
Habe ich geschlafen, während die anderen litten?
Schlafe ich gar in diesem Augenblick?
Wenn ich morgen glaube, wach zu werden, was werde ich dann von diesem Tage sagen?
Dass ich mit meinem Freund Estragon an dieser Stelle bis in die Nacht gewartet habe auf Godot?
Dass Pozzo mit seinem Träger vorbeigekommen ist und dass er mit uns gesprochen hat? Wahrscheinlich.
Aber was wird wahr sein von alledem?
In einer leeren Landschaft steht ein Baum. Dort Warten Wladimir und Estragon auf Godot. Doch Godot kommt nicht. Noch nicht. Vielleicht wird er später kommen. Um sich die Zeit zu vertreiben, suchen Wladimir und Estragon verzweifelt nach Beschäftigung. Sie streiten, turnen, sprechen über ihre Leben, sprechen über ihre Leiden, essen Radieschen und gelbe Rüben, reden Nonsens, rennen wild hin und her, ziehen sich die Schuhe aus und wieder an, betrachten das Wetter, beschreiben die Landschaft, singen und träumen – doch nichts geschieht. Irgendwann kommt ein Mann vorbei, der einen weiteren Mann an einer Leine führt. Ist das Godot? Nein. Es ist Pozzo mit seinem Knecht Lucky. Wo wollen sie hin? Warum beherrscht der eine den anderen? In was für einer Welt sind wir hier nur gelandet? Tausend Dinge geschehen, doch nichts davon macht Sinn. Irgendwann gehen die seltsamen Neuankömmlinge wieder und Estragon und Waldimir sind einmal mehr allein in der Welt. Sie warten weiter auf Godot. Dann kommt die Nacht. Dann kommt der Tag. Und alles geht von vorne los.
“Warten auf Godot” ist für mich die Jubiläumsproduktion anlässlich der 20 Jahre, die ich jetzt schon quasi ohne Unterbrechung für das Stadttheater Kufstein Stücke inszeniere. Nun gehe ich zurück zu den Wurzeln und zeige noch einmal meine allererste Produktion. Vieles wird so sein wie damals. Und doch werden zwei Jahrzehnte intensive Theatererfahrung sowie die wunderbaren Möglichkeiten des Kultur Quartiers, von dem wir damals ja nur träumen konnten, dazu führen, dass „Warten auf Godot“ im Jahre 2026 völlig anders anmutet als anno 2006. Wichtig ist mir auch, den Humor, der in diesem Stück an allen Ecken und Enden verborgen liegt, nicht zu kurz kommen zu lassen. Es darf auch gelacht werden.
Ensemble

Fotos und Print-Design: Maria Elisabeth Reitberger
Termine:
Sa 11.4. 2026 (PREMIERE) / Fr 17.4. / So 19.4. / Do 30.4. / Sa 2.5. / Fr 8.5.
sonntags 18:00, sonst 20:00
Zwanzig Jahre sind vergangen und für Estragon und Wladimir heißt es noch immer „Warten auf Godot“ – wie hat sich dein Blick auf das Stück seit der letzten Inszenierung vor 20 Jahren verändert?
Als ich damals im Alter von zwanzig Jahren als meine allererste Inszenierung ausgerechnet „Warten auf Godot“ wählte, war das ein großes Wagnis. Hätte das Stück im Jahr 2006 weniger Erfolg gehabt und weniger Freude gebracht, hätte es auch sehr leicht zugleich meine letzte Inszenierung sein können. Doch es kam anders. Ich habe seitdem 21 verschiedene Stücke beim Stadttheater Kufstein inszeniert. Und nun schlüpfen Franz Osl und ich einmal mehr in die Rollen von Estragon und Wladimir und warten – wie damals schon vergebens – auf Godot. Wir haben uns einmal versprochen, dieses Stück einfach alle zwanzig Jahre zu spielen, solange wir noch dazu in der Lage sind. Wer es diesmal verpasst, hat also 2046 wieder die Gelegenheit. Hat sich mein Blick auf das Stück selbst in all den Jahren geändert? Eigentlich gar nicht. Nur die Welt selbst hat sich stark verändert.
Wirst du das Stück weitgehend mit derselben Besetzung einstudieren bzw. handelt es sich um eine „Wiederaufnahme“ oder um eine komplette Neuinszenierung?
