auswahl jener elf Frauen, nach denen in Kufstein im Juli 2024 Brücken benannt wurden, sehr auf diesen Umstand geachtet. So wurde zum Beispiel keine Brücke nach der in den 1930er und 1940er Jahren weltbekannten Kufsteiner Opernsängerin Helene Hirn benannt, weil in ihrem Fall eine solche ideologische Nähe nicht ausgeschlossenen werden kann. Bei Franziska Kinz ist der Sachverhalt jedoch anders, wie wir im Folgenden darlegen möchten.

Man könnte nun natürlich argumentieren, dass das Schauspiel eben ihr Beruf war, so wie andere Brot buken oder Ziegeln brannten. Sie machte Theater und sie machte Filme – vor, während und nach dem Regime. Auch hat Kinz jene problematischen Filme weder produziert noch deren Drehbücher geschrieben. Es ist gibt, soweit bekannt, keine einzige überlieferte Aussage von Franziska Kinz, in welcher sie sich – abseits ihrer Filmrollen – für die Ideale des NS-Regimes ausgesprochen hätte. Dennoch: dieser Umstand allein würde in unseren Augen noch nicht reichen, um sie hinreichend zu entlasten. Doch es gibt noch weitere Gründe, die vermuten lassen, das Kinz insgeheim keine Freundin des NS-Regmies war. Aussagekräftig ist vor allem ihre Beziehung zu Carlo Mierendorff.

Carlo Mierendorff (1897-1943) war einst einer der führenden sozialdemokratischen Politiker Deutschlands und ein erbitterter Gegner des Nationalsozialismus. Schon früh prangerte er in flammenden Reden den geistlosen Antisemitismus und die ideologische Verbohrtheit der Nazis an. In Dresden verliebte er sich in die damals dort am Theater tätige Franziska Kinz. Eine innige Beziehung nahm ihren Lauf. Wie man aus der Biographie von Richard Albrecht (https://www.amazon.de/militante-Sozialdemokrat-Mierendorff-1897-1943-Biographie/dp/3801211282) lernt, planten die beiden ein gemeinsames Leben. Die Machtergreifung Hitlers verhinderte dies. 1933 schon wurde Carlo Mierendorff von den Nazis verhaftet. Die nächsten fünf Jahre über verbrachte er in mehreren Konzentrationslagern (erst Lichtenburg, dann Buchenwald). Der Kontakt zu Franziska Kinz riss nie ab. Sie durfte ihn mehrmals im KZ besuchen. Sie gab ihm Hoffnung. Er schreib ihr Briefe, widmete ihr sogar ein in Gefangenschaft verfasstes Theaterstück.

Und nun kommen wir zu dem entscheidenden Punkt in dieser spannenden Geschichte: Bis heute ist es rätselhaft, warum Carlo Mierendorff im Jahr 1938 plötzlich freigelassen wurde. Während andere Regimegegner bis Kriegsende im KZ blieben oder dort starben, kam Mierendorff frei. Laut dem Biographen Richard Albrecht gibt es einige Indizien dafür, dass Franziska Kinz nicht unbeteiligt an seiner Freilassung war. Sie könnte ihren Einfluss und ihre Bekanntheit genutzt haben, um den einstigen Geliebten freizupressen. „dank Intervention von Franziska Kinz nunmehr Ehrenhaft und soll bald freikommen“ heißt es in einem Brief vom 17.8.1938 (siehe S. 176 in der Biographie von Richard Albrecht). Jedenfalls kam Mierendorff frei und blieb einige Jahre unter intensiver Beobachtung der Gestapo. Anfang der 1940er Jahre gelang es ihm aber, seinen Widerstand gegen den Nationalsozialismus wieder aufzunehmen und im Untergrund am Fall des Regimes zu arbeiten. Leider starb er bei einem Bombenangriff der Alliierten auf Leipzig im Jahre 1943.

