64 Pondicherry

Der Tag begann mit einem weiteren Sonnenaufgang über dem Meer, den ich von meinem Balkon genießen konnte. Der Besitzer des „Freshly ’n‘ hot“ hat es  begriffen, dass er ein sehr gutes Geschäf macht, wenn er Frühstück schon ab sieben und nicht erst wie hier  üblich ab neun anbietet. Als ich  dort auf netter Terrasse inmitten anderer Reisender speiste, vernahm ich, dass man am Nebentisch zur Kommunikation eine dem Innschbruckerisch nahestehende Sprache nutzte. Ich outete mich jedoch nicht.

Per Bus gelangte ich binnen zwei Stunden problemlos nach Pondicherry, wichtigste Stadt des einstmals französischen Teiles von Indien. Bis 1957 war man hier Teil der Grande Nation. Viel geblieben ist nicht. Frankreichs Spuren sind stark verwischt und verwittert.

Ein paar kleine Ärgernisse erwarteten mich gleich bei meiner Ankunft. So haderte ich mit halsabschneiderischen Tuktuk Fahrern und dem in einigen Hotels vorherrschenden Verbot, sein Gepäck dort nach Checkout noch ein paar Stunden zu lagern. Unverständlich. Schließlich fand ich aber im Kailash Guesthouse alles, was der Backpacker braucht, sogar Gratis WLAN. Das erste Buch, das ich in der beschaulich eingerichtet Lobby auf einem der Tische liegen sah, war „Silentium“ von Wolf Haas. Österreich verfolgte mich heute. Dieser Brenner, wo sich der überall herumtreibt. Sogar in Pondicherry treibt er schon sein Unwesen.

Zum Mittagessen wurde mir im Restaurant Suguru das bisher beste und bunteste Thali dieser Reise serviert. Neun kleine Schalen voller Köstlichkeiten. Dazu reichlich Reis und Roti.

Es war ein ruhiger Nachmittag. Die meisten der wenigen Sehenswürdigkeiten Pondicherrys waren schnell besucht. Im Musée sah ich weitere Römerkeramik. Schautafeln geben an, dass es anscheinend tatsächlich Hinweise gibt, dass römische Schiffe nahe Pondicherry anlegten und Olivenöl und Wein ins frühe Indien brachten. Das römische Reich überrascht mich immer wieder. Im Obergeschoss des Museums werden schöne Möbel aus der Kolonialzeit, manche davon Eigentum des französischen Gouverneurs Dupleix, gezeigt. Auch die Karosserien mehrerer Kutschen stehen hier.

Nahe dem Museum findet man als Kontrastprogramm einen Ganesh geweihten Hindutempel mit vielen hingebungsvollen Gläubigen. Ein Stück weiter südlich gegenüber dem kanonenflankierten Eingang der neoklassischen Gouverneursresidenz, erstreckt sich die symphatische Parkanlage Barathi. Schattige Bänke und grüne Bäume laden zum Verweilen ein.
Östlich des Parks steht ein alter Leuchtturm. Gleich dahintererreichte ich beim großen, beachtlichen Gandhi Denkmal mit seinen vielen Säulen und der Statue des Vaters der Nation die Küste. Pondicherry hat keinen Strand, sondern eine breite Uferpromenade, die morgens und abends zur Fußgängerzone wird. Schwarze Felsblöcke, auf denen es sich bequem sitzen lässt, begrenzen die Promenade zum Meer hin. Das Baden ist wegen gefährlicher Brandung verboten. Immer wieder sterben hier Leute, die von den Wellen gegen die Felsen geschleudert werden. An sich wäre die Uferpromenade von Pondicherry ein recht pittoresker Ort, wäre da nicht der viele Müll, der überall zwischen den Felsen herumliegt. Ständig kann man beobachten wie Inder hier Papier, Essensreste und Plastikflaschen in vollster Selbstverständlichkeit zwischen die Steine werfen. Traurig.
Nahe dem Gandhi Denkmal und einem kaum minder imposanten französischen Weltkriegsdenkmal (Nummer 1) findet man direkt am Ufer einen weiteren Hinweis auf das verschwundene Frankreich. Im „Le Café“ gibt es hervorragenden Kaffee, Croissants, Frühstück, Eisbecher und mehr. Die Brandung lässt einen hin und wieder die Nähe des Meeres spüren, während man dort einen Hauch von Europa genießt.

