Road-Trip – South-west USA

Eine meiner schönsten Reisen, an die ich gerne zurückdenke, ware jener zweiwöchige Road-Trip, den ich mit meinem Leihauto im Südwesten der Vereinigten Statten im Februar 2014 erleben durfte. Etwa 5.000 Kilometer weit fuhr ich von San Francisco bis Dallas. Ich durchquerte große Teile Californiens, Nevadas, Arizonas, New Mexicos und Texas. Primärgrund der Reise ware eine einwöchige Konferenz, an der ich am Campus der Stanford University teilnahm.

Meine Route durch den Westen der USA, Quelle: Google Earth

Zwar gibt es von dieser Reise keinen Blog, dafür aber viele Briefe, die über das Internet ihren Weg nach Hause in Maria Elisabeths Postfach fanden. Darin schilderte ich die Schönheit dieser Reise. Hier ein paar Auszüge meiner Briefe aus Amerika:

Stanford

Stell dir einen Campus vor, zehn oder zwanzig Mal so groß, wie jener von Grenoble. Und nun tausche alle hässlichen Gebäude gegen rötlich schimmernde Prachtbauten ein, die architektonisch an die Höhepunkte griechisch, römischer Kultur erinnern. Was für schöne Plätze, Türme und Bibliotheken. Was für Fassaden! Der Campus hat sogar sein eigenes gratis Busliniennetz mit über zehn Linien.
Eine Uni wie diese sucht in Europa wirklich seines Gleichen. Auf vielen Plätzen stehen Originalskulpturen von Rodin. Überall Kunst, Kultur und Wissenschaft. Ein sehr inspirativer Ort.

Schön war es heute, den Campus zu erkunden. Ich bin stundenlang durch riesige Bibliothekshallen gegeistert und haben alte Werke – unter anderem eine Ausgabe der Divinia Comedia von 1780 in Händen gehalten. Das Buch ist älter als alles andere hier. Schöner Gedanke. Hernach hab ich lange vor Rodins Höllentor gestaunt, sein Hauptwerk, in welchem nicht nur der berühmte Denker verarbeitet ist, sondern vor allem viele Ideen und Motive von Dante und Baudelaire. Die Blumen des Bösen wachsen aus dem Höllentor heraus. Schön. Im Cantor Art Museum (die haben hier ein wunderschönes Kunstmuseum mit freiem Eintritt auf dem Campus) staunte ich dann noch über manch anderes Werk und genoss den Campus bei Nacht.

Jetzt genieße ein letztes Mal die Ruhe meines Hotelzimmers. Die nächsten zwei Nächte werde ich im Mehrbettzimmer eines Hostels in San Francisco verbringen. Sonntag werde ich die Pazifikküste entlang nach Süden fahren, bis San Simeon. Vielleicht sehe ich ein paar Seelöwen und Seeelefanten am Meer. Lass uns in diesem Leben noch gemeinsam durch viele Bibliotheken und Sternennächte geistern.

San Francisco

Nach einem langen, wunderschönen Tag in San Francisco, liege ich in meinem weichen Bett und berichte dir von der Schönheit der Welt. Da die Konferenz heute für mich noch nicht relevant war, nahmen ich den Caltrain nach San Francisco. Der Tag bot viele Highlights. China Town, die Shippermen’s Warf, Bars und Restaurants, Kirchen, buddhistische Tempel, eine spannende, achterbahnähnliche Fahrt auf den historischen Cable Cars und mehr. Dazu wunderbare Sicht auf Wolkenkratzer, die Bucht, rüber nach Oakland und weiter in die Ferne. All das wurde aber in den Schatten gestellt von einer einstündigen Bootstour rund herum um Alcatraz und dann hinaus zur großen, roten Brücke am goldenen Tor. Es war einfach fantastisch sich den in der Sonne blitzenden Pfeilern dieses gigantischen Bauwerks zu nähern und dann unter all dem Stahl hindurchzugleiten. Kaum ist man auf der anderen Seite angelangt, vergrößern sich die Wogen des Meeres um ein Vielfaches. Man spürt, dass man die Bucht verlassen hat und sich nun jenseits des goldenen Tors, im rauen Seegang des mächtigen Pazifiks befindet. Dass Golden Gate und seine Bridge waren wirklich tief beeindruckend. Sobald ich mein Auto habe, werde ich wohl noch einmal drüberfahren oder auch von dort die Sonne im Pazifik untergehen sehen.