Auch wenn ein Teil der Besetzung und auch manch inszenatorisches Detail gleich bleiben, so kann man bei einem Zeitunterschied von zwanzig Jahren nur schlecht von einer Wiederaufnahme sprechen. Alle sind wir älter geworden. Die Welt ist anders geworden. Selbst wenn man es vermeiden wollte, hätte das Stück eine andere Wucht und Wirkung.
Die beiden Hauptdarsteller werden dieselben sein wie schon 2006. Franz und ich waren damals eigentlich viel zu jung für diese clownesken Figuren der beiden Landstreicher, die auf die Splitter zweier zerbrochener Leben zurückblicken. Auch jetzt sind wir noch zu jung. Beide Inszenierungen könnte man im Grunde als eine Vorübung für 2046 betrachten. Da haben wir dann in etwa das richtige Alter. Inzwischen sind wir aber doch auch als Schauspieler um einiges reifer geworden, haben beide zwanzig Jahre mehr Erfahrung gesammelt und sind jeweils in zahlreichen Hauptrollen auf der Bühne gestanden. Das wird man merken. Als neuer Pozzo wird Martin Heis in die Fußstapfen von Richard Dolar treten. Auch mit ihm bin ich schon in vielen Stücken auf der Bühne gestanden. Man erinnere sich an „Kosmetik des Bösen“. Besonders freut es mich, dass der ungemein talentierte Elia Ritter die Rolle des Lucky übernehmen wird. Auf das Furioso dessen berühmten Monologs darf man gespannt sein.

Welche Elemente werden eventuell aus der alten Inszenierung übernommen?
Man ist bei „Warten auf Godot“ rein rechtlich als Regisseur nicht ganz so frei wie bei manch anderen Stücken. Beckett hat hier klare Vorgaben hinterlassen, an die es sich zu halten gibt. Alle Rollen müssen männlich besetzt sein. Der Baum als zentrales Bühnenelement kann und darf nicht weggelassen werden. Er muss da sein. Wie man diesen Baum anlegt, etwa ob naturalistisch oder symbolistisch, ist natürlich eine andere Frage. Hier zwingt mich die Nostalgie dann aber doch, den Original Baum von 2006 wieder aus unserem Theater-Lager zu holen. Dass dieser überhaupt so viele Jahre überdauert hat, soll honoriert werden. Wir wollen ihn noch einmal ins Scheinwerferlicht tauchen. Vielleicht ist er 2046 auch noch einmal dabei.
Welche symbolische Bedeutung hat der Baum für dich?
Hierzu ein passendes Zitat aus dem Stück:
Wladimir: Nur der Baum lebt.
Estragon: Was ist das für einer?
Wladimir: Das ist der Baum.
Im Unterschied zu Wladimir und Estragon muss der Baum auf niemanden warten. Er muss auch nicht nach einem Sinn des Lebens suchen. Der Baum ist sich selbst Sinn genug. Er geht vollends in seiner ihm eigenen Essenz auf. Mehr noch: Es geht ihm gut. Während die beiden Landstreicher zunehmend wirrer, irrer und verwahrloster werden, trägt unser Baum im zweiten Akt sogar wieder Blätter. Mit ihm geht es aufwärts. Mit Wladimir und Estragon geht es abwärts – und zwar deshalb, weil sie es in ihrer bloßen Existenz nicht schaffen, ihrem Leben eine Bestimmung zu geben. Denn das Warten auf Godot, dieses Nietzscheanische „Warum zu leben“, das ihnen ihr grässliches „Wie“ so halbwegs erträglich macht, ist letztlich nur ein Scheinsinn, ein Vorwand, der sie davor bewahrt, wahrhaft tätig zu werden und sich einer ernsthafteren Bestimmung zu widmen. Godot ist ein Alibi, um nichts zu müssen. Und daran geht die Welt zu Grunde. Und mit ihr auch Wladimir und Estragon.
Wie wirst du das Bühnenbild weiters anlegen? Was hast du in Sachen Licht vor?
Seit 2006 hat sich vieles verändert. Auch in Sachen Bühnentechnik haben wir ganz neue Möglichkeiten. Damals spielten wir noch im viel zu kleinen Kulturhaus. Jetzt haben wir im Kultur Quartier ein richtiges Theater mit fantastischer Lichttechnik und mehr. Wir werden uns austoben. Neben Baum und Steinhaufen wird wohl auch Beamer-Projektion Teil des Bühnenkonzepts sein. Das Vergehen der Zeit, der Ablauf der Dämmerung, Wind und Witterung werden spürbar sein. Man darf sich überraschen lassen.