Als ich später vorbei an Kunstatteliers und einem kleinen Theater durch die beschaulichen, verkehrsarmen Straßen der Rue Dumas, Rue Romain Rolland und Rue St. Laurent schlenderte, wurde ich plötzlich  und ganz spontan als Statist für den Dreh eines Films (oder Werbespots ?) engagiert. Auf der Straße spielten Kinder und ein Mann Fußball, während im Hintergrund ein paar Fahrradrikshas mit Touristen passierten. Mein gemütlicher Statistenjob bestand darin, in der Riksha zu sitzen und den Jungs beim Ballspiel zuzusehen. Da der Ball ständig in falsche Richtungen rollte, brauchten wir für diese paar Sekunden Film sicher zwanzig Takes. Es dauerte eine Weile. Endlich zeigte sich das große Filmteam zufrieden.

Nach dem Dreh besuchte ich noch die Kirche Notre Dame des Anges, eines von drei großen
Gotteshäusern, die die Franzosen der Stadt hinterlassen haben. Auf einer freien Fläche gegenüber der Kirche sah ich ältere Inder beim Pétanque-Spiel, untrügliches Zeichen französischer Vergangenheit. Ältere Herren beim Pétanque – das sieht man außerhalb Frankreichs auch in Laos und im übrigen Indochina. In Indien gibt es das wohl nur in Pondicherry.
Ich verbrachte einen gemütlichen Abend im Hotel.

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63 Mamallapuram II

Von meinem Balkon aus sah ich der Sonne über dem Meer beim Aufgehen zu. Dann brach ich auf, um die Weltkulturerbestätten des Ortes zu erkunden. Allesamt stammen aus der Zeit des Königreichs von Pallava, das hier im heutigen 17,000 Einwohner Dorf seinen wichtigsten Hafen hatte. Die Bauten zeugen von der einstigen Macht dieses Reiches aus dem siebten Jahrhundert. Die beiden Türme des Küstentempels, dem ich zuerst besuchte, sind nur ein erster Vorgeschmack. Leuchtturmartig auf einer felsigen Halbinsel gelegen ist der Küstentempel dem Seewind schutzlos ausgeliefert. Die stark verwitterten Skulpturen von Nandi, Shiva und anderen zeigen sehr anschaulich, was Wind und Wetter binnen dreizehn Jahrhunderten anrichten können. Die Konturen sind nur mehr verschwommen erkennbar. Nur im Innern der Tempel sind Shiva und auch Vishnu noch scharf zu sehen.

Nach gutem Frühstück erkundete ich den Hügel von Mamallapuram, welcher mit bizarren Gesteinsformationen überrascht, in welche die Künstler von einst faszinierende Figuren und Höhlungen gemeißelt haben, allen voran „Arjunas Buße“, einem etwa sieben Meter hohen, fünfzehn Meter breiten Ensemble in Stein gehauener  Figuren (an die hundert an der Zahl). Neben Nagas, die aus einer Felsspalte schweben, Elefanten, einer Katze, die vor Mäusen ihre Taten büßt und anderen Figuren sieht man einen Mann, der auf einem Bein steht. Dieser wird als Arjuna, dem Helden der Mahabharata, identifiziert. Das Stehen auf einem Bein symbolisiert die mühseligen Entbehrungen, denen er sich unterwirft, um von Shiva die mächtige Pasupata Waffe zu erlangen. (Die nützt ihm allerdings recht wenig, da man damit nur Götter umbringen kann, Arjunas Feinde, die Kauravas, aber menschlich sind.) Shiva mit himmlischem Gefolge und Waffe ist ebenfalls in den Stein gemeißelt. Da ich das entsprechende Kapitel in der Mahabharata erst vor ein paar Tagen gelesen hatte (Was für ein Timing!), kam mir die Szene sehr bekannt vor. Man kann hier lange stehen und staunen (und wird dabei leider ständig von Leuten abgelenkt, die einem irgendwelchen Ramsch verkaufen möchten). Jedenfalls gilt „Arjunas Buße“ als eines der größten Kunstwerke des antiken Indiens.