Ich schick dir Grüße vom Pazifik, seinen endlos blauen Weiten, dem ewigen Rauschen der mächtigen Brandung, dem tiefen Blau, das fast die halbe Welt durchfließt. Stell dir vor, wie ich am Fuße steiler Klippen stehe und mit der Brandung Fangen spiele, wie ich warte, bis die Sonne untergeht und ihre letzten Strahlen atme. Eben da, im Augenblick des Sonnenuntergangs im Westen (bei dir geht jetzt die selbe Sonne gerade wieder auf), da sah ich einen Kolibri, der zwischen Ufersteinen tanzte. Und wandte ich meinen Blick weiter nach rechts, so sah ich dem Sonnenuntergang fast gegenüber stets die leuchtend rote Golden Gate Bridge.

Morgen leihe ich mir hier ein Fahrrad aus und erkunde die mir noch unbekannten Seiten der Stadt. Auch so manches Museum wartet noch auf mich.

Heute habe ich viele, viele Meilen mit dem Fahrrad zurückgelegt, durch den Golden Gate Park – einer der größten und schönsten Parkanlagen der Welt, die Küste entlang, über die große Brücke und zurück. Auch viele Paläste und Museen fand ich auf dem Weg, die California Academy of Scienes, mit Riesenaquarien und einem der größten Planetarien der Welt, den wie eine antike Ruine anmutenden Palace of Fine Arts, die Legion of Honour Gedenstätte mit Rodins Denker. So viel zu sehen. San Francisco hat mich wirklich überrascht. Nicht nur die landschaftliche Schönheit, auch die Kultur, die Kultiviertheit und die Freundlichkeit der Menschen. In den Parks findet man Statuen von Beethoven bis Cervantes, man errichtet Paläste zu Ehren Verdis – und dazu die schöne Natur – fantastische Parks. San Francisco hat in meinen Augen mehr Charme als so manche europäische Hauptstadt.
Geschlafen habe ich letzte Nacht hevorragend.

Fine Arts Center

Morgen um 11.30 vormittags hole ich also mein Auto ab, und meiner langer Road-Trip beginnt. Habe ich erst den Highway One erreicht, ist alles gut. Aber davor muss ich mich irgendwie durch das dichte Verkehrsgewimmel San Franciscos kämpfen – mit ungewohntem Auto und ungewohnter Schaltung. Aber bald hab ich dann rechts von mir den Pazifik und kann den ganzen verbleibenden Tag lang ungestört nach Süden brausen. Schöne Landschaften, atemberaubende Brücken und Seekühe warten auf dem Weg.

On the road – Tag 1

Mein Chevy Spark

Ach, die Fahrt war einfach traumhaft. Oft bin ich stehengeblieben und haben den Pazifik bewundert und die steile, schluchtenreiche Küste, an der sich der Hw 1 entlangschlängelt. Mal oben, mal beinahe am Strand. Auf halbem Weg bin ich beim Point Lobos eine Stunde lang durch die Felsen geklettert, habe Delphine, Robben und Seelöwen gesehen. Dann kam das schönste. Im Radio spielten sie Beethovens Sechste (viele Klassik-Sender) und zu eben diesen Klängen fahre ich die Küstenstraße entlang, während sich zu meiner rechten der Pazifik in immer tieferes Blau kleidet und ein roter Feuerball darin versinkt. Dann kehrt die blaue Stunde ein und Nacht legt sich über die Welt. Für die Länge einer Symphonie war alles traumhaft. Ich fahre nach Süden, über Brücken und Hügel. Und der Pazifik rauscht. Und die Sterne beginnen zu Strahlen. Die letzten 30 Meilen war ich bei Nacht unterwegs, fast das einzige Auto auf immer noch kurvenreicher Straße. Dann endlich sah ich vor mir die Lichter von San Simeon.

Wohlbehalten und bei bester Laune bin ich in meiner Lodge in San Simeon angekommen. Großes, komfortables Zimmer, ein beheizter Pool, was will man mehr?


Morgen früh sag ich dem Ozean Adieu und fahre Richtung Osten ins Tal des Todes.

