Erwin Piscator: „Das Politische Theater“

Aus Mangel an Phantasie erleben die meisten Menschen nicht einmal ihr eigenes Leben, geschweige denn ihre Welt. Sonst müsste die Lektüre eines einzigen Zeitungsblattes genügen, um die Menschheit in Aufruhr zu bringen. Es sind also stärkere Mittel nötig. Eins davon ist das Theater.“

Die letzten Wochen über las ich mit wachsender Faszination die englische Übersetzung von Theatermacher Erwin Piscators Werk „Das Politische Theater“, in welchem er von seinem Werdegang, seinen Überzeugungen und seinen Inszenierungen in Königsberg und Berlin in den späten 1920er und frühen 1930er Jahren schreibt. Es ist beeindruckend, welche bahnbrechenden Neuerungen dieser Mann auf die Bühnen der Welt brachte: Projektionen von Bildern und Filmen, Laufbänder in Kombination mit Drehbühnen, mehrstöckige Bühnenbilder und so vieles mehr wurde zum ersten Mal in Piscators Stücken ausprobiert und erforscht. Wie gerne möchte man bei dieser Lektüre durch die Zeit reisen können und dabei sein, wie in der verrauchten Piscator-Bühne am Berliner Nollendorfplatz im Jahre 1928 „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ zum ersten Mal auf einer Bühne gezeigt wurde. Auch das Stück über Rasputin oder das monumentale „Hoppla, wir leben!“ müssen erstaunliche Erlebnisse für das Publikum gewesen. In den überlieferten Zeitungsberichten ist die Begeisterung spürbar – aber auch die Empörung, den Piscators Inszenierung waren zutiefst politisch und ganz klar „gegen rechts“. Wegweisend war auch sein Stück „§218 – Frauen in Not“ mit dem er 1930 auf Tournee in ganz Deutschland ging und für das Recht auf Abtreibung plädierte und ganz nebenbei schon Publikumsbeteiligung und andere Methoden des Forumtheaters vorwegnimmt. Dieses Stück war vor allem den Nationalsozialist:innen ein Dorn im Auge und wurde schon bald an vielen Orten verbieten. Es ist auch heute noch aktuell. Wie auch Brecht, mit dem er immer wieder zusammenarbeitete, musste Piscator 1933 die Flucht ergreifen und konnte erst nach dem Krieg nach Deutschland zurückkehren. Manche Anekdote über die Zusammenarbeit der beiden, etwa die Geschichte über Brechts erstes Autor, an die sich Piscator erinnert, sind herrlich amüsant.

Im amerikanischen Exil betrieb Piscator in New York eine Theaterschule, die unter anderem auch Tony Curtis, Marlon Brando oder Tennessee Williams beeinflusste. Zurück in Deutschland sorgte er 1963 noch einmal für Schlagzeilen, als er Hochhuths Stück „Der Stellvertreter“ uraufführte, in welchem die Rolle des Papstes während des Holocausts kritisch betrachtet wird. Piscator war einer der ersten Künstler, der sich für eine ehrliche Aufarbeitung der Vergangenheit einsetzte.

Jedenfalls tut es gut, die Schriften dieses großen Theatervisionärs zu lesen, seinen Erfolg und sein Scheitern mitzuerleben und sich zu freuen, dass man dieselbe Passion fürs Theater teilt.

„Each play is an experiment intended to show where the beginnings of a new drama are to be found.“

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