In den hohen Felsen und kleinen Schluchten, die sich dahinter erstrecken, kletterte ich mehr als eine Stunde lang umher und fand weitere in Stein gehauene Tempel und Figuren. Eine Wand zeigt Pfaue und Elefanten, eine andere Brahma, Shiva und Vishnu, die Dreifaltigkeit an der Spitze der hinduistischen Götterwelt. Besonders imposant ist Krishnas Butterball, ein etwa fünf Meter hoher, fast kugelrunder, freistehender Felsen, der so aussieht, als würde er jederzeit den Hügel hinabrollen. Ein paar Bauten, sowie ein ein weiteres Figurenensemble ähnlich groß wie „Arjunas Buße“ wurden nie fertiggestellt und zeugen vielleicht vom plötzlichen Niedergang des Pallava-Königreichs. Als einziges modernes Gebäude inmitten von steinernen Zeugen der Vergangenenheit findet man Mamallapurams beschaulichen Leuchtturm.

Ein kleines Stück südlich der Stadt erreichte ich die fünf Rathas. Es sind dies fünf kleinere (bis zu zehn Meter hohe) steinerne Strukturen, die wie Tempel aussehen und unterschiedlichen Göttern gewidmet sind. Das Beeindruckende daran ist, dass alle fünf nicht „gebaut“, sondern jeweils aus einem einzelnen Felsen gehauen wurden. Über tausend Jahre lang lagen sie im Sand begraben. Erst vor zwei Jahrhunderten brachten die Briten sie wieder ans Licht. Seltsamer Gedanke. Was wohl noch so alles im Sand schlummert? Im Jahre 2004 mussten die fünf Rathas teilweise erneut ausgegraben werden, da der Tsunami (der auch hier Verheerung brachte) sie wieder zugedeckt hatte.
Benannt sind die fünf Rathas nach den fünf Pandava Brüdern und ihrer gemeinsamen Gattin Draupadi, die mir aus meiner Lektüre inzwischen sehr vertraut sind. Draupadis Ratha ist der Göttin Durga gewidmet. Ein riesiger, steinerner Löwe bewacht den Eingang. Arjunas Tempel gehört Shiva. Ein freundlicher Nandi Stier aus Stein sonnt sich hinter dem Tempel. (Ich orte hier starke Shiva-Voreingenommenheit der Namensgeber. Jeder, der die Mahabharata kennt, weiß doch, dass Vishnu Arjuna viel näher steht. Wenn man aber glaubt, dass Shiva der mächtigste Gott ist, muss man wohl auch seinen Tempel nach dem mächtigsten Pandava benennen.) Der unvollendete Tempel des starken, aber einfältigen Bhima ist Vishnu geweiht. (Passt gar nicht.) Yudhisthiras Tempel scheint keine klare Haupgottheit zu haben, zeigt aber an der Außenwand einen eigenartigen Shiva-Parvati Hybriden. Der schöne Tempel der Zwillinge Nakula und Sahadeva ist Indra gewidmet. (Das passt genau.) Der kunstvolle, lebensgroße  Steinelefant davor ist wirklich famos. Die Proportionen stimmen. Indra ist übrigens eine sehr interessante Gottheit. Alte Schriften wie das Ramayana bezeichnen ihn noch als König der Götter, während er später nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. Man geht davon aus, dass Indra einer viel älteren Götterwelt entstammt, die nach und nach vom Vishnu-Shiva-Brahma Kult verdrängt und doch teils auch in diesen integriert wurde. Über Indra sinnierend schritt ich den Strand entlang zurück zu meinem Hotel.

Mittag, Nachmittag und Abend galten reiner Erholung. Ich schwamm im Meer, sprang durch die Wellen, las Mahabharata, aß Fisch und Pizza und schlenderte durch das Fischerdorf. Erwähnt werden sollte noch, dass einige Restaurants sehr eigenartige Namen und Slogans haben. So heißt ein Lokal „Freshly ’n‘ hot“, was grammatikalisch überhaupt keinen Sinn macht. Ein anderes schreibt groß „Pizza is our new Yes!“. Aha. Your words are aenigmatical.