On the road – Tag 2

Der Tag war traumhaft. Alles was ich über die Fahrt nach San Simeon gesagt habe, wurde vom heutigen Tag in den Schatten gestellt. Einsame Straßen, wunderschöne Landschaften, großteils alles Wüste. Es ist eine ganz eigene Art des Reisens, so mit eigenem Auto durchs weite Land zu fahren, doch inzwischen fühl ich mich dabei sehr wohl. Über 400 Meilen habe ich heute zurückgelegt, eineinhalb Tankladungen, doch es war nie wirklich anstrengend, konnte ich doch stets die Schönheit der Landschaft genießen und obendrein jederzeit stehenbleiben und zu Fuß ein Stück Gegend erkunden. Am Morgen spazierte ich ein letztes Mal zum nebelumfangenen Pazifik, der mir nun schon so fern ist, und brauste sogleich durch grüne, neblige Hügel. Nach ein klein wenig Zivilisation fand ich mich dann endgültig im Wilden Westen wieder. So viel Wüste hätte ich mir für Californien eigentlich gar nicht erwartet, und doch … Lang war die Fahrt durch die Mojave-Wüste, lang und schön. Ich kletterte auf den Felsen umher. Diese Farben, diese Schluchten. Stundenlang fährt man durchs Zauberland auf einer Straße, die vor mir mit dem Horizont verschmilzt. Und dann … Death Valley. Schluchten und Gebirgspässe. Ich bin heut schon durch eine Salzwüste gewandert. Und morgen habe ich den ganzen Tag, um diesen heißesten und trockensten Ort der Erde zu erkunden. Höhenmäßig ist man ist hier teils unter dem Meeresspiegel. Doch auch die Nacht hat ihren Zauber. An kaum einem Ort der Welt sieht man die Sterne so gut wie hier. Und diese Stille. Kaum zu glauben, dass nur eineinhalb Stunden von hier Las Vegas lauert. Bald werde ich auch dort sein. Aber bis dahin genieße ich noch sehr viel Wüste.
Denk an mich in stiller Sternenwüstennacht und denk daran, dass wir gemeinsam ebenso noch viele Wunder unseres Planeten erkunden werden.

Erschöpft und euphorisch liege ich im Bett des skurrilen Amargosa Opera House Hotels. Ein uralter Portier hatte mir das Zimmer gezeigt, das einzige Café hatte um sechs schon zu, also bin kurz noch zehn Meilen bis nach Nevada gefahren. Hinter der Grenze gabs natürlich gleich ein Casino mit angrenzendem Restaurant.

On the road – Tag 4


Eben lag ich auf meiner Decke am Wüstenboden und blickte in den sterndurchwirkten Himmel. Man kennt die Sternbilder nicht mehr, so voller Sterne sind sie. Nirgendwo ein Licht, das die Sternenpracht stört. Nur ganz im Osten, sieht man hinter den Bergen einen matten Schein die Dunkelheit trüben. Die Ursache dafür ist zwar 100 Meilen weit entfernt, dafür aber umso heller: Vegas.

Heute habe ich viel gesehen, wandernde Felsen aber leider keine. Dafür bin ich einen Canyon unter einer natürlichen Felsbrücke hindurch und bis hinauf zu ausgetrockneten Wasserfällen gewandert und habe viele bizarre Strukturen kristallisierten Salzes gesehen. Bei 32 Grad bin ich dann lange barfuß durch den Wüstensand gelaufen, bis auf die höchste Düne weit und breit.
Der Morgen war herrlich skurril. Ich, allein, im haunted opera house. Morgen habe ich keinen weiten Weg. Vegas ist ganz nah. Ich könnte in knapp eineinhalb Stunden dort sein, werde aber auf dem Weg noch Abstecher zu den Naturschönheiten von Ash Meadows und Red Rock Canyon machen.

On the road – Tag 5

Was für Kontraste! Death Valley, Red Rock Canyon und nun Vegas. Auf Stille und Natürlichkeit folgten ständige Lärmbeschallung und Künstlichkeit auf allen Ebenen. Bizarr, absurd, grotesk – und doch höchst interessant. Ich wanderte heute durch ein falsches Venedig, New York und Paris, sah ein Nebeneinander von geschmacklosem Prunk und bitterer Armut. Jack Sparrow, irgendwelche Transformers und Animationsfilmfiguren stehen auf den Straßen rum. Und dann zehntausende Spielautomaten, deren Reiz und Regeln ich nicht ganz erfasse. In einen habe ich einen Dollar reingesteckt und irgendeinen flimmernden Knopf gedrückt. Nichts ist passiert und der Dollar war weg. Nach einer Stunde hab ich es am anderen Ende von Vegas wieder versucht. Selbes Resultat. Beim letzten Versuch hat sehr viel geblinkt und mein Dollar hat sich in dreizehn Dollar verwandelt. Geht doch. Beim Roulette lief es in Venedig ganz gut, in New York aber nicht mehr so gut. Alles in allem ist ein Verlust von ca. €20 – für den Spaß, den ich hatte, aber allemal verkraftbar. Morgen erwarten mich der Hoover Damm und ein Sonnenuntergang am Grand Canyon. Schön. Irgendwie freu ich mich darauf aus dieser Stadt wieder raus zu kommen.

