Gedanken zum Film „Kein Tier. So Wild.“

Manche Filme sind so gut, dass mein einfach ein paar Worte darüber schreiben muss, ehe man sich wieder anderen Dingen zuwendet. Burhan Qurbanis „Kein Tier. So Wild“ ist ein wirklich außergewöhnliches Kunstwerk, welches auf Shakespeares Richard III. basiert, jedoch nicht im England des 15. Jahrhunderts sondern im Berlin der Gegenwart angesiedelt ist. Statt britischen Königsfamilien konkurrieren hier arabische Clans um Macht, Geld und Vorherrschaft. Als jemand, der Richard III. vor ein paar Jahren selbst inszeniert hat und dieses Stück in und auswendig kennt, dachte ich nicht, dass mich irgendeine Version davon noch derart begeistern könnte, so als hätte ich das Gefühl, etwas ganz Neues und Unbekanntes zu erleben. „Kein Tier. So Wild.“ vermochte eben dies.

Auch manch Geschlechterrolle ist vertauscht. Aus Richard wird Rashida – famos gespielt von der 2015 aus Syrien nach Deutschland geflohenen Schauspielerin Kenda Hmeidan. Mühelos steigt sie in die Fußstapfen all jener großen Mimen, die Shakespeares berühmtesten Bösewicht schon verkörperten – und sie spielt diese Rolle so unheimlich und furchterregend, wie es wohl noch nie jemand vor ihr tat. Besonders beeindruckend ist, wie sie sich die deutsche Sprache zu eigen macht und ihr eine erfrischend neue und zugleich überraschend harte Färbung verleiht. Hat man in anderen Versionen von Richard III. oft das Gefühl, dass es sich um eine Übersetzung handelt, klingt das Stück in diesem Film plötzlich so, als wäre es in dieser Sprache und für diese Sprache geschrieben worden. So richtig klang Richard III. auf Deutsch noch nie, und dies obwohl – und eben deshalb – weil fast alle Darstellenden Migrationshintergrund haben. Die Ausnahme ist hierbei die grandiose Verena Altenberger, die als deutsche Frau des Clanführers Imad – und als letztlich triumphierende Antagonistin Rashidas – einen wunderbaren Kontrast zum übrigen Ensemble bildet. Auch sie spielt ihre Rolle wieder einmal hervorragend.

Das größte Lob gilt aber dem Regisseur Burhan Qurbani, dem in Deutschland geborenen Sohn afghanischer Eltern, der mit seinen Filmen und seiner Besetzung einmal mehr aufzeigt, wie sehr Migration unsere Kultur und unsere Kunst zu bereichern vermag.