Interessant ist auch, dass die meisten Lokale hier zwar Bier haben, sich aber davor scheuen dies in der Karte oder sonst wo zu erwähnen. Dazu sind die nahen hinduistischen Stätten wohl doch zu heilig und die Worte der Mahabharata zu gegenwärtig: „Jene aber, die der Schlacht den Rücken kehren, jene, die verschlagen sind, jene, die den Göttern nicht geopfert, die nicht auf Alkohol und Fleisch verzichtet, die nicht in heiligen Flüssen gebadet haben, jene werden die himmlischen Gärten von Nandana niemals erreichen.“ Das mit dem Fleisch lass ich ja noch gelten und verschlagen bin ich auch nicht. Aber der Rest … Hypothetische Gärten können mir gestohlen bleiben. Die Gärten der Wirklichkeit sind schön genug. Zum Wohl. 

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62 Mamallapuram I

Der Tag begann etwas holprig. Zuerst musste ich im Hotel noch warten, bis man mir meine Wäsche, die eigentlich schon gestern hätte fertig sein sollen, brachte. Erst dann konnte ich fliehen. Da es mir per Stadtbus nicht gelang, ließ ich mich schließlich per Autoriksha zum T Nagar Busbahnhof bringen. Dieser ist ein logistischer Albtraum. Niemand vermochte mir zu sagen, wann und wo genau der nächste Bus nach Mamallapuram abfahren würde. Ich wusste nur, dass es die Nummer 599 war und diese etwa einmal stündlich fahren würde. So drehte ich am Busbahnhof meine Runden, sah alle möglichen Nummern (vor allem viele 591 und 597), nirgends aber 599. Endlich, nach über einer Stunde Warten, kam die 599. Ich verbrachte zwei Stunden mit meinem Rucksack am Schoß im hinteren Eck des Buses, während dieser nach Süden fuhr.

Und dann: Mamallapuram – was für eine Wohltat. Frischer, kühlender Seewind, ein günstiges Zimmer nur Meter entfernt von den brechenden Wellen mit Balkon und herrlichem Blick auf das Meer und die nahen Türme des Küstentempels aus dem siebten Jahrhundert. Dazu köstliche Meeresfrüchte, gratis WLAN, freundliche Menschen und alles, was der Backpacker braucht. Schon nach Minuten war mir klar, dass ich hier länger bleiben würde. Ich verschob die Besichtigung der UNESCO Welterbestätten auf morgen, stürzte mich in die Brandung, ließ mir das Haupthaar abrasieren und genoss Sonne, Wind, Meer, Strand, Ananassaft  und andere schöne Dinge. Die meiste Zeit saß ich auf meinem Balkon und beobachtete das Geschehen am Strand. Fischer fuhren aufs Meer hinaus. Eine Kuh und ihr Kalb schritten den Strand entlang. Nebelkrähen kämpften gegen den Wind.  Interessanterweise gibt es hier nirgendwo Möwen.  Nachts sah ich die Sterne und das ständige Rauschen des Meeres.

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61 Chennai II

Der Tag begann mit dem Besuch des Government Museums, dem bisher besten dieser Reise. Man findet viel darin. Zoologie, Astronomie, Anthropologie, Archäologie, klassische Kunst, zeitgenössische Kunst, etc. Auch architektonisch geben die Museumsgebäude einiges her. Man kann hier Stunden verbringen. Und das hab ich auch getan. Der Kugelsternhaufen mit der Beschriftung „Big Bang“ tat ein bisschen weh. Dafür waren die vielen Tierskelette famos, vor allem die Riesenpython oder die Gegenüberstellung eines menschlichen Skeletts und dem eines riesigen, sich aufbäumenden Pferdes. Beide sind so montiert, als wollte der Mensch das Tier eben bändigen und seinen Rücken erklimmen. Erstaunlich anzusehen. Interessant waren auch die vielen Relikte der frühen dravidischen Kultur.