Morgen werde ich dir schon eine Zeitzone näher rücken, wenn ich die Grenze nach Arizona überquere.

On the road – Tag 6

Schön, wenn du von deinen Träumen erzählst. Wunderbar skurril. Leider habe ich grade keine passende Traumerinnerung im Repertoire. Dafür kann ich mit dem amüsanten Kontrast aufwarten, der zwischen meiner jetzigen Bleibe und der von gestern besteht. Ich sitze hier in einem Hotel des kleinen Ortes Tusayan, nur vier Meilen südlich vom Canyon. Im ganzen Ort und auch im Grand Canyon Visitors Center gibt es derzeit keinen Strom. Die heftigen Windstürme des heutigen Tages (ich hatte mit ihnen auf der Straße zu kämpfen) habe anscheinend einige Leitungen gekappt. Der ganze Ort ist stockfinster und folglich hat auch alles geschlossen. Nur die Hotellobby wird von einem Notstromaggregat versorgt. Und praktischerweise hängt da auch das WLAN dran. Nach dem lichtdurchflutendeten Vegas ist das hier ein schöner Ausgleich. 🙂

Die Fahrt des Tages war – wie schon gesagt – sehr windig. Dergleichen hab ich noch nicht erlebt. Man hatte Mühe in der Spur zu bleiben. Zum Glück hat mein Chevy Spark nicht sehr viel Angriffsfläche. Unweit vor mir kam’s zu einem fatalen Unfall als eine dieser großen Monstertrucks einfach von der Straße gefegt hat. Leider hat er auch zwei PkWs den Abhang mit hinab gerissen. Ansonsten war die Fahrt sehr angenehm. Obwohl ich wieder gute vier Stunden unterwegs war, wurde mir kein bisschen langweilig. Die Kombination aus wunderschönen menschenleeren Landschaften und wenig Verkehr sorgt weiterhin für unerwartet großen Fahrspaß. Meine erste Station war heute der Hoover Damm an der Grenze zwischen Nevada und Arizona. Damm wie auch Brücke sind beachtliche Bauwerke. Allerdings wird das Ganze von den Amerikanern ein wenig zu sehr in die Höhe gepriesen. „What the pyramids are to ancient Egypt and the Colosseum is to Rome, this mighty dam is to our glorious nation, usw. “ Man solls mal nicht übertreiben.

Schwer übertreiben kann man, wenn man vom Grand Canyon spricht. Der Moment, in dem man in zum ersten Mal sieht, friert wohl bei allen für Sekunden das Denken ein. Wow. Eine Stunde lang stand ich heute schon am Rande des Abgrunds und blickte an die 1500 m in die Tiefe. Einfach atemberaubend. Das kann kein Foto wiedergeben. Und morgen habe ich noch den ganzen Tag Zeit, um den Abgrund entlang und vielleicht ein Stück hinabzuwandern. Groß wäre natürlich die Versuchung bis hinab zum Colorado River zu klettern, aber dafür ist der Canyon einfach zu tief. 3000 Höhenmeter sind an einem Tag nicht schaffbar. Echt kalt ist es hier. Trotz Jacke und Pullover habe ich heute ziemlich gefroren. Immerhin bin ich hier ja auf 2100 m. Ein schönes, bewaldetes Hochplateau. Und dann steht man plötzlich vor der großen Schlucht.

On the road – Tag 7

Heute habe ich einen wunderbaren Tag am Canyon erlebt, mit vielen atemberaubenden Aussichten und spannenden Wetterkapriolen. So stand ich heute schon in dickflockigem, tiefwinterlichem Schneefall, der aber schon bald wieder der Sonne wich. Ich war schon früh auf den Beinen, um den Sonnenaufgang vom Canyon zu sehen. Eine Stunde später, als der Schnee kam, war vom Canyon für zwei Stunden gar nichts mehr zu sehen, nur Grau. Doch am Nachmittag bot das Wetter wieder wunderbare Einblicke in die Tiefen der Schlucht und hinab auf die Stromschnellen des Colorado Rivers. Man möchte so gern einer dieser California Condors sein, die hier in den Lüften kreisen und sich hinab in die Schlucht stürzen. Auch ein paar Elche habe ich gesehen. Der Grand Canyon ist ein weltweit einzigartiger Ort, den ich irgendwann einmal gerne wieder besuchen würde, dann aber entweder um bis an seinen Grund zu wandern oder ihn mit Rafting Boot zu bezwingen.

