Über die Schauspielerin Franziska Kinz

Im Juli 2024 wurde nach der in Kufstein geborenen Schauspielerin Franziska Kinz mit einstimmigen Gemeinderatsbeschluss eine Brücke benannt. Manche Kritiker:innen dieser Maßnahme wiesen in Folge darauf hin, dass Kinz zur Zeit der NS-Diktatur in Propaganda-Filmen mitwirkte. Dies ist zweifelsohne der Fall. Ihre Bühnen- und Filmkarriere reichte von den 1920er bis in die 1960er Jahre und beinhaltet daher auch die Jahre des Nazi-Regimes.
Natürlich wäre es falsch, eine Brücke nach jemandem zu benennen, der eine ideologische Nähe zu einem totalitären Regime aufweist oder von einem solchen gar profitiert hat. Wir haben in der Erstellung der Auswahl jener elf Frauen, nach denen in Kufstein im Juli 2024 Brücken benannt wurden, sehr auf diesen Umstand geachtet. So wurde zum Beispiel keine Brücke nach der in den 1930er und 1940er Jahren weltbekannten Kufsteiner Opernsängerin Helene Hirn benannt, weil in ihrem Fall eine solche ideologische Nähe nicht ausgeschlossenen werden kann. Bei Franziska Kinz ist der Sachverhalt jedoch anders, wie wir im Folgenden darlegen möchten.

Man könnte nun natürlich argumentieren, dass das Schauspiel eben ihr Beruf war, so wie andere Brot buken oder Ziegeln brannten. Sie machte Theater und sie machte Filme – vor, während und nach dem Regime. Auch hat Kinz jene problematischen Filme weder produziert noch deren Drehbücher geschrieben. Es ist gibt, soweit bekannt, keine einzige überlieferte Aussage von Franziska Kinz, in welcher sie sich – abseits ihrer Filmrollen – für die Ideale des NS-Regimes ausgesprochen hätte. Dennoch: dieser Umstand allein würde in unseren Augen noch nicht reichen, um sie hinreichend zu entlasten. Doch es gibt noch weitere Gründe, die vermuten lassen, das Kinz insgeheim keine Freundin des NS-Regmies war. Aussagekräftig ist vor allem ihre Beziehung zu Carlo Mierendorff.

Carlo Mierendorff (1897-1943) war einst einer der führenden sozialdemokratischen Politiker Deutschlands und ein erbitterter Gegner des Nationalsozialismus. Schon früh prangerte er in flammenden Reden den geistlosen Antisemitismus und die ideologische Verbohrtheit der Nazis an. In Dresden verliebte er sich in die damals dort am Theater tätige Franziska Kinz. Eine innige Beziehung nahm ihren Lauf. Wie man aus der Biographie von Richard Albrecht (https://www.amazon.de/militante-Sozialdemokrat-Mierendorff-1897-1943-Biographie/dp/3801211282) lernt, planten die beiden ein gemeinsames Leben. Die Machtergreifung Hitlers verhinderte dies. 1933 schon wurde Carlo Mierendorff von den Nazis verhaftet. Die nächsten fünf Jahre über verbrachte er in mehreren Konzentrationslagern (erst Lichtenburg, dann Buchenwald). Der Kontakt zu Franziska Kinz riss nie ab. Sie durfte ihn mehrmals im KZ besuchen. Sie gab ihm Hoffnung. Er schreib ihr Briefe, widmete ihr sogar ein in Gefangenschaft verfasstes Theaterstück.

Und nun kommen wir zu dem entscheidenden Punkt in dieser spannenden Geschichte: Bis heute ist es rätselhaft, warum Carlo Mierendorff im Jahr 1938 plötzlich freigelassen wurde. Während andere Regimegegner bis Kriegsende im KZ blieben oder dort starben, kam Mierendorff frei. Laut dem Biographen Richard Albrecht gibt es einige Indizien dafür, dass Franziska Kinz nicht unbeteiligt an seiner Freilassung war. Sie könnte ihren Einfluss und ihre Bekanntheit genutzt haben, um den einstigen Geliebten freizupressen. „dank Intervention von Franziska Kinz nunmehr Ehrenhaft und soll bald freikommen“ heißt es in einem Brief vom 17.8.1938 (siehe S. 176 in der Biographie von Richard Albrecht). Jedenfalls kam Mierendorff frei und blieb einige Jahre unter intensiver Beobachtung der Gestapo. Anfang der 1940er Jahre gelang es ihm aber, seinen Widerstand gegen den Nationalsozialismus wieder aufzunehmen und im Untergrund am Fall des Regimes zu arbeiten. Leider starb er bei einem Bombenangriff der Alliierten auf Leipzig im Jahre 1943.

Zusammenfassend ist festzustellen:

  • Es ist nicht bekannt, dass sich Kinz abseits ihrer Filmrollen je wohlwollend gegenüber dem Regime geäußert hätte
  • Sie war mehrere Jahre lang die Geliebte von Carlo Mierendorff, eines erbitterten Gegners des Regimes.
  • Es ist anzunehmen, dass sie an dessen Freilassung nicht unbeteiligt war und somit seinen späteren Widerstand gegen das Regime ermöglichte.
  • Ihr wurde ein im KZ verfasstes Theaterstück gewidmet.

In unseren Augen sind dies ausreichende Gründe, um sie in dieser Hinsicht hinreichend zu entlasten. Auch ihr späteres karitatives Wirken – vor allem im Tierschutz – soll natürlich erwähnt werden. Des Weiteren gilt zu bemerken, dass in der Entscheidung, eine andere Brücke nach Berta Geist zu benennen – der letzten vor dem zweiten Weltkrieg noch in Kufstein lebenden Frau jüdischen Glaubens – ein klares Zeichen gegen Diktatur und Antisemitismus gesetzt wurde.