Ein kurzer geschichtlicher Ausflug: Laut der gängigsten Theorie (nicht unumstritten) wurde die Geschichte Indiens stark von der arischen Invasion etwa 1500 vor Christus geprägt. Die Arier, ein indoeuropäisches Volk aus der Gegend von Afghanistan und Zentralasien (nicht blond und blauäugig) brachten Hinduismus und Kastensystem nach Indien und vermischten sich mit der früher vorherrschenden Bevölkerung. Allein der Süden Indiens (vor allem Tamil Nadu, Kerala, Karnataka und Andhra Pradesh) blieben von der arischen Invasion unberührt. Die hier gesprochenen Sprachen (das Tamil, das Malayalam, das Kannada und das Teluga)  sind auch nicht mit dem indoeuropäischen Hindi verwandt. Traditionell ist man hier im Süden auch immer schon gegen das Kastensystem gewesen, da dieses die arisch beinflusste, eher hellhäutigere Bevölkerung im Norden bevorzugt. Vor allem hier in Tamil Nadu ist man stolz auf die dravidische Herkunft und meint das ursprüngliche Indien zu repräsentieren. Immer wieder gab und gibt es Abspaltungsbewegungen. Vom Norden übernommen wurde der Hinduismus. Kaum irgendwo in Indien findet man so glühende Shivaverehrer wie hier in Tamil Nadu.

Im Museum sah ich nun viele Relikte dravidischer Kultur.  Ausgestellt sind aber auch römische Keramiken, die es auf Handelswegen hierher geschafft haben.

Ein besonderes Highlight war die dreistöckige Bronzegalerie, nicht nur wegen der schönen Skulpturen, sondern auch wegen der sehr übersichtlichen Erklärung und Gliederung. So galt ein Stockwerk dem Shivakult, eines dem Vishnukult. Schautafeln bringen Licht ins Gewirr der vielen Namen, die beide Götter je nach Körperhaltung, Stimmung und Begleitung haben können. Mir ging so manch ein Licht auf. Interessant ist, dass es in Indien nie namhafte Konflikte zwischen Shaiviten und Vaishnaviten gab. Immerhin glaubt eine jede Gruppe, dass ihr Gott der mächtigere ist.

Besonders in der Astronomieabteilung fiel mir einmal mehr die Verwendung der eigentümlichen numerischen Einheit des Lakh auf, welche nicht nur in Indien sondern auch in manch umliegenden Kulturen verbreitet ist. Die Million wird kaum verwendet, denn eine Million sind zehn Lakh. Die Erde ist nicht vier Milliarden Jahre sondern vierzigtausendtausend Lakh Jahre alt. Der Durchmesser der Milchstraße sind ein Lakh Lichtjahre.

Ich floh vor der Mittagshitze zurück ins Hotel und ließ mich Stunden später von einer Riksha zum Fort St. George bringen. Da hier auch mehrere Regierungsgebäude und eine Kaserne untergebracht sind, ist das alte Fort der Briten schwer bewacht. Besucher dürfen sich nur auf einem sehr kleinen Areal bewegen und Museum und Kirche besuchen. Beide sind nicht besonders aufregend. Die Gemäldegalerie mit ihren Darstellungen britischen Monarchen war jedoch beeindruckend genug, sodass der Besuch sich lohnte.

Vom Fort spazierte ich noch zum wahrscheinlich schönsten Gebäude der Stadt, dem 1892 vollendeten High Court mit seinem roten „indo-sarazenischen“, hochaufragenden Türmen und Gewölben. Wirklich beeindruckend schön – auch wenn man leider nicht hinein darf.

Per Stadtbus fuhr ich im Sonnenuntergang zurück zum Hotel.
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60 Chennai I

Mit nur einer Stunde Verspätung fuhr der Zug nach einundzwanzig Stunden Fahrt im schönen Bahnhofsgebäude Chennai Central ein. Zuvor erlebte ich noch schöne Sicht auf in der Sonne blitzende Felder und Wasserreservois, sowie ein paar kurze heftige Regenschauer im Morgengrauen. Zum ersten Mal auf meiner Reise fand ich das Hotel meiner Wahl bereits voll belegt vor. In nächster Nähe gab es aber auch andere Optionen, die Platz für mich hatten. Zu Mittag speiste ich im Hotel Saravana Bhavan. Dies ist kein Hotel, sondern eine vegetarische Restaurantkette mit gutem, günstigem südindischen Essen. In ganz Chennai gibt es etwa zwanzig Filialen. Diese dosas, idlis und vadas … Und erst das rasam … Einfach hervorragend. Man würde sich eine Filiale in der Heimat wünschen.