Die Wetterkapriolen sind leider noch nicht vorbei. Der Forecast klingt eher furchterregend. Anscheinend wird der ganze Westen morgen von einem Schnee- und Regensturm heimgesucht. Ich muss zusehen, dass ich von diesem Hochplateau wieder runterkomme, sonst bleibe ich noch hier stecken. Hoffentlich fällt über Nacht nicht zu viel Schnee. Mein Plan ist, morgen bis Tucson in Südarizona vorzudringen. Ich lasse zwar ein paar schöne Straßen und Gegenden dabei aus, doch bei diesen Bedingungen hat das keinen Sinn. Im Süden, nahe Mexiko, ist es warm und trocken. Dorthin muss ich morgen irgendwie gelangen. Fünf Stunden wär die Fahrt bei Idealbedingungen. Mal sehen.

Heute werde ich hier im Hotel noch speisen und mich dann noch eine Weile in den heißen Jacuzzi-pool legen. Gestern war ich dort ganz allein.

On the road – Tag 8

Eben kehre ich von einem nächtlichen Spaziergang durch Tucson zurück. In den europäischen Medien war diese Stadt ja höchstens durch das Attentat auf Julia Giffords präsent. Tatsächlich handelt es sich bei Tucson um eine weltoffene, multikulti Universitätsstadt mit an die 40.000 Studierenden. Eine liberale Oase im ansonsten sehr konservativen Bundesstaat Arizona.
Der Tag war wohl fahrtechnisch einer der anstrengendsten meines Roadtrips. Vor Schnee und Eis blieb ich verschont, aber der Regen… Ganze Wolkenbrüche stürzten da in Zentralarizona auf mich hernieder. Zuerst gings noch recht gut. Nach der angenehmen Landstraße vom Grand Canyon nach Süden erreichte ich einmal mehr die Route 66, auf der ich vorgestern schon ein paar Stunden unterwegs gewesen war. Bei Flagstaff bog ich dann auf die Interstate nach Süden ab. Da Autobahnfahren bei Regen und auch sonst nicht sehr angenehm ist, fuhr ich auf der Landstraße durch den schönen Oak Creek Canyon in Richtung Sedona. Letzteres hat wunderschöne, rote Felsformationen. Auch der Canyon war schön, erinnerte fast an manches Alpental, nur dass die Steine rot sind. Es regnete allerdings die ganze Zeit und an eine Fahrt über die Gebirgsstraße nach Prescott bzw. ein paar Wanderungen durch rote Steine war nicht zu denken. Ich musste zusehen, so weit wie möglich nach Süden zu kommen, um dem Regen zu entgehen. Also fuhr ich weiter auf der Interstate. Dort erwischte mich der Regen dann aber voll, vor allem beim Durchqueren von Phoenix. Wenn man auf einer siebenspurigen Autobahn bei ca. 100 km/h und viel Verkehr nur mehr Wasser sieht, dann ist das gar nicht so nett.

Südlich von Phoenix hörte dann endlich der Regen auf und ich fand die Sonne wieder. Da noch Zeit blieb wählte ich den längeren Weg über Landstraßen. Dabei machte ich am Casa Grande Monument halt. Beeindruckend. Es handelt sich dabei um ein dreistöckiges Gebäude aus dem frühen 14. Jh. – erbaut von einem Indianerstamm, der schon nicht mehr existierte, als die Spanier die Gegend erkundeten. Und die Sonora Wüste war einst grün und voller Leben, was den weitläufigen Bewässerungsgräben der Ureinwohner zu verdanken war. Heute sieht hier überall vor allem eine Pflanzenart: riesige Kakteen, wie ich sie nur aus Lucky Luke Comics kannte. Es gibt sie wirklich, bis zu fünf Meter in die Höhe ragend. In der Wüste ging mir dann kurz vor Tucson beinahe noch das Benzin aus. Zum Glück zeigte mir mein GPS eine gerade noch erreichbare Tankstelle.


Der morgige Tag verspricht wieder angenehmer zu werden. Der Regen dürfte vorbei sein. Ich besuche die WildWest-Orte Tombstone und Bisbee (bin dort teilweise nur mehr Minuten von der mexikanischen Grenze entfernt), sowie die bizarren Gesteinsformationen des Chiricahua National Parks. Und dann gehts weiter nach New Mexico, wo ich in Silver City nächtigen und mir davor noch die Oscar Verleihung ansehen werde.

