Als der norwegische Schriftsteller Johan Harstad im September 2025 in Kufstein bei den Tiroler Literaturtagen Sprachsalz gastierte, hörte ich schon von verschiedenen Seiten raunen, dass sein Roman „Unter dem Pflaster liegt der Strand“ einfach unfassbar gut sein soll. Gerne kaufte ich mir also das Buch und ließ mir vom Autor noch eine Widmung reinschreiben. Bis Mitte Dezember lag es dann wie ein Pflasterstein in meinem Arbeitszimmer und wartete darauf, gelesen zu werden. Zwei Monate später sind die rund 1150 Seiten bewältigt und ich muss zugeben: All das Lob, das ich im Vorfeld hörte, war mehr als angemessen. Was für ein Lesevergnügen! Was für ein erstaunlich gut konstruierter Roman. Und was man dabei alles lernt! Wer dieses Buch liest, der weiß hernach so einiges über Amateurfunk, die Logistik von Containerschiffen, radioaktive Endlagerstätten, Meteorologie und Geologie, Geheimdienste und vieles mehr. Wenn man nicht eh schon studierter Physiker ist, lernt man auch einiges über Kernfusion und Astrophysik. Und dann ist da natürlich Tristan de Cunha, jene entlegene Atlantikinsel, die auch schon andere Autoren (wie z.B. Raoul Schrott) in ihren Bann zog. Die Schilderung der Reise dorthin und die Wanderungen über den Vulkankegel lassen einen wohl nie mehr los. Die Handlung der Geschichte konzentriert sich vor allem auf einen Vorort des norwegischen Stavanger, wo man eine ganze Jugend miterlebt. Doch sie führt einen auch nach Shanghai, nach Warschau, Berlin, Paris, Trondheim, Toulouse, Sarajevo, irgendwelche Planstädte im Osten Sibiriens und natürlich in die Inselwelt des südlichen Atlantiks. Und genauso wild wie die geographische Verortung der einzelnen Episoden springt deren Zeitlichkeit hin und her – von den Fünfzigern bis in unsere heutige Gegenwart. Die Länge der Kapitel variiert dabei von nur wenigen bis fast einhundert Seiten. Und obwohl die Handlung in verschiedenste Areale ausfächert, kehrt alles doch immer wieder zurück zu jenem rätselhaften Stein, dessen Eigenschaften Erinnerungen an die Star Trek Folge „The inner light“ wecken. Faszinierend ist auch, wie der Autor Phänomene der Pop-Kultur in seine Geschichte einwebt. Wenn etwa zwei Figuren viele Seiten lang den Song „Final Countdown“ oder eher unbekannte Italo-Western oder „Minecraft“ diskutieren, so ist dies nie langweilig sondern einfach nur großartig.
10 von 10 Sterne und glasklare Empfehlung für „Unter dem Pflaster liegt der Strand“. In meinem persönlichen Roman-Ranking liegt das Werk von nun an gleichauf mit Salman Rushdies „Midnight’s Children“.