Per Stadtbus gelangte ich schnell und unumständlich in den südlichen Stadtteil Mylapore. Dieser ist bedeutend älter als das übrige Chennai. Hier an diesem dafür so unwahrscheinlichen Ort stößt man auf das angebliche Grab des Apostel Thomas (jener, der so vorbildhaft an der Himmelfahrt l zweifelte), welcher hier 72 nach Christus den Märtyrertod gestorben sein soll, erstochen mit einer Lanze. Selbige und auch ein Knochen des Thomas  (die übrigen sind im Lauf der Jahrhunderte irgendwie nach Italien gelangt) kann man in einer Kapelle unterhalb der strahlend weißen, neogotischen St. Thome Kathedrale bestaunen. Diese (von den Portugiesen 1523 erbaut, dann niedergerissen und in der jetzigen Form 1890 von den Briten errichtet) brüstet sich stolz, mit der Kathedrale von Santiago di Compostella und dem Petersdom eine  von drei Kirchen weltweit zu sein, die auf einem Apostelgrab steht.

Wie man sich denken kann, sind die historischen Belege hierfür äußert dürftig. Dass Thomas, falls es ihn wirklich gab, vierzehn Jahrhunderte vor Vasco da Gama, den Weg nach Indien gefunden haben soll, mag sehr weit hergeholt klingen. Ganz so unwahrscheinlich ist es aber doch nicht. Mylapore ist sehr alt und trieb erwiesenermaßen Handel mit dem antiken Griechenland und Rom. Ptolemäus erwähnt den Ort in seinen Schriften und in Mylapore fand man römische Keramik. Und auf den Wegen, wo Keramik wandert, kann auch ein Mensch weit kommen. Viel unwahrscheinlicher, als dass es einen frühen Missionar hierher verschlagen hat, finde ich den Umstand, dass Lanze und Knochen nach fünfzehn Jahrhunderten ohne Christentum noch auffindbar waren. Eine DNA Analyse wäre hier spannend.

Unweit von St. Thome befindet sich ein religiöses Bauwerk ganz anderer Art. Der hinduistische Tempel Kapaleeshwarar zeigt, dass hier im Süden ganz andere architektonische und künstlerische Traditionen vorherrschen. Bunter geht es nicht. Der hohe Torturm allein mit seinen Hundertschaften an farbenfrohen Figuren ist ein Augenschmaus. In die innere Säulenhalle dürfen nur Hindus, doch eine Umrundung lohnt sich sehr. Hinter dem Tempel findet man schließlich einen großes, schön verziertes Wasse
rbecken, Parvati gewidmet.

Wieder ein paar Straßen weiter betrat ich die ruhigen, grünen Gefilde des Sri Ramakrishna Math. Hier haust und wirkt ein Mönchsorden, der sich auf den Guru Ramakrishna aus dem neunzehnten Jahrhundert beruft. Einige Cartoons an den Wänden lehren recht fragwürdige Lektionen des Gurus, welcher sich selbst für eine Inkarnation hielt, dem Namen nach wahrscheinlich von Vishnu. Die Mönche sind sehr freundlich, die Bauten eindrucksvoll. Einer der Mönche kam mir sogar nachgelaufen, als er sah, dass ich mich nicht in die hinteren Räume der Haupthalle gewagt hatte. Es war ihm wichtig, dass ich alles sah, auch die seltsame Puppe des Gurus.

Per Riksha ließ ich mich an Chennais  breiten Sandstrand bringen. Kaum jemand badet hier. Dafür ist

die Strömung zu gefährlich und der Strand zu verdreckt. Dennoch ist der Ort voller Leben. Es herrscht Jahrmarktsatmosphäre. Händler verkaufen Popcorn und andere Snacks. Es gibt improvisierte Schießbuden, wo man mit Darts oder Luftdruckgewehr auf Luftballons zielt und sogar ein kleines Karussell mit hölzernen Pferden. Menschen spielen Cricket und Fußball. Andere lassen Drachen steigen. An manchen Stellen spielen Musiker ihr Lied. Und all dies wird untermalt vom ständigen Grollen der Brandung.

Während ich dort durch das bunte Treiben spazierte ging über dem Land die Sonne unter. Vorbei an der Baustelle des Super Multi Specialized Hospital (die Indern stehen auf solch Übertreibung) erreichte ich bald meine Bleibe, aß einmal mehr im Hotel Saravana Bhavan und setzte dem Tag ein Ende.

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