On the road – Tag 9

Nach einem sehr schönen Tag liege ich eben im Bett meines Motels in Silver City und genieße es, den Schauspielern zuzusehen, wie sie sich freuen, ihre Oscars zu kriegen.

Der heutige Tag hatte zwei Hauptattraktion: Tombstone und Chiricahua. Dazwischen viele Meilen leerer Landstraßen durch beschaulich schöne Gegenden. Das Fahren hat heute wieder so richtig Spaß gemacht.
Tombstone war wunderbar kultig. Besonders der Friedhof, der die Besuchenden unmittelbar mit dem Damals konfrontiert. Auf den meisten Grabsteinen stehen Name und Todesursache. “Shot by Indians”, “Shot by the Clanton Brothers”, “Murdered”, “Hanged”, “Lynched by Mistake”, “Drowned”, “Killed by a Chinamen”, “Suicide“, „Shot while playing cards“. Auf vielen Gräbern steht einfach nur: „Unknown“. Ich habe viele davon fotografiert. Ach … Wie passend. Bei den Oscars zeigen sie eben – wie jedes Jahr – die Bilder der im letzten Jahr verstorbenen Größen des Films. Peter O’Toole, Maximilian Schell, Philip Seymour Hoffmann. Zurück nach Tombstone. Man fühlt sich zurückversetzt in eine wilde Zeit. Am OK Corrall kann man den genauen Ort des berühmten Gunfights besichtigen. Auch ein gut inszeniertes Shooting mit kultigen Schauspielern wurde dort aufgeführt. Und die Straßen, die Saloons, die Landschaft … Dann gab’s noch eine alte Historama-Show mit Film und Puppenspielelementen, dazu die wunderbare Erzählerstimme von Vincent Price! Ein bisschen kitschig, aber schön. Man fühlt sich sehr an den Film „Tombstone“ erinnernt. Ich habe heute große Lust bekommen, ihn mir wieder einmal anzusehen. Kurt Russell als Wyatt Earp und Val Kilmer als Doc Holliday sind einfach grandios. In einem etwas zu touristischen Saloon habe ich gespeist und bin wieder losgefahren, ganz nahe der mexikanischen Grenze. Schon bald wurde ich an einer grimmigen Border Patrol Kontrollstelle angehalten. Die haben hier regelmäßige Checkpoints. Man ließ mich nach Durchsicht des Reisepasses aber gleich weiterfahren. Nicht einmal in den Kofferraum wollte man blicken.

Auf einsamen Straßen ging’s dann weiter zum Chiricahua Park. Lange bin ich dort herumgeklettert und habe Felsen bestiegen, die rein optisch eigentlich schon vom Zusehen umfallen sollten. Defying Gravity. Schön. Mit der versinkenden Sonne im Rückspiegel raste ich dann über die Grenze nach New Mexico und hinauf in die Hügel von Silver City. Die Stadt klingt schöner als sie ist.

Morgen werde ich nördlich von hier die Gila Cave Dwellings erkunden und dann auf schönen Landstraßen im Zickzack und über den Emory-Pass fahren um zum Sonnenuntergang bei den Radioteleskopen des Very Large Arrays zu sein. Hm, „Gravity“ hat eben den Oscar für beste Filmmusik bekommen. Jedenfalls werde ich morgen zwischen den Radioteleskopen die Sonne untergehen sehen. Ein schöner Plan.

On the road – Tag 10

Eben bin ich in Socorro, einer eher uninteressanten Stadt, die aber praktisch gelegen ist, um als Nachtquartier zu dienen. Sogar eine Universität gibt es hier. Eben, als ich in einem Diner zu viel aß, unterhielt ich mich mit zwei gestressten Mathematik-Studenten, die über ihren bösen Professor Dr. Stone lästerten.

Ansonsten war der Tag von einsamen Straßen und von Weiderosten (an die 100 cattle guards) dominiert. Von Silver City aus ging’s zuerst zwei Stunden nach Norden zu den abgeschiedenen Cliff Dwellings am Oberlauf des Gila Flusses. Die Straße dorthin führt über hohe Berge, teilweise nur einspurig, also ohne Mittelstreifen. Der Schnee kroch manchmal bis auf den Asphalt. Schöne Ausblicke. Und letztlich: eine schöne halbstündige Wanderung zu den Höhlen und den Bauten darin, die bis zu 1500 Jahre alt sein sollen. Später fuhr ich über den verschneiten Emory-Pass wieder ins flache Land hinab.