Zusammenfassend ist festzustellen:

  • Es ist nicht bekannt, dass sich Kinz abseits ihrer Filmrollen je wohlwollend gegenüber dem Regime geäußert hätte
  • Sie war mehrere Jahre lang die Geliebte von Carlo Mierendorff, eines erbitterten Gegners des Regimes.
  • Es ist anzunehmen, dass sie an dessen Freilassung nicht unbeteiligt war und somit seinen späteren Widerstand gegen das Regime ermöglichte.
  • Ihr wurde ein im KZ verfasstes Theaterstück gewidmet.

In unseren Augen sind dies ausreichende Gründe, um sie in dieser Hinsicht hinreichend zu entlasten. Auch ihr späteres karitatives Wirken – vor allem im Tierschutz – soll natürlich erwähnt werden. Des Weiteren gilt zu bemerken, dass in der Entscheidung, eine andere Brücke nach Berta Geist zu benennen – der letzten vor dem zweiten Weltkrieg noch in Kufstein lebenden Frau jüdischen Glaubens – ein klares Zeichen gegen Diktatur und Antisemitismus gesetzt wurde.

Ein paar Gedanken zu „Künstlicher Intelligenz“

Ich habe bisher noch kein einziges Mal ChatGPT verwendet. Auch KI-basierten Bildgeneratoren und anderen Tools, die auf Basis von BigData scheinbar Neues schaffen, bin ich bisher fern geblieben. Das heißt aber nicht, dass ich mich nicht eingehend mit KI beschäftigt habe. Neben zahlreichen fundierten Artikeln zum Thema habe ich neulich gerade das aktuelle Buch „Alles überall auf einmal“ von Miriam Meckel und Léa Steinacker gelesen, das nicht nur einen historischen Überblick über die Geschichte der KI als auch einen umfassende Diskussion von Möglichkeiten und Risiken beinhaltet.

Mein persönliches Fazit  aus alledem ist, dass ich bei meinem Boykott von KI-Tools bleiben werde. Der Hauptgrund dafür sind die ökologischen Verflechtungen. Es ist geradezu frappierend, wie exorbitant der Verbrauch von Wasser zum Kühlen der von KI in Anspruch genommener Rechner, der Stromverbrauch und der damit einhergehende CO2-Ausstoß ist. Aus oben angeführtem Buch kann man lernen, dass ChatGPT für jede Konversation mit 20 bis 50 Fragen einen halben Liter Wasser benötigt. Multipliziert man dies mit den derzeit schon mehreren Millionen „Gesprächen“ pro Tag, so ist dieser Verbrauch jetzt schon unverhältnismäßig hoch und steigt mit zunehmender Nutzung rasant an. Bald könnten Menschen verdursten, weil sich anderswo andere Menschen zu bequem sind, ihre Texte selbst zu schreiben. Es ist bizarr. Des Weiteren wird für jedes KI-generierte Bild die Strommenge gebraucht, die wir für das vollständige Laden eines Smartphones benötigen. Strom ist Mangelware. Es gibt ausreichend sinnvollere Weisen ihn einzusetzen. Was den ökologischen Fußabdruck betrifft, so verursacht das Training eines einzigen Transformer-Modells (und da gibt es neben ChatGPT ja viele weitere) knapp 300 Tonnen an CO2 Emissionen, dem äquivalenten Ausstoß von 57 durchschnittlichen Menschen während ihres gesamten Lebens von Geburt bis Tod.

Kurzum: Eine massenhafte Anwendung von KI im Alltag der Menschen können wir uns rein ökologisch nicht leisten. Jeder, der sich diesem Trend verweigert, steht auf der richtigen Seite der Geschichte.