Welche stilistischen Mittel nutzt Du, um die Zeitschleife und das Gefühl der Stagnation darzustellen?
Die ewige Wiederkehr des Gleichen, in der Waldimir und Estragon gefangen sind – und die aufgrund merklichen Verfalls weniger als Kreis sonders als abwärtsführende Spirale begreifbar ist – muss man nicht mit zusätzlichen Einfällen unterstreichen. Sie ist im Text enthalten und geht unweigerlich aus dem Spiel selbst hervor. Zumindest, wenn man es richtig macht. Beckett hat hier alles schon angelegt.
Was kann man durch die Beziehung zwischen Pozzo und Lucky über soziale Hierarchien und Machtverhältnisse lernen?
Fast in jedem Programmheft zu „Warten auf Godot“ muss anscheinend erwähnt werden, dass das Verhältnis von Pozzo und Lucky an Hegels Dialekt von Herr und Knecht erinnert. Das mag zweifelsohne so sein, jedoch kann man sich auch nach neuen Interpretationen umsehen. Was wäre, wenn wir Pozzos personal assistent namens Lucky als künstliche Intelligenz imaginieren? Wir lassen sie alle Aufgaben tun, die uns zu anstrengend sind. Wir lassen sie für uns Texte verfassen, für uns Musik aussuchen, für uns Hotels buchen, für uns denken – auch wenn manchmal Nonsens rauskommt. Und wir behandeln sie dabei als etwas nicht Menschliches, den Mensch ist sie ja keiner. Und doch – und hier beginnt der zweite Akt – werden wir irgendwann von ihr abhängig werden. Wir verlernen wertvolle Fähigkeiten, weil wir die KI alles machen lassen. Irgendwann ist sie es, die über unser Leben bestimmt und dabei vielleicht menschlicher wird als ihre Erfinder:innen – und wir sind dann alle so blind, wie Pozzo es gegen Ende des Stückes ist.
Estragon äußert oft den Wunsch, das Warten abzubrechen – wie gestaltest du den Konflikt deiner beiden Hauptfiguren? Wie würdest du die beiden charakterisieren?
Ich denke nicht, dass Estragon ernsthaft vorschlägt, nicht mehr auf Godot zu warten. Vielmehr vergisst er einfach, dass dies der Grund seines Daseins ist. Sobald ihn Wladimir daran erinnert, fügt er sich gleich wieder seinem vermeintlichen Schicksal. Trotzdem scheint er weniger Hoffnung zu haben als Wladimir. Das Versprechen, dass Godot irgendwann einmal doch noch kommen wird, erscheint ihm weniger glaubhaft. Ohne Wladimir hätte er schon aufgegeben. Einen großen Konflikt zwischen den beiden sehe aber nicht. Manch Zwist ist nur Spaß, um sich die Zeit zu vertreiben. Wladimir und Estragon sind letztlich doch gute Freunde, die einander bedingen und einander Stütze sind.
Kannst Du der „Allegorie des Wartens“ bezugnehmend auf die aktuelle Weltlage etwas abgewinnen? Inwiefern wirst du das in deine Inszenierung einfließen lassen?
Wie ich vorhin schon sagte, kann man das Warten auf Godot als Ausrede dafür betrachten, dass man untätig bleibt. Und dies ist fatal. Für die Welt und uns selbst. Manch politische Aussage erinnert heutzutage sehr an Becketts Theaterstück. Wenn man etwa behauptet, es wäre nicht nötig den CO2 Ausstoß zu reduzieren, weil ohne irgendwann eine überlegene Technologie käme, die das Problem des Klimawandels lösen werde, dann ist ebendies ein Warten auf Godot. Doch Godot wird wohl nicht kommen. In diesem Lichte betrachtet sollten wir das Stück „Warten auf Godot“ heutzutage als Aufruf dafür betrachten, eben nicht auf Godot zu warten, sondern stattdessen tätig zu werden und die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Wladimir und Estragon sehen diese Möglichkeit gar nicht. Für sie gibt es nur zwei Optionen: Auf Godot warten oder sich am Baum erhängen. Dabei könnten sie genauso gut ins nächste Dorf gehen und bei der Ernte helfen. Radieschen und gelbe Rüben wachsen dort zur Genüge.
(die Fragen stellte Andrea Maria Hölbl)