Auf dem Weg zum VLA schlägt mein Lonely-Planet Reiseführer die Scenic Route New Mexico 52 vor. Was das Buch vergisst zu erwähnen, ist, dass 70% der Strecke nicht asphaltiert sind. So fuhr über eine Stunde lang durch beschauliche Landschaft über Schotterpisten und wich Kühen, Rehen und irgendwelchen antilopenähnlichen Tieren aus. Kein einziges Fahrzeug kam mir entgegen. Da es auf der Straße anscheinend keine Geschwindigkeitsbegrenzungen mehr gab und ich teils bis weit vor mir den Weg überblicken konnte, fuhr ich mit über 100 km/h auf dem Schotter dahin. Spannend. Indes kleidete sich mein Chevy mehr und mehr in Schlamm ein.
Kurz vor Sonnenuntergang fuhr ich über eine weitere Hügelkuppe und hatte plötzlich das VLA vor mir. Ich erwanderte eines der Teleskope und genoss von dort das Ende des Tages und den Untergang einer blutroten Sonne. Nach einer Stunde Fahrt bei Nacht erreichte ich Socorro. Anhalter bin ich bis heute übrigens noch keinem einzigen begegnet.

Morgen habe ich zum Glück wieder weniger Strecke vor mir, dafür ein besonders Highlight: den White Sands National Park.

On the road – Tag 11

White Sands war schön. Drei Stunden lang bin ich über Dünen gewandert. Der Himmel war wolkenverhangen, also so weiß wie auch der Boden. Alles war weiß. Und inmitten all der Weiße: ich als schwarzer Punkt im Nichts. Man freute sich über jeden Strauch und jeden andern dunklen Fleck, der Abwechslung bietet. Ich habe im Sand gegraben und bin die steilen Dünen hinabgesprungen. Meine Schuhe sind immer noch voll Sand.

In östlichen Texas, wo meine lange Fahrt ein Ende finden wird, gab es gestern einen Eissturm. Die ganze Ostküste wird derzeit von extremem Winterwetter heimgesucht. Hoffentlich legt sich das, bis ich dort bin.

Morgen besuche ich den 40-Einwohner Ort Lincoln, in welchem Billy the Kid erschossen wurde. Noch einmal Wildwest-Romantik. Nächtigen werde ich in Roswell, dem Mekka der Verschwörungstheoretiker. Ob ich dort wohl UFOs seh?
Für Donnerstag steht noch etwas ganz Besonderes an. Eben hab ich mir eines der letzten Tickets für eine dreistündige geführte Höhlenwanderung durch jene Regionen der Carlsbad Caverns gesichert, die sonst nicht für Besucher zugänglich sind.


On the Road – Tag 12

Der heutige Tag war eher ruhig. Beschauliche Fahrt auf leeren Straßen. In der Beinahe-Geisterstadt Lincoln sah ich ein paar Einschusslöcher von der Flucht des Billy the Kid, sowie die beiden Stellen, an denen die Hilfssherriffs zu Grunde gingen, die ihm in den Weg kamen. Zwei Museen geben Einblick in die spannende Geschichte des Lincoln County Wars. Es gab auch einen sehr gut gemachten Info-Film. Die Dimensionen sind herrlich. Lincoln-County war Ende des neunzehnten Jahrhunderts in etwa so groß wie Irland und hatte genau einen einzigen Sherriff, um nach dem Rechten zu sehen. Lawless land. Ein weiteres kurioses Detail hat mich amüsiert. Der damalige Gouverneur von New Mexico, Lew Wallace, der mit Billy the Kid brieflich korrespondierte und ihn auch insgeheim persönlich traf, da man gemeinsame Feinde hatte, ist überdies auch Schriftsteller gewesen. Sein bekanntestes ist „Ben Hur“, Vorlage für den Monumentalfilm. Kuriose Zusammenhänge.

Roswell ist eher langweilig. Das UFO-Museum und „Research Center“ bietet sehr viel pseudowissenschaftlichen Kitsch, inklusive Däniken und allem, was dazu gehört. Mit der Geschichte des berühmten Roswell-Incidents habe ich mich früher einmal eingehend beschäftigt – als ich zwölf war, glaube ich. Schon damals erschien mir die Wetterballon-Erklärung als plausibel, aber manche Leute sehen eben gerne Schatten (oder Aliens), wo keine sind. Überraschend gut fand ich das hiesige Kunst- und Kulturmuseum. Schöne Werke, modern und klassisch, schöne kulturgeschichtliche Details.
Morgen aber wird ein absolutes Highlight werden. Ich freu mich auf die Höhlen.