Dies heißt nun nicht, dass ich KI im Allgemeinen ablehnend gegenüberstehe. Ganz im Gegenteil: Sie kann der Menschheit ungemein wertvolle Dienste leisten und richtig angewandt mehr Wohlstand, Sicherheit, Nachhaltigkeit, etc. liefern. KI kann den Weg zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen verkürzen, kann z.B. in Sachen Infrastruktur zu dringend nötigen Effizienzsprüngen führen. KI kann auch einen wesentlichen Beitrag zu Klimaschutz und Klimawandelanpassungsstrategien leisten. Aber all dies leistet sie nicht dadurch, dass Hinz und Kunz damit Bilder generieren, sondern indem sie von qualifizierten Institutionen zielgerichtet genutzt wird. Für die Verwendung von KI sollte man ein ähnliches System einführen wie etwa für die Nutzung der großen Teleskope der ESO in Südamerika. Institutionen, Behörden, NGOs, Vereine oder auch Privatperson schreiben Nutzungsanträge mit konkret ausformulierten Zielsetzungen zum Wohle der Allgemeinheit und bekommen nach fundierter Prüfung begrenzte Nutzungskontingente zur Verfügung gestellt. Ein solches System wäre viel nachhaltiger, zielführender und schlichtweg besser als eine flächendeckende KI-Nutzung durch jedermann, die letztlich zu Unmengen an nutzlosem Datenmüll, zu Deepfakes und schlichtweg zu faden Texten und schlechten Bildern führt.

Ist es nicht traurig, dass in Anbetracht so vieler sinnvoller Anwendungsgebiete von KI, diese von der Allgemeinheit zur Zeit vor allem für Tätigkeiten verwendet wird, die wir einst als sinnstiftend und urmenschlich definierten und deren Verlernen eine große Lücke zurücklassen würde? „Je mehr uns KI das Schreiben abnimmt, desto mehr verlernen wir, es selbst zu tun. Je mehr KI für uns die Welt beschreibt, desto weniger werden wir in der Lage sein, ihre Komplexität (durch Sprache) zu erfassen. Die Welt wird zu einer verschwommenen JPEG.“ um nochmals das gelungene Buch von Meckel und Steinacker zu zitieren. Der ausufernde private Gebrauch von KI, der sinnlose Videos mäßiger Qualität und vieles mehr, das wir nicht brauchen, hervorbringt, beschneidet uns auch in der Anwendung menschlich wertvoller, sinnstiftender Tätigkeiten. Er lenkt uns auch ab in der Erfüllung jener Aufgaben, die angesichts der Multikrise der Gegenwart im Vordergrund stehen sollten. Und leise erklingt schon der Vorwurf der nächsten Generation: Ihr hättet die Erde gerade noch retten können, aber ihr habt lieber KI-generierte Bilder und Videos angestarrt. Wünschenswert wäre jedenfalls ein Trendwende, die dazu führt, dass das übermäßige Herumgespiele mit KI nicht mehr en vogue, sondern ähnlich verächtlich betrachtet wird wie Flugreisen und übermäßiger Fleischkonsum. Mal sehen, wie die Geschichte weitergeht.

Man erinnere sich an …

Ein bedeutender Kufsteiner des 20. Jahrhunderts, der mir stets sehr imponiert hat, aber der Allgemeinheit bis heute erschreckend unbekannt bleibt, ist Georg Gruber. Die beiden Briefe, die er im Juni 1944 aus der Haftanstalt in Stadelheim an seine Eltern in Kufstein schrieb, zeugen nicht nur von einer beeindruckenden Weitsicht, sondern auch von einem feinen Gefühl für Sprache, wie man es nur selten findet. Dass jemand, der aus einfachsten Verhältnissen stammt und nie die Chance auf höhere Bildung erhielt, Sätze zu Papier bringt wie „Bei den Massenhinrichtungen, die schon seit langem hier vorgenommen werden, bin ich nur ein Stäubchen in dieser ungeheuren Armee der Schatten.“ ist bewundernswert. Auch ein anonym gebliebener Beobachter von Grubers Verhandlung vor dem Volksgerichtshof in München, war von ihm sichtlich begeistert und schrieb folgende Zeilen: „Hart war seine Jugend, Krankheit und Arbeitslosigkeit begleiteten ihn manches Jahr. Unverschuldet stand er auf der Schattenseite des Lebens, aber immer war er ein edler Kämpfer für Menschenwürde und Menschenrecht. Sonniger wurden seine Lebenstage, glänzend bestand er die Prüfung als Fahrdienstleiter – dann haben sie ihn geholt, die Henkersknechte des A. H..“ (Quelle: www.erinnern.at)


Auch sonst zeugen Grubers berührenden Briefe – leider die einzigen von ihm erhaltenen Schriften – von scharfem Geist und beeindruckendem Mut. „Ihr könnt mir glauben, der Tod schreckt uns nicht, ich sterbe nicht schwer. Tausende sterben heute, die nicht wissen, warum – wir sterben wenigstens für unsere Überzeugung. […] [W]ichtig ist, daß ich meinen vollen Beitrag geleistet habe zur Beseitigung des Mordes und Terrors, zur Befreiung unseres Landes.“ Am selben Tag, da Georg Gruber diese Zeilen schrieb wurde er im Alter von nur 29 Jahren hingerichtet.

