Von Forschung zu Schule: ein Plädoyer für den Quereinstieg

Beinahe wöchentlich wird inzwischen berichtet, wie der Lehrkräftemangel – vor allem in den MINT-Fächern – Österreichs Schulen vor immer größere Herausforderungen stellt. Vielleicht vermag ja dieser kurze Erfahrungsbericht eines Quereinsteigers, den ein oder anderen in der Wissenschaft tätigen Menschen dazu zu motivieren, es zumindest zeitweise mit dem Schulunterricht zu versuchen. Man erweist damit nicht nur der Gesellschaft einen großen Dienst – sondern auch sich selbst.

Es ist noch nicht lange her, da hatte ich eine gut bezahlte PostDoc Stelle an einer österreichischen Universität. Ich fühlte mich wohl in meinem Forschungsgebiet, in dem ich seit meiner Zeit als Doktorand ein halbes Dutzend Publikationen in renommierten Fachzeitschriften untergebracht hatte. Ich leitete Proseminare und Praktika, hielt Vorlesungen, reiste auf Konferenzen von Kalifornien bis Japan, wühlte in den Daten eines Weltraumteleskops und ließ große Computer-Cluster meine Simulationen durchrechnen. Die Weichen waren gestellt, um mich früher oder später zu habilitieren und mich dauerhaft in der akademischen Welt einzurichten. Doch dann wählte ich einen anderen Weg. Ich begann an einer Schule Physik zu unterrichten, später auch Philosophie und Theater. Schließlich ließ ich mein Forscherdasein vollends ruhen und erkor die Schule zu meinem dominanten Tätigkeitsgebiet. Trotz schlechterer Bezahlung und höherem Arbeitsaufwand. Warum?

Ein Grund unter mehreren mag wohl sein, dass der Lehrkräftemangel damals schon ein Thema war, welches mich zum Nachdenken brachte. Die Wissenschaft ist wichtig. Hier fühlte ich mich wohl. Und doch wollte ich auch darauf vertrauen können, dass an unseren Schulen ausreichend qualifizierte Lehrkräfte vorhanden sind, um in den Herzen der Forscher:innen von morgen die Begeisterung für die Naturwissenschaften zu wecken. Der Gedanke daran, dass z.B. manch junge Curie oder manch junger Bohr vielleicht nie den Weg in die Physik fänden, da unmotivierte oder gar fachfremde Lehrkräfte ihnen diese Disziplin verleideten, betrübte mich. Ein paar Auftritte bei Science Slams und einige populärwissenschaftliche Vorträge hatten mir gezeigt, dass ich nicht untalentiert darin war, komplexe Zusammenhänge anschaulich und mit der nötigen Passion zu erklären. Konnte ich der Wissenschaft in Summe vielleicht mehr dienen, wenn ich – anstatt selber weiter an irgendwelchen Energiespektren von Doppelsternen zu forschen – eine Schar von jungen Menschen dazu motivierte, selbst eine universitäre Laufbahn einzuschlagen? Zumindest versuchen wollte ich es.

Heute kann ich sagen: Ich bin sehr froh darum, diesen Weg gewählt zu haben. Inzwischen habe ich fünf Jahrgänge faszinierender junger Menschen jeweils vier Jahre lang bis zu ihrem Schulabschluss begleitet. Dass mein Unterricht zwar nicht für alle, aber für viele inspirierend und bereichernd war, haben mir zahlreiche Rückmeldungen immer wieder bestätigt. Aber auch ich selbst wurde und werde durch die Arbeit mit diesen jungen Menschen immer wieder inspiriert und bereichert. Ich zeigte ihnen durchs Teleskop den Sternenhimmel, nahm sie mit auf Vorträge von Nobelpreisträgern, organisierte Projektwochen zum Klimawandel, begeisterte sie für Astro- und Teilchenphysik. Ich stand stolz daneben, als sie für ihre von mir betreuten vorwissenschaftlichen Arbeiten Preise abräumten. Mit vielen ehemaligen Schülerinnen und Schülern bin ich noch in Kontakt. Nicht wenige haben den Weg in die Wissenschaft gefunden. Das Lehrerdasein ist nicht immer leicht. Aber es ist schön, erhebend und lebensbereichernd. Die tägliche Konfrontation mit heranwachsenden Geistern hält jung und fordert dazu auf, die Welt aus immer neuen Perspektiven zu betrachten. Ich habe es nie bereut, diesen Weg gewählt zu haben und ich möchte dazu aufrufen, dass auch andere Wissenschaftler:innen einen Schritt in diese Richtung tun.

Denn was wäre denn die Alternative? Wollen wir wirklich in einer Welt leben, in der die Qualität des naturwissenschaftlichen Unterrichts an Schulen aufgrund massiven Mangels engagierter Lehrkräfte weiterhin sinkt? Es wäre dies eine Welt, in der immer weniger Menschen Verständnis für kritisches, wissenschaftliches Denken aufbrächten, da ihnen die dazu nötigen Konzepte nie vermittelt wurden. In so einer Welt würden die Lügenmärchen von Verschwörungstheorien und Esoterik noch viel leichter um sich greifen, da den Menschen die Abwehrmechanismen dafür fehlen. Letztlich würden wohl jene gesellschaftlichen Kräfte obsiegen, die das Vertrauen in Universitäten und wissenschaftliche Institutionen unterminieren und ihnen längerfristig die Freiheit der Forschung unmöglich machen sowie die dazu nötigen Geldmittel verwehren. In anderen Worten: Wenn sich die Wissenschaft nicht stärker darum bemüht, nicht nur Forscher:innen sondern auch Lehrkräfte heranzubilden, so fällt dieses Versäumnis letztlich auf sie selbst zurück.

Die Wissenschaft ist ein Lampe, mit der wir ins Dunkel des noch Unverstandenen hineinleuchten. Das Handhaben dieser Lampe ist eine wichtige Aufgabe. Zu manchen Zeiten aber ist es wichtiger, sich darum zu kümmern, dass die Lampe nicht flackert oder gar erlischt. Dafür sorgt guter naturwissenschaftlicher Unterricht an unseren Schulen.