Bei Betrachten diverser Facebook-Bilder wurde mir gerade bewusst, wie passend doch der Zeitpunkt meiner Abwesenheit ist. Ich habe es geschafft dem ganzen Faschingsfirlefanz zu entgehen.

Zwei Motel-Nächte noch, zwei Nächte bei meiner einstigen Gast-Familie in Texas, eine Nacht im Flugzeug und schon bin ich zu Hause.

On the Road – Tag 13

Eben habe ich mich ins letzte Motel dieser Reise eingecheckt. Die meisten waren recht okay. Vor allem das gratis WLAN überall hat seine Vorzüge. Kultigste Residenz dieser Reise ist und bleibt aber das Amargosa Opera House. Morgen bin ich dann bei M. und C.,  meiner Gast-Familie von damals. Irgendwie schade, dass die beiden nicht mehr auf derselben Farm wohnen. Es wäre schön gewesen, den von einst vertrauten Ort, wo ich als Fünfzehnjähriger zehn Monate verbrachte, wiederzufinden und wiederzuentdecken, wieder über dasselbe Grundstück zu reiten. Ob die beiden wohl noch Pferde haben und Hühner schlachten? Ich werde es feststellen. Bis dahin liegt aber noch viel Straße vor mir, viel eintönige Straße. Ich werde morgen früh aufbrechen und in knapp acht Stunden Fahrt drei Viertel des nördlichen Texas zu durchqueren. Flaches, flaches Land. Kaum Sehenswertes. Da muss ich morgen durch.

Ach, die Höhlen. Schön wars. Zwar sind die Carlsbad Caverns bei weitem nicht so ästhetisch reizvoll wie die Grottes de Choranche, die wir vergangenen Sommer gemeinsam bestaunten, doch war ich noch nie zuvor in einem so weiträumigen, großen Höhlensystem. Riesige Kavernen. Die Führung war recht nett. Störend daran waren nur die andern elf Leute. So gern würde man dort unten alleine sein. Und im schönsten Moment, als man in einem niedrigen Schacht gemeinsam alle Lampen ausmacht, um die absolute Dunkelheit zu genießen, muss natürlich jemand sagen: „Oh not, I can’t do that. Let’s turn the lights back on. Please“ Grrrr. Witzig war der alte, hyperaktive Holländer, der am liebsten überall hin gekrochen wäre und die Nacht in der Höhle verbracht hätte. Ein Höhlenfreak, sonders gleichen. Überall gewesen. Auch in Laos, in jenen wunderschönen Höhlen, die wir beide nächstes Jahr besuchen werden.

On the Road – Tag 14

Hier bin ich, in einem bequemen Zimmer im Hause von M. und C. Wir verbrachten einen kurzweiligen Abend mit irgendwelchen Bekannten in einer Weinschenke. Anschließend zeigte ich den beiden unsere Videos von Grenoble, Montreux und Zürich. Sie sind ganz begeistert von dir, weniger begeistert von Haggard. Mehrmals wurde mir gesagt: „You two have to get married in Texas.“, was ich kommentarlos stehen ließ. M. und C. sind genauso wie ich sie in Erinnerung habe.

Die Fahrt des Tages war problemlos zu meistern, hat beinahe Spaß gemacht. Pferde haben M. und C. leider keine mehr, dafür drei neue Hunde, die mich schon ordentlich voll gesabbert haben. Der größere Hund ist nach einem Bürgerkriegsgeneral der Südstaaten benannt. Herrlich.
Morgen folgt ein ruhiger Tag. M. will mir ein paar neue Waffen zeigen. Abends fahren wir dann Sushi essen. Irgendwie schön, wieder hier zu sein. Ich bin dir überigens schon wieder eine Zeitzone näher gerückt.

On the Road – Tag 15

Nach problemloser Rückgabe meines Chevy  sitze ich nun im regen Treiben des Dallas Flughafens und warte auf den Abflug. Ein kurzer und ein langer Flug stehen mir bevor. Der gestrige Abend war noch recht nett. Wir gingen gemeinsam Sushi-Essen und sahen uns den legendären Film „Don’t go in the woods“ an – ein grotesk-schlechter Horror-Streifen, bei dem man einfach nur mehr lachen muss. Nach zwölf Jahren war er wieder anschaubar.

Nun fliege ich bald und freue mich sehr darauf 1) zu fliegen, 2) zu dir zu fliegen und 3) das nächste Mal mit dir zu fliegen.

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