Viel zu spät aber doch erinnert in Kufstein von nun an ein Denkmal an Georg Gruber und an fünf weitere Opfer des Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Dank Augmented Reality-Technologie kann man alle sechs Persönlichkeiten auch auf Bildschirmen zurück ins Leben rufen und sich ihre Geschichte anhören. Man sollte sich immer wieder an diese sechs Menschen erinnern. Man sollte ihre Namen kennen: Walter Caldonazzi, Adele Stürzl, Ernst Ortner, Georg Gruber, Franz Wurzenrainer und Thomas Salvenmoser.

Erwin Piscator: „Das Politische Theater“

Aus Mangel an Phantasie erleben die meisten Menschen nicht einmal ihr eigenes Leben, geschweige denn ihre Welt. Sonst müsste die Lektüre eines einzigen Zeitungsblattes genügen, um die Menschheit in Aufruhr zu bringen. Es sind also stärkere Mittel nötig. Eins davon ist das Theater.“

Die letzten Wochen über las ich mit wachsender Faszination die englische Übersetzung von Theatermacher Erwin Piscators Werk „Das Politische Theater“, in welchem er von seinem Werdegang, seinen Überzeugungen und seinen Inszenierungen in Königsberg und Berlin in den späten 1920er und frühen 1930er Jahren schreibt. Es ist beeindruckend, welche bahnbrechenden Neuerungen dieser Mann auf die Bühnen der Welt brachte: Projektionen von Bildern und Filmen, Laufbänder in Kombination mit Drehbühnen, mehrstöckige Bühnenbilder und so vieles mehr wurde zum ersten Mal in Piscators Stücken ausprobiert und erforscht. Wie gerne möchte man bei dieser Lektüre durch die Zeit reisen können und dabei sein, wie in der verrauchten Piscator-Bühne am Berliner Nollendorfplatz im Jahre 1928 „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ zum ersten Mal auf einer Bühne gezeigt wurde. Auch das Stück über Rasputin oder das monumentale „Hoppla, wir leben!“ müssen erstaunliche Erlebnisse für das Publikum gewesen. In den überlieferten Zeitungsberichten ist die Begeisterung spürbar – aber auch die Empörung, den Piscators Inszenierung waren zutiefst politisch und ganz klar „gegen rechts“. Wegweisend war auch sein Stück „§218 – Frauen in Not“ mit dem er 1930 auf Tournee in ganz Deutschland ging und für das Recht auf Abtreibung plädierte und ganz nebenbei schon Publikumsbeteiligung und andere Methoden des Forumtheaters vorwegnimmt. Dieses Stück war vor allem den Nationalsozialist:innen ein Dorn im Auge und wurde schon bald an vielen Orten verbieten. Es ist auch heute noch aktuell. Wie auch Brecht, mit dem er immer wieder zusammenarbeitete, musste Piscator 1933 die Flucht ergreifen und konnte erst nach dem Krieg nach Deutschland zurückkehren. Manche Anekdote über die Zusammenarbeit der beiden, etwa die Geschichte über Brechts erstes Autor, an die sich Piscator erinnert, sind herrlich amüsant.

Im amerikanischen Exil betrieb Piscator in New York eine Theaterschule, die unter anderem auch Tony Curtis, Marlon Brando oder Tennessee Williams beeinflusste. Zurück in Deutschland sorgte er 1963 noch einmal für Schlagzeilen, als er Hochhuths Stück „Der Stellvertreter“ uraufführte, in welchem die Rolle des Papstes während des Holocausts kritisch betrachtet wird. Piscator war einer der ersten Künstler, der sich für eine ehrliche Aufarbeitung der Vergangenheit einsetzte.

