Salman Rushdie: Victory City

Gefragt, welcher Ort mich auf meiner viermonatigen Reise durch Indien in den Jahren 2014/15 am meisten beeindruckte, habe ich öfters die Ruinenstadt Hampi im südlichen Bundesstaat von Karnataka genannt. Dort liegen die Ruinen der Hauptstadt des einstigen hinduistischen Großreichs von Vijayanagara, welches von etwa 1343 bis 1565 bestand und schließlich von einer Allianz verfeindeter Sultanate zerschlagen wurde. Man weiß nur sehr wenig über dieses Reich – das meiste von frühen portugiesischen Händlern, die es damals von Goa aus schon besuchten und der übrigen Welt davon Kunde taten. Ich weiß noch gut, wie mich damals vor zehn Jahren bei meiner Recherche die Geschichte von Vijayanagara faszinierte – und wie ich tagelang durch die Ruinen von Hampi am Tungabadhra-Fluss streifte und zutiefst beeindruckt war von dieser Stätte, ihren Ruinen, ihren unerschrockenen Hanuman-Languren und ihrer Geschichtsträchtigkeit.

An den Gesichtern anderer Reisender konnte man ablesen, dass auch sie dieser Ort nicht kalt ließ. Wie schön zu wissen, dass auch Salman Rushdie seit Langem für die Geschichte Vijayanagaras entbrannte. Gerade noch rechtzeitig vor dem beklagenswerten Attentat auf sein Leben stellte er seinen neusten Roman „Victory City“ fertig, welcher im Grunde nichts anderes ist als eine semi-fiktive Chronik jenes Reiches – von seiner Gründung bis zu seiner Vernichtung. All die genannten Könige und politischen Umbrüche sind historisch. Fiktiv ist die Gestalt der Gründungs(halb)göttin Pampa Kampana, die mit Zauberkräften und Langlebigkeit gesegnet die Jahrhunderte überdauert und die Geschichte ihrer Stadt von Anfang bis Ende begleitet. Vor diesem Hintergrund entspannt Rushdie seinen üblichen Themen, die er nicht müde wird wieder und wieder in seinen Werken einzuflechten. Er warnt vor religiöser Intoleranz, beklagt, wie leicht es ist, eine offene Gesellschaft zu zerschlagen. Er fordert die Gleichheit der Geschlechter und zeigt auf, wie sehr strukturelle Ungleichheiten alle Ebenen der Gesellschaft durchziehen. Sein Stil des magischen Realismus entfaltet wieder einmal wunderbare Blüten.  Obwohl „Victory City“ an Umfang und Wortgewalt keinesfalls mit Rushdies Frühwerk (vor allem Midnight’s Children) mithalten kann, so zeigt es doch auf, dass seine Stimme immer noch laut und klar ist – und dass man ihn gerade jetzt wieder lesen und neu entdecken sollte.

Und vielleicht sollte man dann auch nach Karnataka reisen und Hampi besuchen. Nach der Lektüre von „Victory City“ wird es man es wieder neu und ganz anders erleben und im Schatten seiner roten Felsen, die so viel erlebt haben, bestimmt erhebende Momente erleben. Ich jedenfalls will da irgendwann in meinem Leben unbedingt noch einmal hin.

Allgemein