Jedenfalls tut es gut, die Schriften dieses großen Theatervisionärs zu lesen, seinen Erfolg und sein Scheitern mitzuerleben und sich zu freuen, dass man dieselbe Passion fürs Theater teilt.

„Each play is an experiment intended to show where the beginnings of a new drama are to be found.“

Allgemein

Jedermann 2024

Es ist wieder Zeit …

Einmal mehr lädt Frau Jedermann zum Fest.

Schon bald wird am Festungsneuhof jenseits der Kirche wieder getanzt, gefeiert und gegrölt.

Schon bald wird über der Festung Kufstein wieder der unheimliche Ruf des Todes erschallen.

Und der existenzielle Kampf einer entschlossenen Frau ums bloße Überleben nimmt erneut seinen Lauf.

Das Stadttheater Kufstein spielt … Jedermann!

Nach den zwei erfolgreichen Jedermann-Saisonen der Sommer 2018 und 2022 kommen wir dem Wunsch unseres Publikums nach und zeigen nochmals unsere Kufsteiner Fassung des unsterblichen Bühnenklassikers „Jedermann“. Wir bleiben bei unserem geglückten Rezept und spielen dieses Stück in eben jenem neuartigen Kleide, wie wir es schon damals taten. Man bleibt dem schönen Klang der Hofmannsthal’schen Kunstsprache treu, traut sich jedoch, Sinn und Geschlecht ins Gegenteil zu verkehren und schreckt dabei nicht vor modernen Elementen zurück. Dabei entsteht etwas völlig Neues und ungemein Reizvolles … Auf jeden Fall ist unser „Jedermann“ ganz anders als anderswo – und auch ein bisschen anders als in den bisherigen Saisonen: mit neuen Liedern, neuen Partygästen (u.a. der Kufsteienr LGBTIQ+ Ikone Betty Pearl), neuen Choreographien und anderen Überraschungen.

In der Hauptrolle der Frau Jedermann kann man dieses Mal, je nachdem an welchem Abend man das Stück sieht, zwei sehr unterschiedliche Darstellerinnen erleben. Karolina Astl, die schon 2018 in der Rolle brillierte aber 2022 aus glücklichem Grunde pausierte, wird die eine Hälfte der Termine spielen. Bei allen anderen Terminen steht wieder Barbara Dorfer in der Rolle der Frau Jedermann auf der Bühne, die sie schon 2022 mit Bravour spielte.

Die Zuschauerinnen und Zuschauer erwartet ein spektakuläres Freilichttheater im historischen Ambiente des Festungsneuhofs. Eine hölzerne Tribüne mit Überdachung stellt sicher, dass das Publikum auch bei Regen trocken bleibt. Seien Sie dabei!

Termine:

Fr 14.6. (PREMIERE) / So 16.6.* / Do 20.6.* / So 23.6.* / Do 27.6. / So 30.6. / Mo 1.7.* / Do 4.7.* / So 7.7. / Do 11.7.
mit Karolina Astl / *mit Barbara Dorfer
Reservierung

Die Broschüre:

Ensemble:

Frau Jedermann – Karolina Astl / Barbara Dorfer
Buhl – Albin Winkler
Tod – Martin Heis
Gesellin – Elisabeth König
Jedermanns Vater – Christopher Lang
Teufel – Maria Elisabeth Reitberger
Göttin – Nicole Schreyer
Mammon/Schuldknecht – Markus Mader
Werke – Isabella Winkler
Cousinen – Magdalena Laiminger, Anna-Sophia Bucher
Arme Nachbarin – Christl Lutz
Köchin – Kerstin Rieser
Vögtin – Silvia Auer
Knechte – Horst Karrer, Walter Kanz, Diethard Sommer
Schuldknechts Weib – Sina Kapfhammer
Schuldknechts Kinder – Valerie Pfister und Sophie Oros
Sängerin und Festgast – Betty Pearl
In weiteren Rollen: Simone Holzner, Franz Margreiter, Silvia Auer, Karin Labek, Christina Daum, Ali Risan, Emma Demin

 

 


Robinson: „Das Ministerium für die Zukunft“

Kim Stanley Robinsons Roman „Das Ministerium für die Zukunft“ ist mit Abstand das beste belletristische Werk über den Klimawandel, das ich bisher gelesen habe. Schon lange rätseln Autor:innen aus aller Welt, wie die fiktionale Literatur mit dieser bisher schwersten Herausforderung der Menschheit umgehen soll. Dieser Roman liefert eine Antwort. Schonungslos, packend, schockierend, erschütternd und doch auch nie die Hoffnung verlierend führt er uns durch das mögliche Weltgeschehen der nächsten vierzig Jahre. Man lernt viel in diesem Buch und staunt dabei auch über die fundierte Kenntnis des Autor über alle relevanten wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Zusammenhänge. Ich wüssten nicht, welches belletristische Werk derzeit relevanter wäre als dieses. Bei all dem ist es auch stilistisch schön geschrieben. Besonders die vielen versteckten Shakespeare-Zitate machen Freude.

Ein wunderbar gelungenes Buch. Dieses Gesamtbild können auch die kleinen Fehler, wie die „fürs bloße Auge sichtbare Galaxie im Sternbild Cassiopeia“ (Eine solche gibt es nicht.) oder der Verweis auf die Ballonfahrt in Jules Vernes „In achtzig Tagen um die Welt“ (Diese kommt nur in der Verfilmung vor.) nicht trüben. Nicht wenige der über 700 Seiten haben mich zu Tränen gerührt.

Machen wir weiter! Aber nicht wie bisher.

Gemeinderatsantrag zur Namensgebung der Kufsteiner Brücken

Im Gemeinderat am 7.2. 2024 durfte ich im Namen der Parteifreien und der Kufsteiner Grünen folgenden von mir verfassten Antrag stellen:

 „Historisch bedeutsame Frauennamen im Kufsteiner Stadtbild“

Der Gemeinderat möge beschließen:

Um historisch bedeutsamen Frauen in der Geschichte Kufsteins eine stärkere Repräsentation im öffentlichen Raum zu geben, werden folgende zehn Brücken im Gemeindegebiet der Stadt Kufstein gemäß untenstehender Auflistung umbenannt. Eine an der jeweiligen Brücke angebrachte Tafel soll in weiterer Folge an die entsprechende Person erinnern.

  • „Klemmerbrücke“ –> „Sieghilde Pirlo-Hödl Brücke“ – in Erinnerung an die bekannte Bildende Künstlerin (1905-1978)
  • „Wagingerbrücke“ –> „Therese Zöttl Brücke“ – in Erinnerung an die Verlegersgattin und Kufsteiner Foto-Ikone (1865-1923)
  • „Fußgängerbrücke Innpromenade“ –> „ Friederikenbrücke“ – in Erinnerung an die Legende von der Asche Friederikens (gest. 1839)
  • „Brücke über die Wildbichlerstraße“ –> „Theroigne de Mericourt-Brücke“ – in Erinnerung an die auf der Festung Kufstein gefangen gehaltene „Amazone der Französischen Revolution (1762-1817)
  • „Stadtbrücke über den Inn“ –> „Margaretenbrücke“ – in Erinnerung an Margarete von Tirol (1318-1369), aufgrund deren Vermählung die Stadt Kufstein im Jahre 1342 erstmals ein Teil von Tirol wurde
  • „Kienbachbrücke“ –> „Kreszenz Huber-Brücke“ – in Erinnerung an die bekannte Kaisertalbotin und Kräutersammlerin (1822-1902)
  • „Stadtzufahrtsbrücke“ –> „Blanka Teleki-Brücke“ – in Erinnerung an die ungarische Frauenrechtlerin, die jahrelang auf der Festung Kufstein gefangen war (1806-1862)
  • „Innsteg“ –> „Berta Geist-Brücke“ – in Erinnerung an die Geschäftsfrau Berta Geist (gest. 1941) als letzte Repräsentantin des jüdischen Lebens in Kufstein vor dem 2. Weltkrieg
  • „Brücke über die Weißache“ –> „Marie Eder-Brücke“ – in Erinnerung an die aus Kufstein stammende Opernsängerin (1824-1908)
  • „Fußgänger- und Radwegbrücke Kufstein West“ –> „Franziska Kinz Brücke“ – in Erinnerung an die einst weltbekannte Schauspielerin und Tierschützerin aus Kufstein (1897-1980)

Begründung:

Derzeit gibt es in der Stadt Kufstein laut Grundbuch rund achtzig Straßen und Plätze, die nach Männern benannt sind. Dem gegenüber stehen lediglich drei Straßen, deren Namensgeberinnen weiblich sind. Es sind dies die Luise Fankhauser-Straße, die Aloisia Bodner Straße und der Adele Stürzl-Weg.

Um dieser historischen Ungerechtigkeit, die den Zeitgeist früherer Jahrzehnte und Jahrhunderte in die Gegenwart trägt, entgegenzuwirken, sollte jede Maßnahme willkommen sein, die mehr weibliche Präsenz ins Stadtbild bringt. In der Historie Kufsteins gibt es noch viele herausragende Frauen, die sich eine Erwähnung verdient hätten.

Da es nun aber nicht praktikabel ist, bestehende Straßenbezeichnungen zu ändern und es weiters auch nicht ausreicht, abzuwarten, bis neue Straßen und Wege entstehen, steht man hierbei scheinbar vor einer unlösbaren Aufgabe. Wie mehr Frauennamen ins Stadtbild bringen, wenn bestehende Bezeichnungen erhalten bleiben müssen und kaum neue Straße entstehen?

Zu diesem Problem gibt es eine hervorragende Lösung, die neulich von einem Mitarbeiter der Stadt Kufstein vorgeschlagen wurde. Die Antwort lautet: unsere Brücken.

Die Stadtgemeinde Kufstein verfügt über 10 Hauptbrücken und 35 Nebenbrücken – insgesamt 45 Brücken also. Diese führen über Bäche, über Straßen, ein paar natürlich auch über den Inn. Und alle haben sie hinreichend nichtssagende Namen wie „Fußgängerbrücke Innpromenade“, „Stadtzufahrtsbrücke“, „Innsteg“, „Fußgänger- und Radwegbrücke Kufstein West“ oder auch „Stadtbrücke über den Inn“.

Was spricht also dagegen, einigen dieser Brücke schillernde, klingende Namen zu geben, die an bedeutende Frauen in unser Vergangenheit erinnern? Begleitend zu dieser Umbenennung  von Brücken, wäre es als Zusatzprojekt zielführend, ebendort jeweils eine Bildtafel anzubringen, die in Bildern und Worten an die jeweiligen Frauen erinnert.

Keine Änderung kann es natürlich an den Namen jener Brücken geben, die unter Verwaltung des Bundes oder Landes stehen (z.B. Wendlinger Brücke, Wildbichler Brücke).

Schlaf gut, liebe Burg!

Heute, bei traumhaften Wetter, erleben wir den allerletzten Tag des dritten Jahres unser Kufsteiner Lichtfestivals. Und an seinem Ende will ich sagen: Schlaf gut, liebe Burg! Es war mir eine große Freude und eine Ehre, dir drei Winter lang eine Stimme schenken zu dürfen, dich aufzuwecken, dir eine Persönlichkeit zu verleihen und dich zu vielen Menschen aus nah und fern sprechen zu lassen. Manch schöne Geschichte haben wir gemeinsam erzählt und manch eine Träne fließen lassen, bei Regen, Wind, Schneefall und Mondenschein. Wie bereits angekündigt, ziehe ich mich nun aus dem Projekt Lichtfestival zurück und will mich künstlerisch wieder anderen Dingen zuwenden. Ich bin aber schon gespannt, auf welche Weise unsere Burg das nächste Mal mit Licht zum Leben erweckt wird – und was sie uns wohl erzählen wird. Meine Worte werden es nicht mehr sein. Was bleibt, sind viele schöne Erinnerungen. Vielen Dank an alle, die dieses Projekt, dessen Bilder um die Welt gingen, möglich gemacht haben.